Im Auge 
des Taycans

Back to basics, aber andersherum. Der hoch gespannte Taycan ist jetzt mit reinem Heckantrieb erhältlich. Was sagt uns das? Ein Motor pro Porsche kann auch reichen. Und genau der weckt im Taycan etwas besonders Ursprüngliches.
Text Herbert Völker
Bild Matthias Mederer & Kirill Kirsanov · 
ramp.pictures

Freunde, wahrlich, es reicht. Ein Motor reicht pro Porsche.
Denn gerade im Falle Porsche schwingt immer das gewisse Element des Ursprünglichen mit, wenn verkündet werden kann, dass die Stromrakete Taycan nun als purer Hecktriebler verfügbar ist.

Das bedeutet: ein Motor statt zwei. Demnach geringeres Gewicht und geringere Leistung. Der permanenterregte Synchronmotor sitzt dort, wo das Triebwerk bei Porsche seit jeher seinen angestammten Platz hat, im Heck. Im Sinne von Traditions-Beschwörung soll auch darauf verwiesen werden, dass Ferdinand Porsche ein Elektro-Pionier ersten Ranges war: mittels hochgradig effizienten Radnabenantriebs im Lohner-Porsche von 1900 bis hin zum Elektro-Rennwagen »La toujours Contente« (»Die stets Zufriedene«), dem ersten Allrad-Elektro-Konzept der Welt. Nebenbei entwickelte er zwei Jahre später das welterste Hybridfahrzeug. Sein Name: Mixte.

Zurück zum Heckantrieb: Im Rennsport düpierten kleine Porsches die große Konkurrenz durch ihre kompakten Abmessungen, das reduzierte Gewicht, ihre technisch raffinierte Schlüssigkeit. Luftkühlung ersparte ein ganzes System von Kühlern und Schläuchen. Der flach bauende Boxermotor senkte den Schwerpunkt dramatisch; Trockensumpfschmierung sorgte für permanente Ölversorgung. Heckmotor, Heckantrieb – die belasteten Hinterräder sorgten für ideale Traktion, besonders unter schwierigen Bedingungen. Porsche war immer ein gutes Beispiel dafür, wie Rennsport den zivilen Alltag befruchten konnte: Raffinierte Einfachheit und deren Verbündete, die Robustheit, gewannen die Welt als Philosophie und Geschäftsmodell.

Die Datenfülle

Zwei Batteriestärken werden im neuen Einsteiger-Taycan angeboten, Performance und Performance Plus, wobei man wiederum zwischen Brutto- und Nettoleistung unterscheidet, wie man das von den bestehenden Modellen 4S, Turbo und Turbo S kennt. Für die erzielbaren Reichweiten gibt es verschiedene Angaben je nach Berechnungsmodus, WLTP, EPA und den eigenen Orientierungswert ohne Klimaanlage. Gleichermaßen 5,4 Sekunden von null auf 100 km/h werden aber für beide Stromvarianten unterschiedslos angegeben, wie auch die Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h. Die Gewichtsersparnis gegenüber dem nächstgeordneten Modell 4S beträgt rund hundert Kilogramm dank eingesparter Antriebseinheit vorne. Soweit die Pflicht. Die Kür macht klar: Mehr Porsche muss nicht sein. Porsche pur!

Der höchst referenzielle Trägheitskörper sind wirselber im Auge des Taycans.

Lautloser Schubbetrieb

Die Vehemenz des Antriebs ist ungemildert, dieser unheimlich stille Vollzug, elementar, unvorbereitet, weil vom Stand weg mit allerhöchstem Drehmoment losgelassen. Porsche ist ja Experte für Geschwindigkeitsänderungen jeder Art. Denn der physikalische Begriff der Beschleunigung umfasst auf wunderbare Weise jegliche Geschwindigkeitsänderung (also auch Negativbeschleunigung!), berücksichtigt sogar die Richtungsänderung bei gleichbleibender Geschwindigkeit. In dieser universellen Hinsicht ist das Automobil (das Motorrad) ein Idealfall angewandt physikalischer Verhältnisse. Das Fahrzeug und wir mittendrin sind einer immerwährenden Beschleunigung ausgesetzt, die in jedem Fall eine gerichtete Kraft ist.

Gerichtete Kraft?

Damit können Porsche Fahrer besonders viel anfangen, die sich in einem Selbstbedienungsladen hochwertigster Beschleunigungen befinden, immer bemessen in der appetitlichen Größenordnung »Meter pro Sekundenquadrat«. Wunderbare Welt der positiven Beschleunigung, der Zentripetalbeschleunigung (führt bisweilen zur Zentrifugalbeschleunigung), der Winkelbeschleunigung, der Tangentialbeschleunigung, der QUERBESCHLEUNIGUNG!

Freilich ist bei alledem immer eine gewisse Trägheit im Vektorensystem zu überwinden, und der höchst referenzielle Trägheitskörper sind wir selber im Auge des Taycan. Salopp 
formuliert: Ohne unsere Trägheit wäre der ganze Porsche nichts wert, erst durch unser Beharren durchmisst er Raum, Zeit und Kreisverkehr.

Die Coda Porsche

Zumal unsere grundsätzliche Trägheit, überwunden in Kaskaden menschlichen Strebens, es so erstrebenswert macht, wenigstens ein Mal im Leben einen Porsche zu besitzen, elementar, klassisch modern oder hypermodern – mit allem, was Porsche ausmacht in Anspruch, Design, Qualität und Surfing at the edge of the moment. Denn die Porsche Coda lautet: Wenn du dieses Auto fährst, hast du den Schnittpunkt wesentlicher Koordinaten gefunden; deine Lebensmitte deckt sich mit der Mitte der Weltordnung zu einem Zeitpunkt, der immer gerade ein paar Sekunden vor dir liegt. Denn nur mit diesem kleinen Trick werden wir der Gegenwart gewahr: indem wir ihr und uns einen kleinen Vorsprung einräumen. Und weil wir, nach Humphrey Bogarts berühmtem Postulat, erst frühestens zur Cocktailzeit »der Welt immer um mindestens einen Whisky voraus« sein wollen, tun wir das auf nüchterne Weise am besten in einem elementaren Porsche, diesem Lifestyle-Gradienten der Weltbeschaffenheit.

Distinktionen neuer Einfachheit

Schwarze Bremssättel, Neunzehn-Zoll-Felgen – und am Heck steht bloß »Taycan«. Ganz so einfach ist es aber doch nicht, denn selbstverständlich können alle Optionen der zweimotorigen Allrad-Modelle auch hier an- und untergebracht werden.
Schön finden wir, dass der Innenraum neuerdings mit Recycling-Materialien geordert werden kann. Zum Beispiel werden gebrauchte Fischernetze im Econyl-Garn des Bodenbelags wiederverwendet.

Wenn du dieses Auto fährst, hast du den Schnittpunkt wesentlicher Koordinaten gefunden.

Neben klassischem Sitzleder steht nachhaltig gegerbtes »OLEA«-Clubleder zur Auswahl, für dessen Gerbstoffe Olivenblätter verwendet werden.

Neu im Taycan ist auch eine komplett lederfreie Ausstattung mit modernen Strukturen der Oberflächen. Dabei kommt das Material »Race-Tex« zum Einsatz, ein hochwertiges Mikro­faser-Material, das zum Teil aus recycelten Polyesterfasern besteht. Seine Produktion verursacht laut Hersteller einen um 80 Prozent geringeren CO2-Ausstoß als die Produktion herkömmlicher Materialien.

Frozen Berry, Kinder!

Du hast nur eine Gelegenheit, einen guten ersten Eindruck zu machen. Der Taycan setzt alles daran, diese Gesetzmäßigkeit aufzubrechen, indem er sich mit Verve und Witz als neues Einstiegsmodell anbietet, kaum schwerer als 2.000 Kilogramm und mit der Persönlichkeit eines Entertainers, erfolgreich – und völlig konventionsbefreit. Mut zur Farbe verlangt die Lackierung Frozen Berry Metallic, womit das neue Hecktrieb-Modell bereits den chinesischen Markt in Euphorie versetzte. Unsere weiteren Favoriten unter den sieben neuen Porsche Colours heißen Mahagoni Metallic, Mamba Green Metallic oder Frozen Blue Metallic.


ramp shop


Letzte Beiträge

Goodwood Forever

Bilder vom legendären Goodwood Revival füllen gerade wieder die sozialen Medien. Mit neu entdeckten alten Autos, bekannten Akteuren und ganz viel Style. Und wir? Zeigen die Historie des einzigartigen Treffens in ungesehener Weise - nämlich als Comic.

Goodwood Revival – Der ramp Style Guide

Jedes Jahr im September trifft sich die Elite der Vintage-Car-Fans auf der Spielwiese des Earls of March zum “Goodwood Revival”. Beim Festival an der historischen Rennstrecke gehört es zum guten Ton, dass man sich im zeitgenössisch entsprechenden Stil des mitgebrachten Fahrzeugs kleidet. Unser Style-Guide zum Event am Wochenende.

Tief im Westen

Natürlich hätten wir über diese Geschichte auch »Hömma« schreiben können. Weil sie uns ins Ruhrgebiet führt, eine Region, die sich komplett neu erfand, ohne ihre Historie zu verleugnen. Aber natürlich auch, weil das Motorrad eine Harley-Davidson Sportster S war.

Der Columbo-Effekt

Am Montag erscheint die rampstyle #23 am Kiosk. Der Titel: »Ich. Mal wieder.« Stellt sich dann eigentlich nur noch die Frage, wie man sich diesem »Ich« überhaupt und ideal annähert. Wir empfehlen grundsätzlich eine entspannte Kombination aus zwei Strategien.