Till Brönner: Im freien Raum der Kunst

Ungewöhnlich deutlich formulierte der Jazztrompeter Till Brönner seine Sorge um das Überleben der Kultur. Passenderweise fand das Mode-Shooting mit ihm in einem leeren Renaissance-Theater statt. Gesprochen haben wir mit ihm auch über sein neues Album, gute Musik und seine Arbeit als Fotograf.
Text Michael Köckritz
Bild Alex Waltl 
c/o Kathrin Hohberg

Herr Brönner, Ihr aktuelles Album heißt ausgerechnet »On Vacation« …
Till Brönner: Ja, den Titel haben wir natürlich weit vor Corona gewählt, weil wir der Meinung waren, dass wir damit ein gutes zeitgenössisches Gefühl verbreiten können. Und als die Pandemie kam, wurde natürlich mit der Plattenfirma darüber diskutiert, ob es zynisch klingen könnte. Aber da ich Corona als etwas empfinde, das mit Kunst überhaupt nichts zu tun hat, und noch nie eine so uninspirierte, für die Kunst unergiebige Zeit erlebt habe, bin ich froh, dass wir uns entschlossen, den Titel beizubehalten. Denn es fällt, und das zeigt die Veröffentlichung aktuell, auf genau den fruchtbaren Boden, den man ursprünglich ausgespäht hatte. Die Menschen haben ein bemerkenswertes, vielleicht sogar schon überhöhtes Bedürfnis nach Kunst, Kultur, Entspannung und Emotion.

»Musik ist eine der schönsten Formen der Lebensäußerung und der direkte, absolut unmissverständliche Weg zum Herzen der Menschen.«

Till Brönner

Sie haben schon angesprochen, wie schwer es die Kunst gerade hat und sich auch öffentlich dazu geäußert. Was lernen wir im Augenblick über die Bedeutung von Kultur in unserer Gesellschaft?
Mein Eindruck ist, dass Kultur von Menschen, die beruflich nichts damit zu tun haben oder Kultur nur unregelmäßig genießen, als systemirrelevant eingeordnet wird. Das geschieht meiner Ansicht nach nicht zum ersten Mal, und vermutlich kann man davon ausgehen, dass es auch nicht das letzte Mal war. Die Gefahr einer Wiederholung in zukünftigen Krisensituationen ist daher konkret und regelrecht wahrscheinlich, wenn nicht gehandelt wird. Das ist zwar eine deprimierende Erkenntnis, aber – wie man umgangssprachlich sagt – eben auch ein Learning. Kultur unterscheidet die Menschheit vom Tierreich und zwar gerade in Momenten, in denen wir auf Auto-Pilot schalten und die Instinkte tendenziell übernehmen. Aber diese Rolle muss immer wieder neu erarbeitet werden. Wir müssen das, was uns vom Tier unterscheidet, nämlich die philosophische Lernfähigkeit, festschreiben. Der Satz, dass Kultur für eine Gesellschaft unverzichtbar ist, muss in Stein gemeißelt werden.

Würden Sie sagen, dass die Kultur, die Freude am Genuss, in unserer Gesellschaft nicht so ausgeprägt ist?
Ja, das könnte man so sagen. (lacht)

Gehen wir Kultur zu verkopft an, fehlt die Leidenschaft?
Na ja, es ist natürlich eine steile These zu behaupten, wir wären lustfeindlich. Trotzdem denke ich, dass wir immer wieder mal schauen sollten, wo sich Lust und Kultur in Deutschland wirklich zeigen. Natürlich ist es einfach, die Franzosen und die Deutschen zu vergleichen, dann festzustellen, dass Franzosen bereit sind, vierzig oder sogar fünfzig Prozent ihres Jahreseinkommens für Essen auszugeben und darum Kultur oder Genuss nachweislich den Vorrang geben. Die Deutschen haben eine andere Manifestierung eines Kunst- und Genussverständnisses, aber sie stehen deswegen nicht schlechter da: Am Ende des Tages sind wir ein Land, das auch während einer Pandemie wie kein zweites in Kultur öffentlich investiert.

Wie wichtig wäre es, dass in unserer Gesellschaft mehr künstlerisches Denken stattfindet?
Da bin ich Realist. Wir nehmen hierzulande Kultur im Alltag nicht reflexartig wahr. Aber es ist wichtig, im freien Raum der Kunst ungewöhnliche Denkkonzepte zu entwickeln, die uns wieder der Realität nahebringen.

Das ist auch eine Frage der Bildungspolitik?
Natürlich. Wir brauchen eine fundamentale Neuorientierung für die Zukunft. Wir müssen – und der Ansicht bin ich seit Jahren – die Lehre von Musik und die Kunst in den Schulen wieder so hoffähig machen, dass zukünftige Generationen Kultur für wichtig erachten und in ihrem Alltag als wichtige Ausdrucks- und Konfliktverarbeitungsform wahrnehmen.

Ganz konkret: Wie wichtig ist Musik für die Gesellschaft?
Musik ist vor allen Dingen eines: pure Emotion. In diesen Zeiten stellt sie etwas dar, was wir als vermeintlich verzichtbar empfinden. Die Wahrheit ist jedoch, dass gerade von keiner Institution ein emotionales Auffanglager, was Musik ja ist, zur Verfügung gestellt wird. Es ist bedauerlich, dass die Musik ihre Funktion in einem stärkeren Maße als sonst erfüllt, aber keiner das Bedürfnis hat, ihren Wert oder ihren Schutz zu diskutieren. Musik ist eine der stärksten Lebensäußerungen und der direkte, absolut unmissverständliche Weg zum Herzen der Menschen. Kein Film würde ohne Musik auskommen. Doch die Verfügbarkeit von Musik hat eine Form angenommen, die eine politische Qualität und Dimension hat. Und Musik kommt, genauso wie Wasser, eben nicht einfach aus dem Hahn, weil wir ihn aufdrehen. Insofern sind Künstler in Zukunft stärker gefordert, sich für ihre Belange und das Verwenden geistigen Eigentums einzusetzen. Sonst stirbt dieser Beruf.

Das gesamte Interview mit Till Brönner lesen Sie in der aktuellen rampstyle #21.


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