In großen Zeiten: Ferrari 296 GTB

Kick-Down für den ersten V6-Hybrid-Motor in einem Straßenauto aus Maranello. Und die Erkenntnis: Läuft gut, dieser »kleine V12«. Und der 296 GTB, in dem er drin steckt, ist auch noch verdammt schnell.
Text Jack Weil & Alfred Rzyski
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Die Mobilität-der-Zukunft-Welle, die nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit dem Begriff der Transformation umhergeistert, hat erschreckende Auswirkungen auf die meinungsbildenden Zeitgenossen. Die Leichtfertigkeit, mit der hier sämtliche Mitteilungen für bare Münze genommen werden, verändert auch das Bild des Normal-Autofahrers: die Sorgfalt und die von anständigen Experten stets angestrebte Objektivität ist einer Verblendung gewichen, die sich kaum noch mit dem Begriff der Gegenwartseitelkeit erklären lässt. Am ehesten lässt sich dieser Seelenzustand noch mit dem Bild durchdrehender Pferde vergleichen. Es ist keine Schande, wenn man von diesem Tohuwabohu Kopfschmerzen bekommt.

Aber dann ist da der Ferrari 296 GTB. Zeitenwende? Eher nicht.

Und zwar gerade nicht wegen dem Motor, dem ersten V6 in einem Straßenfahrzeug, das das Emblem mit dem Cavallino Rampante auf der Fronthaube trägt. Musterschüler mögen jetzt den Dino anführen, ja, der ist ein Ferrari – aber das Emblem sagt nun einmal »Dino«. Und nicht »Ferrari«, genauso wenig wie die fehlenden Schriftzüge mit dem Markennamen. Das sehen in diesem Zusammenhang auch die Damen und Herren aus Maranello so. Aber zurück zum Ferrari 296 GTB: Hier wiederum sprechen die Italiener gerne von einem »kleinen V12«. Ein Vau-Zwölflein, wenn man so möchte. An dieser Stelle ein großes ABER: nichts, wirklich gar nichts an diesem 296 GTB taugt auch nur im Ansatz zu einer Verniedlichung. Auch der Sound nicht.

Der Grundton ähnelt dem eines 12-Zylinders, der V6 ist aber ob seiner Natur etwas weniger dreh- & krawallfreudig. Was übrigens nicht bedeutet, dass man die rohe Gewalt, die in dem sonor-kernigen Hybrid-Triebwerk steckt, nicht auch hören kann. Lebt man die 8.500 Umdrehungen voll und ganz aus, ist der V12-Verweis dann auch klarer zu vernehmen. Was der Pilot dabei besonders dem Heißrohrsystem, wie Ferrari es nennt, verdankt. Patentiert und laut Maranello völlig neu konzipiert sorgt es nämlich dafür, dass der Klang des Triebwerks vor der Lärmdämpfung durch Katalysator und Co noch dem wohlgeneigten Zuhörer zugeführt wird. Geht das Pedal Richtung Boden, schiebt sich das Turbo-Angstgespenst der Puristen unaufhaltsam in Richung der 330 Kilometer pro Stunde. Untermalt natürlich von einer Klangkulisse, die sich ähnlich unaufhaltsam, aber auch gleichzeitig stoisch und kraftvoll entwickelt.

Womit man sich begnügen muss, ist natürlich die Reduzierung auf sechs Töpfe. Und das ist gerade bei einer Marke, deren Firmengründer gar so sehr den Motorenbau kultivierte wie Enzo Ferrari, tatsächlich ein Thema. Man muss schon ein wenig suchen, um hier belastbare Merkmale in der Tradition der Firma Ferrari zu finden, und eigentlich ist das ein Job für Erbsenzähler. Ausnahmsweise und weil mir die meiste Recherchearbeit dazu sowieso die Presseabteilung von Ferrari abgenommen hat, kommt hier also ein kleines Schulreferat über die Tradition des Sechszylinders bei Ferrari.

Ausnahmsweise und weil mir die meiste Recherchearbeit dazu sowieso die Presseabteilung von Ferrari abgenommen hat, kommt hier also ein kleines Schulreferat über die Tradition des Sechszylinders bei Ferrari.

Dieser geht nämlich tatsächlich zurück bis in die 1950er Jahre. Ja, damals, im Jahre 1957, um genau zu sein, war es ein gerade mal 1.500 Kubikzentimeter großer V6 mit einer 65-Grad-Architektur, der in einem Dino 156 F2 eingesetzt wurde. Es folgten `58 Versionen mit größerem Hubraum in den Sportprototypen mit Frontmotor, 196 S und 296 S genannt. Und dann wurde Mike Hawthorn im Jahr 1958 mit sechs Zylindern im 246 F1 auch noch Formel-1-Weltmeister.

Später, 1961, kam der 246 SP mit V6-Mittelmotor, der im selben Jahr und im Jahr darauf die Targa Florio gewann. Ebenfalls 1961 sicherte sich Ferrari mit dem 156 F1 seinen ersten Konstrukteurstitel in der Formel 1 mit einem V6 und einer 120-Grad-Architektur, also dem Aufbau, wie er jetzt auch im 296 GTB wirkt. Turbolader kamen dann 1981 im 126 CK und 1982 im 126 C2 zwischen die Zylinderbänke. Naja, und seit 2014 fahren sie in der Formel 1 ja auch mit V6-Turbo-Hybrid-Motoren.

So gesehen sei die Frage gestattet, warum das jetzt gar so lange gedauert hat, bis dieser »Techniktransfer« im Straßenauto angekommen ist?







Ferrari 296 GTB
Motor: V6 Biturbo + E-Antrieb
Hubraum: 2.992 ccm
Systemleistung: 610 kW (830 PS) @8.000 U/min.
Max. Drehmoment: 740 Nm @ 6.250 U/min.
Beschleunigung: 0-100 km/h in 2,9 s
Vmax: 330 km/h


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