»In ihrer Welt gibt es keinen Ruhm«

Ein Gespräch mit der Fotografin Anouk Masson Krantz über die Faszination des Wilden Westens, Pferde – und über die ganz eigene Welt der Cowboys.
Text Wiebke Brauer
Bild Anouk Masson Krantz

Jeder von uns ist mit Cowboys aufgewachsen, hat Bücher und Filme über den Wilden Westen verschlungen. Was ist das Faszinierende daran?
Ja, die Frage ist tatsächlich, warum ein Mann, der Rinder hütet, cool sein sollte. Meiner Ansicht nach ist es ihr starkes Zugehörigkeitsgefühl, ihr Pioniergeist, ihre Stärke, Unabhängigkeit, Authentizität, Integrität und Würde. Das alles ist es, was die Menschen nach wie vor fesselt.

Sie selbst waren als Kind auch von dem Mythos gebannt.
Was man wissen muss: Ich bin in Südfrankreich groß geworden, dort gibt in der Camargue eine kleine Cowboy-Region. Und ich wollte mit eigenen Augen den Wilden Westen sehen, die sanften Hügel und Weiten des Ranchlandes unter diesem gewaltigen Himmel, von denen ich so viel gehört und gelesen hatte.

»Ich wollte mit eigenen Augen den Wilden Westen sehen, die sanften Hügel und Weiten des Ranchlandes unter diesem gewaltigen Himmel, von denen ich so viel gehört und gelesen hatte. «

Sie saßen schon als Kind auf einem Pferd?
Ja, ich fing mit acht Jahren an zu reiten. Meine Familie ist ständig umgezogen – aber als Konstante blieb die Liebe zu Pferden und die Möglichkeit, überall dort zu reiten, wo wir lebten. Frankreich hat eine berühmte Reitkultur und der Sport hat mich vieles gelehrt: Unabhängigkeit, Disziplin, Einfühlungsvermögen, Vertrauen und Mitgefühl. Und all das hilft mir bis heute, mich als Fotografin herauszufordern.

Sie haben bereits einen Bildband über die Wildpferde auf Cumberland Island herausgebracht, »Legacy«. Was ist so faszinierend an diesen Tieren?
Pferde haben die Fähigkeit, eine Verbindung mit einem Menschen herzustellen, haben eine einzigartige Sensibilität und können unsere Emotionen verstehen, sind unglaublich klug und loyal.

Und wie kamen Sie in den wilden Westen?
Ich reiste dorthin, als ich an »Legacy« arbeitete. In einer abgelegenen Gegend von Kansas besuchte ich ein Rodeo. Es war faszinierend. Viehzüchter und Bauern waren von weit hergekommen und nahmen sich die Zeit, ihr Land, ihre Traditionen und Gemeinschaft zu feiern. Nach der Reise wollte ich sofort zurück und mehr über ihre Lebensweise zu erfahren. Ich wusste nicht, dass die Cowboy-Kultur noch so lebendig war.

Wie haben Sie es geschafft, von den Viehzüchtern akzeptiert zu werden, das war ja sicher nicht einfach?
Nein, es hat viel Zeit, Geduld und Entschlossenheit gekostet. Es gab keine Inszenierung und keine Kostüme. Ich bat nur darum, ihrem Alltag folgen zu dürfen, und versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen – soweit das möglich war. Ich wollte einen Ausblick auf ihre bemerkenswerte Kultur bieten, und es musste echt sein. Als die Cowboys verstanden, dass ich da war, um das, was ihnen an ihrer Welt wichtig ist, auf authentische Weise einzufangen, waren wir auf einer Augenhöhe – und man vertraute sich.

Gab es bei Ihrer Arbeit Überraschungen?
Die meisten Menschen kennen den amerikanischen Westen ja durch Filme oder Bücher. Der Westen wurde lange Zeit fälschlicherweise als ein Ort voller Männer identifiziert, die spucken und kämpfen und die immer eine Waffe tragen – Sheriffs, Bankräuber und Saloon-Besitzer. Tatsächlich aber sind die Männer, Frauen und Kinder des Westens ehrliche, aufrichtige, hart arbeitende und großzügige Menschen. In ihrer Welt gibt es keinen Ruhm oder Lob für einzigartige Leistungen; Ehre besteht darin, dass man sein Wort hält, zu der Gemeinschaft beiträgt und bereit ist, Opfer zu bringen. Meine Arbeit feiert diese Werte.

Ehre besteht darin, dass man sein Wort hält, zu der Gemeinschaft beiträgt und bereit ist, Opfer zu bringen. Meine Arbeit feiert diese Werte.

Warum nur Schwarz-Weiß-Bilder?
Ich habe einen minimalistischen Ansatz, so dass die Schlüsselkomponenten des Fotos ohne jegliche Ablenkung durch den Hintergrund hervorstechen. Ich liebe das zeitlose Gefühl von Schwarz-Weiß, es fängt am besten die Menschlichkeit und die Wahrheiten ein, die Bestand haben.

Fällt Ihnen ein Buch – außer Ihrem – oder ein Film ein, den jeder lesen/ansehen sollte, um etwas über den amerikanischen Westen zu erfahren?
Da ich das Cowboy-Leben mit eigenen Augen gesehen habe, fand ich es schwierig, etwas zu finden, das eine »nicht Hollywood-konforme« oder romantische Geschichte über den amerikanischen Cowboy im Jahr 2020 erzählt. Mir gefiel der Film »The Rider« sehr gut. Er zeigt, wie leidenschaftlich die Rodeo-Cowboys bei dem sind, was sie tun. Nichts hält sie davon ab.


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