Joachim Schoss: Eine Frage der Haltung

Joachim Schoss war in den Neunzigern ein sehr erfolgreicher Unternehmer, dann verlor er 2002 in Folge eines schweren Motorradunfalls einen Arm und ein Bein. Wir sprachen mit ihm über das Prinzip Hoffnung und die Stiftung MyHandicap, die er ins Leben rief und die seit ihrer Internationalisierung unter dem Namen EnableMe firmiert.
Text Michael Köckritz
Bild Michael Hauri

• Joachim Schoss' Vision: Eine inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung selbstverständlich sichtbar, eigenständig aktiv und vollständig repräsentiert sind.

• Seine Stiftung EnableMe Deutschland verbindet unternehmerisches, öffentliches und privates Engagement, um einen Beitrag für Inklusion und Teilhabe zu leisten. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht EnableMe Ihre Unterstützung.

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Herr Schoss, dürfen wir mit einer sehr persönlichen Frage beginnen? Wie stehen Sie heute zu Ihrem Körper?
Joachim Schoss: Zwiespältig, einerseits fehlt mir ja leider der rechte Arm einschließlich der Schulter, also ab dem Rippenbogen. Und vom rechten Bein sind auch nur noch zwölf Zentimeter übrig. An den Anblick vor dem Spiegel habe ich mich inzwischen gewöhnt. Aber wenn ich mich auf Fotos aus anderen Perspektiven sehe, treibt mir das manchmal immer noch Tränen in die Augen. Andererseits bin ich für meine 58 Jahre relativ fit und ganz gut in Schuss. Die Behinderung ist natürlich unerfreulich, aber ansonsten bin ich ganz zufrieden, wie ich mich gehalten habe.

Wie haben Sie Ihren Unfall erlebt?
Den Unfall kenne ich nur aus Erzählungen von meinem Freund, mit dem ich damals auf der Motorradtour war und der mir das Leben rettete. Und von einem Polizisten, der mir im Krankenhaus davon berichtete. Bei mir setzt die Erinnerung erst 48 Stunden später ein. Ich weiß zum Beispiel noch, dass ich unglaubliche Schmerzen im rechten Bein hatte. Mir war das Konzept von Phantomschmerzen nicht bewusst. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an diese neue Situation gewöhnt hatte. Hinzu kam eine Verschlechterung meines Zustands über zwei, drei Wochen. Totale Niereninsuffizienz, Pneumothorax, viele Organprobleme kamen zusammen. Ich bin zwölf Mal unter Vollnarkose operiert worden.

»Andererseits bin ich für meine 58 Jahre relativ fit und ganz gut in Schuss. Die Behinderung ist natürlich unerfreulich, aber ansonsten bin ich ganz zufrieden, wie ich mich gehalten habe.«

Joachim Schoss



Was hat Ihnen Halt gegeben, als Sie sich darüber klar wurden, was mit Ihnen geschehen ist?
Vor allem zwei Dinge: Unternehmer sind dann besonders erfolgreich, wenn sie daran glauben, dass sie die Herren ihres eigenen Schicksals sind und selbstgesteckte Ziele erreichen können. Interessanterweise sind diese Eigenschaften auch sehr hilfreich, wenn man mit einem solchen Schicksalsschlag klarkommen will. Eben nicht zu hadern mit Fragen wie »Warum ich?« oder »Warum hat der Autofahrer mich nicht gesehen?«. Diese selbstzerstörerischen, rückwärtsgewandten Fragen bringen nichts. Es geht im Leben doch darum, Herausforderungen zu meistern. Die Fähigkeit, dies so zu sehen, ist mir zum Glück geschenkt worden. An Herausforderungen bin ich immer eher gewachsen als dass sie mich kaputt gemacht haben.

Sie sprachen von zwei großen Erkenntnissen.
Genau, nun die zweite: Glücklicherweise glaube ich schon lange an Reinkarnation. Mir war klar, dass meine Seele mit diesem schrecklichen Unfall einen Entwicklungsschub machen wird. Wir wissen ja, dass wir uns in Krisen am schnellsten entwickeln. Der Preis dafür ist in meinem Fall, ein halbes Leben lang mit einem halben Körper herumlaufen zu müssen. Wenn man an Reinkarnation glaubt, ist vielleicht der Zugewinn an seelischer Entwicklung oder die Reifung der Persönlichkeit mehr wert als fünfzig Jahre auf einen Arm und ein Bein zu verzichten.

»'Warum ich?' oder 'Warum hat der Autofahrer mich nicht gesehen?'. Diese selbstzerstörerischen, rückwärtsgewandten Fragen bringen nichts. Es geht im Leben doch darum, Herausforderungen zu meistern.« - Joachim Schoss

Ist Hoffnung eine Haltung?
Ich würde es so sagen, eine positive Lebenseinstellung ist eine Haltung. Davon bin ich absolut überzeugt. Das Gehirn lässt sich wie ein Muskel trainieren. Wenn ich immer das Schlechteste erwarte, bin ich auch darauf geeicht, Dinge negativ zu sehen. Wenn ich optimistisch bin, habe ich eine größere Chance, das Positive an den Dingen zu sehen. Nach meinem Unfall hatten mich die Ärzte aufgegeben. Später erklärten sie mich zum Pflegefall. Glücklicherweise ist weder das eine noch das andere so gekommen. Ich glaube tatsächlich, dass es sehr viel mit der Lebenseinstellung zu tun hat, wie man aus einer solchen Situation herauskommt.

Hat sich Ihre Vorstellung, wie Sie Ihr Leben leben wollen, durch den Unfall wesentlich geändert oder ist es im Kern gleichgeblieben?
Ich habe mich fürchterlich geärgert, als ich merkte, wie schlecht es um mich stand. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, nicht zu überleben. Dabei hatte ich 25 Jahre davor sehr hart gearbeitet. Nun habe ich zu mir gesagt: »Hey, alleine deswegen darfst Du jetzt hier nicht sterben. Dein Lebensplan war nicht, bis 39 wie ein Verrückter zu arbeiten und dann tot vom Motorrad zu fallen.« Ich wollte noch in die Phase des Erntens kommen. Genau das ist mir wunderbar gelungen.

»Ich glaube tatsächlich, dass es sehr viel mit der Lebenseinstellung zu tun hat, wie man aus einer solchen Situation herauskommt.«

Joachim Schoss

Nach was streben Sie heute im Leben?
Ich bin ein deutlich Familien-orientierterer Mensch geworden. In gewisser Weise verdanke ich mein Überleben meinen Kindern, die mir sehr viel Kraft gaben. Ich sehe das so: Wie beim Fußball in den Minuten nach der neunzigsten Minute ist mir noch Extrazeit geschenkt worden. Diese Zeit gehört meiner Familie. In dem Moment, in dem ich fast gestorben wäre, wurde mir klar, dass all das, worüber ich mich vorher definierte – Unternehmenswert, Anzahl der Mitarbeiter, was weiß ich – am Ende vielleicht nicht das ist, was wirklich zählt. Es geht vielleicht doch mehr um die Frage, was für ein Chef man war, als dass man es war. Oder was für ein Ehemann, Vater oder Bruder.

Sie haben 2004 die Internet-Plattform MyHandicap gegründet. Wie kam es dazu?
Bis zu dem Unfall stand ich auf der Sonnenseite des Lebens und hatte wenig mit Tod, Behinderung oder schwerer Krankheit zu tun. Plötzlich lag ich sechs Monate lang in drei verschiedenen Krankenhäusern und habe um mich herum gesehen, wie Leute sterben. Andere wurden medizinisch gerettet, verloren aber ihren Lebensmut. Die Schicksalsschläge zogen oft nicht endende Probleme nach sich. Trennung, Jobverlust, Auszug von zu Hause. Ich erkannte, dass viele Menschen hilfsbedürftig waren, doch eine angemessene Unterstützung fehlte. Das damals noch junge Internet ist ein fantastisches Medium zur Kommunikation für Menschen, die ans Haus gebunden sind.

»Ich sehe das so: Wie beim Fußball in den Minuten nach der neunzigsten Minute ist mir noch Extrazeit geschenkt worden. Diese Zeit gehört meiner Familie.«

Joachim Schoss

Geholfen wurde den Menschen doch auch früher.
Aber wie? In dem Krankenhaus, in dem ich die meiste Zeit verbrachte und wieder aufs Leben vorbereitet wurde, gab es einen Raum voller Leitz-Ordner. Da stand drin, was ich als Mensch mit Behinderung brauche. Umbau des Autos? Spezialisten, die wie in meinem Fall in einem Fahrzeug das Gaspedal nach links versetzen, fanden sich in – sagen wir mal – Ordner 17C. Treppenlift zu Hause? Im Ordner 36F. Um fündig zu werden, musste man abertausende Blätter Papier durchsuchen. Updates mussten von Hand gemacht werden, in jedem Ordner in jeder Klinik. Auch im Jahr 2003 war das schon völlig anachronistisch.

Sie haben die Informationen im Netz gebündelt?
Nicht nur das. Hinzu kam Peer-to-Peer-Counseling. Dieser Kontakt zu Menschen, die ein ähnliches Ereignis bereits verarbeitet haben, half sehr. Diese Menschen zeigen, wie man mit der Situation eben auch umgehen kann. Nach dem Motto: ja, leider dumm gelaufen. Aber du kannst immer noch leben, lieben, lachen, auch mit einem Bein und einem Arm. Heute gehöre ich auch zur Gruppe dieser Botschafter. Im deutschsprachigen Raum sind wir Informations-Marktführer mit über zehn Millionen Besuchen pro Jahr.

Und EnableMe ist die Fortsetzung von MyHandicap …
Genau. Die kam durch die Internationalisierung zustande. Schon vor einiger Zeit übersetzten wir unsere Site ins Englische, die Response blieb überschaubar. Mithilfe einer Spende konnten wir später eine französische Version entwickeln. Sobald wir live gingen, kamen Aufrufe aus Frankreich, Kanada oder französischsprachigen afrikanischen Ländern. Mein Schluss daraus: Wagen wir die Internationalisierung! Und zwar mit dem Ziel, dass zum Ende dieses Jahrzehnts jeder Mensch mit Behinderung – das sind immerhin eine Milliarde Menschen auf dem Planeten – von den Informationen und den Communitys auf EnableMe profitieren kann. Umbenannt haben wir die Plattform, weil der Begriff Handicap im englischen Sprachraum nicht korrekt ist.

Joachim Schoss' Vision: Eine inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung selbstverständlich sichtbar, eigenständig aktiv und vollständig repräsentiert sind. Werden Sie Teil dieser großartigen Vision und leisten Sie mit einer Spende Ihren Beitrag für eine inklusive Gesellschaft:

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