Juliane Marie Schreiber: die Haltung des Nein

Das Buch »Ich möchte lieber nicht« von Juliane Marie Schreiber beschäftigt sich zwar mit dem Terror des Positiven, das heißt aber nicht, dass man nicht glücklich sein darf. Im Gespräch erklärte uns die Politologin und freie Journalistin, warum der heute ständig eingeforderte Optimismus seine Schattenseiten hat und wieso es auch völlig okay ist, mies drauf zu sein. Was wir wiederum super finden.
Text Michael Köckritz
Bild Juliane Marie Schreiber

Frau Schreiber, wir sollen alle immer gut drauf sein, alles positiv sehen: Das Motto gilt in Sozialen Netzwerken wie auch im Job und im Freundes- und Bekanntenkreis, die Zielvorstellung gute Laune und positives Denken ist allgegenwärtig. Warum verdrängen wir das Negative so vehement aus unserem Leben?
Meiner Ansicht nach hat das mehrere Gründe. Natürlich wollen wir immer zufrieden sein und streben nach einem guten Leben. Das ist eine Grunddisposition des Menschen, dagegen ist auch erst mal nichts einzuwenden. Allerdings glaube ich, dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen, denen es an sich gut geht, immer eingeredet wird, es müsste ihnen noch besser gehen, sie müssten noch mehr aus sich herausholen, noch attraktiver, noch gebildeter sein. Dieser Druck wird von verschiedenen Seiten erzeugt, unter anderem von der Konsumindustrie. Das haben wir inzwischen stark verinnerlicht.

Geht von diesem positiven Denken eine Gefahr aus? Es wirkt wie eine Ideologie.
Genau, diese Gefahr habe ich in meinem Buch aufgeschlüsselt. Überraschenderweise hat das Positive negative Effekte. So zeigen zum Beispiel verschiedene Untersuchungen, dass Menschen, die sehr optimistisch sind, sich und die Welt unrealistischer sehen. Das heißt, sie überschätzen sich stark. Man könnte auch von einer Optimismus-Verzerrung sprechen. Menschen hingegen, die eher mürrisch und melancholisch sind, sehen die Welt viel realistischer.

Aber kann eine Selbstüberschätzung nicht auch ein Kraftquell sein?
Ja, es kommt natürlich auf die Situation an. Sicherlich ist es gut, daraus eine Motivation zu ziehen. Aber die Grenze ist schnell erreicht: Hält sich jemand für einen überdurchschnittlich guten Autofahrer und muss bei Nebel durch enge Serpentinen kurven, wird diese Selbstüberschätzung gefährlich.

»Menschen hingegen, die eher mürrisch und melancholisch sind, sehen die Welt viel realistischer.«

Juliane Marie Schreiber

Sie plädieren mit Ihrem Buch für eine Rebellion gegen diese pathologische Glückssuche. Warum brauchen wir negative Gefühle?
Bei negativen Gefühlen ist es so, dass sie eine Funktion haben, sonst wären sie evolutionär nicht weitervererbt worden. Zum Beispiel ist Schmerz ein wichtiger Schutzmechanismus unseres Körpers, der uns anzeigt, dass etwas nicht in Ordnung und Hilfe vonnöten ist.

Oder Schimpfen. Das hat auch eine negative Konnotation, ist aber sehr befreiend und tatsächlich ein natürliches Schmerzmittel des Körpers. Interessant ist, dass Schimpfen heutzutage in unserer Gesellschaft verpönt ist, weil angenommen wird, dass derjenige, der meckert, im Leben nicht vorankommt. Das mag sicherlich manchmal zutreffen, aber an sich ist Fluchen heilsam. So zeigen Studien, dass Menschen körperliche Schmerzen länger ertragen, wenn sie dabei fluchen. Das ist übrigens auch der Grund, warum Frauen im Kreißsaal wüste Schimpfworte ausstoßen.

Juliane Marie Schreiber:
Ich möchte lieber nicht – eine Rebellion gegen den Terror des Positiven,
Piper, 208 Seiten,
Klappenbroschur, 16 €.

Sie schreiben auch über den Ärger. Warum sollten wir den zulassen?
Ärger und Zorn sind wichtige Emotionen, wobei man zwischen berechtigtem und unberechtigtem Ärger differenzieren muss – darüber werden ethische Debatten geführt. Gehen wir nun davon aus, dass es sich um einen berechtigten Ärger handelt, ist Wut ein wichtiger Motor für gesellschaftlichen Fortschritt, weil Menschen sich erst einmal ärgern müssen, um anderen anzuzeigen, dass es ein Problem gibt. Es handelt sich also um eine wichtige Form vorpolitischer Artikulation, die dazu führt, dass man sich zusammentut und etwas unternimmt. Ohne Wut hätte es nie eine Revolution gegeben. Und heute leben wir in einer Zeit, in der Zorn unterdrückt wird, weil Menschen denken, sie hätten ihre Emotionen nicht im Griff.

»Oder Schimpfen. Das hat auch eine negative Konnotation, ist aber sehr befreiend und tatsächlich ein natürliches Schmerzmittel des Körpers. Interessant ist, dass Schimpfen heutzutage in unserer Gesellschaft verpönt ist, weil angenommen wird, dass derjenige, der meckert, im Leben nicht vorankommt.«

Juliane Marie Schreiber

Das heißt, man sollte es mit Ihrem Buchtitel halten und öfter »Ich möchte lieber nicht« sagen.
Genau, weil dieses Neinsagen uns Autonomie verschafft. Es ist auch wichtig, um mit sich und mit seinen eigenen Überzeugungen im Einklang zu leben. Das muss man manchmal vielleicht trainieren, kann es aber im Kleinen wie im Großen anwenden, im Alltag genauso wie bei gesellschaftlichen oder politischen Entscheidungen.

Mit dem Blick auf die Welt und unsere Gesellschaft: Wird alles gut? Und sind Sie Optimistin oder eher Pessimistin?
Ich würde mich der Gruppe der der depressiven Realisten zuordnen. Die Frage, ob gesellschaftlich alles gut wird, lässt sich kaum beantworten. Es gibt ja diesen Spruch »Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende«. Das ist meiner Ansicht nach Unsinn. Ein schlechtes Ende (…)

→ Was ein »depressiver Realist« ist und welche Rolle Humor im Leben spielt lesen Sie in Michael Köckritz' Exklusiv-Interview mit Juliane Marie Schreiber in der rampstyle #26.

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