Kai Lenny: Die Sehnsucht nach mehr

Der Hawaiianer Kai Lenny ist das Wunderkind des Wassersports. Egal ob Big-Wave-, Wind-, Kitesurfen oder Stand-up-Paddling: Er zählt in jeder dieser Disziplinen zu den Besten der Welt. Aber: Auch der Wellen-Allrounder musste sich 2020 neu erfinden.
Text Christine Yu
Bild Fred Pompermayer

Kai Lenny ist einer der besten Wassersportler der Welt. Aber auch einer der schlechtesten Sofasurfer weltweit. Wenn der 28-jährige Hawaiianer sich nicht draußen in der Natur auspowern kann, wird er innerlich unruhig. Man spürt das bereits, wenn man ihn am Telefon hat.

»Meine Eltern haben mich immer am Strand toben lassen, um mich müde zu machen, damit ich wenigstens nachts Ruhe gab«, erzählt er. Und denkt dabei vermutlich daran, dass er auch in diesem Moment lieber am Strand wäre, als ein Interview zu geben.

Wobei »am Strand« hier eine eher behutsame Umschreibung für Lennys be- vorzugten Aufenthaltsraum ist. Denn der Hawaiianer gilt als begabtester Allround-Wassersportler der Gegenwart. Die Wellen des unter Profis hoch geschätzten Surfspots »Jaws« auf Hawaii meisterte er mit sechzehn. Seinen ersten WM-Titel im Stand-up-Paddling gewann er zwei Jahre später. Lenny beherrscht Kite-, Wind- und Foiling-Surfen auf Profi-Niveau. Und zählt zu jener niedrigen, zweistelligen Zahl an Menschen, die vor Nazaré, Portugal, in den größten surfbaren Big Waves der Welt bestehen. Aber: Selbst ein Ausnahmesportler wie Lenny wurde 2020 vor neue Herausforderungen gestellt.

Bis vor ein paar Monaten saß Kai Lenny jede Woche im Flugzeug, unterwegs zu einem Surfspot irgendwo auf der Welt. Aber dann kam der Lockdown. Und Kai saß auf seiner Heimatinsel Maui fest. »So lange war ich nicht mehr zu Hause, seit ich zwölf war«, sagt er.

But it was more than just the challenge of crossing the channel that excited Lenny. It was the spontaneity of it all. Normally it would take a year or more to pull off something like this.

Keine Events. Keine Termine. Keine Wettkämpfe. Anfangs fiel Lenny die Decke auf den Kopf. Dann erkannte er: Der Wegfall aller Zwänge eines Profisportlers bedeutete, dass er jetzt tun konnte, was ihm Spaß macht. »Ich hatte gedacht, dass ich das ohnehin tue. Und dabei ganz übersehen, dass mein Leben trotz allem aus einer Menge Zwängen besteht.«

Also ging er im Juli mit John John Florence, dem zweifachen Champion der World Surf League, auf einen spontanen Foiling-Katamaran-Trip. »Ich sagte zu John am Telefon: ›Ich habe eine coole Idee. Wie wär’s, wenn wir mit Deinem Boot von Oahu nach Kauai cruisen?‹« Für Nicht-Hawaiianer: Von der Hauptinsel Oahu zur nordwestlich gelegenen Nachbarinsel Kauai sind es 174 Kilometer.

»Ich sagte zu John am Telefon: ›Ich habe eine coole Idee. Wie wär’s, wenn wir mit Deinem Boot von Oahu nach Kauai cruisen?‹«

Kai Lenny

Eine Woche später waren sie an Bord von Florence’ »Flying Phantom«. Der Katamaran hat gewölbte Tragflächen (sogenannte Foils; Anm.) unter den Rümpfen, die das Boot ab einer Geschwindigkeit von etwa acht Knoten (knapp 15 km/h) aus dem Wasser heben und »fliegen« lassen. Die Folge: Lenny und Florence waren in neun Stunden in Kauai. Und von ihrem Trip komplett begeistert.

Was sie so begeisterte, war gar nicht die Fahrt an sich. Es war die Spontaneität, mit der sie zustande gekommen war. Normalerweise hätte die Planung für so was ein Jahr oder länger gedauert. Lenny, Florence und ihre Crews hätten ihre Kalender abstimmen und Lücken zwischen Wettbewerben, Sponsorenterminen und anderen Projekten finden müssen. Die Chance auf ein, zwei freie Tage, an denen beide gleichzeitig auf Hawaii gewesen wären, ging ohnehin gegen null. Aber das Leben hatte die Pausetaste gedrückt, also konnten Lenny und Florence tun, worauf sie Lust hatten – ohne Wenn und Aber.

Credit: Brian Bielmann

»Ich war bereit für mein bisher größtes Jahr überhaupt – und plötzlich stand die Welt still.«

Kai Lenny

Nicht, dass sich Kai Lenny allzu viel aus vorgegebenen Grenzen machen würde. »Er hat diese unfassbare Macher-Mentalität – ›Ich kann das, ich werde das machen‹ – gerade dann, wenn alle anderen sagen: ›Junge, Du spinnst, das ist unmöglich‹«, sagt Johnny DeCesare, Gründer von Poor Boyz Productions, der das Wassersport-Wunderkind bereits im zarten Alter von elf Jahren mit der Kamera begleitete. »Er sieht Dinge anders. Er sieht immer die Möglichkeiten und die Chancen.«

Lenny hatte für 2020 jede Menge vor: mit Freunden auf der ganzen Welt riesige Wellen jagen und zugleich bei Wettbewerben alles geben. »Ich war bereit für mein bisher größtes Jahr überhaupt – und plötzlich stand die Welt still«, sagt er.

Wir können uns mittlerweile mit Lennys jüngstem Projekt »Life of Kai« darüber hinwegtrösten, dass man ihn bei Wettkämpfen so bald nicht sehen wird. Während Lennys andere Webserien – »Positively Kai« und »20@20«, die seit Sommer online sind – seine die Grenzen der Physik sprengenden Abenteuer zeigen, gewährt »Life of Kai« tiefe Einblicke in das Leben des Athleten.

Credit: Fred Pompermayer

»Ich hoffe, dass ich damit Kids inspiriere, ihre Träume konsequent zu verfolgen.«

Kai Lenny

»Die Leute glauben, Profisportler gehen einfach raus und machen ihr Ding«, sagt Lenny. »Aber es ist mehr als das. Ich wollte den ganzen Weg zeigen, der mich auf ein Podium führt oder auf eine der größten Wellen meines Lebens – die guten, die schlechten und die harten Momente.« Lenny möchte aber auch andere inspirieren. »Wie viel Einsatz bist du bereit zu geben, wie viel Leidenschaft schürt dieses Feuer? Ich hoffe, dass ich damit Kids inspiriere, ihre Träume konsequent zu verfolgen.«

»Life of Kai« wurde letzten Herbst und Winter gefilmt und folgt Lenny durch eine verkürzte Big-Wave-Saison. Die Serie zeigt, wie Lenny Körper und Geist auf extreme Surfbedingungen vorbereitet, wie er bei Survival-Trainingscamps lernt, mit schweren Stürzen umzugehen, und wie er sich dieses Wissen bei der Jaws Big Wave Championship im Dezember in Hawaii und in der Nazaré Tow Surfing Challenge im Februar in Portugal zunutze macht. »Life of Kai« geht aber noch tiefer. Die Serie gibt dem Publikum ein Gefühl dafür, wer Lenny wirklich ist, wie er Dinge angeht, dabei ständig lernt und sich neu erfindet und somit der Konkurrenz immer einen Schritt voraus ist. Wie er sich an Bedingungen anpasst, wie er Equipment-Fehler ausgleicht und mit unberechenbarem Wetter umgeht, wie er aus Surfboards und Hydrofoils immer noch mehr herausholt.

Das gesamte Porträt über Kai Lenny lesen Sie in der aktuellen rampstyle #21.


Letzte Beiträge

Leo Plank: Eine Welt größer als zu Hause

Okay, wir kennen Leo Plank als Stuntman und als einen der besten Russian Arm Driver der Welt, was aber nur als markante Spitze eines Eisbergs, prall gefüllt mit Fähigkeiten, Stories und Erfahrungen, verstanden werden darf. Wer sich dann nämlich eingehender mit ihm unterhält, erfährt nicht nur, dass er an »Resident Evil«, »Die Tribute von Panem« oder dem neuen »Matrix«-Film mitgearbeitet hat, sondern auch ganz nebenbei, dass er das Snowboard miterfunden hat. Passiert einem ja auch nicht so oft.

Cool down: die ramp Ice Experience Party am Bilster Berg

Schnee, Schnee und noch mehr Schnee. Dazu Eiseskälte. Und diesen Bilderbuchwinterwettersonnenschein. Perfekte Bedingungen also für eine spontane Runde Skijöring am Bilster Berg. Mit von der (Rutsch-) Partie: Skisportler Christoph Friedel, Hyundai Motorsport Customer Racing Driver Luca Engstler sowie der neue Hyundai Tucson und das i20 Coupé WRC.

LeRoy Grannis: Surfin' USA

Der perfekte Tag? Sah dann so aus: Du hast dir das Surfboard geschnappt, das Auto gestartet und bist von Strand zu Strand gefahren. Immer dem Ruf von Sommer, Sonne, Wind und Wellen hinterher. Immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Eine Hommage an Surf-Fotograf LeRoy Grannis.

Gelebte Geschichte: Gordon Murray T.50s

Niki Lauda kann man einfach nicht vergessen. Der Konstrukteur Gordon Murray geht trotzdem auf Nummer sicher und erinnert mit dem neuen »T.50s Niki Lauda« an seinen langjährigen Freund. Für ein unvergessliches Fahrerlebnis nutzt der Sportwagen dabei einen hochdrehenden V12-Motor, ausgefeilte Aerodynamik und einige historische Anleihen.