Ducati DesertX: Staub. Aufgewirbelt.

Sicherlich kann man auf Sardinien ganz prima mit einem Glas Myrtenlikör in der Hand auf die Costa Smeralda blicken. Man kann sich aber auch auf die Ducati DesertX setzen und durch den Sand jagen.
Text Jochen Vorfelder
Bild Peter Schreiber

An der Küste der im Nordosten gelegenen Hafenstadt Olbia ist Sardinien unerträglich mondän und weich gespült, in den nahen Badeorten ist der Jetset zu Hause. Was man darüber nicht vergessen darf: Es lässt sich auf Sardinien gepflegt Motorrad fahren. Kurvenreiche Nebenstraßen mäandern entlang atemberaubender Buchten, die Strecke, die sich von oben von Porto Cervo bis hinunter nach Cagliari zieht, ist legendär.

Weit abseits der Strände geht es auf den dünn besiedelten Hochebenen der Gallura rustikaler zu. In den Dörfern sitzen vor den Cafés alte Männer mit selbstgeschnitzten Gehstöcken. Genauso knorrig und unverwüstlich sind die Korkeichen, die den löchrigen Asphalt, die Schotterstraßen und die staubigen Knüppelpfade säumen und nur schmale Schatten spenden. Außer einigen Bauern und Hirten ist in den Sugherete, den Korkeichenwäldern, niemand unterwegs. Von dem Fahrer der Ducati DesertX einmal abgesehen.

Die DesertX auf Sardinien zu fahren ist mehr als passend, weil beide Facetten der Insel, das Mondäne wie auch das Rustikale, perfekt zum Wesen des Offroaders passen: Mit der DesertX hat Ducati ein edles Werkzeug für knallhartes Gelände aufgelegt. Dabei waren die Vorgaben an Projektleiter Filippo Marri extrem hoch: Ducati Performance und brillante Fahreigenschaften auf der Straße sollten es werden, aber auch überragende Leistungen in schwerem Gelände. Der damals erst 28-jährige Marri war gerade mal in seinem zweiten Jahr bei Ducati und sollte mit seinem Team mitten in der Pandemie per Zoom, mithilfe von CAD-Design und nur begrenzten Testmöglichkeiten den Grundstein für ein komplett neues Segment im Ducati Portfolio legen. Und zwar pronto.

Marri hat geliefert. Schon die Optik stimmt. Es gibt die DesertX nur in Star White Silk, was eine kluge Entscheidung war. Das Weiß betont die zwei zentralen Designelemente, den tief nach unten gezogenen 21-Liter-Tank und den LED-Doppelscheinwerfer. Beides nimmt optische Anleihen bei den Dakar-Enduros der 1990er, bei den ikonischen Cagiva Elefanten mit ihrem Ducati Motor. Die Balance ist gelungen, die Maschine hat die richtige Prise Retroschmalz und wirkt gleichzeitig modern.

Ducati DesertX // Motor: Zweizylinder-Motor / Hubraum: 937 ccm / Leistung: 110 PS (81 kW) bei 9.250 U/min / Drehmoment: 92 Nm bei 6.500 U/min / Vmax: 240 km/h

Die DesertX rollt auf Speichen und Reifen in den Größen 21 Zoll vorne und 18 hinten. Wir sind also mit der ersten Ducati unterwegs, die sich in das 21-Zoll-Enduro-Segment traut – und dabei eine sehr gute Figur abgibt: Die DesertX haut sich wie an der Schnur gezogen in die schnellen sardischen Kurven entlang der Küste. Wenn es doch mal eng wird am Bremspunkt, kommen die Brembo-Stopper zum Einsatz.

Eine Unmenge elektronischer Systeme unterstützt, was die DesertX von Hause aus an Fähigkeiten mitbringt: Die Traktionskontrolle ist in acht Stufen einstellbar; die Wheelie Control hat vier, die Motorbremse EBC drei Levels. Auch das Kurven-ABS verfügt über drei Stufen. Zusätzlich werden sechs Riding Modes (Sport, Touring, Urban, Wet, Enduro, Rally) angeboten, die sich mit den vier Power-Mappings Full, High, Medium und Low frei kombinieren lassen. Doch gut zu wissen: Die DesertX fährt auch, wenn man einfach aufsteigt und losbrettert.

Die Strecken um den kleinen Weiler Loelle, wo regelmäßig eine Special Stage der World Rally Championship WRC ausgefahren wird, sind extrem hart, heiß und vor allem staubig. Das ist genau das richtige Terrain, um die Geländegängigkeit der DesertX und die beiden Modi zu erkunden.

Die beiden Optionen Enduro und Rally unterscheiden sich im Kern in der Motorleistung. Enduro bringt nur 75 PS ans Hinterrad, reagiert softer, ist die Wahl für diffizile Passagen. Rally liefert die vollen 110 PS: Ein Gasstoß genügt, und das 223 Kilogramm schwere Motorrad geht in Attacke. Und auch das macht die DesertX mit links: Die Traktionskontrolle lässt ein wanderndes Hinterrad zu, verhindert aber den vollen Ausbruch.

Nach schnellen Runden im Feinstaub von Loelle bin ich stehend fix und fertig, aber auch überzeugt. Mit der DesertX hat Ducati ein Ausrufezeichen gesetzt.

Nach schnellen Runden im Feinstaub von Loelle bin ich stehend fix und fertig, aber auch überzeugt. Mit der DesertX hat Ducati ein Ausrufezeichen gesetzt. Der Testastretta-Motor und das hervorragende Fahrwerk passen optimal zum Straßenbetrieb, man kann damit um die Welt fahren. Die DesertX macht aber auch schwer Eindruck, wenn es richtig dreckig wird und zur Sache geht. Die erste echte Enduro aus Bologna meistert jedes Terrain.

Das einzige Manko sind die Bremsen. Auf Asphalt sind sie scharf und beißen. So muss es sein, das ist rennstreckentauglich. Den Preis dafür zahlt man allerdings im Gelände: Bei langsamer Fahrt und in engen Passagen, da sind die Klötze vor allem hinten nur schwer dosierbar. Und dann wäre da noch der hohe Preis. Aber so ist es halt mit den guten Dingen: sie kosten, sind es aber auch wert, weil sie glücklich machen.


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