Text: Michael Köckritz
Bild: Adriano Cimarosti
6 min

Kultfilm in Bildern: Das "Le Mans" des Adriano Cimarosti

Der berühmteste Motorsportfilm aller Zeiten birgt eine Hommage an den GT40. Erinnern Sie sich an dieses Bild? Ganz flüchtig nur, ein weißer Ford GT40, mitten im dichten Straßenverkehr. Ein Schild weist ihm den Weg nach Le Mans. Und weil Steve McQueens halbdokumentarischer Kultklassiker ohnehin mehr von seinen Bildern als von seinen Dialogen lebt, holen wir jetzt einfach ein paar vergessene Aufnahmen von 1970 heraus. Um uns daran zu erinnern, wie das damals war, als auf der Sarthe-Rundstrecke dieser große Rennfilm gedreht wurde.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ein Kassenschlager wurde der 1971 uraufgeführte Film „Le Mans“ leider nicht. Trotz eindrucksvoller Bilder, rasanter Schnitte und einer extrem aufwendigen Produktion. Dem breiten Publikum war die Handlung dann doch etwas zu sperrig, und gefällig-unterhaltsame Dialoge wurden allenthalben auch vermisst. In der ersten halben Stunde verlieren die Schauspieler kein Wort. Aber darum ging es ja auch überhaupt nicht!

Steve McQueen war in jenen Tagen nicht nur der am besten bezahlte Schauspieler Hollywoods, sondern auch ein extrem erfolgreicher Privatfahrer, verrückt nach Rennwagen und Motorrädern war er sowieso. Seine Begeisterung für das damals härteste Sportwagenrennen der Welt war geradezu instinktiv. Diesen Film musste er einfach machen. „Le Mans“ wurde dann ebenso sperrig wie authentisch und gilt heute als unwiderstehliches Dokument des Rennsports. Ein Klassiker.

Der Journalist und Autor Adriano Cimarosti war 1970 bei den Dreharbeiten dabei. Als Statist. Seine Kamera hatte er wie immer bei sich. Zum Glück.Und nicht nur das. Für die Schweizer Automobil Revue verfasste Cimarosti damals einen umfassenden Augenzeugenbericht, der heute, ähnlich wie der Film, den Status eines Klassikers genießt. Seine Eindrücke lesen sich bisweilen so, wie sich der Film heute zeigt …

„Nicht weniger als 22 Kameras waren entlang der Sarthe-Rundstrecke aufgestellt, um packende Szenen aus dem echten Rennen auf dem Zelluloid festzuhalten, so dass der Solar Productions allein vom Rennen schon 30.000 Meter Filmmaterial zur Verfügung steht.“

Einmalig in der Geschichte Hollywoods: Mit einem Porsche 908 nahm das Filmteam um McQueen selbst am tatsächlichen 24-Stundenrennen teil. Ein Porsche 908, pilotiert von Jonathan Williams und Herbert Linge. Er schaffte es sogar ins Ziel. Weit abgeschlagen freilich.

„Im Bug und auch im Heck des 908 waren insgesamt drei Kameras installiert, die jeweils im 250- bis 300-km/h-Tempo um den Sarthe Kurs surrten.“Also echtes Tempo, echter Regen, echter Schmutz auf den Scheinwerfern. Nachträglich wurden weitere Fahraufnahmen gedreht. Hier nutzte das Filmteam unter anderem einen Porsche 917 und – einen Ford GT40 als Kamerawagen. Nur selbst mitfahren im Rennen durfte McQueen nicht. Der Produktionsfirma war das zu riskant.

Der Statist Cimarosti zeigte sich tief beeindruckt von den Dreharbeiten. Und vom Aufwand, den McQueen betreiben ließ.

„Jeder Drehtag soll in Le Mans zwischen 40.000 und 50.000 Dollar gekostet haben. Den vielen Kameraleuten standen noch an die 150 Spezialisten zur Seite. Monatelang hat die Solar Productions an die dreißig echte Rennfahrzeuge à la Porsche 917, Ferrari 512S, Porsche 908, Alfa Romeo 33.3, Matra-Simca 650, Chevrolet Corvette, Porsche 911 S, Chevron, Porsche 914 gemietet und deren Besitzer dabei mit einem fürstlichen Mietzins entschädigt. Dazu meinte der Genfer Rennstallbesitzer Filipinetti: Noch nie hat eines meiner Rennfahrzeuge so viel Geld eingebracht. Alle zwei Wochen erhalte ich aus Le Mans regelmäßig einen Scheck.

Als besonders geschäftstüchtig erwies sich damals übrigens Joseph „Jo“ Siffert. Er kaufte sich kurz vor Produktionsbeginn rund ein Dutzend Rennfahrzeuge und vermietete sie gewinnbringend. Samt Mechaniker und Sekretär. Da die Wagen freilich nicht einfach von Schauspielern – außer McQueen natürlich – gefahren werden konnten, mussten auch Rennfahrer gebucht werden. Für Cimarosti eine große Ehre.„Wir trafen Richard Attwood, Derek Bell, Jacky Ickx, Helmut Kelleners, David Piper, Gérard Larrousse, Brian Redman, Jean Servoz-Gavin, Masten Gregory, Mike Parkes, Tony Hezemans, Jean-Pierre Jabouille, Silvio Moser, Jonathan Williams, Herbert Müller, Teddy Pilette, Vic Elford, Pedro Rodriguez, Rob Slotermaker, Andrea de Adamich und selbstverständlich Joseph Siffert.“

Im Film blicken wir in die Augen von Siegfried Rauch, der als Erich Stahler unter Volllast schaltet, bei Höchstgeschwindigkeit immer wieder kühl in den Rückspiegel seines Ferrari 512S blickt und kontrolliert, wo Steve McQueen alias Michael Delaney im Porsche 917 folgt … Und die Realität am Set? Tja …

„Oft aber standen diese berühmten Piloten tagelang untätig herum, spielten Boccia, langweilten sich oder machten der weiblichen Gefolgschaft den Hof.“

Und Steve McQueen?

„Als er einmal den Motor des Porsche 917 auf 9.800 U/min jagte und ihn dabei überdrehte, so dass die Ventile in den Eimer gingen, begab er sich brav und klein zu den Porsche-Monteuren und entschuldigte sich für den Faux-pas.“Apropos Porsche 917. Da ist diese eine Szene. Diese Erinnerung … Wie Steve McQueen in seinem Porsche 917 einen 911 überholt … wie er die Kontrolle verliert … Wie er erst links in die Leitplanke kracht, dann rechts … wie das Heck schiebt, wie er sich mit der Schnauze in die Leitplanke bohrt … wie sich der Wagen aufbäumt, überschlägt … über den Asphalt schleudert … Als sei es Pappe zerfetzt die Karosserie; wie Papier segelt die Motorabdeckung mit der Nummer 20 … Alles in Zeitlupe freilich, ohne Ton. Nur der Aufprall ist jeweils als krachender Effekt zu hören …

„Ein Rennfilm muss Unfälle enthalten, ob dies den Anhängern passt oder nicht. Bei leichten Unfällen wurden die Wagen von Stuntmen pilotiert; für gefährliche Dinge bot man Spezialisten für Special Effects auf, welche die Rennautos ferngesteuert am gewünschten Punkt in die Abschrankungen knallen ließen.“

Und der 917?

„Um keine echten Ferrari oder Porsche zerstören zu müssen, zog man es vor, für den Crash ein älteres, mit Camaro-Motor versehenes Lola-T-70-Chassis zu opfern, das jedoch entweder mit einer Porsche-917- oder mit einer Ferrari-512S-Karosserie eingekleidet war (…) Der Lola-Porsche schoss im ersten Gang (die Bedienung des Getriebes oder der Einbau eines Automaten wären zu kompliziert gewesen) mit 6.000 U/min oder 130 km/h in einer langgezogenen Kurve gegen die Leitplanken und prallte noch mehrmals auf, ehe er liegenblieb.“

Doch es gab auch echte Unfälle am Set. Der englische Rennfahrer David Piper geriet mit einem Porsche 917 von der Bahn ab, verunglückte und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo ihm ein Bein abgenommen werden musste.

Dieses Opfer wird im Abspann erwähnt.Bleibt eine Frage: Warum machte Cimarosti keine Karriere beim Film?

„Filmarbeit ist ein hartes Brot. Leute, die an dynamisches, lückenloses und stets produktives Arbeiten gewöhnt sind, haben alle Mühe, sich an das ständige Warten zu gewöhnen. (…) Man wartet auf den Regen oder auf die Sonne; man wartet auf die zahllosen Wiederholungen von Szenen, in denen man nicht gebraucht wird; man wartet auf eine Person, die plötzlich dringend benötigt wird, jedoch unauffindbar verschwunden ist; man wartet die Reparatur eines Gerätes ab; man wartet, weil sich der Regisseur und sein Assistent nicht mit dem Kameramann einig sind; man wartet die Installierung von Kamera und Scheinwerfern ab; man wartet auf den künstlichen Regen, der aus Sprühapparaten auf die Boxenleute gegossen werden muss; man wartet, weil ein Scheinwerfer defekt ist; man wartet, weil endlich der Camion mit der Zwischenverpflegung eingetroffen ist; man wartet, man wartet, man wartet …“

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