Kurz & knackig: Boxster-Design mit Harm Lagaay

Nichts gegen den Elfer, aber Porsche ist mehr als das – was wir besonders Harm Lagaay zu verdanken haben. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Chefdesigner von Porsche über den Boxster, der vor 25 Jahren auf den Markt kam, die Formensprache von Porsche – und darüber, wie man aus einer glorreichen Historie etwas ganz Neues für die Zukunft schafft.
Text Marko Knab
Bild Marko Knab · ramp.pictures

Herr Lagaay, der Boxster wurde vor dreißig Jahren zum ersten Mal gezeichnet. Haben Sie damals schon geahnt, dass er ein Hit wird und fast ein Vierteljahrhundert in Serie produziert werden würde?
Doch ja, absolut! Man muss allerdings die gesamte Geschichte des Boxster 986 und des Elfer 996 kennen. Es war die Initialzündung dafür, die Firma völlig zu verändern, denn mit den bestehenden drei Autos 944, 928 und 964 hätte Porsche nicht überleben können. Bevor das Pärchen 986 und 996 kam, gab es allerdings auch andere Modellstrategien.

Wie sahen die aus?
Da war zum Beispiel der viersitzige und viertürige 989 – und eine Mittelmotorversion davon. Als dann jedoch beschlossen wurde, mit der genialen und gemeinsamen Plattform für den 986 und 996 weiterzumachen, ergab sich nicht nur für die Firma eine völlig andere Situation. Wir waren auch intern so begeistert von dem Konzept, dass wir fest davon überzeugt waren, Porsche so in die Zukunft führen zu können.

»Wir waren auch intern so begeistert von dem Konzept, dass wir fest davon überzeugt waren, Porsche so in die Zukunft führen zu können.«

Sprechen wir über die gemeinsame Front der beiden Fahrzeuge. Wie kam es dazu?
Sie dürfen nicht vergessen: Als die Autos entwickelt wurden, mussten die Ausgaben extrem gesenkt werden. Und jede Abteilung, auch das Design, musste ihren Beitrag dazu leisten. Wie kann man Kosten in der Produktion oder bei Werkzeugen senken? Wir beschlossen aufgrund des Erfolgs der Boxster-Studie, das Scheinwerfermodul mit fünf Funktionen, alles in einem, extrem günstig zu produzieren. Dass es sich um einen Scheinwerfer für beide Fahrzeuge handelt, war uns bewusst.

Hat Sie das Feedback trotzdem überrascht?
Wir waren fest davon überzeugt, dass der Scheinwerfer erfolgreich sein könnte. Weil das Showcar so gut ankam und uns der Scheinwerfer auch für den 911 gut genug schien. Als wir feststellten, dass die Kunden einen größeren Unterschied zwischen den beiden Autos erwartet hatten, gab es beim 997 ja auch wieder unterschiedliche Scheinwerfer.

»Wenn so eine Formensprache in einer Firma bereits existiert, ist das Gold wert.«

Harm Lagaay

Kommen wir zu den Vorbildern: Eines davon ist der 550 Spyder. Ist es ein Fluch oder ein Segen, sich an so einer puristischen Rennmaschine zu orientieren?
Ganz klar ein Segen. Wenn so eine Formensprache in einer Firma bereits existiert, ist das Gold wert.

Gibt es eine bestimmte Stelle am Boxster, die Ihnen besonders gefällt?
Nein. Gerade weil der Boxster das allererste Fahrzeug ist, das richtig in die Vergangenheit schaute – also auf den RSK, RS60, 718, und eben auf den 550 Spyder. Er war das erste Fahrzeug, bei dem man die Optik der Vergangenheit aufnahm und sich überlegte, wie man sie in die Zukunft transportieren könnte. Die Philosophie und Formsprache von Porsche sind sehr dehnbare Begriffe. Und man könnte sie in Zukunft unendlich weiterentwickeln.

Also war der Boxster auch optisch die schon angesprochene Initialzündung für Porsche?
Auf jeden Fall eine Initialzündung für einen sehr attraktiven Mittelmotorsportwagen, der vom Preis unter dem 911 liegt.

Stimmt es eigentlich, was man sich über diesen Mittelmotorsportwagen erzählt? Nach dem großartigen Feedback soll ja jemand gesagt haben: Bitte genauso bauen!
Das wurde ich oft gefragt! Wir waren uns bewusst, dass das Showcar von der Größe her nicht zum geplanten Package passt. Als gesagt wurde, wir sollen ihn genauso bauen, war uns bewusst: Da sind noch ein paar Änderungen nötig. Um dem Package gerecht zu werden, haben wir ihn am Ende aber einfach um ein paar Prozent vergrößert.

»Da ging es – und geht es nach wie vor – darum, ob eine Idee wirklich für Porsche die richtige ist. Und die hat sich sogar als goldrichtig erwiesen.«

Harm Lagaay

Und dann ging es mit dem Boxster ziemlich schnell.
Ja, das Projekt lief sehr schnell ab. Aber wir hatten gar keine andere Möglichkeit, als das Pärchen weiterzuentwickeln! Ich glaube auch nicht, dass es eine Hauruck-Entscheidung war. Da ging es – und geht es nach wie vor – darum, ob eine Idee wirklich für Porsche die Richtige ist. Und die hat sich sogar als goldrichtig erwiesen.

Kann eine besondere Historie ein Fahrzeug attraktiver machen?
Lassen Sie es mich so sagen: Er ist auch mit den richtigen Designern, dem richtigen Modelleur und dem richtigen Interieur-Designer entstanden. Ein Team, das ich zusammenstellte und von dem ich überzeugt war, dass es in der schnellstmöglichen Zeit mit eingeschränktem Budget ein gutes Showcar produzieren könnte. Und das hat sich als wahr herausgestellt. Was auch an der großen Begeisterung der Designer und des Modelleurs für die Porschefahrzeuge aus der Vergangenheit lag.

Credit: Valentin Gläsel · ramp.pictures

Wenn wir beim Thema Begeisterung sind: Sie haben Ikonen gestaltet und an vielen Projekten mitgearbeitet. Am Boxster, am Cayenne…
… am Cayman, am Carrera GT, an den allerersten Panamera-Studien, am 993, am 968, am 928 GTS – und unseren Einfluss auf die Rennfahrzeuge, die Exklusiv-Serien und die Kundenentwicklung nicht zu vergessen. Also Firmen, die im Bereich Transportdesign unseren Rat brauchten – für alles, was fliegt, schwebt oder auf dem Wasser treibt. Da haben wir an einigen, allerdings geheimen Projekten gearbeitet. Aber ja, die Hauptarbeit bestand natürlich aus den Fahrzeugen für Porsche.

Gibt es da ein Lieblingsprojekt von Ihnen?
Nein, es sind alles Projekte, an denen ich mit großer Freude gearbeitet habe. Sollte es irgendetwas geben, das mir nicht gefällt, muss ich mir das selbst vorwerfen. Man kann jedes Projekt mit Konzentration zum Erfolg bringen. Ein Fahrzeug aber, das unter völlig anderen Bedingungen als sonst auf den Weg gebracht wurde, war der Carrera GT. Deswegen liegt er mir besonders am Herzen. Die erste Studie entstand an der Westküste von Amerika – also weit entfernt vom Mutterland und von Weissach. Der Carrera GT ist aber auch deswegen etwas Besonderes, weil es ein Auto ist, das bis heute noch unheimlich gut ausschaut!

»Sollte es irgendetwas geben, das mir nicht gefällt, muss ich mir das selbst vorwerfen. Man kann jedes Projekt mit Konzentration zum Erfolg bringen.«

Eine letzte Frage: Es heißt, dass die Autos in den Ländern, in denen Sie aufgewachsen sind, so langweilig waren, dass es Sie motivierte, ein aufregendes Auto zu zeichnen. Stimmt das?
Interessante Frage! Aber nein, ich glaube nicht, dass die Zeit in Venezuela, Brunei oder Argentinien einen Einfluss hatte. Ich wollte schon als Kind Designer werden. Da ist es egal, in welchem Land man wohnt, es ist eher wichtig, dass man sich informiert, was die Welt sonst an Autos zu bieten hat.


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