La vie en vitesse: der Bugatti EB110 trifft auf den Centodieci

Heute vor 141 Jahren wurde Ettore Bugatti geboren. Passend zum besonderen Datum hat Bugatti jüngst einen der zehn Centodieci fertiggestellt, der den Spirit des EB110 in die Gegenwart transportiert – und Letzterer verweist ja auf die Initialen des Firmengründers. Ein schneller Blick auf die italienisch-französische Geschichte Bugattis.
Text Marko Knab
Bild Bugatti Automobiles S.A.S.

Kunst trifft Speed, die Vergangenheit die Gegenwart – und der Bugatti EB110 den Centodieci. Kurz gesagt: Hier in Molsheim findet die Essenz der Marke Bugatti gerade zusammen. Wie jetzt? Fangen wir gleich da an, wo alles beginnt. In Norditalien, vor 141 Jahren. Am 15. September 1881 wird in Mailand Ettore Arco Isidoro Bugatti geboren. Sohn des Designers Carlo Bugatti und Enkel von Giovanni Luigi Bugatti, Architekt und Bildhauer. Der Familientradition folgend soll Ettore nach dem Willen seines Vaters ebenfalls einen künstlerischen Beruf ergreifen, gegen dessen Willen entscheidet er sich jedoch früh für eine Ingenieurslaufbahn – zumindest auf dem Papier. Was er nämlich direkt nach Stationen bei De Dietrich, SACM und Deutz schaffen sollte, wird heute mehr als Kunst gesehen – weniger als schlichtes Automobil und Nutzgegenstand.

Die Rede ist vom Bugatti Typ 13, der die Basis für alle weiteren Fahrzeuge und die Marke selbst legen sollte – darunter Ikonen wie der Typ 35, aber auch die Art-Déco-Legende Type 57 SC Atlantic. Inzwischen im französischen Molsheim im Elsass ansässig, macht Ettore Bugatti mit seinen Kreationen Furore und begründet einen Mythos. Einen, der auch weit mehr als 20 Jahre nach dem Ende der ursprünglichen Firma nachwirkt – sie sollte sich nie wirklich von den Auswirkungen des zweiten Weltkriegs erholen. 1963 schließen sich die Pforten des renommierten Autobauers für immer. Glaubt man zumindest.

Der Familientradition folgend soll Ettore ebenfalls einen künstlerischen Beruf ergreifen, er entscheidet sich jedoch früh für eine Ingenieurslaufbahn – zumindest auf dem Papier. Was er nämlich schaffen sollte, wird heute mehr als Kunst gesehen.

Fasziniert von der Marke und womöglich auch dem italienischen Erbe tritt Ende der 1980er-Jahre aber ein gewisser Romano Artioli auf den Plan. 1989 reanimiert er das leblose Unternehmen als Bugatti Automobili S.p.A. und siedelt es im Einzugsbereich von Ferrari und Lamborghini an. Nicht im französischen Molsheim, wo Ettore Bugatti seine Firma verwurzelt hatte, sondern im italienischen Motor Valley. Artiolis Ziel: den fortschrittlichsten Supersportwagen seiner Zeit bauen, pünktlich zum 110. Geburtstag von Ettore Bugatti im Jahr 1991. Selbstverständlich weiter mit dem Designanspruch und dann eben auch in der ursprünglichen Heimat der Marke. Es entsteht »La Fabbrica Blu«, die blaue Fabrik, sie wird Anfang der 1990er-Jahre für die Produktion des EB110 in das italienische Örtchen Campogalliano gesetzt. Entworfen von Giampaolo Benedini, greift auch sie den Kunsthandwerksgedanken auf – und spiegelt diesen mit Bauhaus-Anleihen wieder.

Der Coup? Gelingt. Und der ebenfalls von Benedini entworfene EB110 rollt auf die Straßen der Welt. Achim Anscheidt, Bugatti Design Director blickt zurück: »Die einprägsame grafische Linienführung und raffinierten Formen des EB110 spiegeln diesen architektonischen Ansatz wider. Aber was für den EB110 Supersport galt, gilt auch für uns heute: Form follows Performance.« Die markantesten Eigenschaften des EB110 sind seinerzeit vor allem wohl die liegenden Scheinwerfer und der kleine Bugatti-Grill, die mit fünf Löchern versehenen Lufteinlässe, die Verglasung über dem 3,5-Liter-V12-Motor mit vier Turboladern – und die zehn Kühlschlitze am Heck.

Der Coup? Gelingt. Und der ebenfalls von Benedini entworfene EB110 rollt auf die Straßen der Welt. Einzig: Ein Happy End gibt es nicht. 1995 meldet die Bugatti S.p. A. Insolvenz an.

Wir drücken auf das Gas des EB110 – und spulen die Zeit vor ins neue Jahrtausend. Zwischenzeitlich war selbst ein gewisser Marcelo Gandini zu Bugatti gewechselt, zuvor bei Lamborghini für den legendären Miura und den Countach verantwortlich. Auch Michael Schumacher gönnt sich einen der Sportwagen aus Campogalliano. Die Fahrleistungen stimmten. Man startet sogar wieder in Le Mans. Einzig: Ein Happy End gibt es nicht. 1995 meldet die Bugatti S.p. A. Insolvenz an. Und VW übernimmt das Zepter. Mit Erfolg. Der Veyron und Chiron beleben die Marke in den frühen 2000er-Jahren neu – eher 2019 dann der Centodieci das Licht der Welt erblickt.

Achim Anscheidt erläutert die Bedeutung des italienischen Bugatti: »Manche haben behauptet, dass die Marke Bugatti ohne den EB110 heute nicht da stünde, wo sie steht. Das Auto hat sicherlich dazu beigetragen, die neue Vision nach seiner Übernahme durch den Volkswagen Konzern Ende der 1990er Jahre zu beeinflussen. Wir verdanken den unglaublichen Power-Output des EB110‘s Ingenieursgenies wie dem kürzlich verstorbenen Nicola Materazzi, aber wir erkennen auch die erstaunliche Vision der Designer von damals an. Die moderne zeitlose Form des EB110 hat uns unendlich viel Inspiration gegeben, um diesem bedeutenden Stück Bugatti-Geschichte mit dem Centodieci eine gebührende Hommage zu teil werden zu lassen.«

»Wir erkennen auch die erstaunliche Vision der Designer von damals an. Die moderne zeitlose Form des EB110 hat uns unendlich viel Inspiration gegeben«

Achim Anscheidt, Bugatti Design Director

Der Centodieci gilt also offiziell als Hommage an den legendären EB110, darf aber durchaus – tiefenpsychologisch – als Vergangenheitsbewältigung betrachtet werden. Dafür greift er nicht nur den mächtigen Heckflügel des EB110 Supersport auf, sondern Elemente der vom Bauhaus-Stil inspirierten Oberflächen und Details des EB110 auf und transportiert sie ins 21. Jahrhundert. Seine Seiten? Generieren ein Spiel aus Licht und Schatten mit nur sanften Rundungen, die fünffach gelöcherten Lufteinlässe verweisen klar auf die 1990er – während die plattenartigen Scheinwerfer des EB110 zu hochmodernen, flachen LED-Scheinwerfern werden. Eine Sonderentwicklung nur für dieses Projekt. Und dieser silberne Centodieci, der hier vor uns steht? Man sollte meinen, die moderne Skulptur wäre nur für diesen Moment am 15. September gebaut worden.


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