LA2GO: Einen Monat ohne Auto

Am Autofreien Tag des Jahres - dem World Car Free Day - macht man was? Wenn man will, läuft man eben anstatt zu fahren. Und wie sich das für einen echten Petrolhead in einer typischen Autostadt wie Los Angeles anfühlt, schildert unser Autor. Zugegeben: Ganz freiwillig ist er nicht gelaufen. Und: Bei einem Tag blieb es dann auch nicht.
Text Helmut Werb
Bild Helmut Werb / Unsplash.com

„Einen Monat ohne Auto? In Los Angeles? Unmöglich!“.
George, mein griechischer Freund, legt vier Fünfzig-Dollarscheine auf den Tresen von Musso & Frank, der wohl ältesten und berühmtesten Bar in Hollywood und aus eben diesem Grund unsere Lieblingskneipe. „Zweihundert Bucks, dass du’s nicht schaffst! Du spinnst!“. Und während Manny (seit der Eröffnung im Jahr 1919 erster Bartender im M&F) George ein frisches Bier hinstellt, überlege ich mir, ob George, trotz griechischer Abstammung ein grundvernünftiger Mensch, nicht doch recht hat und ich vollkommen übergeschnappt bin.

Vier Wochen ohne fahrbaren Untersatz in einer Stadt, die fürs Auto gebaut wurde, einer urbanen Wüste mit einer Fläche von 1500 Quadratkilometern, das meiste davon siebenhunderttausend Milliarden asphaltierte Freeway-Meilen? Ein Moloch, der aus einer einzigen, gigantischen Verkehrsstauung besteht? Ohne eigenes Fahrzeug in einer Metropole, die ohne Autos niemals existieren könnte, in der dreizehn Millionen Einwohner ihren Tag (und den meisten Teil ihrer Nacht) auf den Boulevards und Avenues verbringen? Dreißig Tage ohne Räder in einer Stadt, die einfach gesagt pure Auto-Kultur verkörpert?

Ich gebe zu, ich habe es einfach. Ich bin nicht gerade ein typisches Arbeitstier. Mein täglicher Weg ins Büro führt über das Badezimmer und die Küche direkt an meinen Schreibtisch im Wohnzimmer. Also habe ich da schon mal einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Heimvorteil und muss mich nicht jeden Morgen um sechs zwischen ungewaschene Angelenos in überfüllte Busse drängen. Meine Lebensmittel kann ich – im Normalzustand – locker zu Fuß einkaufen. The Grove, ein schickes Shopping-Center mit angeschlossenem Kino, und ein paar nette Restaurants im Farmer’s Market gleich daneben kann ich ebenfalls locker erlaufen. Meine Bankgeschäfte erledige ich am Computer und am Automaten. Für berufliche Notwendigkeiten benutze ich Messenger Services. Die „basic necessities” sind also abgedeckt.
Und zur Pool-Party heute Abend in der Bel Air-Villa eines Bekannten nehme ich mir einfach ein Taxi.

Regel Nummer Eins für alle Neu-Angelenos ohne Auto:

LaLa-Land ist nicht New York!

Stehe nicht am Straßenrand und winke! Dein Arm fällt ab, bevor auch nur einer der vermaledeiten Karren anhält und dich mitnimmt! Also krame ich resigniert das iPhone aus dem Armani und bestelle ein Taxi. Die der englischen Sprache nur spärlich mächtige Dame, die in Bangladesh am VoIP-Phone sitzt, verspricht Abholung innerhalb der nächsten zwanzig Minuten, und ich bin froh, dass die Niederschlagwahrscheinlichkeit in Südkalifornien zu allen Jahreszeiten vergleichsweise gering ist. Eine halbe Stunde später entscheide ich mich, zuhause auf das Taxi zu warten, das dann auch prompt erscheint, wobei der Begriff „prompt” mit kalifornischer Gelassenheit zu interpretieren ist.

Die Party jedenfalls ist ein großer Spaß, selbst nach den sechzig Dollar (inklusive Trinkgeld), die der zwanzigminütige Trip zwischen West Hollywood und BelAir gekostet hat. Ich genieße die Freiheit unbegrenzten Alkoholgenusses und proste fröhlich George zu, der schon da war, als ich kam (wie alle übrigens). Macht ja nix, ich lerne eine sehr Nette junge Dame kennen, blond (wie alle übrigens) und auf Perfekt-Form geschneidert (dito), die sich freundlicherweise bereit erklärt, mich nach Hause zu fahren.

„Ich glaube, du solltest nicht mehr Autofahren”,

hatte sie geflötet, und ich lasse sie in ihrem Glauben.

„Wie meinst du das?”, fragt die nette junge Dame am nächsten Morgen vollkommen fassungslos, „du hast kein Auto?” Eine Tatsache, mit der sich Nicht-Autofahrer in Los Angeles abfinden müssen, ist dass jeder Tag offensichtlich mit einer Ernüchterung beginnt. Ich versuche erst gar nicht viel zu erklären, denn die nette junge Dame macht mir ohne Umschweife die zweite Regel für Angelenos ohne Auto klar: Nur Loser laufen! Wer in Los Angeles kein Auto besitzt, ist ein Verlierer, ein Fehlschlag, ein „Freak-of-Nature”, sozial nicht akzeptabel und als Partner sowieso absolut indiskutabel. Fußgänger werden als gleichwertige Homo Sapiens nur akzeptiert, wenn sie mindestens einen SUV in der Garage haben. Verantwortlicher Umgang mit der Umwelt zählt nur in Form eines Toyota Prius. Mein Gott, eine Rostbeule wäre schon schlimm genug, aber ganz ohne? Ein Leben unter der Brücke ist da doch nur eine Leerlaufdrehzahl entfernt.

Verständlich, dass die nette junge Dame entschlossen die Flucht ergreift.
Ich melde mich, rufe ich ihr hinterher. Sie müsse sich die Haare waschen, ruft sie zurück, schon an ihrer eigenen Autotür. Heute, morgen und die ganze nächste Woche auch. Dann ist sie auf ihren durchdrehenden Rädern verschwunden. Ich werde mein Sozialleben einschränken müssen.

Das Erreichen des Ziels in Los Angeles ist überraschend einfach, so lange man den Begriff nur geografisch fasst. Los Angeles hat ein wirklich gut funktionierendes System öffentlichen Nahverkehrs – nicht überragend, aber sehr anständig. Die Webseite der L.A. Metro Transportation Authority verständlicherweise mehr als umfangreich, immerhin bedient LAMTA mehr als zweihundert Buslinien und fünf U-Bahnlinien auf mehr als 3800 Quadratkilometer, funktioniert aber ausgezeichnet. Die Verbindungen innerhalb der Stadt sind perfektioniert, so gut es die immense Größe des Stadtgebietes eben zulässt. Und das ist auch das Problem: LaLa-Land ist riesig! Ein Bürobesuch in Torrance, mit dem Auto leicht in dreißig bis vierzig Minuten zu schaffen, erfordert einen halben Tag, und danach brauchst du erst mal Urlaub. Express-Busse verbinden alle Stadtteile miteinander, direkte Verbindungen sind nicht maßgeblich langsamer als Auto-Stau-Fahren. Muss man allerdings umsteigen – was als “transfer” bezeichnet wird und beim ersten Mal gratis ist – wird’s zeitraubend. Dafür kann man ganz prima neue soziale Kontakte knüpfen.

Regel Nummer Drei: verwende Deo.

Verwende reichlich Deo.

„Hast du was dagegen, wenn ich meinen Arm um dich lege”, fragt mich ein deutlich unrasierter – und Deo-freier – Mitfahrer im 720er Bus, der Downtown auf die Schnelle mit Santa Monica verbindet. Und – schwupps! – bin ich seine neue Freundin. Bis zur nächsten Haltestelle. Erstaunlich viele Bewohner der Stadt benutzen die öffentlichen Transportmittel, vor allem Latinos, die traditionell zu den Weniger-Verdienenden zählen, und steinalte Asiatinnen, die zu knausrig sind und auf Bus und Bahn angewiesen sind. Da wird der 10er Blue Bus schon mal zu Mexico City’s Metro, inklusive den Körpernähe suchenden Mitfahrern.

Die vergleichsweise neue U-Bahn entspricht hingegen eher alt-europäischen Vorstellungen moderner Nahverkehrsmittel. Auf den Strecken, die seit zwanzig Jahren befahren werden, ist die Metro Rail überragend. Schneller kann man in Los Angeles nicht von Long Beach nach Hollywood kommen. Dumm nur, dass damals Lokalpolitiker entschieden, wohin die U-Bahn fährt, und nicht Verkehrsplaner. Die rund 120 Kilometer führen durch Stadtteile, die zwar mächtig Wählerstimmen sichern, aber nur spärliche Fahrgastzahlen. Das soll sich ändern, wenn die lang erwartete Wilshire-Line von Downtown Los Angeles entlang dem wichtigen Wilshire Korridor über Beverly Hills und Century City bis an die Küste in Santa Monica führt.

Credit: Helmut Werb

Aber das ginge ja noch alles. Ich habe zwei Tage später, Tag 15, ein Interview in San Francisco, und mein Flieger geht um sieben Uhr dreißig. Morgens. Die Redaktion übernimmt keine Taxi-Kosten, also bleibt mir der Bus kurz nach fünf – oder ein Airport Shuttle. Adam aus Nigeria kommt pünktlich am nächsten Morgen, und plappert ununterbrochen über seine Pläne, mit dem Vermögen, das er als Shuttle-Fahrer verdient, in Lagos solar-gepowerte Coca Cola-Maschinen aufzustellen. „Damit werde ich Millionär”, freut er sich, als wir auf den vierten Passagier warten. Nicht, wenn ich ihn vorher umbringe, denn wenn Adam noch mehr Leute in seinen altersschwachen Chevy Van packt, verpasse ich meinen Flug.
Ich werde George morgen die zweihundert Dollar auf den Tisch legen. Ich schwöre es.

Aber Adam schafft den Flieger gegen alle Befürchtungen. Als ich am nächsten Tag zurückkomme, nehme ich trotzdem lieber den FlyAway, einen Non-Stop Bus Service vom Flughafen bis in die Stadt, und das ist tatsächlich eine angenehme Erfahrung. Sechs Dollar, keinen Ärger, pünktlich. Das einzige Problem ist dann die Verbindung vom FlyAway-Terminal bis nach Hause. Fuck it, ich bin müde, ich hab’s satt, ich nehme ein Taxi.

Fünf Tage muss ich noch durchhalten!

Ich habe stundenlange Busfahrten überlebt, zu zuvorkommende Mitfahrer, habe eine geschlagene Stunde auf einen verspäteten Bus gewartet, der dann – wen überrascht’s? – total überfüllt war. Mein Freundeskreis hat sich ausgedünnt, mein Paarungsverhalten ist in depressive Tiefen gefallen, allerdings habe ich kaum Geld in den üblichen Kaschemmen verprasst. Dafür kenne ich mich im Fernsehprogramm toll aus und weiß, wie der Zwölftplatzierte bei „American Idol” heißt. Ich kann jetzt kochen, durch das viele Laufen habe ich etwas abgenommen, und der ein oder andere Busfahrer grüsst schon freundlich.

Und das ist eine der angenehmeren Erfahrungen dieses zugegebenerweise idiotischen Selbstversuchs. In Los Angeles sind die Menschen netter zueinander – keine Ironie, jetzt! – wenn sie kein Auto fahren. „Road Rage” ist in Los Angeles inzwischen ein sozial akzeptiertes Verkehrsvergehen. Dispute um die Vorfahrt auf dem Sunset Boulevard werden schon mal mit der Handfeuerwaffe ausgetragen. Jedes Jahr sterben Dutzende von Verkehrsteilnehmern, weil dem langsameren Yukon-Fahrer der Kragen endgültig geplatzt ist. Wer in Los Angeles aber aus dem Bus aussteigt, sagt „Thank You”, und - hast du’s nicht gesehen – der Chauffeur bedankt sich im Gegenzug.

„Es geht also?”, fragt er nachdenklich. „Hätte ich nicht gedacht.”

„Vorausgesetzt du hast eine gewisse masochistische Veranlagung”, antworte ich.

Mein Camaro-Schlüssel liegt auf dem Tresen, George’s zweihundert Möpse gleich daneben. „Das wären jetzt die Zweihundert von dir”, rechne ich George vor. Für Bus, U-Bahn, Taxi, Messenger und Shuttle habe ich weniger als vierhundert Dollar ausgegeben, zum Vergleich mit den monatlichen Kosten für ein eigenes Auto von tausend Dollar. Reingewinn achthundert Dollar.
George nickt mitfühlend den Kopf.
„Es geht also?”, fragt er nachdenklich. „Hätte ich nicht gedacht.”
„Vorausgesetzt du hast eine gewisse masochistische Veranlagung”, antworte ich, „bleibst keusch, verfügst über die Geduld eines Buddha und hast deinen Geruchssinn verloren.”
Manny schenkt mein Mineralwasser nach, George bekommt sein drittes Bier.
Das sei beruhigend zu wissen, sagt George. Ob ich ihn nach Hause fahren könne, fragt er nach kurzem Zögern, in meinem neuen Camaro.
George musste nämlich seinen Führerschein abgeben – Alkohol.
Für einen ganzen Monat.


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