Lamborghini Huracán STO: Konstruktiver Dialog

Was Sie hier lesen, könnte Sie verstört zurücklassen. Es könnte sein, dass Ihr Weltbild ins Wanken gerät und Sie sich professionelle Hilfe suchen müssen. Ihre Entscheidung.
Text Tom M. Muir
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Dunkle Gasse, elendiges Viertel, kurz nach Mitternacht. Hier, in einem eher schmucklosen Ort dieser ansonsten so idyllischen und friedvollen Gegend von Süddeutschland, treffen wir unsere Quelle: männlich, Mitte 50. Mehr dürfen wir nicht sagen. Über einen Mittelsmann wurde der Kontakt hergestellt. Er würde unser Angebot annehmen und diesen bösen Lamborghini fahren. »Keine Gefangenen?« – »Keine Gefangenen!«

Nichts an dieser Geschichte ist politisch korrekt. Das war uns vorher klar. Und dennoch haben wir unserer Quelle den Schlüssel zu einem Lamborghini Huracán STO überlassen, um in einer Art Experiment zu erfahren, was passiert, was dieses Fahrzeug, das in Design und Performance so extrem ist, mit einem Menschen macht. Wie es ihn packt? Begeistert? Beeinflusst?

Anschließend wollten wir das Erlebte aufarbeiten. Doch beim Wiedersehen hören wir zur Begrüßung nur eines:

»Keine Tonbandaufnahme! Ich werde euch die Wahrheit erzählen und ihr könnt euch meinetwegen Notizen machen, aber keine Tonbandaufnahme! Deal?«

»Deal.«

Und dann beginnt unsere Quelle zu erzählen:

»Anfangs hatte ich mich total gefreut, dass ich irgendwie die Chance bekomme, den STO zu fahren. Ich so, super Sache! Erst mal vielen Dank fürs Vertrauen. Und dann, was ich unglaublich fand, ohne irgendeinen Zettel, ohne irgendwas zu unterschreiben … plötzlich halte ich den Schlüssel zu diesem Lamborghini in der Hand … drei Tage meiner! Ich habe dann erst mal auf besseres Wetter gewartet, weil ich fremde Autos schon gerne am Stück zurückbringen möchte, habe mir aber schon bald gedacht: ja gut, Autobahn muss ich jetzt direkt mal probieren. Und dann bin ich halt ab auf die A8 Richtung München, Wochentag, und irgendwo scheinen wohl auch Ferien zu sein … Dutzende Holländer mit irgendwelchen Dachboxen obendrauf – bumsevoll mit lauter Idioten.«

»Ich dachte so, was ist das für ein Scheiß! Damit hatte ich jetzt gar nicht gerechnet. Also bin ich erst mal ziemlich rumgeschüsselt. Und dann dachte ich mir, das kann doch jetzt nicht sein! Wieso kann ich jetzt hier nicht fahren? Aber ich habe mir auch gedacht, ich will dieses Auto jetzt aber richtig fahren! Und dann bin ich eben mit diesem italienischen Kennzeichen los. Du kannst mit so einem Kennzeichen ja wie eine gesengte Sau fahren und keiner blinkt oder hupt dich an. Nichts. Ich also los wie in einem Videospiel im Zickzack über die Autobahn: links, rechts, links, vorbei. Egal wer, die anderen hatten irgendwie nur so ein Statistenarrangement für mich aufgebaut. So kam mir das jedenfalls vor. Und so bin ich dann über die Autobahn gebügelt und wurde nicht ein Mal von so einem deutschen Rechthaber gemaßregelt. Ich glaube, die Leute hatten zum Hassen und zum Feiern einfach keine Zeit, weil ich viel zu schnell wieder weg war.«

»Das Fahrzeug ist wendig, tritt gut an, fühlt sich gut an – und dann dachte ich so: Hat der überhaupt Allrad? Oder ist das ein Hecktriebler? Auf der Autobahn merkst du nichts. Der Wagen ist sehr agil, sehr leicht und noch aggressiver als der Performante. Und der ist schon grimmig. Aber du merkst gleich, der STO ist noch mal ein bisschen kantiger, noch bissiger. Vom Sound her kann ich jetzt nicht sagen, ob da ein Unterschied ist. Es war zudem ein sehr kalter Tag, also habe ich erst mal etwas verzweifelt die Sitzheizung gesucht, war dann aber auch sehr zufrieden, als ich sie nicht gefunden habe. Da dachte ich gleich: richtig so! Und dann direkt, wenn es schon keine Sitzheizung gibt, was macht dann der ganze andere Plunder hier drin? Können wir das nicht auch weglassen? Weil irgendwie so Klimaanlagen- und Belüftungszeug … das Auto könnte noch mal gut hundert Kilo leichter sein, wenn man den Schnickschnack auch noch rauswirft. Brauche ich doch überhaupt nicht.«

»Und das ist natürlich schade, denn dann denke ich, es ist halt doch so ein bisschen ein Karnevalsauto. Aber gut. Überhaupt war mir die Autobahn dann zu voll und ich wollte jetzt auch nicht verhaftet werden, weil ich versehentlich die Polizei überhole. Also runter von der Bahn, Reifen waren dann auch warm, Auto warmgefahren, und es klarte etwas auf … die Straßen waren noch feucht … und dann bin ich von Weilheim auf die Alb, da kenne ich mich gut aus, also rauf und runter, runter und rauf. Ich hatte kaum Verkehr … ein Radfahrer, ein oder zwei Transporter vielleicht … ansonsten erinnere ich mich an nichts. Vielleicht habe ich irgendwann mal ein Auto überholt, oder zwei, oder fünf, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau, weil ich dann wirklich in einen Rausch gekommen bin. Und das hat so Spaß gemacht!«

»Ich hatte kaum Verkehr … ein Radfahrer, ein oder zwei Transporter vielleicht … ansonsten erinnere ich mich an nichts. Vielleicht habe ich irgendwann mal ein Auto überholt, oder zwei, oder fünf, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau, weil ich dann wirklich in einen Rausch gekommen bin.«

»Und ich dachte mir: Warum habe ich nicht auf allen meinen Supersportwagen Winterreifen drauf? Das sind die Tage, an denen die guten Straßen frei sind. Das Salz muss dir halt egal sein. Ich habe den Tacho dann auch wirklich ein paar Mal deutlich über die 200er-Marke gejagt – und ich weiß, dass man das nicht tut … aber ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Das Auto macht so einen irren Spaß und gibt dir das Gefühl, dass es auch Spaß mit dir hat. Dafür ist es gebaut. Serpentinenfahren im Rausch! Ich hatte direkt das Gefühl, dass das Auto in einen sehr guten, konstruktiven Dialog geht. Glasklares Feedback. Und es zeigt dir auch auf, wo der Grenzbereich anfängt.«

Und genau den erforscht die Quelle dann auch ausgiebig - mit einer klaren Erkenntnis. Nasse Straßen, ein helles Licht und viel Geschwindigkeit spielen dabei übrigens eine relativ große Rolle. Und natürlich, die Quelle hat überlebt - sonst hätte sie ja auch gar nicht mit uns sprechen können. Der Huracán STO? Er wollte ja den konstruktiven Dialog.

Lesen Sie diese und zahlreiche weitere Geschichten jetzt in der ramp #57 »Geht's noch?«


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