Lang geschätzte Werte: IWC-CEO Christoph Grainger-Herr im Gespräch

Für Christoph Grainger-Herr, CEO der Uhrenmanufaktur IWC Schaffhausen, ist Nachhaltigkeit weitaus mehr als eine flüchtige Modeerscheinung, wie er uns erzählte. Passenderweise sprach ramp Chefredakteur Michael Köckritz mit ihm auch über die Farbe Grün und die Bedeutung der Uhr, die wiederum etwas mit Langlebigkeit zu tun hat.
Text Michael Köckritz
Bild IWC

Herr Grainger-Herr, stimmt die Geschichte, dass Sie als Kind Ihren Plüsch-Bernhardiner »Patek« nannten?
Ja, das stimmt. Mein Vater erfüllte sich irgendwann in den Achtzigerjahren seinen Lebenstraum, eine Nautilus. Ich war damals so fünf oder sechs Jahre alt. Wir waren bei einem Juwelier in Bern und ich habe geduldig gewartet und die Uhren angeguckt. Wahrscheinlich gar nicht so lang, aber für mich fühlte es sich wie ein ganzer Tag an. Als Dank dafür habe ich dann den Bernhardiner von einem Tourismusstand bekommen und ihn Patek genannt. Es gibt ihn immer noch, meine Tochter hat ihn.

Hat die Begeisterung Ihres Vaters auch Ihren Berufswunsch geprägt?
Den Berufswunsch nicht, aber die Affinität für kleine mechanische Produkte habe ich von ihm. Während eines Praktikumsjahres an der Uni konnte ich in London bei Paff Design arbeiten. Im Rahmen eines Projekts für den königlichen Lieferanten für Manschettenknöpfe und Herrenaccessoires habe ich bemerkt, dass mir diese sehr technische Retail-Umgebung für Uhren und Schmuck, bei der es um Beleuchtungstechnik und edle Materialien geht, sehr viel Freude bereitet. Später kam mir der Zufall zu Hilfe, ich habe in Zürich als Innenarchitekt gearbeitet und erhielt einen Anruf mit dem Angebot, mich für das Museum von IWC zu bewerben.

Sie haben gesagt: »Im Gegensatz zum Smartphone lässt mich die Uhr in Ruhe.« Wie wichtig ist Ruhe in dieser Zeit – generell und für Sie persönlich?
Für mich ist Ruhe sehr relevant, ich brauche sie zum Denken. Heute leben wir in einer Zeit, die von einer Flut an Reizen geprägt ist, das ist für mich ein Kreativitätskiller. Was ich aus meiner Kindheit kenne und bei meinen Kindern beobachte: Um wirklich kreativ zu werden, muss einem fast langweilig sein. Das meine ich in einem positiven Sinne. Ideen brauchen Freiraum, ein bisschen Stille und vor allen Dingen den Wegfall von äußeren Reizen.

Wie geht eine Uhrenmarke in dieser schnelllebigen Zeit mit Trends und Moden um?
Keiner ist frei von Trends. Bei der Entwicklung von mechanischen Uhren der letzten zwanzig Jahre sind Trends vollumfänglich abgebildet. Wir haben keine Scheuklappen auf und behaupten auch nicht, dass unsere Produkte unverändert bleiben müssen. Es geht eher darum, diese Strömungen in der Balance mit dem zeitlosen Kern einer Marke zu verarbeiten. Nehmen wir mal unsere neue Pilots-Kollektion, da gibt es Produkte wie unseren Fliegerchronographen, der sich innerhalb seiner Produkt-DNA zeitlos ergonomisch weiterentwickelt. Diese Entwicklung gehört zu den langfristigen Trends. Ein mittelfristiger Trend ist die Farbe Grün. Der Blau-Trend kam in den frühen Zweitausendern, und heute ist Blau noch immer die dominante Sportuhrenfarbe. Aber wir sehen, dass Grün bei den Kunden, auch bei den Erstkäufern, wirklich ein Thema wird. Mittelfristige Farbtrends werden in den Produkten reflektiert.

Dann hätten wir noch die sich verändernde Größe.
Genau. Die Portugieser in den Zwanzigerjahren mit vierzig Millimetern war eine Riesenuhr. Uhren wurden dann kleiner, wieder größer, in den frühen Zweitausendern hatten wir 48 oder 50 Millimeter. Heute haben wir ein gemischteres Größenportfolio um einen Sweetspot von 41, 42 Millimetern.

»Keiner ist frei von Trends. Bei der Entwicklung von mechanischen Uhren der letzten zwanzig Jahre sind Trends vollumfänglich abgebildet. Wir haben keine Scheuklappen auf und behaupten auch nicht, dass unsere Produkte unverändert bleiben müssen. Es geht eher darum, diese Strömungen in der Balance mit dem zeitlosen Kern einer Marke zu verarbeiten.«

Und wie steht es um die Bedeutung der Uhr selbst?
Wir haben das Pech und das Glück, dass wir unsere große Disruption als Uhrenindustrie während der Quarzkrise der 1970er- und 1980er-Jahre erlebten. Das führte damals dazu, dass sich die Uhrmacherei neu erfand. Als wir 1985 mit der Da Vinci und dem ewigen Kalender von Kurt Klaus kamen, war es das komplette Gegenprogramm zur simplen, billigen Quarzuhr. Dahinter stand die Frage, was Uhrmacherei können muss. In dieser Zeit wurde diese Passion für uhrmacherisches Können wieder neu entdeckt. Heute sehen wir, dass die Uhr nach wie vor einen riesigen Stellenwert hat, weil es ein sehr emotionales, langlebiges und nachhaltiges Produkt ist. Dazu kann eine Uhr relativ viel über eine Lebenshaltung, über Werte und über Vorlieben aussagen. Ein Auto oder Flugzeug lässt man auch mal stehen. Die Uhr dagegen trage ich auf der Haut, am Körper.

Sie haben schon den Punkt Nachhaltigkeit angesprochen. Welche Rolle spielt das Thema?
Eine sehr große, und zwar schon seit dem ersten Tag. Florentine Ariosto Jones gründete 1868 eine Manufaktur, die hochwertige und langlebige Produkte herstellte und die von der Wasserkraft des Rheins angetrieben wurde. Wir bekommen auch heute unsere Kraft aus dem Rhein, jetzt natürlich über Wasserkraftstrom, nicht mehr direkt über die Übertragungsriemen von Mühlen im Wasser. Aber die Energiequelle ist über 153 Jahre hinweg die gleiche geblieben. Unsere Kunden frage ich gern, wie viele Industrien es heute noch gibt, bei denen man auch nach über 150 Jahren an dem Standort Schaffhausen in der Schweiz jeden Produktionsschritt sehen kann. Was dazukommt: Unsere Produkte werden im Zuge ihrer Entstehung nicht rund um den Erdball transportiert. Und am Ende ist ihr einziger Energieinput die Bewegung meines Handgelenks oder der Finger beim Aufziehen der Uhr. Wir stellen ein Produkt her, das über Generationen weitergegeben werden kann und an dem Menschen sehr lange ihre Freude haben. Unser Produkt muss nicht recycel- oder kompostierbar sein. Wir stellen ein Produkt für vier Generationen her, das einen sehr kleinen ökologischen Footprint hinterlässt. Das ist unser Verständnis von Nachhaltigkeit in der Uhrenbranche.

»Ein Auto oder Flugzeug lässt man auch mal stehen. Die Uhr dagegen trage ich auf der Haut, am Körper.«

Christoph Grainger-Herr

Ist das für Sie auch zugleich Luxus?
Als Luxus kann man Dinge bezeichnen, die von hohem bleibenden Wert in hoher Qualität und bestem Design sind. Dinge, an denen man sich über Generationen hinweg erfreuen kann. Unser Luxus ist in eine lokale Handwerkskunst verpackt.

Wie könnte man das Lebensgefühl IWC beschreiben?
IWC stellt Uhren für Menschen her, die Freude an der Technik haben und die ihnen dazu ein Gefühl von Luxus und Ausdruck vermitteln. Unsere Produkte sind selbstbewusst, aber alles andere als diamantbesetzte, goldene Klunker. Sie haben eine technische Raffinesse und einen klaren puristischen Ausdruck. So passen sie zu einer aktiven, auch ein bisschen sportlichen Lebensgrundhaltung.

Das gesamte Interview mit Christoph Grainger-Herr lesen Sie in der aktuellen ramps #54.


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