Leo Plank: Eine Welt größer als zu Hause

Leo Plank hat als Stuntman nicht nur in Filmen wie »Resident Evil«, »Die Tribute von Panem« oder dem neuen »Matrix«-Film mitgearbeitet. Sondern ganz nebenbei auch noch das Snowboard miterfunden. Darüber wollten wir dann natürlich etwas mehr erfahren.
Text Michael Köckritz
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Herr Plank, wo kommen Sie gerade her?
Leo Plank: Aus der Kraftzentrale in Duisburg. Dort laufen gerade die Vorbereitungen für Florentina Holzinger, das ist eine Aktionskünstlerin aus Österreich. Ich habe die Tanten da unten ein bisschen versucht zu sortieren und Stunts oder Bewegungen kreiert. Allerdings sind es lauter Frauen.

Das heißt?
Die akzeptieren keine Männer. Keine Ahnung, warum ich dabei bin. Vielleicht, weil ich mich einen Teufel drum schere, was die da machen und was sie sind. Die schweben und rollen alle meistens irgendwo nackig herum, aber das scheint wichtig zu sein. Ihre Körperkunst ist sehr beliebt.

Das ist ja ein ziemlicher Kontrast zu Ihrer letzten Filmproduktion.
Ja, wir haben gerade »Matrix 4« beendet. Hier steht noch der Ford Bronco, der ist deswegen so zerschossen und aufgerissen, weil Keanu Reeves mit der Smith reingefeuert hat. Zwei Motorräder sind schon weg, mit denen Trinity gefahren ist.

Wie würden Sie jemandem, der Sie nicht kennt, erklären, wer Sie sind?
Also einmal bin ich ein Bauernjunge aus Österreich. Genauer gesagt Oberösterreich, in der Nähe von Linz Richtung Norden, Freistadt. Dort bin ich aufgewachsen, kaum Schule gemacht, schnell gearbeitet. Gas-Wasser-Scheiße gelernt und ab nach Lech am Arlberg. Mit 16 wurde ich dort Skilehrer. Wobei ich noch gar nicht fahren konnte. Meine Überzeugung war: Wenn ich Skilehrer werde und eine Ausbildung mache, dann gleich von Grund auf und richtig. Das ist das Schwierigste: Wenn man denkt, dass man etwas kann, nimmt man etwas anderes nur sehr schwer an. In jedem Fall landete ich dann in Lech und stellte dort fest: Die Welt ist größer als zu Hause. War zwar alles weiß und eintönig, aber viel interessanter. Aber ich kam keinen Schritt voran, weil ich als Österreicher niemanden verstand. Dort gab es nur hochdeutsche, englische, französische, spanische und arabische Möchtegern-Superreiche.

Und dann?
Na ja, ich hatte einen Schüler, der mit einem holzgeschnitzten Wellenreiterbrett unter dem Arm zu mir kam. Damit wollten wir im Schnee surfen, was nicht funktioniert hat. Einmal rutschte das Brett von oben nach unten bis in die Lech runter und hat fast jemanden erschlagen. Also haben wir Lederriemen drauf befestigt, um die Füße darauf zu halten. Und ein Jahr später kam er wieder, mit dem ersten Snowboard, das er selbst gebaut hatte. Mit Aluminium-Finnen und Bindungen für Skischuhe. Damit sind wir dann wieder gefahren. Das sah der Leiter der Ski-Schule und sagte: »Wenn ich Dich damit nochmal fahren sehe, bist Du gefeuert.« Wir fuhren dann heimlich, er erwischte uns wieder und meinte dann: »Hey, das musst Du nächstes Jahr unterrichten, sonst bist Du gefeuert.«

Sie haben das Snowboard miterfunden
Ja, das war der Beginn des Snowboards. Und der Schüler, das war Jake Burton, der von den Burton-Brettern. Ich habe dann die ersten Snowboardrennen veranstaltet, was für ziemliches Aufsehen sorgte und dazu führte, dass Firmen kamen und mit dem Snowboard Werbung machen wollten. Und daraus ergab sich mein Stuntman-Leben. Aus England kam ein Filmteam, die wollten eine Symbiose aus Wellenreiten und Snowboarden drehen – auf sechzehn Millimeter mit Holzstativen und Aufziehkameras, was in der Kälte und im Schnee auch sinnvoll war. Was nicht funktionierte, waren die Engländer. Die konnten nicht Ski fahren. Also haben wir sie überall huckepack hingefahren.

»Wir haben gerade ›Matrix 4‹ beendet. Hier steht noch der Bronco, der ist so zerschossen, weil Keanu reingefeuert hat.«

Wirklich?
Klar. Später habe ich dann für eine Frau Material für einen Film transportiert. Und weil ihr Auto kaputt war, sagte ich: »Gut, dann fahre ich Dich schnell nach Berlin, trinke einen Kaffee und fahre zurück.« Damals war es natürlich eine Tagesreise über die Transitstrecke. Rein und wieder raus war nicht möglich. Und weil ich in der Stadt erst mal gefangen war, sagte ich mir: »Wenn ich schon da bin, werde ich jetzt Stuntman.«

Das klingt so einfach. War es das?
Es gab ja kaum jemanden. Nur sogenannte Kaskadeure, Bühnenleute, die mit Schwertern herumgespielt haben und Filme mit Didi Hallervorden oder Loriot betreuten. Schimanski kam dann später. Gerd Grzesczak doubelte immer Schimanski, wenn er nicht mit den Worten »Mache ich selber, weg!« verscheucht wurde. Er durfte ihn aber nur so doublen, dass es keiner mitkriegt. Es war nicht so wie bei den Amis, die einen Stuntman haben, sondern man war immer der Versteckte, den man nicht will. Die Deutschen haben es nie kapiert. Irgendwann habe ich dann die Firma Buff Connection gegründet. Mit den Jungs habe ich dann sicher zehn oder zwölf Jahre lang diverse Filme gemacht. Wie »Resident Evil« mit Milla Jovovich.

Sie sind bei der Arbeit immer extrem ruhig und konzentriert.
Man muss immer ein bisschen künstliche Ruhe oder Coolness ausstrahlen. Der Kameramann oder der Regisseur haben eh genug zu tun und brauchen nicht noch jemand, der auch nervös oder unruhig ist. Es bringt viel, wenn man da ein bisschen Gelassenheit verströmt. Wenn ich die nicht mehr ausstrahle, hat das einen Grund. Wenn ich spüre oder sehe, dass falsche Gemütlichkeit einkehrt.

Improvisieren Sie auch?
Ich bekomme zum einen ja Vorgaben, was für Einstellungen oder Bilder man gerne hätte. Und zum anderen weiß ich sehr wohl, was meine Jungs mit meinen Fahrzeugen anstellen können. Das wissen manche Kameramänner oder Regisseure nicht und versuchen, ein Rad zu erfinden, das furchtbar eckig ist. Das lässt mich dann manchmal ein bisschen forsch werden – aber das kennen alle von mir. Und dann sind sie froh, wenn ich das eckige auf ein rundes oder vielleicht ovales Rad aufschraube und es wieder rollt. Aber man kann sich immer noch neue Varianten ausdenken, die etwas Besonderes sind. Ich habe eine interessante Konstruktion für Kamera­männer gebaut, die wollten, dass die Kamera »um das Auto kreist«. Das ist die Beschreibung dafür, dass sie in einem Film sahen, wie jemand auf einem Lamborghini einen Kran installiert hatte, der die Kamera beim Fahren rundherum dreht. Ich habe auch Kranzkonstruktionen gebaut, die ein Auto quasi abscannen. Und diese Aufbauten und Anbauten, die Kameraeinstellungen machen meine Arbeit und mein Leben interessant.

»Wenn ich keine Gelassenheit ausstrahle, dann weil ich sehe, dass falsche Gemütlichkeit einkehrt.«

Leo Plank

Würden Sie sich eher als Konstrukteur denn als Fahrer sehen?
Ja. Nein … auch. Man muss es sein, denn wenn man etwas nicht konstruieren oder sich nicht vorstellen kann, kann man damit nicht an den Mann gehen. Man muss den Mut zur Machbarkeit haben und das, was gar nicht immer möglich ist, möglich machen. Und dann noch mal eine Variante, damit es auch funktioniert.

Wird es auch mal gefährlich?
Natürlich, jeden Tag. Und zwar am ehesten, wenn du denkst, dass es am einfachsten ist. Das ist die gefährliche Komponente. Dass man an etwas rangeht, bei dem man sich sicher ist, dass man es sowieso jeden Tag macht. Es ist aber nicht jeden Tag das Gleiche. Und wenn es drei Mal so scheint. Ich spreche von der Leichtigkeit des Seins, die man nicht unterschätzen darf. Nicht die Schwierigkeiten, die man eh meistert und auf die man sich vorbereitet: Fliegen mir da die Reifen weg? Ist der Ast zu dünn, an den ich mich gerade hänge? Das kann ich alles bewerten. Das, was ich nicht bewerte, ist so etwas wie ein Zebrastreifen. Da gehe ich drüber, weil ich mich sicher fühle.

Können Sie uns eine Begebenheit erzählen, in der es brenzlig wurde?
Ja, das war an der Oberbaumbrücke in Berlin. Da bin ich aus dem sechsten Stock rausgesprungen. Dafür hatte ich eine Rampe gebaut, damit ich richtig schön weit rauskomme, von der Wand bis ins Wasser. Ich hatte ausgerechnet, dass ich sechs Meter schaffe und dann in einer Wassertiefe von zwei Metern lande. An der Stelle ist die Spree sauber, da ist kein Fahrrad und kein Motorrad und auch kein alter Weihnachtsbaum aus Plastik drin. Gut. Dann Kameras ab und ich laufe los. Und ich komme unten im Wasser an, mir bleibt die Luft weg und ich frage mich: Warum ist es so dunkel? Warum sehe ich nichts? Warum habe ich keine Luft? Warum sticht mein Sack so? Ich steckte bis zum Bauch im Schlick fest und kam nicht mehr hoch. Und die Taucher fanden mich nicht, weil ich beim Eintauchen und Rumpaddeln so viel Schlick aufgewirbelt habe. Da denkt man dann: Gut, das war es jetzt. Wenn ich das nächste Mal Luft hole, atme ich einen Schluck Wasser.

Wer hat Sie gerettet?
Ein Taucher hat mich im Vorbeitauchen im Blindflug gepackt und nach oben gezogen. Und mit dem letzten Zucker bin ich hochgekommen und bekam wieder Luft. Und das Erste, was von der Oberbaumbrücke in meine Richtung runterbrüllte, kam von Werner Masten, Regisseur und auch Österreicher: »Du scheiß Österreicher! Brauchst Dich nicht auf meinem Set umbringen. Wir machen es noch mal.«

Gab es vergleichbare Erlebnisse auch mit Auto?
Ja, die Aufgabe war in dem Fall: Die dummen Polizisten verfolgen mit zwei Autos auf der Autobahn Autodiebe. Die Diebe fahren einen Auto­transporter, laden während der Fahrt Autos ab, vorwärts, rückwärts, klauen die Autos quasi beim Fahren. Die Polizisten hinterher, die Diebe bekommen es mit, der Autotransporter kommt zum Stehen, die Rampe ist noch unten und ein Polizeiauto rauscht oben auf den Abschlepper – und landet dann schließlich auf dem Dach des anderen Polizeiautos – das fuhr ich. Das konnte man schlecht probieren. Wir sind immer nur nebeneinander gefahren. Und ich habe halt immer überlegt: Okay, wenn ich reinschleudere, brauche ich eine Viertelsekunde länger. Also muss ich ein bisschen weiter vorne sein, weil ich einlenken und einbremsen muss. Der andere Fahrer musste ja genau auf mein Dach kommen. Schließlich standen wir nebeneinander auf der Anfahrt, alle fünf, sechs, sieben, acht Kameras laufen. Und dann stotterte der Motor des anderen Polizeifahrzeugs. Ich rief ihm dann durch das Autofenster zu: »Hey, es gibt jetzt keinen Abbruch, die Kameras laufen. Also schau, dass Du auf 80 kommst, sonst schaffen wir den Sprung nicht.« Wir fahren also los, sein Motor stottert noch mehr, und wir waren erst auf Tempo 60. Der andere hat dann richtig Vollgas gegeben, als ich neben dem Abschlepper war, die Rampe war ungefähr 35 Meter lang, die hatten wir künstlich verlängert. Also musste ich noch gut 35 Meter Gas geben, weil ich ihn ja erwischen musste. Und habe in dem Moment nur dran gedacht: Ich muss schneller sein.

Das gesamte Interview mit Leo Plank lesen Sie in der aktuellen ramp #52.


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