Manchmal sollte man sich lieber Nudeln als Sorgen machen

Sicherheit - Ein sehr präsentes Thema. Wir möchten am besten alles schützen. Unsere Familien, unser Eigentum, unsere Autos. Tobias Riedel und Dr. Marko Häckel haben eine Lösung gefunden, um diesen Schutz einfach zu erhöhen. Ein Interview aus der Sicht von Experten gegen das Verbrechen.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Spexor ist ein mobiler Gefahrenwarner, der Einbrüche in unterschiedlichen Umgebungen erkennt. Viele Menschen fühlen sich unsicher, wenn sie ihr Fahrzeug parken oder ein paar Tage ihre Wohnung verlassen. Mit dem mobilen Alarmgerät soll genau dieses Gefühl der Unsicherheit behoben werden, ohne aufwendige Alarmanlagen einbauen zu müssen. Spexor ist kleiner als eine Alexa und lässt sich im Grunde überall mithinnehmen. Wir haben mit den beiden Köpfen hinter spexor gesprochen.

Wie kam es zu dieser Idee?
Tobias: Als ich mich eines morgens in mein Auto setzte, fand ich einen gelben Seitenschneider auf meinem Beifahrersitz. Ich dachte mir dabei nur so, komisch sowas besitze ich doch eigentlich nicht. Was ich aber dafür nicht fand war, mein Navigationsgerät, mein Lenkrad und meine hintere Scheibe.

Marko: Kurz danach erzählte Tobias mir von seinem Schrecken. Daraufhin dachten wir, genauer: Tobias, es muss doch mit den ganzen Sensoren, die Bosch anbietet, irgendwas kleines handliches und mobiles geben. So der erste Gedanke von uns.

Was versteht ihr persönlich unter dem Thema Sicherheit? Was habt ihr für ein Sicherheitsverständnis?
Tobias: Ich bin ja hier der Ingenieur der Gruppe. Bei denen ist das ja immer irgendwie mehr eine Minimierung von Risiko. Also je weiter ich irgendein Risiko drücken kann, desto besser wird es mit der Sicherheit.

Marko: Ansonsten ist Sicherheit natürlich eine sehr individuelle Sache. Ich persönlich bezeichne mich jetzt nicht als Sicherheitsfanatiker. Trotzdem ist mir viel daran gelegen, die Dinge, die ich mit einfachen Mitteln schützen kann, dann auch zu schützen.

Ist bei euch im Laufe der Zeit das Sicherheitsgefühl in Deutschland für euch und eure Familien größer geworden? Oder habt ihr den Eindruck, es ist gefährlicher geworden?
Marko: Ich habe nicht den Eindruck, dass es grundsätzlich gefährlicher geworden ist in Deutschland. Das Sicherheitsgefühl oder das Bedürfnis danach ist trotzdem gewachsen. In jüngeren Jahren war die Risikobereitschaft größer. Dinge, die ich mit 18 Jahren getan habe, würde ich heute nicht mehr tun. Von daher ist das eine Frage der Lebensphase, denke ich.

Tobias: Mir geht es ähnlich. Obwohl man mir mein Auto aufgebrochen hat, habe ich jetzt nicht das Gefühl, dass ich in Unsicherheit lebe.

»Als ich mich eines morgens in mein Auto setzte, fand ich einen gelben Seitenschneider auf meinem Beifahrersitz. Was ich dafür nicht fand war, mein Navigationsgerät, mein Lenkrad und meine hintere Scheibe.«

Wie ist denn das globale Empfinden der Leute? Gibt es da Marktunterschiede, die ihr irgendwie festmachen könnt?
Marko: Es gibt da den sogenannten Uncertainty Avoidance Index, der beschreibt das Sicherheitsbedürfnis oder das Bedürfnis, Unsicherheit zu vermeiden. Das haben wir uns natürlich angeschaut, als wir Marktbetrachtungen gemacht haben, da dieser Index für ganze Länder erhoben worden ist

Ist das gleichbedeutend mit der Angst, die eine Gesellschaft empfindet?
Marko: Ja, das korreliert in gewissermaßen, ist aber kein direkter Zusammenhang. Es ist mehr die Sozialisierung, wie gut kann ich als Gesellschaft oder als Individuum in einer Gesellschaft mit Unsicherheit umgehen.

Vom ingeniösen Standpunkt aus betrachtet, etwas wie der Film Minority Report, ist das ein Ideal, dass man irgendwo anstrebt?
Tobias: Der Film, in dem sie die Verbrechen schon im Voraus verhindern?

Ja, genau.
Tobias: Ich meine, du sprichst ingeniös an. Ingenieure träumen ja immer irgendwie von der Weltherrschaft in irgendeiner Form. Es ist schon eine ziemlich große Vision. Aber natürlich wäre es schön, man könnte gewisse Dinge vorhersagen. Indem man gewisse Fakten hätte, wo man zum Beispiel seinen 911 parken sollte und wo lieber nicht. Es gibt Länder, da kann man diese Vision leichter umsetzen als in anderen. Das hat viel mit der Form der Datenverarbeitung zu tun. Und das ist in Deutschland etwas komplizierter.

Inwiefern helfen diese großen Datenmengen, um solche Hochrechnungen oder Sicherheits-Features zu verbessern?
Tobias: Daten sind mit Sicherheit der Schlüssel, um präventiv wirken zu können. Die Daten werden nicht nur gesammelt, es geht darum, die Daten in eine gewisse Logik zu bringen. Gewisse Kontextinformationen zu sammeln und daraus dann irgendwann mal einen Mehrwert zu generieren.

Marko: Es gibt derartige Ansätze, datenbasiert Verbrechen de facto vorherzusagen - Predictive policing. Vor allem – wo auch sonst - sind die USA dort aktiv. Die Datenlage ist ja besser (lacht). , Dort werden im Prinzip historische Kriminalitätsdaten so aufbereitet, dass Prognosen möglich sind oder sein sollen. Auch In Deutschland gibt es Ansätze, um so Kriminalitätsschwerpunkte besser zu erfassen.

»So ein bisschen James Bond haben wir drin. Das Geheimste was wir machen, ist, dass wir Standardsensorik kombinieren.«

Anderes Thema: Ein Start-Up Unternehmen aufzuziehen, ist eine Herausforderung. Wie geht ihr es an?
Tobias: Ein Start-Up ist in meinen Augen viel fokussierter als manch andere Bereiche. Wir sind vier Leute im Team. Daher gilt vom ersten Tag an hart zu forcieren. Das ist auch die Schwierigkeit, die manche Start-ups haben - sich vom ersten Tag an der großen Verantwortung bewusst zu machen, sich auf ein Ziel einzuschießen und das dann auch konsequent zu verfolgen.

Was habt ihr für euch im Zusammenhang mitspexor gelernt?
Marko: Ich hatte in meiner Vor-Bosch-Zeit schon einmal zwei Start-Ups mitgegründet. Von daher, würde ich mal behaupten, ist die Arbeitsweise nicht sehr neu für mich gewesen. Für mich persönlich war eher die Arbeitsweise als sog. Corporate Start-Up neu, also ein Start-Up innerhalb eines Konzerns. Und neu war für mich, dass wir als „dynamisches Duo mit langen Haaren“ das Team führen dürfen. Die Energie und Spannung aus dieser engen Zusammenarbeit haben wir – denke ich – sehr gut für die Produktentwicklung nutzen können. Wir fordern uns gegenseitig heraus, stellen Dinge in Frage, machen schneller oder kleinere Fehler - und damit wird es am Ende oft besser. Das gilt für alle im Team. Und damit sparen wir auch Geld für Coaches oder Berater – vieles machen wir selbst.

Wie habt ihr zusammengefunden?
Tobias: Auf Tinder (lacht).

Und beide haben nach rechts gewischt?
Tobias: Genau. Dann haben wir gesagt: Komm, lass uns doch mal ein Start-Up gründen.

Marko: Ein Gründer-Tinder wäre eine Idee. Aber eigentlich waren beide vorher an einem anderen Standort in einem Team zum automatisierten Fahren. So haben wir uns kennengelernt. Ansonsten rennen sich Westfalen und Schwaben nicht so häufig über den Weg.

Wieso heißt spexor überhaupt spexor?
Marko: Die Altphilologen unter uns wissen natürlich: Das kommt vom lateinischen „spectare“. Es bedeutet beobachten und analysieren. Wir hatten eine sehr lange Findungsphase mit unserer zentralen Abteilung für Patent- und Markenschutz, welchen Namen wir nehmen können und hatten viele Namen vor spexor. Gestartet sind wir
mal bei Security Egg.

Tobias: Dann kam Connected Egg. Bei vielen der Namen, gab es dann auf anderen Sprachen ganz andere Bedeutungen. So sind wir dann bei spexor gelandet.

Welche Technologien aus anderen Feldern werden bei spexor zusammengeführt? Wie kann man sich das vorstellen?
Tobias: Na ja, so ein bisschen James Bond haben wir drin. Das Geheimste was wir machen, ist, dass wir Standardsensorik kombinieren. Wir sind auch schon im Aufbau unserer nächsten Generation, in der wir auch Al-Chips verwenden möchten. Hier arbeiten wir mit künstlicher Intelligenz. Man kann sich das vorstellen wie ein Smartphone -nur noch ein bisschen komplexer. Außerdem ist durch die aktuelle Lage das Thema lüften präsenter denn je. Deshalb arbeit wir daran, die Messung der Luftqualität noch in diesem Jahr per Software-Update verfügbar zu machen.

Ist spexor heute der Ausgangspunkt, von dem eine Reise startet? Und wenn ja, wo soll diese Reise hinführen?
Marko: Mit der uns eigenen Demut und Bescheidenheit streben wir den weltweiten Kreuzzug an. Das ist also der Anfang von deutlich mehr. Wir haben Dutzende Ideen, wie wir die spexor-Idee weiterentwickeln können.

Auf der anderen Seite schlafen natürlich auch die Verbrecher nicht und entwickeln sich weiter.
Tobias: Richtig. Die Reise im Bereich der Sicherheitstechnik ist nie vorbei. Wir müssen uns genauso weiterentwickeln, wie diejenigen, die das Gerät überlisten wollen. Wir haben deshalb auch Hacker auf unser Gerät angesetzt und geschaut, was die mit unserem Gerät und mit der Software so machen.

Marko: Genau, das ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Und noch interessanter wird es, was man mit der Software alles ändern kann. Wenn wir verschiedene Umgebungen erstmal analysiert haben und Routinen gefunden haben, sodass man das noch weiter optimieren kann.

Das heißt, wie beim Handy, gibt es auch bei spexor regelmäßige Softwareupdates?
Tobias: Richtig, eine gewisse Analogie zum Handy ist da. Du bekommst die Software über Updates auf dein Gerät.

Mit welchen Verbrechenstrends beschäftigt ihr euch gerade? Ist es tatsächlich mehr die Cyber-Kriminalität oder ist es noch das klassische Brecheisen?
Tobias: Auf der einen Seite müssen wir immer im Auge behalten, wie, wo, wann werden Fahrzeug beispielweise aufgebrochen. Das ist immer wichtig. Auch ob die die Scheibe eingeschlagen oder die Tür geöffnet wird. Letzten Endes wollen wir auch ein Stück weit lernen, auf welche Geräusche wir hören müssen. Das andere das uns umtreibt, ist Cyberhacking. Wir müssen immer wieder sicherstellen, dass nicht irgendjemand unserer Geräte hacken kann.

Standet ihr bei der Entwicklung in Kontakt mit der Polizei?
Marko: Ja, wir haben mit zwei Landeskriminalämtern gesprochen. Es gibt auch da eine bundesweite Koordination für Autoeinbrüche. Zusätzlich haben wir uns natürlich mit den Polizisten ausgetauscht. Und das haben wir dann auch versucht entsprechend zu berücksichtigen.

Waren überraschende Punkte für euch dabei, mit denen ihr überhaupt nicht gerechnet hattet?
Tobias: Für mich war es überraschend, das Ausmaß des Fahrzeugteilediebstahls zu sehen. Es sind nicht mal so viele Fahrzeugtotalentwendungen. Auf Bestellung werden Navigationskonsolen geklaut und diese werden dann irgendwo abgeliefert. Die Verbrecher wissen gar nicht, wem sie das liefern. Diese Teile werden dann in ganzen Flugzeughangars gebunkert. Ich finde es schon frappierend, mit welcher Professionalität die Banden vorgehen.

Marko: Damit die Polizei die Chance hat, die Verbrecher zu fassen, wäre auch eine Alarmanlage interessant, die keinen Laut von sich gibt. Heutzutage schreckt kaum jemand auf, wenn die Alarmanlage eines Autos aufheult.

Die Alarmanlage vom Auto schlägt an, aber die Verbrecher schrecken nicht zurück
Tobias: Wenn die Alarmanlage losgeht, dann wird die Scheibe voll eingeschlagen, bis die Verbrecher eine Handtasche oder was auch immer wirklich haben. Das hängt natürlich auch vom Umfeld ab.

Marko: Was abschreckend wirkt, dass sagte der Kollege auch, wenn es innen im Auto laut ist.

Das heißt, wenn im Grunde die Musikanlage voll aufgedreht werden würde, dann würde der Dieb zurückschrecken?
Marko: Das hängt auch von der Musik ab (lacht). Aber ja, das kann abschrecken. Das war für uns auch ein Grund, warum wir gesagt haben, bei spexor ist eben diese Alarmierung auf dem Smartphone entscheidend. Unser Gerät macht optional Alarm im Inneren des Fahrzeuges, wichtiger aber ist, dass der Besitzer eine Nachricht auf sein Smartphone bekommt und schnell reagieren kann, indem z.B. die Polizei gerufen wird.

→ Mehr Informationen:

www.spexor-bosch.com


Letzte Beiträge

Jetzt erhältlich: ramp #51 - Sex, Cars & Chocolate

Die Anregung für diesen Titel? Kam aus dem Bücherregal. Und wenn ein Buch den Titel »Sex und Kunst und Schokolade« hat, können wir einfach nicht widerstehen.

Motorsport der Zukunft: So entstanden die Science-Fiction-Poster.

Wie wird Motorsport in 100 Jahren aussehen? Das Designbüro Automobilist beantwortete diese Frage mit einer originellen Poster-Serie, inspiriert von der erfolgreichen Porsche Motorsport-Historie. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen und zeigen, wie viel harte Arbeit, Leidenschaft und Präzision in diesen Werken steckt.

Zwischen Mythos, Kult, Respekt: Le Mans-Sieger unter sich

Der 917 war das erste Fahrzeug, mit dem Porsche den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans holte, der 919 Hybrid das vorerst letzte. Wir trafen die Helden – natürlich auch jene, die hinter dem Steuer saßen. Ein Gespräch mit den Rennfahrer-Legenden Hans Herrmann und Timo Bernhard. Über wunderbare wie widerspenstige Autos, Teamwork auf der Rennstrecke und was man – nicht nur – von der Großmutter lernen kann.

Maserati MC20: Emotion trifft Innovation

Der Dreizack sticht wieder: Nach mehr als einem Jahrzehnt ohne echten Supersportwagen zeigt Maserati den MC20. Und führt mit dem scharfen Coupé nicht nur die eigene und große Historie ins Jahr 2020, sondern bringt auch italienische Emotion und technische Innovation in Einklang.