Matteo Cassina: The Ride of a Lifetime

Matteo Cassina war im Bankgewerbe tätig und saß bis zu 250 Tage im Jahr im Flugzeug. Dann machte er eine Vollbremsung, übernahm das britische Fahrrad-Magazin »Rouleur« und die sehr edle Radmarke Passoni. Was man sofort merkt, wenn man mit ihm spricht: Matteo Cassina ist angekommen.
Text Michael Köckritz
Bild Rouleur

Herr Cassina, sind Sie heute schon Rad gefahren?
Ja, klar. Nach Monaten des Lockdowns habe ich es heute endlich geschafft, mit meinem neuen Gravel-Titan-Bike auf den Splügenpass zu fahren. Da war ich als Kind im Sommer und versuche heute, dort die meiste Freizeit zu verbringen. Ich hatte sehr viel Glück und konnte auch eine komplette Skitour hoch zum Piz Tambo machen. Das war eine wunderbare Möglichkeit, die Lockerungen in Italien und die Ankunft der Königsetappe der Giro in Madesimo zu feiern.

Sie haben schon Ihre Kindheit erwähnt: Wo beginnt Ihre persönliche Fahrrad-Geschichte?
Bei mir war es so, dass ich mich ins Rad verliebte, weil es mir Freiheit schenkte. Ich konnte meine Umgebung erkunden, ohne meine Eltern zu bitten, mich irgendwohin zu fahren. Mit sechs Jahren bin ich schon alleine zur Schule gefahren, mit 14 bin ich bis zu unserem Familienhaus in den Alpen geradelt – und der Radius wurde ständig größer. Meine liebsten Erinnerungen sind die an meine Freunde auf dem Rad, an das BMX-Fahren und ins Schwimmbad springen, MTB-Fahren und der erste Schnee, mein erstes Fahrrad mit dem Rennlenker … und der Moment, in dem ich in eine sich öffnende Tür fuhr. Was nicht die beste Art ist, sich an die erste Fahrt auf einem Rennrad zu erinnern – am Ende wurde die Wunde auf der Stirn mit sechs Stichen genäht. Zum Glück war es der einzige Unfall, den ich bisher auf einem Fahrrad hatte.

Aber Radfahren ist und bleibt die liebste Sportart?
Nein. Klar liebe ich meine Fahrräder und ich bin ein Objekt-Fetischist, aber mein Lieblingssport ist immer noch das Rudern auf der Themse, das habe ich lange täglich ein bis zwei Mal gemacht. Heute fahre ich vier bis fünf Mal pro Woche Indoor und am Wochenende auf der Straße. Jedes Rad, das ich besitze, ist etwas Besonderes, ich habe zu jedem eine besondere Verbindung. Ich fahre gern Passoni, aber auch meine anderen alten Räder von anderen Kult-Herstellern – die meisten natürlich Italiener!

Können Sie uns diese besondere Verbindung zum Rad erklären?
Es gibt drei verschiedene Dimensionen meiner Leidenschaft. Einmal bin ich Fan. Ich bin damit aufgewachsen, den Giro, die Tour und La Vuelta zu sehen, und natürlich inspirierten mich die Helden des Sports. Zweitens bin ich wie gesagt Objekt-Fetischist. Wenn meine Räder nicht auf der Straße sind, leben sie mit mir in meinem Haus. Ich kann drei Stunden damit verbringen, sie einfach nur anzustarren und neue Details zu entdecken. Und schließlich kommt noch die letzte Dimension dazu: Es ist einfach meine liebste Freizeitbeschäftigung, einen Tag mit Freunden und Familie am Comer See entlangzufahren, wo ich aufgewachsen bin.

»Heute fahre ich vier bis fünf Mal pro Woche Indoor und am Wochenende auf der Straße. Jedes Rad, das ich besitze, ist etwas Besonderes, ich habe zu jedem eine besondere Verbindung.«

Matteo Cassina

Credit: Pauline Ballet

Was glauben Sie, wohin sich das Fahrrad entwickelt? Es ist ja nicht mehr nur Sportgerät oder Fortbewegungsmittel, sondern Stil- und Statussymbol.
Jetzt bei den Elektrofahrrädern kann man beobachten, dass sie das Autofahrten ersetzen werden – sowohl in Schwellen- als auch in entwickelten Ländern. Es heißt ja, dass Radfahren das neue Golfen sei, aber meiner Ansicht nach ist diese Analogie falsch, weil Fahrräder für alle da sind und es kein elitärer Sport sein sollte. Ist schon klar, dass diese Antwort etwas seltsam wirkt, wenn sie vom Besitzer einer der teuersten Fahrradfirmen der Welt kommt.

Gutes Stichwort. Sprechen wir über Rouleur! Können Sie uns erst einmal verraten, wofür der Begriff steht?
Im Radsportist der Rouleur ein Allrounder, der die meisten Streckenarten gut beherrscht. Ein Rouleur arbeitet oft als Domestik (Anm. d. Red.: Mannschaftsfahrer), der seinen Kapitän, einen Sprinter oder Bergfahrer unterstützt.

Und wofür steht das Magazin?
Das feiert den Radsport in all seinen Ausprägungen.

»Es heißt ja, dass Radfahren das neue Golfen sei, aber meiner Ansicht nach ist die Analogie falsch, weil Fahrräder für alle da sind und es kein elitärer Sport sein sollte.«

Matteo Cassina

Wie kamen Sie denn zu »Rouleur«?
Simon Mottram, der Gründer und CEO der Lifestylemarke Rapha, gründete das Magazin vor 13 Jahren zusammen mit Guy Andrews. Ich habe dann vor fünf Jahren in das Unternehmen investiert. Und am Vorabend der Pandemie, im Januar 2020, beschloss ich, das Geschäft zu übernehmen. Vielleicht nicht das beste Timing – aber hey, wann ist das schon? Wir haben uns zusammengerauft und es zum Laufen gebracht – im großen Stil.

Wie hat sich das Magazin über die Jahre verändert?
In den ersten hundert Ausgaben feierte »Rouleur« das Vermächtnis des Radsports und es wurden viele längst vergessene Geschichten gebracht. Dann beschlossen wir, ein breiteres Publikum anzusprechen: Dabei reichten die Themen von der Depression eines Fahrers, der sich zur Ruhe setzt, dem Kampf einer Radfahrerin, vom Sport zu leben, über Diskriminierung im Radsport bis hin zu den wunderbaren Geschichten über illustre Unternehmer, über Essen, Regionen, Rennen und Champions – aber nicht nur die der Vergangenheit.



Matteo Cassina studierte Wirtschaft an der Universität Pavia und ging danach nach Argentinien zu der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen. In den folgenden Jahren war er bei Goldman Sachs, Citadel und der Saxo Bank tätig, heute gilt Cassina als einer der Pioniere der Digitalisierung von Finanzdienstleistungen. 2012 kaufte Cassina den Luxusradhersteller Passoni, 2016 investierte er in Zwift, eine Online-Plattform für Rad- und Lauftraining, dazu kaufte er die britische Sportbekleidungsmarke Ashmei und das hochkarätige Magazin »Rouleur«. »Verleger zu sein«, sagt Cassina, »macht mich superstolz.«



Aber »Rouleur« ist mehr als nur ein Magazin?
Im Kern ist es ein Bookazine oder Mook – ein Hybrid zwischen einem Magazin und einem Buch, wenn man so will, das in drei Sprachen erscheint und an Abonnenten in über 60 Ländern versendet wird. Aber wir sind auch ein digitales Unternehmen, verschicken unseren Newsletter wöchentlich über eine Million Mal, es gibt einen Podcast und einen Videokanal. Und in Zukunft wollen wir, dass […]

Das gesamte Interview mit Matteo Cassina und mehr zu Rouleur lesen Sie in der aktuellen ramp #54.


ramp shop


Letzte Beiträge

Goodwood Forever

Bilder vom legendären Goodwood Revival füllen gerade wieder die sozialen Medien. Mit neu entdeckten alten Autos, bekannten Akteuren und ganz viel Style. Und wir? Zeigen die Historie des einzigartigen Treffens in ungesehener Weise - nämlich als Comic.

Goodwood Revival – Der ramp Style Guide

Jedes Jahr im September trifft sich die Elite der Vintage-Car-Fans auf der Spielwiese des Earls of March zum “Goodwood Revival”. Beim Festival an der historischen Rennstrecke gehört es zum guten Ton, dass man sich im zeitgenössisch entsprechenden Stil des mitgebrachten Fahrzeugs kleidet. Unser Style-Guide zum Event am Wochenende.

Tief im Westen

Natürlich hätten wir über diese Geschichte auch »Hömma« schreiben können. Weil sie uns ins Ruhrgebiet führt, eine Region, die sich komplett neu erfand, ohne ihre Historie zu verleugnen. Aber natürlich auch, weil das Motorrad eine Harley-Davidson Sportster S war.

Der Columbo-Effekt

Am Montag erscheint die rampstyle #23 am Kiosk. Der Titel: »Ich. Mal wieder.« Stellt sich dann eigentlich nur noch die Frage, wie man sich diesem »Ich« überhaupt und ideal annähert. Wir empfehlen grundsätzlich eine entspannte Kombination aus zwei Strategien.