Merz. b. Schwanen, oder: der Stoff, aus dem die Träume sind

In der Modebranche gibt es keine Märchen. Es gibt Erfolgsdruck. Pleiten. Massenproduktion. Und manchmal eine Ausnahme wie »Merz b. Schwanen«.
Text Wiebke Brauer
Bild Merz B. Schwanen

Es war einmal ein altes Hemd. Damit fängt die Geschichte an. Und diese Geschichte – und hier beginnt ein wirklich sehr, sehr langer Satz – kann in einer Welt, in der die Textilhersteller aufgrund von immer schneller auf den Markt geworfenen Trends ächzen, Designer unter dem Produktionsdruck das Handtuch werfen, Fast-Fashion zum Fluch geworden ist und sich immer mehr Menschen nach Kleidungsstücken sehnen, die nicht nur in Zukunft lange halten, sondern auch eine Vergangenheit haben, gar nicht oft genug erzählt werden.

Das alte Hemd wird von einem Mann im Jahre 2010 auf einem Flohmarkt gefunden. Er streicht mit der Hand über den Stoff und bewundert die Verarbeitung. Der Mann heißt Peter Plotnicki, ist Designer in Berlin, und bei dem Hemd handelt es sich genauer gesagt um einen ganzen Stapel von Knopfleistenhemden. Dick gewirkte Arbeiter-Unterwäsche. Die Hemden stammen aus Restbeständen der Textilfirma Merz. 1911 wurde sie von Balthasar Merz gegründet, in Tailfingen, einem Stadtteil von Albstadt bei Stuttgart. Aber das finden Plotnicki und seine Frau und Geschäftspartnerin Gitta erst später heraus. In der Region um Tailfingen waren einst viele hundert Textilbetriebe ansässig, dann wurde der Markt von billigen Produkten aus Asien geflutet. Die meisten Hersteller gaben auf. So auch das Familienunternehmen Merz beim Schwanen. 2008 war das.

Über 30 historische Original-Rundwirkmaschinen aus der Zeit von 1920 bis 1960 stehen da – unbenutzt, staubig, unversehrt.

Plotnickis Finger gleiten über ungefärbtes Baumwollgewebe, stoffüberzogene Wäscheknöpfe und mit verschiedenen Maschengrößen gestrickte Ärmelbündchen. Die Hemden haben Dreieckseinsätze unter dem Arm und sorgsam gewebte Textil­etiketten mit einem Schriftzug aus feinem Viskosegarn. Keine Seitennähte, was eine Besonderheit ist. »Das ganze Kleidungsstück hat mich begeistert«, sagt Plotnicki heute. Er vergisst das Hemd nicht wieder, sondern macht sich mit seiner Frau auf die Suche nach dem Fabrikanten. Auf den Hemden gibt es keine Marken-Etiketten wie heute, sondern lediglich die Beschreibungen des Stoffes. »Makro Imit« hilft nicht weiter, fündig werden sie trotzdem. Auf der Schwäbischen Alb treffen sie Rudolf Loder. Loder ist einer der letzten Textilhersteller in Albstadt. Und jetzt wird die Geschichte ein wenig seltsam – Loder weiß nicht nur, dass Plotnickis Fund von Merz beim Schwanen stammt, er besitzt auch die Maschinen, mit denen die Hemden hergestellt worden sind. Über 30 historische Original-Rundwirkmaschinen aus der Zeit von 1920 bis 1960 stehen da – unbenutzt, staubig, unversehrt. Loder übernahm sie von den früheren Inhabern seines Betriebs und behielt sie aus nostalgischen Gründen. Plotnicki sieht kein Museum. Er sieht eine Grundlage, um die Produktion neu zu starten.

Im Januar 2011 zeigt Merz b. Schwanen die erste neue Kollektion auf der Bread & Butter in Berlin. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Firma hundert Jahre alt wird. Ein bizarrer Zufall? Nie im Leben.

Danach geht es so schnell, dass man sich wundert. Plotnicki sagt heute, dass sie ja »zwei bekloppte Berliner waren, die versuchen, auf alten Maschinen wieder Hemden zu produzieren.« Aber alles findet sich auf wundersame Art. »Als wir uns einmal dazu entschieden hatten, sahen wir auch Dinge, die wir sonst nicht bemerkt hätten«, fügt seine Frau hinzu. Der Firmensitz wird nach Berlin verlegt, die Nachfahren von Balthasar Merz bieten Plotnicki den Markennamen an, Rentner werden für die Instandsetzung der Rundwirkmaschinen aus dem Ruhestand zur Hilfe geholt, weil sich sonst niemand mehr damit auskennt. Im Januar 2011 zeigt Merz b. Schwanen die erste neue Kollektion auf der Bread & Butter in Berlin. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Firma hundert Jahre alt wird. Ein bizarrer Zufall? Nie im Leben.

»Es war eine Form der Fügung«, sagt Peter Plotnicki. Man könnte es so nennen. Vielleicht auch Schicksal. In jedem Fall nähen sieben Jahre später zwei kleine Betriebe in Albstadt die Hemden und ein Baumwollweber liefert den Stoff für die Knopfleisten. Die eingenähten Etiketten stammen von einer kleinen Firma, die sie in Handarbeit auf alten Webstühlen fertigt. Ein nachhaltiges, haltbares und teures Produkt, in Deutschland hergestellt. Die Geschwindigkeit der betagten Maschinen geben den Takt der Produktion vor. Wobei man in diesem Fall nicht von Geschwindigkeit sprechen kann: Moderne Strickstühle schaffen 600 Kilo Stoff pro Tag, die alten Maschinen sechs Kilo. Peter Plotnicki: »Durch die Langsamkeit der Maschinen hat der Stoff eine besondere Beschaffenheit und außergewöhnliche Haptik.« Die Sachen verkaufen sich gut. Nicht nur in Berlin oder Hamburg, sondern auch in London, Tokio oder New York.

»Wir versuchen, das gute Jetzt zu leben.« – Peter Plotnicki

Dass die Firma schnöde auf der Vintage-Welle mitschwimmt, dagegen verwehrt er sich. »Wir profitieren vielleicht von einem veränderten Qualitätsbewusstsein der Käufer, aber das ist eine langfristige Entwicklung.« Und was heißt schon Vintage oder Retro? »Wir wollen ja nicht dogmatisch sein«, sagt Gitta Plotnicki. »Wir wollen das, was da ist, wertschätzen und weiterentwickeln.« Zudem sind beide der Ansicht, dass die ganze Firmengeschichte mit Nostalgie wenig zu tun hat, weil niemand wisse, ob die gute alte Zeit wirklich gut war. Sie erscheint uns nur sicherer, weil die Zukunft ungewiss ist. Was bleibt da noch? Der Augenblick. Peter Plotnicki formuliert es so: »Wir versuchen, das gute Jetzt zu leben.« Das klingt glücklich. Und das Glück, wie wir wissen, spielte in Märchen immer eine wichtige Rolle.


Letzte Beiträge

Seen: Der Porsche 904 Living Legend erwacht zum Leben

Unter dem Titel »Porsche Unseen« verankerte Porsche erst kürzlich bislang geheime Designstudien in unserem Bewusstsein. Für die rampstyle #22 träumten wir die Angelegenheit dann munter weiter und verankerten unsere Unseen-Favoriten wiederum erstmals in Geschichten und im echten Leben. Hier zeigen wir euch exklusives Making-of-Material des Porsche 904 Living Legend.

Another Day in Paradise: Till Brönner fotografiert Alvaro Soler

Ein Studio, zwei außergewöhnliche Musiker, einer davon ein richtig guter Fotograf. Und dann entdeckten Alvaro Soler und Till Brönner auch noch diesen Porsche 911 Targa in diesem Orange.

rampstyle #22 - Ich für mich

Was uns ausmacht? Letztlich ist es immer unsere Persönlichkeit. Dieses wunderbar schillernde und einzigartige Ich, mit dem wir uns und der Welt begegnen. So weit, so gut – aus der Sicht der anderen. Aber bleiben wir lieber bei uns selbst und widmen uns in dieser Ausgebe des Magazins den Fragen: »Wer will ich sein?« und »Wofür lohnt es sich zu leben?«

A Bigger Splash

David Hockney malte ihn, Regisseure wie François Ozon widmeten ihm ganze Filme – und auch viele Motive von Fotograf Tony Kelly entstanden am Swimming Pool. Aber nicht nur in der Popkultur ist der künstliche Ort der Ablühlung gefragt - auch an Tagen wie heute. Eine kleine Fallbetrachtung.