Metaverse & Morgen: Technik-Experte Peter Fintl im Gespräch

Auch wenn die diesjährige Consumer Electronics Show dieses Jahr etwas kleiner ausfiel – wer genau hinschaut, erkennt klare Tendenzen. So wie Peter Fintl von Capgemini Engineering. Darin spielen das Metaverse und Roboter eine zentrale Rolle.
Text Marko Knab
Bild Hyundai

Zuliefer- & Unterhaltungsfirmen die in die Automobilbranche drängen. Autofirmen die auf den Robotermarkt drängen. Abstrakte Begriffe wie das Metaverse, Milliardengeschäfte mit Non-Fungible-Token (NFT) – die gesamte Technikbranche ist gerade in Bewegung. Nicht weniger deutete sich zumindest auf der kürzlich stattgefundenen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas an. Sony beispielsweise präsentierte schon seine zweite Fahrzeugstudie, Hyundai widmete seinen Auftritt unter anderem seiner Robotik-Sparte von Boston Dynamics und dem bereits angesprochenen Metaverse. Wohin dabei die Entwicklung geht und was dabei die Chancen und Risiken sind? Peter Fintl, Director Technology and Innovation bei Capgemini Engineering, ordnet für uns ein.





Herr Fintl, mit Tesla und nun auch Hyundai auf der CES drängen zwei Automobilhersteller auf den Robotik-Markt. Die Koreaner planen dabei auch schon ihr eigenes Metaverse. Ist das nur ein Strohfeuer oder der ganz große Trend für die Zukunft?
Ich glaube, wir erleben tatsächlich den Startschuss eines neuen Trends. Allerdings sehe ich die Einsatzfelder solcher Roboter bis auf Weiteres nicht im Bereich der Consumer Electronics. Smarte, humanoide Roboter werden sich über geschäftliche Anwendungen ihren Weg in die Gesellschaft bahnen. Etwa bei der Wartung von Anlagen, in der Produktion – natürlich im Bereich der Gesundheit und Pflege. Anders als vor Jahren können Systeme ja bereits intelligent interagieren, bieten damit ganz neue Möglichkeiten. Aber auch in anderen Bereichen – etwa in der Kundenbetreuung im Einzelhandel – besteht Potential. Just gerade hat jd.com in den Niederlanden Stores eröffnet, die fast ausschließlich von Robotern betrieben werden können, auch wenn diese nicht humanoid sind. Es wird spannend sein, welche Anwendungsfälle die analoge und digitale Welt verknüpfen werden. Beim Metaverse werfen alle Techgiganten den Hut in den Ring.

Credit: Sony

»Ich glaube, wir erleben tatsächlich den Startschuss eines neuen Trends.«

Peter Fintl

Was steckt dahinter? Wo liegt die Motivation der beiden Mobilitätsfirmen, jetzt diesen Sprung zu wagen?
Grundsätzlich hat die Robotik für die Automobilindustrie eine lange Tradition. In der Fertigung sind Industrieroboter schon seit den 1970er-Jahren im Einsatz. Ihre Nutzung beim Karosseriebau hat zu einem deutlichen Sprung in der Fertigungsqualität und -Effizienz geführt. Die kostengünstige Massenfertigung im Automobilbau wäre ohne den Einsatz von Robotern nicht denkbar. Autohersteller und Robotik haben eine gemeinsame Geschichte. Früher ging es um repetitive Aufgaben, inzwischen geht der Trend hin zu adaptiven und kollaborativen Systemen. Dieser nächste Schritt, diese Fähigkeiten abseits vom Autobau nutzbar zu machen, wirkt vor allem mit Hinblick auf die technologische Konvergenz aus meiner Sicht sehr logisch. Die Investitionen, die die Automobilhersteller in das autonome Fahren getätigt haben, können ihnen nun helfen, die erlangten Kompetenzen auch in anderen Bereichen anzuwenden und zu monetarisieren.

Peter Fintl ist Director Technology and Innovation bei Capgemini Engineering. Der 46-Jährige lebt in Graz. Sein Arbeitgeber ist eine Consultingfirma, die insbesondere in der Informationstechnik und dem Bereich der Spitzentechnologie tätig ist. Credit: Capgemini Engineering.

Welche Chancen und Risiken bietet der neue Markt?
Anders als die traditionellen Industrieroboter bestechen diese neuen Projekte durch ihre kollaborativen, adaptiven Elemente. Die OEM greifen zurück auf relativ junges Know-how im Bereich der künstlichen Intelligenz. Relevant sind ferner auch die deutlich gesunkenen Einstiegshürden, dank günstigerer 3D-Sensorik und leistungsfähigen Open-Source-Plattformen. Darüber hinaus sehen wir seit einigen Jahren, dass der Bedarf an adaptiven Systemen immer weiterwächst. Ein Risiko könnte man im doch starken Markenstretch ausmachen: Wenn die Hersteller unter gleicher Flagge Autos, Roboter und Consumer Electronics vorstellen, könnte das auf die Verbraucher irritierend wirken. Klar ist außerdem, dass der Markt sich noch in einem sehr jungen Stadium bewegt. Die Visionen von Playern wie Hyundai wirken futuristisch – der Begriff Metaverse ist für viele Verbraucher noch kaum greifbar. Es ist längst nicht klar, inwieweit sich mit Investitionen tatsächlich neue profitable Geschäftsbereiche erschließen lassen.

Wie ist die Situation hier in Europa – sind die Hersteller gut gewappnet oder besteht jetzt schon Aufholbedarf?
Die europäischen Hersteller gehörten zu den Pionieren bei der Einführung von Industrierobotern. Interne Roboterprojekte – zum Beispiel beim Material-Handling – sind hochaktuell. Teilweise ist man hier Weltspitze. Bisher zielt man damit zwar, anders als beispielsweise Hyundai und Tesla, nicht auf den Konsumentenmarkt ab, jedoch kann man davon ausgehen, dass sich die Europäer diese Entwicklungen ganz genau anschauen werden. Know-how im Bereich Mechanik und KI eröffnen den OEM Perspektiven.

»Klar ist außerdem, dass der Markt sich noch in einem sehr jungen Stadium bewegt. Die Visionen von Playern wie Hyundai wirken futuristisch – der Begriff Metaverse ist für viele Verbraucher noch kaum greifbar.«

Peter Fintl

Auf der anderen Seite drängen jetzt auch Elektronikriesen wie Sony auf den Automarkt – Apple wird ebenfalls nachgesagt, ein eigenes Fahrzeug bauen zu wollen. Leben wir im Zeitalter des ganz großen Umbruchs für Technikunternehmen?
Wir leben sicher im Zeitalter der technologischen Konvergenz. Bestimmte Schlüsseltechnologien bestimmen alle Branchen. Gerade für Elektronikkonzerne wie Sony oder auch LG machen diese Schritte Sinn. Schon heute liefern die Elektronikriesen Bauteile, wie Batterietechnik, Bildschirme, Lautsprecher oder Kameratechnik. Außerdem haben sie jahrelange Erfahrung bei der Erstellung von Software und Interfaces. Sie beherrschen auch die Aspekte „Content“ und verfügen ferner über etablierte Marken. Alles Punkte, die für die Fahrzeuge der Zukunft absolut wichtig werden. Die Megatrends der Autobranche mischen gleichzeitig die Karten im Ökosystem Mobilität neu. Batterie und Software gewinnen an Bedeutung – neue Mobilitätslösungen sind geboten. In Zukunft wird es für die allermeisten Kunden nicht mehr allein um physische Ausstattungsdetails oder die Fahrleistung gehen. Hier haben die Elektronikgranden alleine schon durch ihre Geschichte einen Vorteil. Ein weiterer „Türöffner“ ist außerdem die Kompetenz der Auftragsfertiger. Deren Leistungen ermöglichen den kostengünstigen Einstieg in die bis dato relative geschlossene Gesellschaft der Automobilhersteller. Daher werden zwischen Dienstleistern und den Elektronikkonzernen schlagkräftige Allianzen entstehen.

Und wohin steuert die Technikbranche ganz allgemein? Kann man da von einer starken Konvergenz mit der Mobilitätsbranche sprechen?
Definitiv. Megatrends wie die Elektromobilität und die Digitalisierung spielen hier beiden Seiten in die Karten, die Burggräben der etablierten Player sind nicht mehr uneinnehmbar. Die Mobilitätsbranche beflügelt die Fantasie vieler Investoren, wir erleben eine Markenexplosion. Nicht von ungefähr wird die Reihe der Elektronikriesen mit Mobilitätsambitionen immer länger.

Lohnt es sich, jetzt genau dort zu investieren? Und wenn ja, wie?
Die Evolution befindet sich natürlich noch in einem Anfangsstadium. Trends wie das Metaverse, Robotics oder Mobilität von morgen bieten großartige Potentiale, wer diese Trends jedoch nachhaltig bestimmt, ist nicht überall klar. Einige Unternehmen, die als „Schaufelverkäufer“ von morgen eine Rolle spielen, lassen sich natürlich bereits erahnen. Plattformökonomie wird auch in diesen Bereichen massiv zum Tragen kommen.


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