Monday Moves: Unterwegs mit Polestar-CEO Thomas Ingenlath

In einen Montag und eine neue Arbeitswoche startet man wie am besten? Natürlich unaufgeregt – und mit einer entspannten Radtour. Am besten entlang der schwedischen Küste und mit dem CEO einer wunderbar unaufdringlich-lockeren Marke: Thomas Ingenlath von Polestar zum Beispiel. Unterwegs geht es dann natürlich um Fahrräder, die elektrische Performance-Marke selbst – aber auch handwerkliches Arbeiten und Design.
Text Michael Köckritz
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Verallgemeinerungen sind immer gefährlich, aber wenn manche behaupten, Schweden sei ein anderer Planet, dann ist das natürlich sehr pointiert, aber ganz so verkehrt auch nicht. Fest steht: Die Schweden geben sich angenehm zurückhaltend, entspannt und locker, und weit zurückhaltender, entspannter und lockerer als wir Deutschen sowieso. Zur eindrucksvollen Verifizierung empfiehlt sich immer ein Ausflug nach Schweden – besonders empfehlenswert: ein Trip nach Göteborg, die weltoffene, bunte Stadt am Meer, geprägt von einem wunderbar entspannten Flair und umgeben von einer herrlich wilden Natur. Lebendiger kann sich Entschleunigung kaum geben. Die perfekten Fahrradwege und -Touren rund um Göteborg tragen auf ihre Weise bei. Im Übrigen sind hier ohnehin alle, die ein Thema am liebsten mit dem Fahrrad erkunden, ganz besonders willkommen. Wie beispielsweise in diesem Fall auch wir.

Wir starten in Hjuvik auf der Insel Hisingen und direkt am Meer. Die Route soll uns nach Torslanda führen. Auf der Karte deutet einiges auf einen sehr schönen, aber auch eher anstrengenden Ausflug hin.

Thomas Ingenlath, CEO von Polestar, ist bereits startbereit. Auf dem Programm: Eine seiner üblichen Bike-Routen ins Unternehmen.




Herr Ingenlath, Sie besitzen nicht nur ein Rad, oder?
Nein, es gibt für jede Saison eins, weil die Wetterunterschiede hier schon extrem sind. Für den Sommer habe ich ein Rennrad aus Carbon, das Winterrad ist aus Aluminium, wobei ich auch eins besitze, auf dem permanent Spikes aufgezogen sind, damit ich auch durch Schnee und über Eis fahren kann. Dann gibt es ein Commuter-Bike in der Sammlung, im Grunde genommen auch ein Rennrad, aber mit flachem Lenker. Außerdem habe ich ein Mountainbike für das Wochenende, wobei ich ein Hardtail fahre, ohne Federung. Und es gibt einen Oldtimer, das ist mein Hollandrad, mit dem ich als Kind immer zur Schule gefahren bin.

Was ist das für eins?
Ein wunderschönes Gazelle-Fahrrad mit stangenbetätigten Trommelbremsen. Das Rad wurde zwischendurch einmal restauriert und steht als Oldtimer in der Garage.

Also ist es nur ein Sammlerstück?
Das Rad wartet darauf, dass ich wieder in einem wirklich flachen Gebiet wie am Niederrhein, wo ich zur Schule gegangen bin, fahre. Hier in Schweden geht es permanent auf und ab, das ist kein Terrain für ein Hollandrad.

Fahren Sie täglich die gleiche Strecke zur Arbeit?
Es ist morgens eine andere als abends. Morgens nehme ich die schnellste Strecke, die ein bisschen mehr an der Schnellstraße entlangläuft. Abends ist der Weg einen Kilometer länger, der ist landschaftlich ein bisschen schöner.

Wie wichtig sind Ihnen Sport und Bewegung generell? Steht Sport für Sie für ein gewisses Lebensgefühl?
Absolut. Es ist für mich überlebenswichtig, Sport zu machen und einen Ausgleich zu haben. Es ist einfach ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Ich muss die Energie loswerden und abbauen. Wenn ich mich nicht bewegen kann, werde ich rappelig.

Betreiben Sie auch andere Sportarten?
Ich laufe auch – wobei es nicht immer Sport sein muss, Rasenmähen geht auch. Ich arbeite unheimlich gerne handwerklich. Ich muss einfach körperlich aktiv sein.

Polestar versteht sich als sehr modern interpretierte Performance-Marke. Wie sehr prägt hier ein sportliches Lebensgefühl, ein Wettbewerbsgeist die Marke?
Motorsport hat ja nicht unbedingt etwas mit Sport zu tun, wohl aber der Spaß an der Dynamik und am schnellen Fortbewegen. Allerdings kann entspanntes Fahren auch mit sehr aktivem Sport einhergehen.

Der Auftritt von Polestar entspricht eher dem eines coolen Lifestyle-Labels. Ist Polestar überhaupt noch eine Automarke im gelernten Sinne?
Natürlich sind wir eine Automarke, aber wir gehen die Dinge anders an und lassen uns durch den Rahmen nicht einengen oder begrenzen. Wir denken Mobilität viel offener, gehen bewusst Kooperationen ein, von denen wir überzeugt sind, dass sie Innovationen vorantreiben. Das kann auch außerhalb des klassischen Autobereichs sein. Zuletzt haben wir uns zum Beispiel an einem spannenden Projekt beteiligt: Wir haben mit Re:Move ein elektrisches Lastenrad für die letzte Meile vorgestellt.

»Schweden bietet nicht die liebliche Schönheit irgendwelcher Palmenstrände, sondern ist durch die sehr nordische Küste geprägt. Und die gefällt mir besser als die unendlichen Wälder im Land.«

Thomas Ingenlath

Das Thema Nachhaltigkeit ist plötzlich allen wichtig. Welchen Stellenwert hat es bei den Automobilen von Polestar?
Wie könnte es uns allen gerade nicht wichtig sein? Die Aufgabe, unsere Welt, unsere Zukunft und damit einhergehend unsere Mobilität nachhaltig zu gestalten, ist die gravierendste Aufgabe, der wir uns derzeit zu stellen haben. Wir als Unternehmen, aber auch ich als Privatperson, so wie jeder Verbraucher auch, sollten uns täglich fragen, wie wir hier unseren Beitrag leisten können. Nachhaltigkeit wird derzeit immer noch mit Verzicht gleichgesetzt. Dies gilt es zu durchbrechen, und genau hier setzen wir mit Polestar an, indem wir aus nachhaltigen Materialien eine neue, modernere Art von Premium schaffen und uns von den neuen Möglichkeiten inspirieren lassen. Wir gehen jedoch noch einen Schritt weiter: Wir haben angekündigt, bis 2030 ein komplett klimaneutrales Auto zu bauen – ohne Kompensationen. Natürlich haben wir noch nicht die Lösung parat, wie wir das alles realisieren wollen, es ist ein Moonshot Goal. Aber wenn wir die Dinge nicht jetzt wagemutig angehen, verlieren wir Zeit.

Wir gehen jedoch noch einen Schritt weiter: Wir haben angekündigt, bis 2030 ein komplett klimaneutrales Auto zu bauen – ohne Kompensationen.

Thomas Ingenlath, CEO von Polestar

Etwas ganz anderes: Wie schwedisch ist Polestar?
Sehr. Ganz klar. Vielleicht anders schwedisch als Volvo und vielleicht auch nicht unbedingt als schwedische Eigenschaft. Aber selbstverständlich sind wir eine schwedische Firma. Unser Headquarter ist hier und so auch unser ganzer Entwicklungskörper, obwohl wir auch in UK einen Entwicklungsstandort haben und natürlich eine internationale Firma sind. Nichtsdestotrotz sind wir hier zu Hause. Und die Schweden haben durchaus auch eine gute Autokultur. Das sieht man auch an den zwei starken Marken mit der langen Vergangenheit, Saab und Volvo. Für so ein kleines, nicht so dicht bevölkertes Land ist es schon bemerkenswert, dass es diese automobile Historie gibt. Für mich galt immer, dass es nicht in Stein gemeißelt ist, dass nur Volvo existiert. Es gibt durchaus Platz für eine zweite automobile Marke.

»Ich bin noch immer der, der lossprinten will – und die Schweden lassen sich zwar nicht unbedingt Zeit, werden aber auch nicht nervös, wenn man etwas sofort erledigt haben will.«

Wie erleben Sie persönlich Schweden? Gibt es Unterschiede zur deutschen Mentalität?
Die noch immer einschneidendste Erfahrung ist für mich – wobei sich die nach zehn Jahren etwas abgemildert hat –, dass die Schweden nicht ganz so hektisch sind wie die Deutschen. Ich bin noch immer der, der lossprinten will – und die Schweden lassen sich zwar nicht unbedingt Zeit, werden aber auch nicht nervös, wenn man etwas sofort erledigt haben will. Das kann mich manchmal zur Weißglut treiben. Aber ich musste lernen, dass es durchaus Vorteile hat, wenn man auf eine besonnenere Art und Weise zum Ziel kommt. Das Ziel ist, die Balance zu finden. Ein anderer Punkt ist, dass es in Schweden keine Ellenbogengesellschaft gibt, Karriere nicht über allem steht und der Gemeinschaftssinn sehr ausgeprägt ist. Das sind sehr positive Eigenschaften. Und das Land ist durch etwas Unhierarchisches geprägt, man wird nicht als Chef vergöttert, sondern jeder nimmt sich die Freiheit, dich anzuquatschen. Wobei niemand unhöflich ist. Alle sind sehr respektvoll. Aber der Chef gilt nicht als unantastbar und wird geduzt.

Gibt es einen Ort, den man in Schweden gesehen haben muss?
Die Inseln sind einfach super. Also die Schären vor Göteborg, die Insellandschaft um Stockholm herum oder Inseln wie Gotland, mit ihren bizarren Steinstränden. Schweden bietet nicht die liebliche Schönheit irgendwelcher Palmenstrände, sondern ist durch die sehr nordische Küste geprägt. Und die gefällt mir besser als die unendlichen Wälder im Land.

Was inspiriert Sie? Wo finden Sie Anregungen – und wo finden Sie zu sich selbst?
Ich bin eigentlich ein sehr introvertierter Mensch, der auch Zeit für sich braucht. Beruflich bin ich oft unter Menschen. Nicht falsch verstehen, ich tausche mich auch gerne aus, halte mich für kommunikativ, aber nach so einem Tag mit vielen Meetings, immer in großen Gruppen, da tut es mir schon sehr gut, alleine zu sein. Egal ob beim Sport oder in der Natur, bei einem guten Film, guter Musik – Dinge, die mich emotional berühren, aber nichts mit meinem Beruf zu tun haben. Und dann verbringe ich gerne einfach Zeit mit meiner Familie.

Sie sind Designer und CEO, diese Kombination kennen wir von Luxus- oder Modemarken, nicht aber aus der Autowelt. Wo liegen die Chancen bei einer solchen Sonderstellung?
Wenn wir Karl Lagerfeld als Beispiel nehmen wollen: Der führte eine Modemarke mit einem Impetus und auf einer kreativen Basis. Und das ist auch der Weg, durch den sich Polestar differenziert: eine künstlerische Führung – und das spiegelt sich dann auch im gesamten Erlebnis der Marke wider.

Oft erlebt man in Gesprächen Designer als Persönlichkeiten, die die Dinge weltoffen und mit einem ganzheitlichen Blick sehen. Prädestiniert dieser Blick nicht ideal für Führungsaufgaben in einer Autowelt, die sich gerade sehr verändert?
Wahrscheinlich gehört es zu den Fähigkeiten eines Designers, von neuen Rahmenbedingungen und Situationen eher inspiriert als verschreckt zu sein, neue Trends und Strömungen in der Gesellschaft zu erspüren und Entscheidungen zu treffen, die darauf fußen, dass man die Zukunft vorauslebt. Es ist im Prinzip genau das, was man bereits jahrzehntelang als Designer gemacht hat, dieses Vorausleben um fünf oder sechs Jahre. Und dass man das, was man als ästhetisch und modern empfindet, in sein Denken einarbeitet.

Welche Rolle hat die ganzheitliche Gestaltung für den Erfolg einer Marke?
Die Wertschätzung von Design für die Kaufentscheidung des Kunden ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Wo wir mit Polestar noch einen Schritt weiter gehen, ist, glaube ich, der Punkt, dass wir mit der Gestaltung nicht beim Produkt aufhören, sondern sie auf die gesamte Marke übertragen. Wir ziehen den Purismus, die Konzentration aufs Wesentliche, bei dem eben nicht tausende Kompromisse eingegangen werden, konsequent durch. Und das bezieht sich nicht nur aufs Fahrzeug, sondern auf all unsere Touchpoints und die Art, wie wir kommunizieren.

Wie ist Ihr Blick auf die gegenwärtige Autowelt, die ja gerade wirklich im Umbruch ist? Ist diese Welt von Aktionismus geprägt?
Vielleicht können wir es als naiv-gutgläubig beschreiben. Man stellt sich den großen Umwälzungen nicht entgegen und sagt auch nicht fatalistisch, dass alles zu spät sei und man eh nichts mehr ändern könne. Stattdessen arbeitet man täglich daran, in dem positivem Glauben, dass man etwas bewirken kann, auch wenn es noch so kleine Schritte sind. Es ist ein Optimismus, der davon ausgeht, dass die Zukunft der CO2-freien Welt eine noch attraktivere und bessere ist und nicht durch Verzicht geprägt ist. Es wird ein anderes Leben sein, mit anderen Erfahrungen und Erlebnissen, in dem man andere Dinge besser findet als in der Vergangenheit. Man sagt dann eben: Okay, das war eine Epoche. Jetzt haben wir etwas anderes und das ist noch besser und spannender.

Verändert sich dadurch auch die Idee des Autos generell?
Nur der Kern, also vier Räder, die sich drehen, hat sich bisher noch nicht verändert, aber ansonsten hat sich das Auto permanent verwandeln müssen. Jetzt sehen wir eine weitere Evolutionsstufe. Die mag uns wie ein Monsterschritt erscheinen, aber es war auch ein Riesensprung, als man erst die Autos mit der Kurbel anwarf und es dann einen Elektrostarter gab. Oder Elektronik in Autos generell. Sicherlich ist die Elektromobilität ein Quantensprung, aber es war eben nicht so, als ob sich das Auto hundert Jahre lang nicht bewegt hätte.

Wenn Sie nicht Designer geworden wären, welchen Beruf hätten Sie dann ergriffen?
Landwirt, Schreiner, Architekt, Mediziner, Forscher, ich kann mir unendlich viele Möglichkeiten vorstellen. Egal was man macht, es kommt immer darauf an, das Spannende darin zu sehen. Okay, wahrscheinlich hätte ich mich in der Finanzwelt nicht so erfüllt gefühlt, aber wer weiß.


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