Mister Nice Guy: ein Gespräch mit Matt Damon

Kein anderer spielt so virtuos den Biedermann und kaum einer ist in Hollywood erfolgreicher. Außerdem gilt Matt Damon als einer der nettesten Kerle der Welt. Im Interview sprechen wir mit dem 49-Jährigen über Rückschläge, echte Tränen und die Frauen in seinem Leben.
Text Rüdiger Sturm
Bild Nigel Parry / thelicensingproject.com

Mister Damon, Sie sind einer der erfolgreichsten Darsteller Hollywoods mit einem geschätzten Vermögen von 200 Millionen Dollar. Was bedeutet Erfolg für Sie?
Ach, ich habe genügend Filme gemacht, einige davon starteten mit großen Vorschusslorbeeren und floppten kläglich, andere spielten so viel Geld ein, wie ich nie für möglich gehalten hätte – insofern liegt der Erfolg im Prozess. Und der einzige Orientierungsfaktor ist, ob man seine Arbeit liebt. Ich wollte immer den bestmöglichen Job machen und eine Geschichte so erzählen, wie sie erzählt werden sollte. Wenn ich das geschafft habe und den Weg dahin genießen konnte, war das für mich ein Erfolg.

Das heißt, es gilt der alte Satz »Der Weg ist das Ziel«?
Es ist ein Klischee, stimmt aber. Die Reise ist alles. Das kann ich mit 25, 30 Jahren Erfahrung sagen.

Gab es Punkte, an denen Sie mit Ihrer Karriere am Nullpunkt waren?
Allerdings. Ganz besonders, bevor der erste der »Bourne«-Filme herauskam. Vorher hatte ich nur Flops, Hollywood bot mir keine Rollen mehr an und ich spielte deswegen in London Theater. Und vor dem Start des Films erwarteten die Branchenkenner wieder ein Desaster. Ich blieb ruhig. Wenn man etwas nicht kontrollieren kann, muss man es nehmen, wie es kommt. Und man ist nie vor Veränderungen gefeit.

Was war der letzte Umbruch in Ihrem Leben?
Ich nahm mir 2017 ein Jahr frei, um bei meinem Vater sein zu können, der an Krebs erkrankt war und im Dezember verstarb. Dadurch bewertet man sein Leben noch mal neu. Ich habe mich selbst stark verändert und wollte mich meiner Familie widmen. Als ich wieder mit dem Filmemachen anfing, stellte ich fest, dass sich die Branche grundlegend verändert hatte. Die Art von Projekten, die mein Brot- und Buttergeschäft waren, nämlich Dramen mit erwachsenen Themen, wurden fürs Kino kaum noch produziert.

Ihre Reaktion?
Ich wurde schon unruhig. Immer wenn sich etwas wandelt, macht das nervös. Die nächsten zwanzig Jahre werden definitiv anders sein als die letzten. Aber ich sehe auch die gute Seite, zumal viele großartige Projekte ins Fernsehen abgewandert sind. Da spielt die Musik. Und deshalb gibt es auch weiterhin Arbeit, nur nicht im gewohnten Rahmen.

»Das Filmemachen spricht einen grundlegenden Impuls in uns Menschen an: Wir wollen einander Geschichten erzählen.«

Matt Damon

Wäre es beruhigender, wenn Sie seinerzeit das Angebot für »Avatar« angenommen hätten, für den Sie 250 Millionen Dollar an Gewinnbeteiligung hätten kassieren können?
Die Frage stellte sich für mich nie. Denn ich habe bei meiner Arbeit ethische Grundsätze. Es gab schon die Zusage für den dritten Teil von »Bourne« – und ich hätte alle Leute bei diesem Film beschissen, wenn ich ausgestiegen wäre.

Wie genau sehen Sie jetzt für sich die berufliche Zukunft?
Ich liebe es immer noch, Filme zu drehen. Und ich mag die verschiedensten Aspekte dieses Jobs. Ich werde vermutlich mehr schreiben, ich kann mir gut vorstellen, Regie zu führen, wobei ich auch weiter als Schauspieler tätig sein will. Das Filmemachen spricht einen grundlegenden Impuls in uns Menschen an: Wir wollen einander Geschichten erzählen. Das begann schon damit, dass unsere Vorfahren Bilder an Höhlenwände malten. Kunst ist das Medium dafür.

Ist es eigentlich wahr, dass Sie ständig umziehen?
Ja, meine Frau und ich haben uns vorgenommen, im Schnitt alle fünf Jahre umzuziehen. Wir unterhalten uns ständig darüber, wo wir als Nächstes leben möchten. Wir haben eine gewisse Wanderlust. Jahrelang waren wir in Florida, dann in New York und zuletzt in Los Angeles.

Aber immer in den Vereinigten Staaten.
Für einen Dreh verbrachten wir sechs Monate in China – und wir waren häufig 
in Europa unterwegs. Meine Frau stammt aus Argentinien, dort lebt auch ein Teil der Familie. Da werden wir wohl auch noch hinziehen.

»Wenn man etwas nicht kontrollieren kann, muss man es nehmen, wie es kommt. Und man ist nie vor Veränderungen gefeit. «

Sie haben vier Töchter. Was sagen die dazu?
Wir nehmen schon Rücksicht, und insgesamt haben sich alle ans Reisen gewöhnt. Ich finde es wichtig, dass sie ein Gespür für die Welt bekommen und auch verstehen, wie privilegiert sie leben.

Sie sind Mitbegründer der Organisation Water.org, die sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen in den armen Ländern der Welt zu sauberem Trinkwasser zu verhelfen. Wie hat sich die entwickelt?
Besser als wir es uns je erhofften. Im vergangenen Jahr erreichten wir 22 Millionen Menschen damit. Das Konzept wurde von meinem Partner Gary White, einem brillanten Kopf, entwickelt. Dabei geht es um Mikrokredite, um eine gesunde Wasserversorgung zu organisieren. Häufig werden die von Frauen in Anspruch genommen, und die zahlen diese Darlehen in 99,9 Prozent der Fälle zurück. Wir finden zum Glück viele Unterstützer in den USA, die sich nur dafür interessieren, ob etwas funktioniert oder nicht – Politik spielt da keine Rolle.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie begriffen, dass Sie sich engagieren müssen?
Das war keine plötzliche Erkenntnis. Ich hatte immer ein großes Mitgefühl für Menschen. Und ich war und bin der festen Überzeugung, dass ich so viele positive Veränderungen wie möglich an­-
stoßen muss. Es ging nur darum, den richtigen Fokus zu finden. DATA, die Organisation von Bono, organisierte für mich einen Trip, auf dem ich die Auswirkungen extremer Armut kennenlernte. Das war unglaublich hilfreich, um herauszufinden, was ich machen wollte.

Liegt das soziale Engagement auch bei Ihnen in der Familie?
Ja, das ist eine Tradition, in der ich aufgewachsen bin. Meine Mutter nahm mich in den 70ern zu Demonstrationen gegen Atomkraft mit. Ich weiß also von Kindheitsbeinen an, dass man das Recht hat, seine Meinung auszudrücken und damit Dinge verändern kann. Ich hatte auch die Gelegenheit, mit Barack Obama über solche Themen zu sprechen. Er meinte zu mir: »Wenn ihr wollt, dass ich etwas ändere, dann bringt mich dazu.« Es funktioniert alles nur über Graswurzelbewegungen. Ich habe versucht, das auch meinen Kindern beizubringen und hoffe, dass die nächste Generation noch engagierter ist. Das muss sie auch. Wir haben sie in vielem enttäuscht.

Sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens – was war die größte Herausforderung für Sie?
Da fällt mir spontan keine ein. Abgesehen davon wäre es mir peinlich, von meinen persönlichen Herausforderungen zu erzählen. Denn es gibt Leute, die mit ungleich größeren Schwierigkeiten konfrontiert sind.

»Ich habe begriffen, dass Frauen eine andere Spezies sind. Ich selbst wuchs mit einem älteren Bruder auf und wir prügelten uns ständig. Meine Töchter sind dagegen viel kooperativer und fürsorglicher.«

Matt Damon

Sind Sie möglicherweise widerstandsfähiger als Sie denken?
Das trifft auf uns alle zu. Jeder kann mehr aushalten, als er glaubt. Ich muss nur an meinen Vater zurückdenken. Er kämpfte mit unglaublicher Kraft gegen den Krebs und hielt trotz aller Widrigkeiten monatelang durch. Die menschliche Geschichte lehrt uns, dass wir Erstaunliches leisten können, wenn wir es müssen.

Wie reduzieren Sie Stress?
Ich kann das zum Glück dank meiner Arbeit tun. In meinen Rollen tauche ich in alle möglichen Gefühle ein. Und dadurch bin ich auch in der Realität emotionaler. Da staut sich nichts an, sondern fließt durch mich hindurch. Deshalb bin ich auch nah am Wasser gebaut.

In welchen Momenten weinen Sie?
Meine Kinder treiben mich zu Tränen. In jeder Hinsicht. Manchmal frustrieren sie mich unglaublich. Und dann bin ich wieder zutiefst bewegt, weil sie gerade irgendetwas Neues über die Welt herausgefunden haben. Es gibt unzählige solcher Momente. Immer wenn man von tiefer Liebe zu jemand erfüllt ist, geraten die Gefühle leicht in Wallung.

Sie leben in einem weiblichen Haushalt – was macht das mit Ihnen?
Ich habe begriffen, dass Frauen eine andere Spezies sind. Ich selbst wuchs mit einem älteren Bruder auf und wir prügelten uns ständig, das war einfach selbstverständlich. Meine Töchter sind dagegen viel kooperativer und fürsorglicher.

Das heißt, die Welt wäre besser, wenn sie von Frauen regiert würde?
Ohne Zweifel. Wie ich schon sagte, Männer sind darauf programmiert zu kämpfen – jedenfalls nehme ich das so wahr. Wir scheinen schneller bereit, unsere Differenzen auf physische Weise auszutragen. Doch so können wir nicht auf dem Planeten Erde leben; das löst unsere Probleme nicht.

Es gab einen entscheidenden Neubeginn in Ihrem Leben, über den wir noch nicht gesprochen haben. Und zwar als Sie Ihre Frau kennenlernten. Was ging da in Ihnen vor?
Sie arbeitete in einer Bar, und irgendwie trafen sich unsere Blicke auf magische Weise. Ich war regelrecht schockiert, weil dieser Eindruck so stark war. Und wir passten einfach perfekt zueinander. Tun es immer noch. Nur ein Beispiel: Wenn ich ihr meine Hand auf die Schulter lege, dann ist das so, als wäre exakt dieser Platz auf ihrer Schulter für mich vorherbestimmt gewesen. Wenn sich unsere Füße berühren, dann fügen sie sich vollkommen ineinander. Mit manchen Leuten kommst du nie klar, weil da irgendetwas unbewusst nicht stimmt. Und bei Luciana und mir ist es das exakte Gegenteil. Da gibt es ein ganz tiefes Vertrauen zwischen uns – und es war von Anfang an da, ohne einen einzigen Zweifel.

Das Interview mit Matt Damon ist ursprünglich in der rampstyle #20 erschienen.

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