Muße sein

Der Audi RS e-tron GT ist ein irrwitzig schneller Sportwagen. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist er so viel mehr. Das zu begreifen ist eine philosophische Herausforderung. Dafür muss man nicht extra nach Griechenland reisen. Aber dort ist das Wetter schöner.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

»Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Denkweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise seiner Sinneswahrnehmung.« Ein schöner Satz. Sehr beruhigend. Und damit ist dann eigentlich auch alles zur Elektromobilität ganz generell und zum neuen Audi RS e-tron GT im Speziellen gesagt. Einzig, mit der Nummer werde ich wahrscheinlich nicht durchkommen … Dann dürfen es also gleich ein paar Worte mehr sein.

Leider hat Benjamin sich aus zeitgeschichtlichen Gründen nicht direkt zum Audi RS e-tron GT einlassen können.

Gelesen habe ich diesen Satz bei Walter Benjamin in »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, dritte Fassung. Leider hat Benjamin sich aus zeitgeschichtlichen Gründen nicht direkt zum Audi RS e-tron GT einlassen können. Dabei wäre gerade das besonders interessant, weil er sicherlich die Bedeutung dieses elektrisch betriebenen Kraftwagens mit einer permanenten Vortriebsgewalt von 830 Newtonmetern aus 646 PS vor dem gesamtgeschichtlichen Kontext der Mobilität des Menschen mit Blick auf das Auto als nutzbare Maschine für die Massen und Kunstwerk für den individuellen Liebhaber weit besser hätte betrachten können als ich.

Aber gut. Es ist, wie es ist. Und im Moment ist es sehr schnell. Es ist wirklich berauschend wie der e-tron GT in der RS-Variante abzieht. Beeindruckend wie nebenher lässig der Audi seine Leistung aus dem Ärmel schüttelt. Da ist keine Anstrengung mehr, keine Vorbereitungsphase durch ein sich Druck-aufbauendes-Drehzahl-explosionsbefeuertes-Crescendo auf der Suche nach der passenden Drehmomentspitze. Ein Gedanke. Irrsinnige Beschleunigung. Beinahe geräuschlos. So läuft das im RS e-tron GT. Der Prozess des Fahrens bietet sich in diesem Auto so beeindruckend modern an, dass man als Fahrer das Gefühl hat, hier und da aus Rücksicht ein bisschen langsamer machen zu müssen, um dem großen geschichtlichen Zeitraum nicht Richtung Zukunft davon zu fahren.

Denn genau das ist wahrscheinlich auch die aktuell größte Herausforderung der Elektromobilität ganz allgemein: sie ist zu schnell. Nicht nur physisch, sondern auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext. Das mag für viele umso verwirrender klingen, weil sie die Trägheit des Mobilitätwandels gerade in diesem Punkt seit Jahren anprangern und satthaben. Sie vergessen dabei, dass der Mensch nun mal Veränderungen grundsätzlich eher skeptisch gegenübersteht. Das gilt umso mehr, je größer die gesellschaftliche Gruppe ist. Und in puncto individueller Mobilität ist diese Gruppe mittlerweile doch ganz beträchtlich, um nicht zu sagen global. Sogar auf dem Mond steht ein Auto rum. Übrigens bereits mit einem fortschrittlichen Elektronantrieb.

Sogar auf dem Mond steht ein Auto rum. Übrigens bereits mit einem fortschrittlichen Elektronantrieb.

Und dennoch gibt es noch immer sehr viele Menschen, die bisher überhaupt keine Erfahrungen mit Elektromobilität gemacht haben – den Autoscouter auf dem Jahrmarkt jetzt mal nicht berücksichtigt. Das heißt, die Art und Weise, wie deren Sinne Mobilität wahrnehmen, ist noch immer unverrückt gekoppelt an das Starten eines Verbrennungsmotors, der »Brumm-Brumm« macht, an das etwas rucklige Anfahren, das sich aufbauende Drehmoment und die damit einhergehende sich steigernde Beschleunigung, das kurze Kopfnicken beim Schalten der Gänge, der Geruch von Benzin und Diesel an der Tankstelle – all das sind natürliche und gelernte Dinge, die sehr viele Menschen mit Autofahren assoziieren.

Und all das gibt es im Audi RS e-tron GT und auch in allen anderen Elektrofahrzeugen nicht. Da muss man sich erst mal daran gewöhnen. Das geht sehr schnell. Aber erst sobald man eben am Steuer sitzt. Nur, da müssen die Menschen hinkommen. Oder hingebracht werden. Erst dann kann so ein Auto wie dieser Audi auch wieder zur verführerischen Muse, zum anregenden Beispiel werden, das die Projektionsfläche für unsere Träume der Zukunft bildet. So wie früher das BMX-Rad, das erste Moped oder eben das erste Auto mit Verbrennungsmotor. Die große, weite Welt entdecken. Der Klassiker eben.

Die Art und Weise, wie deren Sinne Mobilität wahrnehmen, ist noch immer unverrückt gekoppelt an das Starten eines Verbrennungsmotors, der Brumm-Brumm macht.

Zwischenstopp an der Küste, irgendwo auf halber Strecke zwischen Rhodos-Stadt und Kritina auf der Küstenstraße Epar.Od. Kalavardas-Empona. Was für ein geschichtsträchtiger Ort diese Insel doch ist! Welch Kämpfe hier zu Land und zu Wasser in den vergangenen Jahrtausenden gekämpft worden waren! Welch Mythen und Legenden hier geboren wurden? Dieser futuristisch surrende Audi mit seiner eigenwilligen neon-orange-schwarz-grauen Tarnoptik erregt sofort Aufsehen bei den Menschen, hier, wo die meisten mit einem Moped unterwegs sind. Oder einem alten Toyota Hilux.

Ich nehme einen Erdbeer-Smoothie und verweile noch ein wenig im Konjunktiv: Wie hätten wohl die Menschen vor 2.000 Jahren auf diesen Audi reagiert? Vermutlich wären sie sehr verängstigt gewesen, ob dieses fremdartigen Wagens. Aber auch neugierig. Vielleicht sogar noch ein bisschen neugieriger als die Menschen heute. Sie hätten sich vermutlich gefragt, welcher Gott ihnen da wohl erscheint und mit welchen Absichten er zu ihnen kommt.

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das Auto mit Verbrennungsmotor eine gewisse Tradition hat. Aber schon Benjamin stellte fest, dass Tradition selber »etwas durchaus Lebendiges, etwas außerordentlich Wandelbares« sei. Er machte das beispielhaft fest an einer antiken Venusstatue. Bei den Griechen war sie Gegenstand eines Kultus, die mittelalterlichen Kleriker erblickten aber einen unheilvollen Abgott darin. Ein Schelm, wer hier einen Vergleich für den Verbrenner ableitet.

Überhaupt, der Erdbeer-Smoothie ist fast alle. Ein Zug ist noch im Glas und damit auch noch ein letzter Augenblick Zeit für die Frage, wie wohl die Menschen in 2.000 Jahren auf diesen Audi blicken? Vielleicht gar nicht mehr, wenn es nach den Apokalyptikern geht. Denn dann bleibt der Menschheit noch irgendwas zwischen ein paar Stunden und ein paar Jahrzehnten, je nach Rechenmodell und je nachdem, wann uns vielleicht so etwas Profanes wie ein Stein auf den Kopf fällt.

Was wir mit einiger Sicherheit sagen können: sollte es in 2.000 Jahren tatsächlich so etwas wie Menschen geben, dann werden sie mit der nötigen Distanz auf unsere Zeit blicken – zeitlich und wahrscheinlich auch geographisch. Hier gibt es ja bereits heute ausreichend Ehrgeiz Richtung Mars und darüber hinaus. Übrigens auch seitens eines gewissen Elon Musk. Wer das jetzt belächelt, der sollte sich kurz daran erinnern, dass eben jener Elon Musk schon Ende der 1980er Jahre in Südafrika versucht hat, auf Partys mit Frauen ins Gespräch zu kommen, indem er sie fragte, ob sie denn auch so viel wie er über elektrische Autos nachdenken. Der letzte Schluck Erdbeer-Smoothie. Weiter geht’s.

Wir sind unterwegs in einem Entwicklungsfahrzeug, Prototypenstatus. Das Interieur ist komplett abgedeckt und vor allzu neugierigen Blicken geschützt. Eigentlich eine ziemlich coole Optik, so wie dieser Audi aussieht. Rege an, das zumindest mal als Option für die Serie anzubieten. Sinneswahrnehmung passiert ja vor allem auch optisch. Fahrdynamisch ist dann sowieso bereits alles auf Fertigungsniveau. Allradlenkung, Fahrwerk, Bremsen aus Wolframcarbid mit einer Oberfläche, so hart wie Diamanten. Das reduziert den Feinstaubabrieb um 90 Prozent. Und haltbarer als Stahl sind sie obendrein. Der tiefe Schwerpunkt dank der Batterie im Fahrzeugboden lässt dieses Auto in Kombination mit dem Fahrwerk und der Lenkung und dieser Wand von einem Drehmoment wie ein Go-Kart aus den Ecken schnalzen. Absolutes Suchtpotenzial!

Wie hätten wohl die Menschen vor 2.000 Jahren auf diesen Audi reagiert?

Doch eigentlich will man den e-tron GT gar nicht in den Grenzbereich treiben. Mit all den Assistenten und der Unterstützung, die einem der e-tron GT bietet, sitzt man irgendwann auch einfach gern so da und hält ein bisschen das Lenkrad. Im Alltag ist das ganz wunderbar. Entschleunigung nennen das die Experten wohl. Eine ganz neue Art des Fahrens. Es ist beeindruckend, ganz ehrlich. Man schaltet den Tempomaten an und schon hakt sich der Audi ein bei einer unsichtbaren, virtuellen Leitschiene. Er liest die Verkehrszeichen, er erspürt die Fahrbahn und ihre Begrenzungen, er zeichnet den Kurvenverlauf nach, beobachtet und analysiert andere Verkehrsteilnehmer und passt sich ihnen an, er antizipiert Kreuzzungen, Abbiegungen und natürlich andere Menschen. Das erweitert die Sinneserfahrung des Fahrens ganz wesentlich um den Aspekt der Unterstützung und Hilfestellung. Die Leichtigkeit des Fahrens wird so auf ein neues Level gehoben.

Auch daran muss man sich erst mal gewöhnen.

Audi e-tron GT
Antrieb: Zwei E-Motoren
Leistung: 475 kW (646 PS)
Drehmoment: 830 Nm
Beschleunigung: 0-100 km/h in 3,5 s
Vmax: 250 km/h


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