Mutige Meinungen

Ein Gespräch mit dem Kommunikationsberater Maximilian Flügge über die Kommunikation in der Krise, echten Mut und Sätze mit verblüffender Wirkung.
Text Michael Köckritz
Bild Nela König

Herr Flügge, auf Ihrer Internetseite steht, dass Sie nicht mit Start-ups zusammenarbeiten. Man könnte denken, Sie hätten etwas gegen Gründer. Stimmt das?
Nein, natürlich habe ich persönlich nichts gegen Gründer, ich arbeite in Berlin-Mitte, habe die alle vor der Nase und arbeite absurderweise ja auch für einen der größten Start-up-Investoren in Deutschland.

Vielleicht sollten wir mal klären, was für Sie einen Neustart ausmacht.
Wenn man einen Neustart über romantische Komponenten definiert, durch ein beseeltes Team, das gemeinsame Werte und Haltungen pflegt, fallen Start-ups ein bisschen heraus. Weil sie sehr funktionell geprägte Unternehmen sind. Gründer planen ja nicht ein im klassischen Sinne mittel- bis langfristiges Geschäft, sondern möchten innerhalb von kurzer Zeit ein Unternehmen aufbauen und spätestens nach fünf Jahren möglichst gewinnträchtig verkaufen. Und wenn das nicht klappt, wird der Laden zugemacht, Insolvenz angemeldet – und dann gibt es das nächste Ding. Um die nachhaltigen Probleme der Unternehmensentwicklung und sozusagen der Etablierung am Markt soll sich dann im Prinzip jemand anderes kümmern. Und diese Art von Neuanfang oder Restart ist total unromantisch.

Also ein Restart nach dem nächsten …
Ja, wenn das Unternehmen vor die Hunde geht, schließen sie es und ziehen ein paar Monate später ein neues auf. Mit einer neuen Idee, mit komplett neuem Branding und vielleicht sogar einer komplett neuen Funktion des Unternehmens. Das hat mit einem durchdachten Restart wenig zu tun.

Aber Sie beraten Unternehmen in der Krise – ist nicht gerade so ein Start-up grundsätzlich im Krisenmodus und damit ein wunderbar problematischer Sachverhalt?
Ein sehr gelungener Gedanke, der mir bisher so nicht gekommen ist. Start-ups befinden sich bei näherer Betrachtung tatsächlich kontinuierlich in einer Situation, die starke Überschneidungen mit einer Krise hat: unsichere Rahmenbedingungen, ungewisse Zukunft und wenig Berechnung sowie Planbarkeit.

»In der Regel haben Start-ups noch kein marktreifes Produkt, manchmal nicht mal einen vorzeigbaren Prototypen ihrer Idee. Möchten aber möglichst schnell mit einer überschäumenden Jubelkommunikation durchs Land ziehen. Ab diesem Punkt wird es problematisch, denn so was wird schnell entlarvt.«

Maximilian Flügge

Und man würde auch annehmen, dass jedes Start-up ein Glücksfall ist, weil eine neue Idee in die Welt gebracht wird – also die Königsdisziplin der Kommunikation.
Volle Zustimmung, denn ein Start-up fühlt sich meist wie ein Reset im Leben an, das berichten mir Gründer ständig. Das ist – zumindest zu Beginn – sehr befreiend und motivierend. Und so ist es auch in der Kommunikationsberatung für junge Unternehmen, das schwappt gelegentlich auch auf meine Person über. Es gibt jedoch einen Knackpunkt: In der Regel haben Start-ups noch kein marktreifes Produkt, manchmal nicht mal einen vorzeigbaren Prototypen ihrer Idee. Möchten aber möglichst schnell mit einer überschäumenden Jubelkommunikation durchs Land ziehen. Ab diesem Punkt wird es problematisch, denn so was wird schnell entlarvt. Und es fehlt leider auch sehr häufig an Professionalität. Das mag der eine oder andere charmant finden, weil es zum Start-up-Spirit wohl dazugehören soll. Für Kommunikation ist es jedoch Gift.

Schwierig.
Allerdings. Kommunikationsberatung bedeutet ja grundsätzlich Zusammenarbeit zwischen mir und meinen Kunden. Außerdem erfordert es neben der angesprochenen professionellen Einstellung auch wie erwähnt eine gewisse Portion Mut. Die meisten denken, es sei mutig, laut und unflätig zu sein oder halbnackt über eine Bühne zu rennen. Das ist schlicht peinlich. Es geht um mutige Meinungen, also groß gedachte und durchdachte Aufschläge in den Medien und der Öffentlichkeit. Offen gestanden habe ich das kaum in der Start-up-Szene erlebt.

»Die meisten denken, es sei mutig, laut und unflätig zu sein oder halbnackt über eine Bühne zu rennen. Das ist schlicht peinlich. Es geht um mutige Meinungen, also groß gedachte und durchdachte Aufschläge in den Medien und der Öffentlichkeit.«

Maximilian Flügge

Es gibt also Ausnahmen?
Doch, schon, ein positives Beispiel ist das soziale Netzwerk nebenan.de. Die Bewohner eines Viertels verbinden sich, um miteinander ihre Nachbarschaft zu stärken. Das zentrale Geschäfts- und damit auch Kommunikationsmotiv »Nachbarschaft« wurde durch die Gründung einer Stiftung herausgehoben. Die Stiftung vergibt zusammen mit der Bundesregierung einen bundesweiten Nachbarschaftspreis und kooperiert mit einer Reihe namhafter Institutionen, die sich um die Förderung eines solidarischen Miteinander kümmern – wie die Diakonie oder die Deutsche Fernsehlotterie. PR durch Stiftungsbetrieb, eine für ein Start-up ungewöhnliche PR-Maßnahme, in diesem Fall absolut geglückt.

Worauf muss ich denn achten, wenn das System hakt und ich als Unternehmen oder Marke neu starte?
Das hängt natürlich stark davon ab, warum das System hakt und warum ich neu starten muss oder möchte. Grundsätzlich: Eine richtig starke Marke mit all ihren Facetten und ihrer Geschichte aufzugeben, fällt nicht leicht. Das ist allzu verständlich, zumal der Aufbau einer Erfolgsmarke, die geliebt wird, Geld kostet und Durchhaltevermögen abverlangt.

Das klingt nach einem immensen Aufwand – und wenig erfreulich.
Nun, andererseits erleben wir – und das ist so erfrischend und vielversprechend –, dass Start-ups und sogenannte Grown-ups es gegen alle Regeln schaffen, mit Mut, Eifer und viel Kreativität bekannte Regeln und Routinen mit beeindruckender Geschwindigkeit außer Kraft zu setzen. Ich meine, dass Mut die wichtigste Eigenschaft in diesem Zusammenhang ist.

»Eine richtig starke Marke mit all ihren Facetten und ihrer Geschichte aufzugeben, fällt nicht leicht.«

Maximilian Flügge




MAXIMILIAN FLÜGGE berät Unternehmen und Institutionen im In- und Ausland – und was etwa seine Internetseite von anderen unterscheidet, ist, dass er als Dienstleister nicht nur sagt, was er anbietet, sondern auch, was er nicht anbietet. Bevor sich der 36-Jährige im Jahr 2013 selbstständig machte, war er Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten, später Lobbyist und Unternehmensberater. Über sein Foto sagt Flügge, dass die Fotografin zu ihm meinte, er solle mal freundlich gucken. Und genau das, so dachte er, hätte er gemacht.




Das gesamte Interview und zahlreiche weitere Geschichten lesen sie in der aktuellen rampstyle #20


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