Parkhaus? Arthaus!

Vor 120 Jahren eröffnete in der Denman Street in London das erste Parkhaus der Geschichte. Seither hat sich viel getan: Die öffentlichen Garagen sind gewachsen und wandelten sich vom Zweckbau zum Architekturstatement. Und manche sind wie das Parkhaus Züblin in Stuttgart sogar zur Kunstgalerie geworden. Ein Besuch mit dem 911 Speedster.
Text Natalie Diedrichs
Bild Maximilián Balázs · ramp.pictures

Parkhäuser sind dazu da, um sein Auto zu parken. Sie überzeugen nicht durch Schönheit oder Repräsentativität, sondern dienen einem bestimmten Zweck. Womit sie zur funktionalistischen Profanarchitektur zählen. Sagt zumindest der Geograph und Stadtforscher Jürgen Hasse. Seine sozialwissenschaftliche Abhandlung »Übersehene Räume: Zur Kulturgeschichte und Heterotopie des Parkhauses« handelt von jenen Orten, an denen man sich für gewöhnlich nicht länger als unbedingt nötig aufhält. Zu eng, zu dunkel, meistens auch völlig überteuert und vollgestopft mit Autos, deren Fahrer dem Lebensmotto »Nimm Zwei« vor allem bei der Parkplatzsuche zu frönen scheinen.

Das war nicht immer so. Vor allem in den Fünfzigern und Sechzigern boomten Hasse zufolge multifunktionale Parkhäuser: Neben der Abstellmöglichkeit für Fahrzeuge boten die außerdem noch eine Tankstelle, Waschstraße, ein Hotel für die müden Fahrer und manchmal sogar noch ein Casino. Kein Witz. Das Auto wurde als Sinnbild technischen Fortschritts und ökonomischen Aufschwungs gefeiert – der ganzheitliche Ansatz früherer Parkhäuser zahlte auf die zentrale Bedeutung des Autos in der Lebenswelt der Menschen ein.

Ein Parkhaus, mittendrin im landeshauptstädtischen Stau-Infarkt – die berühmt-berüchtigten Feinstaub-Messstationen liegen gleich um die Ecke.

Und heute? Tja. Ein Ort ohne Charakter, könnte man sagen. Oder ein Ort, dessen Charakter so unsympathisch ist, dass man einfach keine Zeit an ihm verbringen will. So etwas wie ein architektonischer Grant, dessen einzige Aufgabe es ist, Unangenehmes unter den Teppich zu kehren, wodurch er selbst unangenehm wird. Doch es gibt Ausnahmen. Eine davon habe ich letztens zufällig kennengelernt. Im Porsche Speedster – alles andere als unangenehm, eher eine Granate von Auto: 520 PS, Vierliter-Boxersaugmotor, handgeschalten, indischrot, oben offen. Geiler geht’s nicht – womit wir wieder beim Profanen sind, aber manchmal ist das eben nötig.

Jedenfalls »testete« ich den Speedster an einem Sonntagabend in und um Stuttgart. Dabei ging es weniger um Beschleunigungs- und Bremswerte und wie viel der Porsche im Vergleich zum Vorgänger und zur Konkurrenz verbraucht – das machen andere –, sondern vielmehr um die Ergründung eines bestimmten Lebensgefühls. Bei ramp nennen wir das »den größeren Blick«. Und während ich so über die Theodor-Heuss-Allee flanierte, fiel mir plötzlich der Tipp einer Bekannten ein, doch mal im »Züblin« vorbeizuschauen. Ein Parkhaus, mittendrin im landeshauptstädtischen Stau-Infarkt – die berühmt-berüchtigten Feinstaub-Messstationen liegen gleich um die Ecke.

Im Porsche Speedster – alles andere als unangenehm, eher eine Granate von Auto: 520 PS, Vierliter-Boxersaugmotor, handgeschalten, indischrot, oben offen. Geiler geht’s nicht – womit wir wieder beim Profanen sind, aber manchmal ist das eben nötig.

Warum man sich das freiwillig in einem Supersportwagen zumutet? Weil sich die Betreiber des »Züblin« etwas recht Schickes haben einfallen lassen, um das oben genannte Parkhaus-Image aufzuhübschen. Sie verbinden Parken mit Kunst. Was das Befahren dieser Großgarage tatsächlich zu einem Erlebnis macht. Nicht falsch verstehen – die grundsätzliche Architektur des »Züblin« versprüht den üblichen Siebzigerjahre-Plattenbau-Charme, so wie man es von derartigen Gebäuden erwartet. Die »Stuttgarter Nachrichten« nannten es vor neun Jahren mal einen »Sündenfall des Städtebaus«.

Doch auf den gewohnten weißen Wänden, die maximal mit schwarzen »Ups, ich dachte, das passt!«-Schlieren verziert sind, finden sich jetzt meterhohe Fotografien und Collagen. Mädchen mit Wasserpistolen stehen neben Aliens, eine Gruppe nackter Menschen, die teilweise übereinander liegen sowie angezogene Menschen, die eine Rakete bestaunen. Im Treppenhaus lächelt eine junge Dame, die man nur sieht, wenn man ganz gezielt in den kleinen Durchgang hineinschaut. Sie trägt ihr Haar kurz und blau, – garantiert eine Perücke –, blauen Lippenstift und sonst nichts als eine blaue Federboa, die ihren schlanken Körper bedeckt. Ihr Ausstellungsort ist sicher das Resultat einiger reichlich strategischer Überlegungen. Vermutlich, um Auffahrunfälle zu verhindern.

An einem Sonntagabend im Oktober ist hier zum Glück nicht viel los. Deshalb kann ich mir viel Zeit lassen, um die ungewöhnliche Galerie zu erkunden. Und während ich durch die leeren Etagen rolle, stelle ich fest, dass ich das perfekte Fahrzeug für Drive-in-Kunst dabeihabe. Mein Verdeck ist offen, obwohl es Herbst ist. Aber jemand, der einen Speedster fährt, ordnet sich derartigen Banalitäten wie Jahreszeiten natürlich nicht unter. Trocken oder nicht trocken? Das ist hier die Frage. Und selbst da gibt es Ausnahmen. Denn wenn man schnell genug fährt, können einem Regentropfen auch nichts mehr anhaben.

In einem Parkhaus ist das aber zum Glück nicht nötig. Und so erweist sich das offene Verdeck als Gewinn – perfekter Rundumblick und so. Fast wie auf dem Motorrad und ohne nerviges Bein-Ausfahren, wenn man mal kurz anhalten will. Ein weiterer Grund, weshalb dieses Auto so hervorragend hierhin passt, ist die Tatsache, dass es gewissermaßen selbst ein Kunstwerk darstellt.

Die Speedster-typischen »Double Bubble Streamliner« auf dem Verdeckdeckel brechen mit der ikonischen Form des 911, dazu kommt die immense Kraft des GT3 RS-Motors – und natürlich dessen Sound. Eine monoton-blecherne Melodie, welche die über Jahrzehnte hinweg verbesserte Mechanik und Technik zu besingen scheint. Ich trete aufs Gas, die Drehzahl des Saugers schnellt hoch und die Tonlage ändert sich, springt zwei Oktaven höher. Ich könnte fünf draus machen, lasse es aber lieber.

Das »Züblin« überrascht und provoziert mich, es liefert Abwechslung zum Alltag, inspiriert durch neue Blickwinkel und lässt mich reflektieren. Womit es den Status des Profanen deutlich übertrifft. Es ist keine Bausünde, sondern Kunst.

Stück für Stück klettert der Speedster die engen Windungen des Parkhauses hinauf. Der Schall trifft die Wände, während ich auf den leeren Geraden beschleunige. Vorsichtig, versteht sich. Vorbei an einer wieder mal nackten Frau, die sich auf den ersten Blick die Ohren zuhält. Mein gesellschaftlich-antrainiertes schlechtes Gewissen droht mich zu übermannen, bis ich erleichtert feststelle, dass sie doch nur ihr Gesicht in ihren Händen vergräbt.

Also gebe ich wieder ein bisschen Gas. Der spanische Bauhaus-Künstler Max de Esteban hat mir mal in einem Interview erklärt: »Kunst ist nicht da, um sie zu verstehen.« Sie regt jedoch zum Nachdenken an, so viel ist sicher. Auf dem obersten Parkdeck angekommen, stelle ich den Speedster ab, blicke auf Stuttgarts Lichtermeer. Das »Züblin« überrascht und provoziert mich, es liefert Abwechslung zum Alltag, inspiriert durch neue Blickwinkel und lässt mich reflektieren. Womit es den Status des Profanen deutlich übertrifft. Es ist keine Bausünde, sondern Kunst.

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