Das Warten auf den Schmerz mit diesem Gefühl der Freiheit

Schwimmen, Fahrradfahren, Laufen. Nacheinander. Gegen die Besten. Immer im mentalen und körperlichen Grenzbereich. Oder darüber. Dazu ein mörderisches Training. Triathlon zählt zu den härtesten Sportarten der Welt. Bleibt die Frage, warum sich Sebastian Kienle das antut. Gibt es etwa sogar einen Lustaspekt?
Text Michael Köckritz
Bild Manuel Nagel

Das Interview mit Sebastian Kienle sowie das dazu entstandene Video ist der Auftakt der Reihe »Motifs«, die Polestar ins Leben gerufen hat. In Motifs werden einzigartige Persönlichkeiten vorgestellt, deren Lebensstil und Alltag ganz bewusst von Nachhaltigkeit und Performance geprägt ist. Mehr zu Polestar und das ganze Video von Sebastian Kienle gibt es hier.

Herr Kienle, Sie haben alles gewonnen, was man gewinnen kann, und machen immer weiter. Was motiviert Sie?
Sebastian Kienle: Gute Frage. Ich glaube, dass sich mein Antrieb über die Jahre gewandelt hat. Am Anfang meiner Karriere war es sicherlich das Siegen an sich, der Ansporn, der Beste zu sein. Als Heranwachsender war es ein Weg, mich als Mensch zu definieren – das Gefühl, Erfolg zu haben, stärkt natürlich das Selbstvertrauen. Zu dem Ziel, Rennen zu gewinnen, kam die Erkenntnis, dass es kaum einen Beruf gibt, der so viel Freiheit mit sich bringt wie meiner. Die Möglichkeit, alles selber entscheiden zu dürfen. Und die Chance, dass ich die Welt sehen und viele interessante Menschen treffen kann. Dazu kommen einfache Dinge. Ich genieße meinen Job unheimlich. Das Gewinnen ist also nicht mehr der einzige Antrieb – wobei man auch sagen muss, dass sich das Gefühl auch nicht abnutzt.

Triathlon ist eine der härtesten Sportarten. Liegt in der Härte auch ein Lustaspekt?
Klar, es geht schon darum, über sein Limit zu gehen. Der Ironman ist eigentlich immer nur die Vorbereitung auf den Moment, in dem man nicht mehr weiterwill. Und den überwinden zu können, das macht mich unheimlich stolz. Wenn man sich beispielsweise eine Schwimmerin bei einem olympischen Wettkampf anschaut, schlägt die an – und der erste Blick geht zur Uhr. Und wenn die Zeit nicht stimmt, ist fast schon egal, ob sie gewonnen hat oder nicht. Bei uns ist es genau andersherum. 80 Prozent des Belohnungseffektes habe ich schon erreicht, wenn ich einfach nur die Ziellinie überquere. Und der Sieg macht nur 20 Prozent aus. Und dieses Gefühl, es geschafft zu haben, kann man im täglichen Training immer wieder wiederholen. Wenn ich nach sechs Stunden draußen auf dem Rad zurückkomme, kann ich Kleinigkeiten viel mehr genießen. Das Sofa wird ein bisschen weicher und das Essen schmeckt ein bisschen besser. Das ist schon wie eine Droge.

Wann kommt dieser Punkt, von dem Sie gerade gesprochen haben? Ist der festgelegt oder variabel?
Der Zeitpunkt ist in der Tat ganz unterschiedlich. Und er wird auch immer von einem anderen Gefühl begleitet. Häufig spricht man in diesem Zusammenhang über Schmerzen, das ist negativ konnotiert, dabei würde ich es gar nicht mit einem klassischen Schmerz vergleichen. Man fühlt sich einfach sehr im Prinzip. Merkt, dass alle Systeme im Körper am Limit sind. Aber auch die Wahrnehmung verändert sich: Hat man einen guten Tag, freut man sich regelrecht, wenn es richtig hart wird. Dazu kommt natürlich auch immer noch, wo man im Rennen ist.

Sind Sie während des Rennens auf Psyche und Körper fixiert – oder assoziieren Sie auch?
Wenn ein Rennen über acht Stunden geht, ist es wichtig, die Gedanken mal abschweifen zu lassen. Man muss sich vorher Gründe überlegen, warum man das Rennen durchzieht und so eine Art Videokassette aufnehmen. Und wenn man während dem Rennen nicht so positiv denkt, kann man die im entscheidenden Moment einlegen und auf Play drücken.

»Der Ironman ist eigentlich immer nur die Vorbereitung auf den Moment, in dem man nicht mehr weiterwill.«

Sebastian Kienle

Was ist auf der Kassette zu sehen?
Bilder von erfolgreichen Rennen oder Belohnungen wie ein sehr schönes Hotel auf Hawaii, in dem wir immer ein paar Tage nach dem Rennen ausspannen. Aber das Best-Case-Szenario ist so, dass man nach dem Rennen gar nicht mehr weiß, an was man eigentlich dachte. Dann hat man es geschafft, immer in dem einen Moment zu sein, der wichtig war.

Etwas ganz anderes: Wie würden Sie Ihren Kleidungs-Stil beschreiben?
Ich glaube, wenn man die Frage jetzt meiner Frau stellen würde, würde die sagen, dass ich schon seit über einer Dekade im kompletten Lockdown lebe. Ist ja auch eine Form von Nachhaltigkeit. Lagerfeld sagte ja mal: »Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.« Ich muss dem entgegenhalten, dass ich dadurch, dass ich generell immer Jogginghose tragen kann, die maximale Kontrolle über mein Leben errungen habe.

Sie haben vorhin den Aspekt der Freiheit genannt. Über den Sport – und die Jogginghose – hinaus: Ist auch das Auto ein Freiheitstool?
Ich sage es mal so: Im Prinzip ist der Sport ein Widerspruch. Auf der einen Seite bin ich unheimlich viel in der Natur und weiß sie darum zu schätzen, ich bin aber auch viel in Gegenden unterwegs, in denen man sieht, was wir für Spuren hinterlassen: komplett zugemüllte Straßen auf Fuerteventura, Strände auf Hawaii, die immer schmaler werden. Auf der anderen Seite habe ich jederzeit die Möglichkeit, einzusteigen und irgendwohin zu gehen, wo es schön ist und wo man trainieren kann. Und ich habe viel Gepäck und oft zwei Fahrräder dabei, damit kann ich nicht in den Zug steigen. Ich habe also ein sehr mobiles, aber auch sehr ressourcenintensives Leben.

»Wer Erfolg haben will, muss dafür glühen. Und Glühen hat eben eine längere Dauer als das Brennen.«

Sebastian Kienle

Aber Sie fahren gerne Auto?
Ja, total. Ich habe Flugangst, weil ich im Flieger keine Kontrolle habe. Und ich bin auch ein schlechter Beifahrer, das muss ich leider eingestehen. So gesehen würde ich mich fast als Berufskraftfahrer bezeichnen, weil ich in meinem Job meist aus eigener Kraft fahre. Und wenn man so viel mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss man immer mehr als seine sechs Sinne beisammen haben – so auch beim Autofahren. Ich hatte nie einen Unfall, obwohl ich mehr als eine halbe Million Kilometer im Auto unterwegs war.

Wie wichtig ist Performance?
Ich glaube, dass man durch den Sport auch viele andere Bereiche in seinem Leben mit einem Performance-Gedanken angeht. Wobei es inzwischen andersherum ist: Ich fahre immer mit diesem Gedanken und probiere, einen Highscore zu erzielen. Gamification findet bei mir auch im Auto statt.

Wie nachhaltig sollten Autos heute und in Zukunft sein?
Zu 100 Prozent. Wenn man sich in Deutschland anschaut, was sich in den letzten 15 Jahren getan hat, muss man ganz klar sagen, dass sich der Energiefaktor stark gewandelt hat. Wir haben halt zwei Möglichkeiten: Entweder wir stellen unser komplettes Leben um, schränken uns massiv ein, was die Mobilität angeht, oder verzichten gar auf die Freiheit der Mobilität. Oder wir probieren, das Ganze über eine bessere Technik zu lösen oder zumindest so weit zu verbessern, dass man Mobilität vertreten kann.

Wie könnte man die Themen Umwelt und Klimaschutz mit dem Triathlon verknüpfen?
Viele Triathleten sind besorgte Klimasünder. Die um das Problem wissen und einen Stand in der Gesellschaft haben, von dem man sich um solche Probleme kümmern sollte und kümmern muss. Mit dem Sport geht eine große Verantwortung einher: Viele Triathleten haben einen relativ hohen Verdienst, der ihnen ermöglicht, zu konsumieren. Und bei dem Thema Konsum muss man sich fragen, wie man ihn so gestaltet, dass unsere Wirtschaft funktioniert, ohne unseren Kindern einen komplett brandgerodeten Planeten zu hinterlassen.

Sie fahren bald einen Polestar 2. Warum?
Weil man schon zu grinsen beginnt, wenn man auf das – ich nenne es mal Play Paddle – drückt. Das ist Performance und etwas, mit dem man alle Mitfahrer begeistern kann. Und das Schöne ist, dass das Auto keinen Verzicht darstellt und man trotzdem ein einigermaßen gutes Gewissen haben kann. Wir haben eine ziemlich große Solaranlage auf dem Dach und einen örtlichen Versorger, der es uns ermöglicht, den Polestar mit 100 Prozent erneuerbaren Energien zu befüllen. Trotzdem wachsen Autos nicht auf Bäumen, das ist klar. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und mir macht das Autofahren wieder ein bisschen mehr Spaß, weil ich nicht mehr so ein schlechtes Gewissen haben muss.

Wie wichtig ist Ihnen das Design des Autos?
Ich fand das schwedische Design immer schon ziemlich gut. Auf der einen Seite funktionell, cool, auf der anderen Seite jedoch nicht aggressiv. Bei manchem deutschen Hersteller ist die Design-Sprache aggressiver, vielleicht überträgt sich das auch auf die Atmosphäre im Straßenverkehr – und Polestar setzt da einen extrem schönen Akzent, weil er gut aussieht, vorwärtsgeht, aber dabei nicht übermäßig aggressiv daherkommt. Er macht das, was meiner Meinung nach ein tolles Auto machen sollte: Du setzt dich rein, es ist ruhig, dein Puls geht einfach direkt mal um zehn Schläge runter, jede gute Musik wird noch einen Tick besser. Und trotzdem ist es kein Problem, auf schönen, geschwungenen Landsträßchen auch mal die Kurve zu kratzen, wenn man das will.

Letzte Frage: Was könnte man von einem Triathleten für das Leben lernen?
Beharrlichkeit. Das ist vielleicht das Wichtigste. Ich habe viele Athleten, die mit Sicherheit talentierter als ich waren, kommen und gehen sehen. Einfach, weil die ganz hellen Flammen oft auch nur sehr kurz brennen. Und ich sage mal: Wer Erfolg haben will, muss dafür glühen. Und Glühen hat eben eine längere Dauer als das Brennen.


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