Text: Bernd Haase
Bild: Lufe Gomes
6 min

Pop-Paradies: zwischen Kunst und Kitsch

Ich sammle, also bin ich – im Zweifelsfall ein DJ, der existierende Musik anhäuft, diese destilliert, um sie dann in ihrer Essenz wieder auf die Tanzfläche zu tragen. Wenn so ein DJ der Sammelwut in Sachen „Populärer Kitsch“ verfällt, kann es etwas schwierig werden mit dem Destillieren und dem Produzieren von Essenzen. Im Zweifelsfall muss dann ein Architekt eben ein Meisterwerk vollbringen.

Unter Sammeln versteht der landläufige Duden-Autor das Zusammentragen von Dingen, um sie wegen ihres Wertes oder ihrer Schönheit oder irgendetwas anderem in größerer Anzahl aufzuheben – im Idealfall in einer bestimmten Ordnung.Unter einem Discjockey versteht derselbe Duden-Autor eine Person, die für ein Publikum Musiktitel auswählt und präsentiert. Was er uns nicht verrät, ist, dass der DJ, wie er landläufig auch genannt wird, jene Musiktitel erst einmal sammeln muss, diese also wegen ihres Wertes oder ihrer Schönheit oder irgendetwas anderem in größerer Anzahl zusammenträgt, um sie dann halt eben nicht nur aufzuheben, sondern auch zu Gehör zu bringen. Damit hätten wir nebenbei auch die Frage beantwortet, was ein DJ denn so macht, wenn er gerade mal nicht deejayt: sammeln.Das macht auch Pil Marques. Landläufig auch DJ Pil genannt. Manch einer nennt ihn den besten Techhouse-DJ Brasiliens. Wir wollen uns jetzt mal nicht ganz so weit auf die Tanzfläche lehnen und halten einfach mal fest, dass DJ Pil die Afterhour nach Sao Paulo gebracht und diese im dortigen Hell’s Club institutionalisiert hat und über die Nuller-Jahre hinweg selbst zur Institution wurde, weil er nämlich für sein Publikum Musiktitel sammelt, auswählt und präsentiert, die der Beschreibung ornamental-verzierter-Easy-Peasy-Dancefloor-Sound sehr nahe kommen.DJ Pil sammelt also qua Profession Musik. Und wo der DJ gerade mal dabei ist zu sammeln, liegt es nahe, neben dem Vinyl der LPs und dem Polycarbonat der CDs und den Megabyte der mp3-Files auch Porzellan in figürlich ansprechender Form anzuhäufen ebenso wie Kunststoff, Blech und Glas in unterschiedlichsten Formen sowie Bücher, Bücher, Bücher. Natürlich nicht wahllos. Sondern mit Geschmack. Wobei das mit dem Geschmack für Außenstehende oft schon wieder eine, nun ja, Geschmackssache ist.Könnte man auch bei DJ Pil so sehen. Seine Memorabilia verdienen sich bisweilen mit vollem Selbstbewusstsein die Bezeichnung Kitsch. In den Augen ihres Besitzers ist dieses scheinbar Belanglose dagegen ein luxuriöser Wertgegenstand, ist das offensichtlich Banale der Gipfel der Schönheit. Aber wie diese Schönheit anderen Menschen näherbringen, vor allem solchen, die bezüglich Star Wars-Puppen oder PEZ-Automaten in Kategorien wie Kinderkram denken?Pil Marques hat dafür einen Spezialisten engagiert. Den Architekten Guilherme Torres. Der hatte auch einen Plan für diese Aufgabe. Einen guten Plan. Der lautete: das Gesammelte nach allen Regeln der Lagerkunst sortieren, einteilen, aufteilen und ausstellen. Nur, als sich Torres das ausdachte, hatte er noch nicht gesehen, dass da ein paar gefühlte Containerladungen an Objekten auf ihn warteten. Die sollten zu allem Überfluss nicht nur repräsentativ auf eine paar Räume verteilt werden, sondern im besten Fall auch noch die Sinne von Pil Marques Mitbewohnern, der DJ Adriana und dem Künstler Daniel Zanardi, entzücken.Und so wurde aus dem sortierenden Architekten ein Kurator des kunstvollen Kitsches, der nicht nur das Gesammelte durchforstete, ordnete, diese Ordnung wieder verwarf und nochmals neu anordnete, sondern der auch noch nach dem passenden Mobiliar für diese Schmuckstücke der Trivialität fahndete und über all die Sortiererei und Verwerferei nie den Blick fürs Detail vergaß. Das ganze Unterfangen endete in einem viertägigen Schlussakkord, bei dem er zusammen mit dem gesamten Team seines Studios – Architekten, Malern und Elektrikern – bis in die frühen Morgenstunden hinein die über Wochen sorgfältig erdachte Komposition in einen lebendigen und lebenswerten Wohnraum übersetzte: ein Kleiner-Jungs-Traum im Gewand eines Pop-Paradieses für Erwachsene.So, und das war dann sozusagen das Meisterstück des Architekten. Das wiederum von einem guten Freund des DJs, dem Fotografen Lufe Gomes, ebenso meisterhaft für uns ins Bild gerückt wurde.

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