Porsche Motorsport: »Es gibt keinen Plan B.«

Aksel Lund Svindal will als einer der erfolgreichsten Skirennläufer eigentlich nur durch Kurven fahren. Und zwar schnell. Langstrecken-Weltmeister Neel Jani nickt, meint damit aber nicht den Reiz am Skirennlauf, sondern den am Motorsport. Im Rahmen des GP Ice Race in Zell am See sprachen wir mit den beiden über Präzision, Heldengeschichten und die Relevanz von Fernsehbildern.
Text Matthias Mederer, Nadine Hanfstein
Bild Matthias Mederer, Keno Zache

Was macht die Faszination an der Sportart des jeweils anderen aus?
Aksel Lund Svindal: Wo soll man da anfangen? Beim Skifahren ist es zunächst mal die Ausrüstung, die relativ einfach ist, um eine Piste hinunterzufahren. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir mit einem Motor schneller wären. Das Schöne ist, dass man eigentlich nur Kurven fahren will. Schnell geradeaus können sie alle. Aber schnell durch Kurven und über Wellen fahren, das macht den Reiz aus. Denn man kann nicht nur den Speed mit in eine Kurve nehmen, teilweise kann man sogar noch mehr Speed aus einer Kurve herausholen. Die Kurven machen für mich auch das Besondere am Motorsport oder ganz generell beim Autofahren aus. Drag Racing, also stur geradeaus, ist für mich nicht interessant.

Neel Jani: Das ist auch das Spannende für mich an beiden Sportarten. Es geht immer um das Finden der Linie, und die ergibt sich schlussendlich aus Geschwindigkeit und G-Kräften. Eigentlich ließe sich die perfekte Linie sogar berechnen, man hat nur in beiden Fällen nicht die Zeit dazu. Man muss das im Gefühl haben. Das ist etwas, was sich natürlich über die Jahre entwickelt, beim Skifahren wie im Rennauto. Es sind sogar die gleichen Fragen, die wir uns stellen: Wann und wie viel bremse ich? Wann lenke ich ein? Wann lasse ich laufen? Wann mache ich die Lenkung wieder auf, beziehungsweise wann stelle ich die Skier wieder talwärts?

Es geht also um Präzision am Limit unter enormem Zeitdruck?
Jani: So in der Art. Die Vorbereitung spielt eine große Rolle. Vor einem Rennen besichtigen wir immer die Strecke, sehen uns jede Kurve sowohl vom Eingang als auch vom Ausgang an.
Svindal: Und obwohl es im Rennen dann sehr schnell geht und man sehr schnelle Entscheidungen treffen muss, sieht man die Linie irgendwie. Selbst im Schnee, wo alles weiß ist. Mental bist du immer ein gutes Stück voraus. Das merkst du vor allem dann, wenn etwas Unvorhergesehenes, wenn ein Fehler passiert, wenn du zum Beispiel stürzt.
Jani: Ist im Rennauto ganz genauso. Passiert ein Unfall oder verlierst du das Auto, bist du im ersten Moment überrascht, denn im Kopf bist du längst fertig mit der Kurve.

Dennoch gibt es immer wieder unvorhergesehene Dinge. Wie viel Improvisation braucht ein guter Racer?
Svindal: Es gibt einen Plan A, aber keinen Plan B. Ziel ist es, stets so schnell wie möglich auf Plan A zurückzukommen. Kleinigkeiten passieren immer. Bremsen und zurück auf A ist eigentlich keine Option.
Jani: Du lebst im Grunde die vorausschauende Antizipation, zu achtzig, neunzig Prozent funktioniert das. Zehn bis fünfzehn Prozent sind Improvisation, weil alles immer in Bewegung und rasend schnell ist. Im wahrsten Sinne des Wortes.

»Ziel des Sports muss es sein, Heldengeschichten zu schreiben. Das geht nur, wenn jemand nach einem Unfall wieder aufstehen und siegen kann.«

Wobei es beim Skifahren meistens nur einen oder zwei Läufe gibt. Im Rennsport gibt es viele Runden, in denen die Strecke ja immer die gleiche ist.
Jani: Stimmt nicht ganz. Die Strecke ändert sich von Runde zu Runde. Meistens wird sie schneller. In der Formel E kann das extrem sein, da es sich um einen improvisierten Stadtkurs handelt. Das Grip-Niveau steigt von Runde zu Runde. Am Ende eines Tages kann so ein Kurs plötzlich dreißig Sekunden schneller sein, wie in Saudi-Arabien zum Beispiel. Wobei das schon extrem ist.

Wie viel Erfahrung hat der Skirennfahrer Aksel Lund Svindal im Auto auf der Rennstrecke?
Svindal: Wenig. Ich bin viele Kilometer Auto gefahren, aber nur wenig auf der Rennstrecke. Wenn ich allerdings mit Freunden auf die Rennstrecke gehe, spüre ich schon, dass ich im Vergleich zu denen, die keinen Sport treiben, schneller lerne.
Jani: Weil das Gefühl da ist.
Svindal: Richtig, vor allem das Gefühl für die schnelle Linie. Lenkrad, Gas, Bremse haben wir beim Skifahren natürlich nicht, also in diesem Bereich muss ich schon immer viel lernen, aber das Gespür für die Linie habe ich im Blut.
Jani: Du warst zwei Mal in Le Mans, stimmt das?
Svindal: Richtig. Und ich bin permanent an der Rennstrecke geblieben und habe während der 24 Stunden vielleicht rund eine Stunde geschlafen. Ich war bei vielen Formel 1-Rennen, aber Le Mans ist schon noch mal etwas ganz Besonderes. Der Kampf auf der Strecke, mit den Gegnern, der Tempounterschied zwischen den Prototypen und den GT-Fahrzeugen. Das sind natürlich Dinge, die wir beim Skifahren nicht haben.

Was macht diese Ereignisse für Zuschauer nach wie vor so faszinierend?
Svindal: Ich glaube, es sind die Geschichten. Sowohl Le Mans als auch Kitzbühel – um diese Beispiele zu nennen – sind extrem traditionsreiche Rennen, und in dieser langen Zeit passieren natürlich wahnsinnig viele Geschichten – auch Heldengeschichten. Die Rennen, die hier stattgefunden haben, sind voll von Dramen und unglaublichen Siegen.
Jani: Die Menschen kennen diese Rennstrecken. Wenn du den Menschen etwas vom FIS-Weltcup oder von der LMP1 erzählst, fragen viele: »Wie bitte?« Aber wenn du ihnen von Le Mans oder Kitzbühel erzählst, wissen sie sofort, was gemeint ist.

Was macht den Helden zum Helden?
Jani an Svindal: Wann bist Du in Kitzbühel gestürzt?
Svindal: Im Ziel?
Jani: Ja.
Svindal: 2016.
Jani: Bei den Skifahrern gibt es diese spektakulären Stürze. Das sieht manchmal brutal aus. Aber die Skifahrer stehen oftmals wieder auf, winken in die Kamera. Für die Zuschauer ist das ein psychologischer Wow-Effekt. Die Pisten provozieren diese Fehler. Aber genau dieses Stellen der Gefahr, das Wiederaufstehen, das macht den Helden aus.
Svindal: Es ist der Umgang mit Fehlschlägen. Es ist gefährlich. Immer wieder gibt es Unfälle mit kaputten Knien. Und im schlimmsten Fall stirbt jemand.

Der Held ist also nur möglich beim Auge-in-Auge mit dem Tod?
Jani: Es gehört irgendwie zusammen.
Svindal: Das Wichtigste ist, dass ich nach einem Unfall nicht einfach sage »Shit happens!« und weitermache. Ich muss analysieren, warum es passiert ist. Ziel des Sports muss es sein, Heldengeschichten zu schreiben. Das geht nur, wenn jemand nach einem Unfall, Rückschlag wieder aufstehen, zurückkommen und siegen kann.
Jani: Der Sturz von Hermann Maier in Nagano 1998 ist ein gutes Beispiel.
Svindal: Und da siehst du auch, wie wichtig Fernsehbilder sind. Der Sturz war eigentlich nicht so schlimm, sah aber extrem spektakulär aus. Die Kamera stand seitlich. Hermann kam aus der Kurve, flog quer über den Bildschirm, ist aber im Schnee gelandet. Und es gibt Stürze, die sehen weit weniger spektakulär aus, haben aber größere Konsequenzen. Wenn jemand mit dem Hubschrauber abgeholt wird, ist das nicht gut für den Sport. Dann gibt es keinen Helden. Das Beste ist genau so ein Sturz wie der von Hermann. Die Zuschauer sehen sofort, er lebt noch, er bewegt sich, und nach ein paar Tagen kommt er spektakulär mit einem Sieg zurück. Das ist es, was wir brauchen.

Warum brauchen wir das?
Jani: Ich glaube, es geht darum, etwas zu sehen, was nicht jeder kann. Nicht jeder von uns kann die Streif in Kitzbühel so fahren wie die Abfahrer. Und kaum jemand kann Le Mans im Renntrimm über 24 Stunden fahren. Und auch die paar wenigen, die es können, müssen voll ans Limit gehen.

Mehr Informationen unter:

motorsports.porsche.com


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