Posthumes »Toy« des Ziggy Stardust: neues David-Bowie-Album

Am 8. Januar wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. Zwei Tage später jährt sich zum sechsten Mal sein Todestag. Und einen Tag vorher erscheint mit »Toy« ein bisher unveröffentlichtes Album des Pop-Chamäleons. Zwanzig Jahre nach seiner Aufnahme. Was uns veranlasst, mal ein bisschen mehr über künstlerisches Erbe nachzudenken.
Text Bernd Haase
Bild Warner Music / Andy Kent

Rein prinzipiell ist es für einen Künstler, der etwas auf sich hält, eine ziemlich blöde Idee, unausgegorene Ideen und verunglückte Songs aufzubewahren, um sie vielleicht doch noch mal zu verwerten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach dem Ableben ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, um in bare Münze verwandelt zu werden, ist jedenfalls ziemlich hoch. Fragen sie mal Jimi Hendrix … okay, blöd, geht nicht mehr. Aber wenn sie es könnten: Demos, Bootlegs, miese Liveaufnahmen. Seit Hendrix sich 1970 mithilfe von Schlaftabletten und Wein in den Pophimmel befördert hat, sind viermal so viele Alben von ihm erschienen wie zu seinen Lebzeiten. Und dass heutzutage auch noch künstliche Intelligenz und anderer Technologie-Kram mitmischt, lässt nichts Gutes befürchten. Obwohl …


Es gab ja schon immer Künstler, die ihrer Zeit voraus waren. David Bowie ist da wohl eines der besten Beispiele. Er machte als Ziggy Stardust bereits Glamrock, als die meisten anderen noch ihre Finger auf den Gitarrensaiten sortierten. Und die New Wave wäre ohne seine »Heroes« vermutlich nie ins Rollen gekommen. Bowie jedenfalls scheint es geahnt zu haben, dass künstlerische Leichenfledderei gerade im Pop-Business unartige Auswüchse annehmen wird – und plante fein säuberlich voraus, wann welcher unveröffentlichte Song von ihm, wann welches Best of-Album oder welche Anthologie nach seinem Tod an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Sagt man zumindest.

Ob er dabei auch das Album »Toy« in seinem Vermächtnis bedacht hat? Wissen wir nicht. Das ist nämlich auch so ein Sonderfall. Aufgenommen hat es Bowie 2001. Er hatte zu jener Zeit einen seiner ganz frühen Songs wieder hervorgekramt. »Can’t help thinking about me« von 1966, der erste Song, den er unter seinem Künstlernamen David Bowie aufgenommen habe, wie er 1999 bei seiner Live-Session für die Mark Radcliffe BBC Radio 1 Show erklärt. Der Song kam an, auch bei seiner »Hours«-Tour.

Er machte als Ziggy Stardust bereits Glamrock, als die meisten anderen noch ihre Finger auf den Gitarrensaiten sortierten. Und die New Wave wäre ohne seine »Heroes« vermutlich nie ins Rollen gekommen.

Also begab sich der Meister samt Band ins Studio, um all das aufzunehmen, was er vor seiner Verwandlung in die Kunstfigur Ziggy Stardust so komponiert hatte – und es wert war, mit drei Jahrzehnten mehr an künstlerischer Erfahrung neu aufgenommen zu werden. Songs aus den Jahren 1964 bis 1971. Geplant war eine schnelle Nummer: Ab ins Studio, das Ding ganz old school live mit Band einzuspielen und so schnell wie möglich als Überraschungsalbum präsentieren. Blöd nur, dass die damalige Plattenfirma nicht mitspielte. Die war von so einem Coup überfordert Und altes 60er-Zeug? Heute wird offiziell von »fehlender Technologie« gesprochen … Wie dem auch sei. Bowie jammerte nicht, sondern machte sich an die nächste reguläre Studioarbeit. Was so verkehrt auch nicht war. Es entstand »Heathen«. Das wohl beste Album seiner zweiten Karrierehälfte.

Aber zurück zu »Toy«, wie Bowie die Old-School-Nummer mit den ganzen frühen Songs seinerzeit taufte. Seine alte Plattenfirma ist mittlerweile Geschichte, sein damaliges Label gehört zu dem Konzern, der Bowies musikalischen Nachlass verwaltet. Und der hat seinen damaligen Mitstreiter und Co-Produzenten Mark Plati beauftragt, das verschwundene Werk im Sinne Bowies für die Allgemeinheit aufzubereiten. Wenn Plati das Album beschreibt, klingt es wie folgt: »‘Toy‘ ist wie eine Momentaufnahme, konserviert in einem Bernstein aus Freude, Feuer und Energie. Es ist der Klang von Menschen, die komplett im gemeinsamen Musikmachen aufgehen. David hat seine Arbeiten aus vorausgegangenen Jahrzehnten durch das Prisma der Erfahrung mit einer frischen Perspektive neu in Augenschein genommen.« Solche Aussagen gefallen natürlich jeder Plattenfirma. Muss nur noch das Ergebnis halten, was er verspricht.






TOY (TOY:BOX) erscheint am 7. Januar 2022 als 3CD oder 6x10"-Vinyl und stellt eine Sonderausgabe des TOY-Albums dar, das bereits Teil des Boxsets David Bowie 5. Brillant Adventure (1992-2001)) ist. Der „Den Moment einfangen"-Ansatz der Recording Sessions gilt auch für das von Bowie entworfene Sleeve-Artwork, das ein Foto von ihm als Baby mit einem aktuellen Gesicht zeigt. Das Paket enthält außerdem ein 16-seitiges, farbiges Buch mit bisher unveröffentlichten Fotografien von Frank Ockenfels 3.



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