Text: Wiebke Brauer
Bild: Red Bull
6 min

Searching Bangkok

Andere Menschen vergnügen sich in einer Wasserski-Anlage in Salzgitter, Dominik Gührs fährt mit seinem Wakeboard durch den Schwimmenden Markt in Bangkok, springt über Boote und macht ein paar Tricks. Das klingt gleichzeitig einfach wie verrückt – da sollte man doch mal nachfragen. Ach so, eins noch: Dominik Gührs ist zweifacher Weltmeister im Wakeboarden.

Es gibt bequemere Arten, sich durch die Floating Markets von Bangkok zu bewegen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich fliege seit zehn Jahren für drei Monate nach Bangkok, weil ich dort die Saison vorbereite, also das Wintertraining absolviere. Und als wir vor ewiger Zeit mal am Floating Market waren, dachte ich: Hey, wie geil wäre es, hier mit einem Wakeboard durchzufahren? Allerdings ist das extrem schwer umzusetzen, weil der ganze Markt so vollgestellt ist. Dazu kam, dass wir uns ein paar Spots ausgesucht hatten, die sportlich gesehen am Limit sind. Also habe ich das Videoprojekt »Searching Bangkok« vor zwei Jahren Red Bull vorgeschlagen, weil die sehr gut vernetzt sind.

Also nicht nur ein bisschen Schaulaufen für die Kameras.
Auf keinen Fall, nein. Auf gar keinen Fall. Da waren echt schwierige Sachen dabei.

Geht es nicht auch einfacher?
Sicher, aber ich wollte nicht ausschließlich einen Clip für den Mainstream machen, sondern auch etwas für die Core-Szene – es war mir wichtig, beide Bereiche abzudecken.

Jetzt sind die Red Bull-Clips immer spektakulär. Welche Unterschiede gibt es bei der Herangehensweise zwischen einem solchen Action-Clip und einem Wettkampf?
So ein Videoprojekt ist für mich zehnmal geiler als irgendein Contest. Weil man zehn bis 15 Contests im Jahr mitmacht – und die im Endeffekt alle gleich sind. Ich fühle mich dabei immer ein bisschen wie ein Zirkusaffe. Man macht seine Tricks und wird von dreißig Schiedsrichtern bewertet. Und so einen Clip zu produzieren ist was Einzigartiges, weil eine Filmcrew dabei ist. Man hat genau die Sachen im Kopf, die man machen will – und am Ende kommt etwas ganz Besonderes heraus. Das ist dann ein Masterpiece. So eine Art Kunst (lacht).

Sind die anspruchsvollsten Tricks auch die, die am spektakulärsten im Film wirken?
Sagen wir so: Alles, was kopfüber ist, sieht für einen Laien extrem schwierig aus. Wenn man sich bei einem »1080« dreimal um die eigene Achse dreht, versteht der Zuschauer nicht wirklich, wie kompliziert der Trick ist, für einen Laien sieht ein doppelter Rückwärtssalto krasser aus – und er denkt dann, dass der Fahrer ein Megaprofi sein muss. Ist aber im Endeffekt nicht so.

Was macht das Kopfüberfliegen so einfach?
Wenn man einfach nur einen Rückwärtssalto über einen Kicker, also über eine Schanze, macht, ist das nicht wirklich anspruchsvoll. Ein stylisch gegrabter 360, bei dem man sich einmal um die Achse dreht, ist schwieriger.

Wie schätzen Sie den Sport ein – generell und persönlich?
Der Sport ist auf jeden Fall noch ziemlich jung, extrem am Wachsen, und ja, für mich ist es eine der geilsten Sportarten, die es gibt. Alleine deswegen, weil man mit seinen Kumpels im Sommer an den Lift geht und da einen guten Tag verbringt. Das ist eigentlich das, was mir am Wakeboarden am meisten Spaß macht. Die Menschen, die man um sich herum hat.

Nun wird der Sport durch seine Popularität immer professioneller. Geht dadurch die Lässigkeit verloren?
Ich würde sagen, dass es professioneller wird, aber der Spaß noch immer im Vordergrund steht. Natürlich trainiert man auf einen Contest oder auf irgendwelche Videoprojekte hin, geht regelmäßig ins Fitnessstudio und macht seine Übungen. Aber trotzdem, und obwohl es mein Job ist, ist es zu neunzig Prozent Spaß – sonst würde ich es auch nicht machen.

Klassikerfrage: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ich würde schon gerne in dem Sport bleiben. Klar, in zehn Jahren werde ich wahrscheinlich keine Weltmeisterschaften mehr gewinnen (lacht). Aber ich hätte schon mal Lust auf einen eigenen Park. Ich hätte da schon Ideen.

Wäre der Park dann in Bangkok?
Auch wenn ich gerne reise, bin ich immer wieder froh, wenn ich daheim bin. Also eher in Aschheim.

Wie oft sind Sie pro Jahr unterwegs?
Schon so sechs bis sieben Monate, allerdings nicht am Stück.

Die Verletzungen, das Training, das Unterwegssein … Was motiviert Sie?
Ich glaube, die größte Motivation besteht darin, um die Welt zu reisen, mit seinen Freunden fahren zu gehen und sich gegenseitig zu pushen. Wenn man sieht, dass jemand einen neuen Trick beherrscht, will man sofort auch etwas Neues lernen. Sicherlich handelt es sich beim Wakeboarden um einen Einzelkampfsport, aber zugleich bildet man ein Team.

So schön der Sport ist, so gefährlich ist er auch. Wie geht man mit Verletzungen um?
Gefahr ist ja relativ, beim Radfahren passiert ja auch viel. Wahr ist: Je schwieriger die Tricks sind, die man ausprobiert, desto höher ist das Risiko.

Wie hoch ist die Geschwindigkeit beim Wakeboarden?
Zumeist 30 km/h.

Da kann der Aufprall ganz schön hart sein.
Ja, auf jeden Fall. Das kann schon ganz schön scheppern.

Wie fällt man am besten ins Wasser?
Kreuzbandrisse sind sehr häufige Verletzungen beim Wakeboarden, also Knieverletzungen. Also versuche ich immer, mich auf den Rücken fallen zu lassen. Dann bleibt dir zwar kurz die Luft weg, aber die kommt dann schon wieder.

Woher kommt die Inspiration für neue Tricks?
Die hole ich mir oft durch das Contest-Fahren. Ich bin schon ein ziemlich ehrgeiziger Mensch und kann schlecht verlieren. Und wenn ich bei einem Contest sehe, dass jemand aufgeholt hat, denke ich mir, dass ich auch wieder nachlegen muss.

Arbeiten Sie aktuell an einem neuen Trick?
Das macht man ständig. Ich habe zurzeit keinen, bei dem ich sage, den muss ich unbedingt nächsten Monat können. Das geschieht eher aus dem Bauch heraus und ist tagesformabhängig. Dann passiert es, dass man bei einem Trick denkt, dass man ihn weiterdrehen könnte.

Und wie lange brauchen Sie, bis Sie etwas Neues in das Wettkampfprogramm einbauen?
Das kann schnell gehen – oder auch nicht. Bei der Menge und bei dem Level geht man das Risiko ein, darauf zu hoffen, dass man den Trick beim Contest hinbekommt. Oft mache ich Sachen, bei denen die Chance, hinzufallen, bei 80 Prozent liegt. Aber irgendwie klappt es dann doch immer.

Ist das der Druck, der für einen zusätzliche Schub sorgt?
Ja, würde ich schon sagen. Ich kenne viele Fahrer, die können mit Prüfungssituationen gar nicht umgehen. Ich funktioniere am besten, wenn ich Druck habe. Angefangen hat alles im Juni 2000 im Sportgeschäft Sport Bittl in Allach: Zehn Jahre ist Dominik Gührs alt, er will ein Skateboard kaufen – und entscheidet sich dann für ein Wakeboard. Inzwischen hat er an 150 Contests teilgenommen und ist zweifacher Weltmeister am Cable. Sechs Stunden täglich trainiert der gebürtige Münchner an seiner Heimatanlage in Aschheim, 2003 erleidet er einen Schädelbasisbruch, als ihm ein anderer Rider über den Kopf fährt. Als legendär gilt sein »Toe Side Backside 1080« beim WM-Finale 2010 in Antalya. Ende 2011 gewinnt er beim WWA-Finale in Abu Dhabi zum ersten Mal die Weltmeisterschaft, 2015 sichert er sich erneut den Titel. Besonders froh ist Gührs darüber, dass er sich damals für ein Wakeboard entschied, weil er nach eigener Aussage ein »völlig talentfreier Skateboarder« ist.

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