Sehnsucht

Der Boxster wird 25 Jahre alt. Und sieht besser denn je aus. Wir haben uns an den vergangenen Sommer und an einen Roadtrip in der jüngsten Generation des offenkundigsporltichen Cabrios erinnert. Und uns von der Sehnsucht packen lassen. Eine Geschichte von einer Frau, einem schnellen Auto und ein paar hundert Kilometern.
Text Peter Praschl
Bild Markus Henttonen

Steig ein, sagte sie, ich möchte los, solange das Licht noch gut ist. Was hat das mit mir zu tun?, fragte Kippen. Dann stieg er doch ein. Sie machte ihn neugierig.

Wo fahren wir hin?, wollte er wissen. Wir fahren einfach, sagte das Mädchen, dabei reden wir. Mal sehen, ob Du das kannst. Falls Du wissen willst, warum Du: weil Du gerade da warst. Es hätte auch jemand anderer sein können. Du standest da und sahst aus, als hättest Du nichts zu tun. Und jetzt erzähl einfach, wer Du bist.

Ich bin Kippen, sagte Kippen. Ich male. Blödsinnigerweise gibt mir das Malen nicht mehr so viel wie früher. Meine Bilder sind nur etwas für die Galerien und die Kunstkritiker und die Leute, die etwas kaufen wollen von mir. Die hängen sich das dann auf und sind stolz auf ihren Geschmack. Ich versuche, superunhöflich zu sein, wenn ich mit ihnen rede, doch das stört sie nicht. Ich glaube nicht mehr ans Malen, aber etwas anderes fällt mir jetzt auch nicht mehr ein. Und was soll ich mit Dir anfangen?

Steig ein, sagte sie, ich möchte los, solange das Licht noch gut ist. Was hat das mit mir zu tun?, fragte Kippen. Dann stieg er doch ein. Sie machte ihn neugierig.

Hast Du doch schon, sagte sie. Sie wurde schneller.

Ich liege wach herum, sagte Kippen, und kann nicht einschlafen, weil ich nicht mehr weiß, was ich tun soll, damit die Unruhe kommt. Ich wünschte mir, dass es wieder eine Unruhe gäbe für mich, aber vielleicht würde ich sie gar nicht mehr bemerken.

Sie saßen jetzt am Meer, sahen in die Wellen, das Mädchen zischte eine Cola. Sie fragte: Wie muss das perfekte Bild sein? Nach dem perfekten Bild wäre das Malen zu Ende, sagte Kippen, weil danach keiner mehr eines malen müsste. Wir sähen es und wüssten, das ist es jetzt. Wir hätten keinen Hunger mehr. Aber es geht immer alles weiter.

Blödsinn, sagte sie. Wenn Schokolade gut ist, will ich noch eine. Wenn ein Bild gut ist, mag ich mir auch andere ansehen. Wenn die Liebe gut ist, soll sie weitergehen. Ich glaube, Du bist ein Feigling. Du hast Angst vor dem Weitermachen, deswegen willst Du, dass alles, was gut ist, so schnell wieder aufhört, dass Du nicht denken kannst, es würde seine Kraft verlieren.

Es ist schön mit Dir, sagte er. Danke, sagte sie, mit Dir auch. Ich könnte das ewig haben, sagte er. Ich auch, sagte sie, aber Ewigkeit muss man sich verdienen.

Könntest Du mich denn lieben?, fragte Kippen, er wollte den Feigling nicht auf sich sitzen lassen. Man kann jeden lieben, sagte sie, manchmal irrt man sich eben. Aber jetzt müssen wir weiter. Sie stieg in ihr Auto und war ganz ungeduldig. Los, komm schon.

Es war schön, mit ihr zu fahren. Sie war schnell und sie sah sehr gut beim Schnellsein aus.

Wer bist Du?, fragte er.

Nicht so wichtig, sagte sie. Wir fahren jetzt ein paar hundert Kilometer, hin und wieder bleiben wir stehen und schauen uns um, falls Du Hunger bekommst, lade ich uns ein, und dabei reden wir. Ich möchte wissen, ob wir das können. Und irgendwann setze ich Dich an einem Bahnhof ab, kaufe Dir eine Fahrkarte und schicke Dich wieder zurück.

Und das war’s dann?

Ja, sagte sie, das war’s dann. Jeder zurück in sein Leben. Du malst Deine Bilder, ich male meine, wir machen weiter, alles ist gut.

Du malst auch?, fragte er.

Auf meine Weise. Nicht mit Farben, sondern mit mir. Meine Bilder sind perfekt. Man kann nicht genug bekommen von mir. Und man will, dass es weitergeht.

Ich muss das jetzt ausbaden, sagte Kippen.

Genau, sagte sie, wurde schneller und sah beim Schnellerwerden sehr gut aus, Du musst das jetzt ausbaden.

Es war schön, mit ihr zu fahren. Sie war schnell und sie sah sehr gut beim Schnellsein aus.

Später saßen sie in irgendeiner kleinen Bodega und aßen. Es ist schön mit Dir, sagte er. Danke, sagte sie, mit Dir auch. Ich könnte das ewig haben, sagte er. Ich auch, sagte sie, aber Ewigkeit muss man sich verdienen. Komm jetzt, Du musst zum Bahnhof, in einer halben Stunde fährt Dein Zug.

Ich glaube nicht, dass ich schon nach Hause will, sagte er, ich würde mir lieber Ewigkeit verdienen.

Nicht mit mir, sagte sie, ich hab schon jemanden, mit dem ich sein will.

Warum fährst Du dann mit mir rum?, fragte er.

Du hast da gestanden und ausgesehen, als könntest Du einen kleinen Roadtrip gebrauchen. War doch gut, sagte sie. Und dann war sie weg.

Im Zug freute er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder auf das Malen.


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