Stay (un-)cool: Bernhard Pörksen über Sinn und Unsinn von Aufregung

Professor Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler und beschäftigt sich hauptberuflich mit Empörung. Die er an der richtigen Stelle wichtig findet. Coolness hingegen nicht so, wie er im Gespräch mit ramp-Herausgeber und Chefredakteur Michael Köckritz verrät.
Text Michael Köckritz
Bild Albrecht Fuchs

Herr Professor Pörksen, für alle, die Sie nicht kennen: Wer sind Sie?
Das ist eine sehr einfach klingende und gleichzeitig eine unendlich schwierige Frage. Beruflich bin ich Medienwissenschaftler in Tübingen und beschäftige mich mit der Dynamik medialer Empörung.

Womit beschäftigen Sie sich genau?
Mein Antrieb ist es, ein begriffliches Instrumentarium zu entwickeln, in dem die publizistische Verantwortung jedes Einzelnen sichtbar wird. Das Zeitalter der Gatekeeper-Gemütlichkeit, in der mächtige Journalistinnen und Journalisten am Tor zur öffentlichen Welt sortieren, was relevant und interessant sein könnte – das ist vorbei. Heute erleben wir eine paradoxe Situation, die folgendermaßen aussieht: Einerseits gibt es eine Vermachtung des öffentlichen Raums, die so noch nie da gewesen ist, mit einigen wenigen Instanzen, publizistische Großmächte wie Twitter, Facebook, Google, YouTube. Andererseits sind wir mit einer gigantischen Öffnung des kommunikativen Raumes konfrontiert.

»Jeder hat auf einmal eine Stimme.«

Bernhard Pörksen

Da die Regulierung dieser mächtigen Zentralinstanzen sich als heikel erweist, setze ich darauf, Konzepte und Begriffe zu finden, die die publizistische Verantwortung jedes Einzelnen sichtbar machen. Ich behaupte, dass wir einen Übergang von der digitalen Gesellschaft, in der wir heute leben, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft leisten müssen. Und in dieser ist jeder sein eigener Gatekeeper, und die Prinzipien des guten Journalismus sind zu einem Element der Allgemeinbildung geworden. Genau wie das Wissen, dass es auch viel schlechten Journalismus gibt.

Und wie lauten die Prinzipien eines guten Journalismus?
Prüfe erst, publiziere später. Höre immer auch die andere Seite. Mache ein Ereignis nicht größer als es ist, sondern orientiere dich an Proportionalität und Relevanz. Sei skeptisch. All das sind Prinzipien, die heute zu einer Ethik, zu einem Wertegerüst der Allgemeinheit werden könnten und sollten.

Könnte man sagen, dass es darum geht, Orientierung zu vermitteln?
Ja, aber nicht in einem paternalistischen Sinne von: Da ist ein Professor in seinem Tübinger Zimmer, der weiß es besser, sondern Orientierung im Sinne von handwerklichen Regeln, die es erlauben, sich zu orientieren. Das Interessante ist ja, dass diese Prinzipien Regeln der Selbstorientierung enthalten. Ich sage aber nicht, was jemand publizieren soll, sondern dass er eine bestimmte Methode anwendet. Es ist eine Meta-Spielregel der Selbstorientierung, und es ist notwendig, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Es macht das eigene Denken besser und schärfer.

»Es ist eine Meta-Spielregel der Selbstorientierung, und es ist notwendig, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Es macht das eigene Denken besser und schärfer.«

Bernhard Pörksen

Also eine Selbstorientierung in Verbindung mit einer Unaufgeregtheit?
Ja, aber nicht notwendigerweise eine Unaufgeregtheit gegenüber dem Hype, dem Stichflammen-Journalismus und der hektischen Eskalations- und Empörungsrhetorik. Sondern eine Unaufgeregtheit gegenüber dem Oberflächenphänomen, dem Schaum der Erregung. Nun geht es in dieser Ausgabe Ihres Magazins um Coolness, und da schießt mein Ansatz ein bisschen quer: Es gibt Ereignisse und Entwicklungen, bei denen man gerade nicht cool sein sollte, über die man sich aufregen sollte. Aber es geht mir um die möglichst reflektierte Dosierung der eigenen Erregung, jenseits des bloßen Empörungsrauschs einer Gesellschaft.

Überblick trifft klaren Blick.
Ja, das wäre der Gedanke. Guter Journalismus sortiert, hat den Adlerblick, praktiziert die Langperspektive. Aus meiner Sicht lässt sich diagnostizieren, dass das, was schnell geschieht, in der Regel nicht so wichtig ist, während das, was langsam geschieht, von höchster Relevanz ist. Wenn wir an den menschengemachten Klimawandel oder an die Pandemie denken, vor der seit mehr als einem Jahrzehnt gewarnt wird, sieht man, dass wir einen Journalismus brauchen, der Nachhaltigkeit als Nachrichtenfaktor begreift und sich von diesem Kult der Kurzfristigkeit abhebt. Der wird durch das von Klickzahlen getriebene Publizieren und das Interesse am viralen Erfolg begünstigt. Ein solcher Journalismus wäre nicht notwendig cool, aber vollkommen distanziert und manchmal vielleicht auch ein bisschen angeekelt vom Hype.

»Guter Journalismus sortiert, hat den Adlerblick, praktiziert die Langperspektive.«



Bernhard Pörksen

Wäre es ein Journalismus, der Coolness in einer besonderen Form als Haltung hinterlegt hat?
Eher eine reflektierte Distanz zum Rausch der Oberflächlichkeit. Aber die Empörung über das politische Versagen im Angesicht der Pandemie oder das Fehlen einer wirksamen Klimapolitik – das muss schon sein. Das halte ich für geboten und nötig. Es handelt sich idealerweise um eine coole bis desinteressierte Haltung gegenüber dem Oberflächen­phänomen, die aber berührbar ist ür das tatsächlich Skandalöse.

Nun sprechen wir über Medien, aber bedienen die nicht die Bedürfnisse der Menschen? Liegt das Problem nicht eigentlich bei uns, und wo könnten wir anfangen, selbstkritisch zu reflektieren?
Damit wären wir bei der schwierigen Frage, was wirklich wichtig ist. Was ist jenseits des Tagesaktuellen wirklich von Bedeutung? Die US-Amerikanerin Jenny Odell, eine wunderbare Schriftstellerin und Künstlerin, nennt es »das Dringlichkeitswettrüsten der Medien«, das einen ungeheuren Sog entfalten kann. Wir wissen, dass die meisten Menschen sich nur Sekunden Zeit nehmen, um einen Artikel einzuschätzen, und wir wissen auch um die Nachrichtenmüdigkeit der Menschen. Womit wir wieder bei der Frage nach der Unterscheidung von Tagesaktualität und existenzieller Relevanz wären.

Aus meiner Sicht muss man sich immer wieder dem aktualitätsgetriebenen Mediengeschäft entziehen, um den zweiten Gedanken zu denken. Der erste Gedanke kommt sofort, aber der zweite nimmt die Gesamtentwicklung in den Blick und ermöglicht, sich der Welt auf klügere Weise wieder zuzuwenden. Es ist also kein Eskapismus und auch kein Digital-Detox-Spießertum, bei dem es nur um die persönliche Seelenpflege geht. Die Idee, die Organisation von Informationen nur als ein persönliches Wellnessproblem zu begreiften, ist mir verdächtig.

»Der erste Gedanke kommt sofort, aber der zweite nimmt die Gesamtentwicklung in den Blick und ermöglicht, sich der Welt auf klügere Weise wieder zuzuwenden.«

Bernhard Pörksen

Was haben Sie gegen die Flucht?
Sie ist illusionär, auch wenn es manchmal sicherlich ganz angenehm ist, im Silicon Valley ein Seminar zu buchen, in einem kalten Bach zu baden, die Smartphones abzugeben und einen riesigen Redwood-Baum zu umarmen.

Haben Sie das mal gemacht?
(lachend) Nein, das nicht, aber es ist ein eigener Markt, und die eskapistischen Angebote werden, je größer der Krisendruck wird, bedeutsamer.

Also wäre Coolness nicht ein Zurückziehen aus der Welt, sondern eine bewusstere, mündigere Form?
Ich würde vielleicht von einer partiellen Coolness als Durchgangsstadium auf dem Weg zum bewussten Engagement sprechen.

Wie gelingt es Ihnen selbst, im Zentrum der medialen Welt Ihre Haltung zu bewahren?
Es misslingt oft, aber ich versuche, achtsam mit der eigenen Aufmerksamkeit umzugehen, Medien reflektiert zu konsumieren, nicht sofort zu reagieren und mich von etwas zu verabschieden, was ich den »kommentierenden Sofortismus« nenne. Also nicht sofort auf ein Thema zu springen und mit der emotionalen Sofort-Interpretationen zu reagieren. Ich versuche, Techniken der Abkühlung zu trainieren. Das können skeptische Fragen oder auch Meditationstechniken sein.







Bernhard Pörksen wurde 1969 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg und arbeitete während und nach dem Studium als freier Journalist. Seit 2008 hat er einen Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, im gleichen Jahr wurde er von der Zeitschrift »Unicum Beruf« zum »Professor des Jahres« gewählt. Pörksen hat über 200 Essays und Kommentare sowie Reportagen in unterschiedlichen Medien veröffentlicht, dazu etliche Bücher, zuletzt erschien »Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung«.





Nun fordern einen Instagram, Facebook oder YouTube zum sofortigen Like auf.
Ja, das ist sicher eine große Schwierigkeit der digitalen Medien oder der medialen Kultur: ihre Verankerung in der totalen Gegenwart. Aber die gerechte und nuancierte Betrachtung entsteht, wenn man Kontexte länger betrachtet und Zusammenhänge analysiert. Dafür gilt es, den zweiten Blick zu wagen und auch gegenüber den eigenen Urteilen und Vorurteilen skeptisch zu sein. Das sind natürlich, wie ich sofort einräumen muss, sehr idealistische Standpunkte in einer Welt, in der auch jungen Menschen permanent gesagt wird, dass sie ihre Talente zeigen, sich sichtbar machen und ihre Geschichte erzählen sollen – um ihnen dann vorzuwerfen, dass sie selbstverliebt sind. Das ist ein Dilemma für junge Menschen: die Aufforderung, permanent in Techniken der Selbstpräsentation zu investieren – und parallel dazu die Verdammung des Narzissmus einer Ego-Generation.

Und was würden Sie Eltern raten, deren Kinder nur am Smartphone kleben?
Ich glaube, dass die Medienpädagogik im alten Sinne unter den aktuellen Kommunikationsbedingungen zum Scheitern verurteilt ist. Steve Jobs konnte am Familientisch noch erzwingen, dass es keine Smartphones gibt und dass über Bücher geredet wird. Aber das Smartphone sehe ich als ein Paradebeispiel eines indiskreten Mediums, das permanent Bewusstseins- und Erlebniswelten miteinander verbindet. Und in dieser Situation kann man versuchen, eine Praxis vorzuleben, die einen anderen inspiriert. Das Moralisieren aber funktioniert nicht. Die Schönheit einer Praxis vorzuleben scheint mir wirksamer als jede Form von festgesetzter Regel.

»Ich glaube, dass die Medienpädagogik im alten Sinne unter den aktuellen Kommunikationsbedingungen zum Scheitern verurteilt ist.«

Bernhard Pörksen

Um noch einmal auf Coolness zurückzukommen: In den Medien wird diese Lässigkeit als begehrliches Phänomen dargestellt. Woran liegt das?
Na, ich bin nicht sicher, ob es die Medien sind oder ob nicht Coolness eine Sehnsuchtsformel des Marketings ist. Vielleicht geht es individuell auch um ein Bedürfnis nach Distanz zu dem Getümmel, dem Twitter-Gewitter, den Shitstorm-Schlachten, den Attacken und den plötzlich emporschießenden Aggressionen. Coolness und Lässigkeit beschwören eine gewisse Unangreifbarkeit. Das mag für manche attraktiv sein. In der authentischen Verwundbarkeit und Berührbarkeit sehe ich aber, trotz aller Gefahren und Übertreibungen, die größere Begegnungschance.

Das heißt, Sie würden sich auch nicht sonderlich darüber freuen, wenn Ihre Studenten Sie als cool bezeichnen.
Stimmt, für mich wäre das Kompliment, berührbar oder offen zu sein, erst mal wertiger. Aber ich glaube, dass Tübinger Professoren ja sowieso nicht cool sein können (lacht). Um es mal ganz offen zu sagen: In dem Geschäft haben wir ohnehin keine Chance.

→ Dieses Interview und zahlreiche weitere Geschichten lesen in der rampstyle #24.


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