Superboost: Canyon CEO Armin Landgraf im Interview

Dass der Fahrrad-Markt seit der Pandemie mit Schallgeschwindigkeit wächst, müsste sich inzwischen herum gesprochen haben – und lässt sich aktuell auch auf der IAA 2021 beobachten. Aber was wird aus dem Rad, wenn man ein bisschen weiter in die Zukunft blickt? Das fragten wir Armin Landgraf, CEO des Koblenzer Fahrradherstellers Canyon.
Text Michael Köckritz
Bild Canyon

Herr Landgraf, das klassische Fahrrad ist über 200 Jahre alt. Wie zukunftsfähig ist das Konzept?
Das Fahrrad, auch wenn es so alt scheint, hat meiner Ansicht nach seinen großen Durchbruch noch vor sich. Damit meine ich nicht den sportlichen Aspekt, sondern die Themen Commuting und Mobilität in der Stadt. Das Fahrrad wird immer mehr zur besten Option für individuelle Mobilität für Kurzstrecken in den Zentren moderner Metropolen.

Nun hat Ihre Firma vor geraumer Zeit das Future Mobility Concept präsentiert – eine Art Kreuzung aus Pedelec und Auto.
Ja, die Reaktionen waren überwältigend positiv. Interessant war auch, dass eben nicht nur Fahrrad-Experten darauf reagiert haben, sondern allen voran Automobil-Medien und Trendscouts. Da haben unsere Ingenieure Großartiges geleistet.

Gibt es bei Ihnen so etwas wie eine Zukunftsabteilung?
Nein, die gibt es nicht. Das ist bei uns, wenn man den Vergleich heranziehen will, wie bei Google geregelt. Mitarbeiter bekommen die Möglichkeit, einen Teil ihrer Zeit auf Projekte ihrer Interessen und auf die Arbeit an eigenen Innovationsideen zu verwenden. Dieses Zukunftsprojekt ist auch so entstanden, es wurde durch Designer und Ingenieure angetrieben und von der Geschäftsführung finanziell unterstützt.

Arbeiten Ihre Abteilungen also verstärkt interdisziplinär?
Ja, in hohem Maße. Das treibt Innovationen voran. Auch sind wir inzwischen noch häufiger in der Lage, neue Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Industrien zu gewinnen, was die Diversität der Erfahrungen weiter steigert. Darum bin ich auch so sicher, dass sich urbane Mobiliätskonzepte in einer Phase hochdynamischer Innovation befinden. Das Fahrrad ist moderner denn je.

»Das Fahrrad, auch wenn es so alt scheint, hat meiner Ansicht nach seinen großen Durchbruch noch vor sich. Damit meine ich nicht den sportlichen Aspekt, sondern die Themen Commuting und Mobilität in der Stadt.«

Armin Landgraf

Und was wird aus dem Konzept nun?
Die Antwort auf Ihre Frage möchten wir noch ein Weilchen im Verborgenen halten. Bestätigen kann ich, dass wir uns jetzt noch stärker mit Themen rund um urbane Mobilität auseinandersetzen, damit zukünftige Produkte tatsächlich die angestrebte Tragweite realisieren.

Was heißt das konkret?
Kundenorientierung steht bei Canyon ganz oben auf der Agenda. Vor diesem Hintergrund ist es für unser Team von zentraler Bedeutung, dass wir die Zielgruppe des Future Mobility Concept und deren Anforderungen bestmöglich erfassen. Daher beschäftigen wir uns intensiv mit den Lebenswelten der Personen, die heute unter Umständen andere Konzepte nutzen, um ihre Mobilitätsbedürfnisse zu erfüllen.

Und wie wird sich das Fahrrad in dieser neuen Mobilitätswelt positionieren?
Für Menschen mit einem nachhaltigen Lebensstil, die Fitness als Lifestyle entdeckt haben, präsentiert sich das Fahrrad als ideale Mobilitätslösung. Das Fahrrad wird zunehmend komfortabler und immer sicherer. Auch macht es richtig viel Spaß und schafft neue Erlebnisse. Durch die Elektrifizierung bereiten auch längere Strecken oder urbane Gipfelstürme Freude. Das Fahrrad wird durch eine sich rapide entwickelnde Infrastruktur in Europa, in den USA und Asien einen substanziellen Anteil an der urbanen Mobilität hinzugewinnen. Das bestätigen auch zahlreiche Studien, die wir uns angesehen haben.

Sie bieten auch E-Bikes an.
Wir sind als Marke etwas später auf diesen Zug aufgesprungen. Unter anderem, weil wir abwarten wollten, bis die Systeme ein hohes Qualitätsniveau erreichen haben. Wenn ich mir unser aktuelles Portfolio ansehe, kann ich nur unterstreichen, dass unsere Ingenieure und Designer einen tollen Job gemacht haben. Canyon E-Bikes bringen nachweislich viele neue Kundengruppen zum Fahrradfahren. Und dieser Trend wird sich fortsetzen. Es freut uns ungemein, unsere Leidenschaft mit immer mehr Menschen zu teilen.

Inwiefern hat die Pandemie konkret zu der Entwicklung des Fahrrads beigetragen?
Die Pandemie gab dem Fahrrad in Städten über Nacht einen anderen Stellenwert. Viele haben es neu und andere wiederentdeckt. Und unsere Prognose ist, dass beide Kundengruppen dabeibleiben und das Fahrrad langfristig regelmäßig nutzen werden. Wie genau das »new normal« aussehen wird, kann natürlich niemand voraussagen. Aber die roten Fahrradwege werden als nachhaltige Mobilitätsadern die Qualität des Lebens in den Metropolen zunehmend verbessern.

»Die Pandemie gab dem Fahrrad in Städten über Nacht einen anderen Stellenwert. Viele haben es neu und andere wiederentdeckt.«

Armin Landgraf

In welche Richtung?
Das Thema E-Mobilität beim Fahrrad hat eine kurze Historie und die Geschwindigkeit, mit der es sich aktuell weiterentwickelt, ist immens. Anders als beim Auto ist die Reichweite heute schon kein Problem mehr. Auch wird sich das Fahrrad in den nächsten fünf Jahren in den Bereichen Integration, Komfort und Connectivity erheblich weiterentwickeln. Darin sehen wir eine große Chance, unser Portfolio um zahlreiche begeisternd emotionalen Lifestyle-Produkte zu erweitern.

Stichwort emotionales Produkt: Wie sehen Sie den Aspekt des Lebensgefühls?
Starke Marken schaffen es, Lebensgefühle sinnhaft zu unterstreichen. Neben den rationalen Markenwerten wie Qualität und Langlebigkeit steht Canyon auch für herausragendes Design und einen fitnessorientierten Lifestyle. Unsere Kunden spricht auch die Authentizität der Marke an.

Dazu kommt die Nachhaltigkeit.
Ja, das Fahrrad ist möglicherweise die nachhaltigste Lösung für die urbane Mobilität. Die Triebfeder hinter dem täglichen Gebrauch darf aber auch gerne eine andere sein: Spaß und die mit dem Radfahren einhergehende Achtsamkeit als Luxus zu empfinden.

Sprechen wir über Canyon. Wofür steht die Marke?
Exzellentes Design und top Qualität zu einem fairen Preis. Unser Team hat in den letzten Jahren zahlreiche Design-Awards gewonnen und eine sehr konsistente Designsprache in allen Produktwelten umgesetzt. Man erkennt ein Canyon auch ohne Logo. Egal ob Triathlon, Rennrad, Gravel, Mountainbike oder Urban.

Die Kunden?
In der Mehrzahl sind unsere Kunden heute exzellent informierte und begeisterte Fahrradfahrer, die sich stark mit dem Thema Fahrrad identifizieren. Um die Welt aber wirklich zu verändern, möchten wir vermehrt auch Kunden erreichen, die gerade erst beginnen, das Fahrrad für sich zu entdecken.

»Das Fahrrad ist möglicher weise die nachhaltigste Lösung für die urbane Mobilität. Die Triebfeder hinter dem täglichen Gebrauch darf aber auch gerne eine andere sein: Spaß.«

Armin Landgraf

Also haben Sie heute eher eine Kenner- als eine Kundschaft.
Absolut. Unser Erfolg fußt heute darauf, dass wir seit langer Zeit mit Top-Athleten zusammenarbeiten und Produkte entwickeln, mit denen man Rennen gewinnt und auf dem neuesten Stand der Technik Maßstäbe setzt. Unsere Kennerschaft ist sehr loyal, und das spornt uns immer wieder aufs Neue an.

Haben sportliche Erfolge für das Image einer Marke noch immer eine so große Relevanz?
Absolut. Wir arbeiten im Rennrad-, Gravel-, Triathlon- und Mountainbike-Bereich mit den besten Athletinnen und Athleten zusammen. Das Ergebnis ist eine Historie von Siegen in allen Disziplinen auf globaler Ebene. Es spielt nach wie vor eine große Rolle, dass Top-Athleten in allen Disziplinen auf unseren Fahrrädern Erfolge einfahren. Wir alle sind hier Überzeugungstäter und bleiben auch zukünftig der Pro-Sport-Begeisterung und Leidenschaft unseres Gründers Roman Arnold in allen Disziplinen treu.

Sind Sie selbst eigentlich viel mit dem Fahrrad unterwegs?
Persönlich fahre ich leidenschaftlich Mountainbike und Gravel. In der Stadt bin in der Tat noch ohne Elektromotor unterwegs und nutze mein Gravel-Bike für die meisten Fahrten. Das Bike ist ein echter Allrounder und ich würde mich nicht wundern, wenn bald noch mehr Leute auf den Geschmack kommen. Auch im Leadership-Team fahren wir gemeinsam Rad, weil es eine kreative Abwechslung bietet.

Welches Verhältnis haben Sie eigentlich zum Auto?
Ich komme ja aus der Autoindustrie, fahre gerne Auto. Für die Zukunft prognostiziere ich ein sinnvolleres Nebeneinander von Auto und Fahrrad. Das Fahrrad kann das Auto nicht in allen Bereichen ersetzen. Soll es auch nicht. Aber in zahlreichen Situationen werden wir alle in Zukunft häufiger überlegen, welches Produkt man sinnvollerweise nutzen sollte. Ich beobachte in diesem Zusammenhang viele sehr positive Veränderungen. Das Streben nach Nachhaltigkeit und Fitness lässt uns Luxus neu definieren. Und das Fahrrad wird so automatisch für immer mehr Menschen zum Ausdruck einer gelebten nachhaltigen Modernität.

Letzte Frage: Was wünschen Sie sich zukünftig für das Fahrrad?
Ich würde mir wünschen, dass das Fahrrad große und kleine Städte schon in den kommenden fünf Jahren deutlich beruhigt. Wenn wir es schaffen, dass Mehrheiten mit dem Fahrrad ins Restaurant, ins Café oder zum Einkaufen fahren, werden unsere Städte unglaublich an Lebensqualität gewinnen. Auch wünsche ich mir, dass Kinder sich auf dem Fahrrad sicherer bewegen können. Das erfordert weitere Anstrengungen bei der Infrastruktur und mehr Rücksicht und Achtsamkeit im Straßenverkehr.

ARMIN LANDGRAF wurde 1967 in Limburg geboren und studierte Maschinenbau an der TU Darmstadt sowie an der WHU Koblenz in Kooperation mit der Kellogg School of Management an der North western University of Chicago. Als Automotive-Spezialist war er zwischen 1995 und 2000 für GM Europe tätig und betreute als Unternehmensberater zwischen 2001 und 2014 verschiedene deutsche Automobilhersteller. Von 2015 bis 2018 war er CEO von Pon-Bikes in Amsterdam, bevor er 2019 zu Canyon wechselte. Seit Oktober 2020 leitet der 54-Jährige das Unternehmen.


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