Tief im Westen

Natürlich hätten wir über diese Geschichte auch »Hömma« schreiben können. Weil sie uns ins Ruhrgebiet führt, eine Region, die sich komplett neu erfand, ohne ihre Historie zu verleugnen. Aber natürlich auch, weil das Motorrad eine Harley-Davidson Sportster S war.
Text Wiebke Brauer
Bild Kirill Kirsanov · ramp.pictures

Nichts ist mehr, wie es war. Das Doppelbock-Fördergerüst von Schacht XII ragt in den Himmel, silbrige Wolken ziehen dahinter vorbei, die Sonne schillert metallisch. Nur der Wind ist zu hören und das Motorengeräusch der Harley. Seit 35 Jahren steht die Zeche Zollverein im Norden von Essen still. 240 Millionen Tonnen Kohle wurden hier von 1851 bis 1986 abgebaut, über und unter Tage waren bis zu 8.000 Bergleute im Schichtwechsel beschäftigt. Heute sind die Geschäftigkeit und der Lärm, die hier ununterbrochen geherrscht haben müssen, kaum mehr vorstellbar. 1954 schrieb der Schriftsteller Paul Schallück in einem Essay: »Werfen wir einen Blick auf unser Land: Da wimmelt und brodelt es, da wird geschafft, geleistet, da ist in Staub- und Schweißwolken die deutsche Tüchtigkeit am Werk. Hämmern, Rattern, Gebrodel bei Tag und Nacht. Welch Schauspiel!«

Bei ihrem Bau war die Zeche Zollverein als erste komplett durchrationalisierte Schachtanlage geplant, schon bei ihrer Fertigstellung galt sie als die schönste Zeche des Ruhrgebiets. Man nannte sie ein »technisches und ästhetisches Meisterwerk der Moderne«, eine »Kathedrale der Industriekultur«. So gesehen hat sich nichts verändert. Noch immer ist die einst größte und leistungsstärkste Steinkohlenzeche der Welt und die größte Zentralkokerei Europas von fast religiöser Imposanz, allerdings gehört sie seit 2001 zum Unesco-Welterbe und die Definition des Begriffs »Industriekultur« hat sich im Lauf der Jahre gewandelt. Industriekultur ist zu einem Lebensgefühl geworden, das sich zwar aus der Vergangenheit speist, sich aber als Haltung, als modernes Selbstverständnis manifestiert hat.

»Du hast ’n Pulsschlag aus Stahl Man hört ihn laut in der Nacht«

Herbert Grönemeyer: Bochum

Erst im Jahr 2018 schloss die letzte Zeche der Region. Die Kohlezeit an Rhein und Ruhr war damit endgültig beendet, aus dem »Kohlenpott« wurde der »Ruhrpott«. Wobei der Strukturwandel viel früher begonnen hatte, weil man schon sehr früh um die Endlichkeit des Bergbaus wusste. Zahllose Kokereien, Gebläsehallen oder Kohlenwäschen im Ruhrgebiet wurden über die Jahre in Museen, Kneipen und Vergnügungsparks verwandelt. Eine Park- und Seenlandschaft entstand, der Rhein-Nebenfluss Emscher wurde von einer Industriekloake in ein Biotop zurückverwandelt. Und überall integrierte man in der Region die Monumente der Industrie in die wieder neu geschaffene Natur, anstatt sie dem geschundenen Erdboden gleichzumachen. Die schwerindustrielle Vergangenheit wurde neu inszeniert, erinnerte an den Pioniergeist von einst, verwandelte die Metropolregion aber nicht in ein kohleverstaubtes Museum, sondern in eine Kultur-Metropole. So führt zum Beispiel die inzwischen 400 Straßen- oder 700 Fahrradwegkilometer lange »Route der Industriekultur« zu Aussichts- und Ankerpunkten, durch alte Industrieanlagen und Gartenstädte, auf Haldengipfel und zu aktuellen Kunstausstellungen. »Es geht um Wege in eine postindustrielle Zukunft, die das Beste aus der untergegangenen Epoche aktualisiert und in die Gegenwart verlängert«, wie der Historiker Stefan Berger einmal in der »Zeit« schrieb.

»Du hast den Ruß abgewaschen
Und deine Öfen sind kalt
Doch deine Zechen sind voll Leben«

Natürlich sind die Spuren der Vergangenheit noch heute an jeder Ecke des Ruhrgebiets nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren und zu hören. Das beginnt bei dem Phänomen, durch eine polyzentrische Städtelandschaft zu fahren, die durch den jahrzehntelangen Kohleabbau und die damit einhergehende rasante Urbanisierung geformt wurde. »Im Anfang war die Zeche«, »die Zeche gründete die Siedlung«, »die Siedlung wuchs und wurde Stadt« schrieb Heinrich Hauser 1930 in der Reportage-Sammlung »Schwarzes Revier«. Heute kann man noch hier und da die ehemaligen Bergarbeitersiedlungen entdecken, mit ihren typischen Zechenhäusern, gebaut aus roten Steinen, mit kleinen Fenstern und winzigem Vorgarten. Gibt man Gas und vergrößert den Radius, kann man durch eine schier grenzenlose Stadtlandschaft gondeln, mit Menschen, die ihre eigene Sprache und Mentalität formten. Die Ausdrucksweise ist ruppig, ohne unfreundlich zu sein, die Grammatik ist verwirrend, die Verkleinerungen hingegen niedlich. Da kann es schon mal passieren, dass man den Satz »Dem Christoph sein Vater ist am Arbeiten« hört und mit einem fröhlichen »Schüsschen« verabschiedet wird, wenn man sich seinen Helm schnappt und wieder auf die Harley steigt.

Womit wir beim Stichwort Motorrad wären – wenn man sich schon im Ruhrpott befindet, kann man auch mal auf elegante Übergänge pfeifen. Wir gehen in der Zeit noch einmal zurück, in das Jahr 1957. Im Kohlenpott malochten die Männer sechs Tage die Woche unter Tage oder vor den Hochöfen, man züchtete Tauben, kegelte oder spielte Skat, der Himmel war nicht blau, der Smog dafür dicht und die Frauen wuschen die Wäsche noch im Bottich. In Amerika wiederum, in einer von hier schier unvorstellbaren Entfernung, noch viel weiter im Westen, wurde von der Harley-Davidson Motor Company die Sportster präsentiert. Mitte der 1950er-Jahre beherrschte die Konkurrenz aus England mit ihren leichten und schnellen Motorrädern den US-amerikanischen Markt, also musste ein neues Modell her. Die Alternative zu den großen Tourenmaschinen von Harley-Davidson hieß XL 55. Das Unternehmen hatte dem Motorrad ein modernes Fahrwerk – eine hydraulische Telegabel sowie eine Hinterradschwinge mit zwei Federbeinen – und einen 45°-V2-Motor mit OHV-Ventilsteuerung verpasst. Die erste Version mit 883 cm³ verfügte über Grauguss-Zylinder und -Zylinderköpfe, womit wir auch den Begriff »Ironhead« erklärt hätten, mit dem diese Motorgeneration bezeichnet wird.

»Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt … tief im Westen«

In den 1960ern avancierte die Sportster dann zum »US-Muscle-Bike«, die Reihe wurde über die folgenden Jahrzehnte verbessert, modernisiert, immer wieder neu erfunden. Heute schreiben wir das Jahr 2021 und das Motorrad heißt Sportster S. Eine komplett neu entwickelte Maschine mit einem flüssigkeitsgekühlten Revolution-Max-1250T-V2-Motor mit 1.252 cm³, 122 PS und einem maximalen Drehmoment von 125 Nm. Die Statur der Maschine ist geduckt, der mächtige Vorderreifen in Bobber-Optik gehalten, das Heck mit dem hochgezogenen Auspuff und schlanken Solositz erinnert an den Harley-­Davidson Flattrack-Racer XR750. 228 Kilo wiegt die Sportster S, was insbesondere an der mit­­tragenden Konstruktion des Motors und an der Verwendung von Leichtbau-Werkstoffen liegt. Fünf Fahrmodi gibt es, wobei zwei davon individuell definiert werden können. Neu ist auch das Cockpit: ein Vier-Zoll-TFT-Farbdisplay mit Bluetooth-Anbindung zu Smartphone oder Headset für Infotainmentfunktionen wie Navigation oder Musik.

Übrigens: Niemand auf der Tour durch das Ruhrgebiet bezeichnete den Factory-Custom-Cruiser von Harley-Davidson in der Lackierung »Midnight Crimson« als »Dat Maschinchen«. Hätte aber durchaus passieren können.


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