Text: Wladimir Kaminer
Bild: David Breun / www.breungrega.com
8 min

Unabdingbares Teil einer Offiziersausstattung

Unterwegs in Berlin durch den Tag der Arbeit mit einem Auto, das Arbeit macht. Wladimir Kaminer und Michael Köckritz machen den Supersupersupertest mit einem Willys.

Wir sollten einmal ein richtiges Auto testen, aus der Zeit, als das Fahren noch wirklich Arbeit machte«, schlug der Chefredakteur vor. Bei der letzten Testfahrt sind wir mit dem neuen Tesla durch Berlin gefahren, einer künstlichen Intelligenz auf Rädern. Das Auto wusste immer alles besser und brauchte den Fahrer eigentlich nicht. Man fühlte sich darin fehl am Platz, wie ein kostenloser Zusatz zu diesem Wunder der Technik. Wir wurden zu Sklaven der neuen Technologien, die steigende Bequemlichkeit beim Fahren als alleiniger Zweck führt dazu, dass immer weniger Kompetenz von Menschen verlangt wird. Die Fähigkeiten, mit denen wir bis vor Kurzem noch prahlen konnten, die uns mit Selbstbestätigung und Respekt versorgten, werden von Robotern übernommen, noch mehr von Computerprogrammen, die eine Menge Informationen analysieren und schneller und sicherer ihre Aufgaben erfüllen, als Menschen es je könnten.Der technologische Progress ist nicht zu bremsen. Die Maschinen werden immer universeller, sie sind nicht mehr wie früher auf eine bestimmte Tätigkeit programmiert, eine solche Entwicklung wurde bereits im vorigen Jahrhundert als nicht effizient von den Wissenschaftlern abgelehnt. Die Maschinen der neuen Generation lernen, nach Gleichmäßigkeiten zu suchen und statistisch beste Lösungen zu finden, dabei dürfen sie auch Fehler machen und aus den eigenen Fehlern dazulernen, wie Menschen eben. Eine neue Welt entsteht vor unseren Augen, eine Welt, in der die Menschen nichts mehr zu tun haben.

Ob Lehrer, Ärzte oder Bauingenieure, überall, wo man früher mit der eigenen Leistung angeben konnte, verliert die Arbeit an Wert. Aus der Sicht der Robotertechnik ist diese »Arbeit« letzten Endes nicht mehr als eine Reihe sich stets wiederholender Bewegungen, die auf »Erfahrung« und »Vernunft« basieren. Das Autofahren ist da keine Ausnahme. Die Bequemlichkeit beim Fahren kann aber einen hohen Preis haben. Wir verlernen, wir verlieren viele Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich in den Jahrhunderten anstrengender Arbeit herausgebildet haben.

Eine hochbrisante wissenschaftliche Studie in England ergab neulich: Die Konzentrationsfähigkeit des modernen Menschen lässt drastisch nach. Unter dem Strom sich im Minutentakt wechselnder Nachrichten stehend, haben die Menschen heute ein Kurzzeitgedächtnis von circa zehn Sekunden, nicht viel länger als Goldfische im Aquarium, die ständig vergessen, wo sie sind. Deswegen haben wahrscheinlich diese Goldfische solche runde Augen, als würden sie sich permanent wundern. Auch viele Menschen, die nur noch von ihren Smartphones geleitet werden, bekommen runde Augen. Sie wissen nicht, wo sie sind und haben das Gefühl, alle zehn Sekunden in einem anderen Aquarium zu sein.

Damit wir nicht vorzeitig zu Goldfischen werden, hat Chefredakteur Michael ein Auto zum Testen gewählt, das deutlich älter ist als wir es sind: Einen Willys, den ersten Jeep, den die Amerikaner als militärisches Aufklärungsfahrzeug für den Zweiten Weltkrieg entwickelten. Das Jahr 1943 war das letzte Mal, dass Amerikaner und Russen Seite an Seite gegen den Faschismus kämpften. Die Amerikaner zögerten lange mit der Eröffnung einer zweiten Front, sie wollten ihre Verluste minimieren und ließen die Russen erst einmal bluten. Zum Ausgleich unterstützten sie die Rote Armee mit Technik, vor allem mit Militärfahrzeugen. Diese amerikanischen Vehikel waren in der Roten Armee sehr beliebt.Unsere Idee für den Supersupersupertest bestand darin, am 1. Mai in Berlin mit einem Willys zu fahren. Es war ein gewagtes Unterfangen. Am 1. Mai kommen traditionell viele junge Menschen aus ganz Deutschland nach Berlin, um Steine zu schmeißen. Viele Straßen und ganze Bezirke werden abgesperrt. Wir wussten nicht, wie die Polizisten und die demonstrierenden Jugendlichen auf unseren Jeep reagieren würden, ob sie den Willys nicht als Vorboten des amerikanischen Imperialismus einstuften. Es war nicht auszuschließen, dass sie sich durch das Militärfahrzeug bedrängt fühlen würden. Aus Sicherheitsgründen beschlossen wir dann doch, den Test auf den 2. Mai zu verschieben. Am nächsten Tag wirkte Berlin leer und frisch. Die Jugend schlief sich aus, vom Steineschmeißen müde geworden. Nur bei mir zuhause brodelte es.

Am 2. Mai hatte mein Sohn Sebastian seinen achtzehnten Geburtstag. Er feierte allerdings nicht zuhause, sondern war bereits am 1. Mai zu einer Freundin zum Reinfeiern gegangen, die eine sturmfreie Bude hatte. Seitdem war er vom Elternradar verschwunden. Am 2. Mai kam er überraschenderweise sehr früh nach Hause, wollte kurz duschen und sich umziehen. Er hatte einen zerkratzten Rücken. »Warst Du Steine schmeißen?« »Bist Du durch Stacheldraht gekrochen?« Fragten wir. »Ja, nein«, sagte der Junge und verschwand erneut ins Ungewisse. Gefühle und Emotionen werden eine stärkere Rolle in der Zukunft spielen, überlegte ich. Denn bestimmte wichtige Ereignisse im menschlichen Leben werden uns keine Roboter abnehmen können.

Gefühle und Emotionen, so etwas sollte die Jugend heute am besten lernen, wenn sie in der Zukunft sowieso nicht arbeiten geht. Es wird jetzt schon langsam knapp mit der beruflichen Orientierung. Natürlich wird man jemanden brauchen, der die Roboter kontrolliert, putzt und repariert. Doch im Kontrollraum wird es kaum Platz für Millionen geben. Die Jugendlichen müssen also jetzt schon lernen, ihre Freizeit richtig zu planen, sich auf Leidenschaften, Hobbys und Liebesgeschichten zu konzentrieren, sich einer Welt ohne Arbeitszwang anzupassen. Da schien mein Sohn gerade auf dem richtigen Weg zu sein.Es wäre interessant zu wissen, was mit dem 1. Mai eigentlich geschehen wird, wenn die Roboter endgültig übernehmen. Was werden wir dann am 1. Mai feiern? Den Tag der Arbeitslosen? Die Demonstranten bleiben vielleicht echt, aber die Polizisten werden bestimmt durch kluge Deeskalationsroboter ersetzt. Wird die Jugend trotzdem einen Grund haben, unzufrieden zu sein? Werden Steine fliegen? All das ging mir durch den Kopf – auf dem Weg zum Supersupersupertest.

Das geschichtsträchtige Auto wurde uns komplett geliefert, das heißt mit Ersatzrad und Benzinkanister hinten, mit Axt und Schaufel an der linken Seite. Die Russen haben 1943 rund 50.000 dieser Fahrzeuge von den Amerikanern bekommen. Obwohl die Willys im Vergleich zu den sowjetischen Fahrzeugen, die alle Dieselmotoren hatten, eine teure Wartung beanspruchten – sie brauchten hochoktanes Benzin und besseres Öl –, wurde das Auto in der Roten Armee schnell sehr populär.

Eigentlich sollte der Amerikaner als Aufklärungsfahrzeug benutzt werden, damit man jenseits der großen Straßen den Gegner ausfindig machen und blitzschnell angreifen konnte. Bei den Russen aber wurde das Auto zu einem Prestigeobjekt für die Offiziere.

Ein Willys mit Chauffeur wurde unabdingbares Teil einer Offi­ziersausstattung. Eines der berühmtesten sowjetischen Lieder aus der Kriegszeit huldigt diesem Vehikel: »Keine krummen Wege können Dich aufhalten, / durch Feuer und die Bomben wirst Du zum Sieg uns bringen, / nur darf der Sprit nicht ausgehen / und der gute Fahrer nicht fehlen.« So sangen die Rotarmisten damals, als die Autos noch tatsächlich per Hand gelenkt werden mussten. Noch mehr als den Willys haben die Russen vielleicht nur die Harleys geliebt. Die Amerikaner hatten der Roten Armee 58.000 Harley-Davidson WLA 42 geliefert, ein Modell, das ebenfalls speziell für den Krieg gebaut worden war. Sie wurden allerdings als Solomaschine geliefert. Den Beiwagen mussten die Russen sich selbst konstruieren.Nach Auskunft des Herstellers wurden die Willys bewusst so gebaut, dass jedes Kind ohne Vorbereitung und ohne Führerschein, quasi intuitiv, das Auto fahren kann. Wahrscheinlich tickten damals die Kinder anders als heute. Ich hatte große Schwierigkeiten, überhaupt den Anlasser zu finden, die Gangschaltung hatte den Rückwärtsgang vorne; wo die anderen Gänge sind, warum sie stets klemmen und wie sie sich genau voneinander unterscheiden, konnte ich nicht herausfinden. Also überließ ich Michael das Fahren, als erfahrener Lenker und Herausgeber eines Automagazins kann er jedes Fahrzeug zum Rollen bringen. Aber auch für ihn war der Willy eine richtige Arbeit, kein Vergnügen. Ich hielt mich mit beiden Händen am Sitz fest, um nicht in der Kurve wegzufliegen, das Fahrzeug hatte weder eine Tür noch irgendeinen Sicherheitsgurt. Die Fußgänger grüßten uns frenetisch, an jeder Kreuzung bekamen wir Applaus. Ich habe schon früher bemerkt, nichts fasziniert die Menschen mehr als ihren in Not geratenen Artgenossen zuzuschauen. Das Wetter in Berlin spielte verrückt, kalter Wind pustete uns ins Gesicht, immer wieder regnete es, nicht nur der April, auch der Mai macht inzwischen, was er will.

Um uns aufzuwärmen fuhren wir zum Meilenwerk ins Oldtimermuseum und ließen uns dort mit den schönen alten Autos fotografieren, unser Willys passte perfekt in die dortige Sammlung. Mein Gott, wie viel Schönheit steckte in den alten Karren, wie viel Grazie und Geschick. Meiner Meinung nach sind nicht Waschmaschinen oder Kühlschränke, sondern Autos die schönsten Produkte, die von Menschen jemals erschaffen wurden. Meine Frau mag allerdings Flugzeuge lieber, alles mit Flügeln fasziniert sie. Überall in der Wohnung haben wir deswegen Flugzeugmodelle, Engel und ausgestopfte Hühner stehen.Heute werden die Autos maschinell von klugen Robotern hergestellt, sie sind viel schneller und sicherer geworden, dafür ähneln sie sich einander immer mehr an. Die Oldtimer haben dagegen ihren persönlichen, unverwechselbaren Charakter, im Meilenwerk findet man keine zwei Autos, die einander ähneln. Und deswegen gewinnen die Oldtimer ständig an Wert. Je mehr Zeit vergeht, umso kostbarer werden sie. In der zukünftigen Welt werden die Menschen, von jeder Arbeit befreit, mit diesen alten Autos angeben, während die modernen, von allein fahrenden Fahrzeuge sich in namenlose und gesichtslose Transportmittel verwandeln.

Die Menschen werden sich nicht mehr ihre Berufsbezeichnungen auf Visitenkarten schreiben können, weil es keine Berufe mehr geben wird. Sie werden vielleicht stattdessen die Marken ihrer Oldtimer auf ihre Visitenkarten drucken. Wie wird diese neue Welt ohne Arbeit überhaupt funktionieren, überlegte ich nach dem Tag der Arbeit in Berlin. Was wird mit dem Staat, mit der Demokratie passieren, wenn die Steuerzahler verschwinden? Roboter zahlen bekanntlich keine Steuern. Was wird mit dem Kapitalismus, mit dem Geld passieren? Die arbeitslose Menschheit muss doch die Waren kaufen können, die von den Robotern produziert werden. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens wäre in diesem Fall ein logischer Schritt. Man wird allerdings das Grundgesetz ändern müssen und statt des Rechts auf Arbeit ein Recht auf Faulheit dort reinschreiben, wie es Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, bereits vor 150 Jahren prophezeit hat.

Und unbedingt sollte der arbeitslose Mensch der Zukunft mindestens einmal die Woche einen Oldtimer fahren. Das Auto ohne Lenkrad darf das Auto mit Lenkrad niemals ersetzen, weil es im Leben um mehr als Bequemlichkeit und Komfort geht. Spaß haben, auf die Nase fallen, Quatsch machen, auf den Pudding hauen, Schalten und Scheitern gehört zum Menschsein dazu, und das können die Roboter nicht.

    Related Stories

    Spiel auf Zeit

    MAZDA CX-5 2019 – double trouble in Lapland

    Das Custom Car und sein Bedeutungswandel

    Zeitlose Sportwagen-Faszination für die Elektro-Zukunft