Vom Wert des Besonderen

Was macht einen wirklich besonderen automobilen Klassiker aus? Wer das wissen will, wendet sich am besten an Simon Kidston, den dafür vielleicht renommiertesten Spezialisten. Wir dürfen vorab verraten: Er glaubt noch immer an den Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer. Und was wir auch verraten dürfen: ab 2021 ist Kidston auch noch ramp-Kolumnist.
Text Helmut Werb
Bild Simon Kidston

Während sich moderne Autos immer mehr der technischen Perfektion annähern und sich dabei immer ähnlicher werden, boomt der Markt der klassischen Fahrzeuge, der Schönheiten vergangener Jahrzehnte. Wie es scheint, sehnen wir uns zurück zu jener Zeit, als man einzelne Modelle noch voneinander unterscheiden konnte, Fahrzeuge einen eigenen Charakter hatten und das Autoquartett-Spielen Sinn machte. Vielleicht hatte der 180er Mercedes aus unserer Jugend so seine Zicken, rostete der Renault 4, war der 911 Carrera 2.7 doch teurer im Unterhalt als ursprünglich geplant. Aber lieben wir sie alle heute nicht noch viel mehr als gestern? Dass sich diese Sehnsucht versilbern lässt, ist niemandem entgangen. Auf der einen Seite ist der Markt von Liebhabern und Sammlern bevölkert, die mit ihrem Jaguar Mk II in Goodwood schon mal die Sau rauslassen, auf der anderen Seite gibt es Investoren, die – wie alle ihrer Zunft – vor allem den geldwerten Vorteil suchen. Für sie sind die schönsten Autos diejenigen, die in Folie eingepackt sind.

Auf der einen Seite ist der Markt von Liebhabern und Sammlern bevölkert, die mit ihrem Jaguar Mk II in Goodwood schon mal die Sau rauslassen, auf der anderen Seite gibt es Investoren, die – wie alle ihrer Zunft – vor allem den geldwerten Vorteil suchen.

Einer, der sich wie kein anderer mit dem Markt, der Vergangenheit und der Zukunft von Oldtimern auskennt, ist Simon Kidston. Kidston führt seit rund 15 Jahren ein blühendes Consultant-Büro für Sammler von automobilen Raritäten am Genfer See. Zusammen mit sechs Mitarbeitern rät er zum Kaufen, Verkaufen oder Halten. Auf Kidstons Website kidston.com stehen neben ein paar Lamborghini Miuras, dem ein oder anderen Aston Martin und mehreren Flügeltürern auch ein Porsche 911 2.7 RS Touring von 1973 und ein Ferrari 500 Mondial Berlinetta von 1954. Erst neulich verkaufte er einen straßenzugelassenen 1999er Mercedes-Benz CLK GTR.

Man kann also davon ausgehen, dass sich der Mann auf dem gehobenen Gebrauchtwagenmarkt ganz gut auskennt. Grund genug für uns zu fragen, wohin die Reise geht und wohin man schauen muss.

Mr. Kidston, wie steht es gerade um den Markt für Sammlerfahrzeuge?
Simon Kidston: 2015 erreichte er eine Spitze, seitdem lässt es wieder etwas nach. Wir veröffentlichen einen Index, ähnlich dem Index der Aktienmärkte, der »K500 Index« genannt wird, wobei sich die Zahl 500 auf die 500 einflussreichsten Automodelle bezieht. Also nicht die teuersten, sondern die mit der größten Wirkung. Das reicht von einem GTO bis zu einem Golf GTI, beide sind in ihrer eigenen Art sehr einflussreich.

Und wo steht der Index jetzt?
Der Index steht jetzt ungefähr zehn Prozent unter seinem Allzeit-Höchststand. Fahrzeuge wie ein Flügeltürer, ein Ferrari GTB oder Porsche Carrera RS haben seit 2017 alle ein wenig an Wert verloren. Es gibt natürlich Ausnahmen wie den Porsche 996 GT1, der heute deutlich höher liegt als in 2017, ebenso wie der McLaren F1. Amerikaner aus den Vorkriegsjahren wie Buicks oder Packards mit vergleichsweise normalen Karosserievarianten sind hingegen gerade nicht in Mode. Auf der anderen Seite: Wenn sich jemand ein solches Modell kauft, ersteht er sicherlich ein Fahrzeug mit einem speziellen Wert, besonders wenn es sich um ein Spitzenmodell handelt. Aber das sind keine Fahrzeuge, die Investoren interessieren. Die werden eher von älteren Leuten gekauft, die sie auf Events und Autoshows präsentieren wollen. Da hat sich die Covid-Krise bemerkbar gemacht, da Auktionen und Treffen dieses Jahr stark zurückgefahren wurden.

Wo und wie werden klassische Automobile überhaupt gehandelt?
Das hat sich sehr in Richtung online und private Brokerages verlagert. Oder Sammler kaufen direkt von Sammlern. Davon haben Firmen wie die unsere profitiert. Wir sahen dramatische Zuwachszahlen bei hochpreisigen Autos, bei denen wir um Hilfe gefragt wurden. Da lag das Maximum bei drei oder vier Millionen Dollar. Autos in der Preisklasse von zehn, zwanzig bis zu fünfzig Millionen werden privat verkauft. Das geschieht nicht in aller Öffentlichkeit.

»Wir sahen dramatische Zuwachszahlen bei hochpreisigen Autos, bei denen wir um Hilfe gefragt wurden. Da lag das Maximum bei drei oder vier Millionen Dollar. Autos in der Preisklasse von zehn, zwanzig bis zu fünfzig Millionen werden privat verkauft. Das geschieht nicht in aller Öffentlichkeit.«

Können Sie sagen, wie viele Fahrzeuge auf dem Weltmarkt gehandelt werden?
Nein, das ist unmöglich, zumal keine Unterlagen oder Datenbanken über diese Transaktionen existieren. Ich würde jedoch behaupten, dass in diesem Jahr weltweit vier Fahrzeuge zwischen fünfzig und hundert Millionen Dollar verkauft wurden. Ich glaube auch, dass es vor Ende des Jahres noch zwei solcher Transaktionen auf diesem Level geben wird. Einige dieser Verkäufe wurden wegen des anstehenden Brexits getätigt, weil einige Verkäufer ihre in England registrierten Autos vor Ende des Jahres nach Europa transferieren wollen, da sonst enorme Einfuhrsteuern anfallen. Wie dieser Streit um Handelsverträge den Markt beeinflussen wird, kann niemand sagen. Sicher scheint jedoch, dass das Vereinigte Königreich so etwas wie die Schweiz für diesen Oldtimermarkt werden wird.

Es scheint, als ob der Markt mehr von Investoren beherrscht wird, die weniger an den Fahrzeugen selbst interessiert sind als an ihrem Wert.
Das ist richtig. Die meisten von uns bedauern, dass diese Fahrzeuge nicht mehr genossen werden. Ich liebe die Geschichten von Ferrari GTOs, mit denen die Kinder zur Schule gefahren werden oder mit denen man einfach mal übers Land fährt. Oder Flügeltürer, mit denen man an einem Rennen teilnimmt. Heute werden Rennen mit Replicas gefahren, aber das ist eine andere Geschichte. Das Positive an dieser Entwicklung ist jedoch, dass der Wert der wirklichen Top-Modelle gestiegen ist, dass die Fahrzeuge so gepflegt und hergerichtet werden, wie sie es verdienen.

»Wenn es dann heißt: »Ja, ich würde ihn liebend gerne besuchen und mir die Geschichten anhören«, ist er der Richtige.«

Simon Kidston

Allerdings, da gebe ich ihnen Recht, sind diese Investoren keine wirklichen »Car People«. Ein guter Test für mich ist, jemandem zu erzählen, dass der alte Mechaniker, der sich um den gerade gekauften GTO gekümmert hat, nicht mehr lange zu leben hat und im Altersheim sitzt, die neuen Besitzer des Ferraris kennenlernen und die ein oder andere Geschichte über das Auto erzählen möchte. Wenn es dann heißt: »Ja, ich würde ihn liebend gerne besuchen und mir die Geschichten anhören«, ist er der Richtige. Sagt jemand aber: »Vielleicht ein anderes Mal«, dann ist es ein anderer Typ. Die Wirklichkeit sieht jedoch so aus, dass, wenn ich einem Verkäufer sage, dass ich einen Enthusiasten habe, der Hundert zahlt und einen Investor, der 120 bietet, ich Schwierigkeiten habe, jemanden zu finden, der für weniger verkauft.

Zur Person: Simon Home Kidston wurde 1967 geboren, sein Vater Commander Home Kidston war Pilot und Rennfahrer, sein Onkel Glen Kidston ebenfalls Flieger und einer der »Bentley Boys«. Simon Kidston startete seine Karriere in der Autosparte des Auktionshauses Coys, war Mitbegründer von Brooks – mittlerweile Bonhams – und gründete 2006 seine eigene Firma in Genf. Zu seinen Kunden zählen unter anderem Ralph Lauren und der Designer Marc Newson. Und seit 2021 ist Kidston auch noch ramp-Kolumnist.

Das gesamte Interview mit Simon Kidston lesen Sie in der neuen ramp #52.


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