Von der Kunst des Herumliegens und Träumens

Angela Köckritz schrieb ein Buch über die vielen Facetten der Freude. Eine ist das Träumen. Und ja: Die ersten Seiten von Köckritz' Buch entstanden am Strand. Machen Sie es sich im Urlaub bequem und träumen Sie in diesem Essay auch ein wenig mit.
Text Angela Köckritz
Bild Alamy / Micheel Oenbrink

Die Hängematte hat mich verschluckt, schaukelt mich sanft in den Halbschlaf. Straßengeräusche dringen von fern an das Ohr. Das Knattern eines Motors, das Plaudern der Nachbarn, das Lachen eines Kindes. Der Geist schleicht vom Traum ins Bewusstsein und wieder zurück, bleibt irgendwo dazwischen in einem Zustand genüsslich meditativen Schwebens hängen. Erinnerungen, Fantasiefetzen drängen ins Bewusstsein gleich Marionetten, die über eine Bühne tanzen. Alles ist möglich in diesem federleichten Schwebezustand. Die Wirklichkeit ist so real wie der Traum, zwei oszillierende, sich ineinander verschränkende Welten.

Einst träumte er, schreibt der chinesische Philosoph Zhuangzi, der neben Laozius als wichtigster Vertreter des Daoismus gilt, dass er ein Schmetterling sei, »ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlt« und nichts wusste von Zhuangzi. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuangzi. Nun wisse er nicht, ob er Zhuangzi sei, der geträumt habe, ein Schmetterling zu sein; oder ein Schmetterling, der geträumt habe, Zhuangzi zu sein. »So«, schreibt Zhuangzi, »ist es mit der Wandlung der Dinge.«

Straßengeräusche dringen von fern an das Ohr. Das Knattern eines Motors, das Lachen eines Kindes.

So flatterhaft sie sein mögen, so sehr beeinflussen uns Träume, ja selbst die Träume der Menschen längst vergangener Zeiten beschäftigen uns noch heute. »Die Bilder, die im Zwielicht zwischen Schlaf und Wachen ins Bewusstsein traten, prägten das Denken und hinterließen ihre Spuren in Philosophie und Religion. So formten die Träume unserer Ahnen unsere Vorstellung, wer wir Menschen eigentlich sind«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein.

Und trotzdem hätten die Menschen in der westlichen Zivilisation die Brücke zwischen ihrer Tag- und Nachthälfte abgebrochen, so der französische Anthropologe Roger Bastide. »Wir haben die nächtliche Hälfte unseres Lebens entwertet.« Der Schlaf – den meisten ist er notwendige Ruhepause, um am Morgen umso produktiver arbeiten zu können. Der Nachhall der Träume wird spätestens mit den Resten der Zahnpasta heruntergespült. Und wer hätte schon Zeit für Tagträumerei?

Angela Köckritz wurde 1977 in München geboren, studierte Politische Wissenschaften, Sinologie und Kunstgeschichte, arbeitete u. a. bei der »Zeit« als China-Korrespondentin und berichtete aus dem Senegal. Derzeit lebt die freie Journalistin und Autorin in Berlin, ihr Buch »Freude – Über die Entdeckung der Leichtigkeit« ist im Berlin Verlag erschienen.

Dabei erkunden wir im Oszillieren zwischen Wachen und Schlaf die Topografie unseres Bewusstseins. Ja, rein neurologisch gesehen ist der Traum gar nicht so weit vom Bewusstsein entfernt. »Offenbar beschreibt der simple Gegensatz von Wachen und Schlafen die Möglichkeiten unseres Bewusstseins unzureichend«, schreibt Klein. »Der Geist kann keineswegs nur anwesend oder völlig abwesend sein. In vielen, sogar den meisten Bewusstseinszuständen mischen sich Merkmale von Wachen und Träumen.«

Rein neurologisch gesehen ist der Traum gar nicht so weit vom Bewusstsein entfernt.

Im Jahr 2010 beschrieb der französische Neurophysiologe Michel Magnin die Prozesse des Einschlafens. Verschiedene Teile des Gehirns versetzten sich ihm zufolge zeitversetzt in den Ruhezustand. Während einige noch wach seien, hätten sich andere bereits heruntergefahren. Kontrolliert werde dies vom Thalamus in der Mitte des Kopfes, unserer Schaltzentrale, die die Signale unserer Sinne regelt. Man nennt sie daher auch das »Tor zum Bewusstsein«. Schließt es sich, kann das Großhirn keine Signale der Sinne mehr empfangen. Laut Magnin schalte der Thalamus als Erstes herunter, während sich Großhirnrinde und damit das Bewusstsein noch in einem Wachzustand befänden. Vor allem aber sei unsere Wahrnehmung der Welt viel weniger objektiv als wir annähmen. »Die Augen sind nur der Auslöser, der Geist sieht«, schreibt der Neurowissenschaftler Giulio Tononi.

Jede Sekunde treffe die kaum vorstellbare Informationsmenge von zehn Milliarden Bit auf unserer Netzhaut ein, so Klein. Das seien fünfzigmal mehr Daten als ein Computer über den derzeit schnellsten Internetanschluss bekomme. Und doch sei es nicht diese Datenflut, die Erleben hervorrufe. »Denn in das Bewusstsein gelangt nur ein winziger Teil dieser Informationen – ungefähr hundert Bit pro Sekunde.« Ein Zehnmillionstel dessen, was die Augen sehen. Offenbar lösche das Gehirn erst den größten Teil eines Bildes, um sich dann aus anderen Quellen ein neues zu schaffen, den sogenannten Assoziationsfeldern. Sie erst schüfen das Bild, das wir sehen.

Die Assoziationsfelder arbeiteten wie »ein Collagekünstler, der vorhandenes Material sichtet, passendes auswählt, es neu zusammenstellt und abwandelt«, so Klein. Die Assoziationsfelder stützten sich dabei auf unsere gegenwärtige Wahrnehmung, doch auch auf die visuelle Erinnerung und all unsere sonstigen Kenntnisse der Welt. Wir sehen also nicht nur den Apfelbaum, der vor uns steht, sondern auch Bäume aus längst vergangenen Tagen, erinnern uns vielleicht an die Bäume aus dem Schulunterricht, den Geruch eines frischen Apfels.

»Die Augen sind nur der Auslöser, der Geist sieht«, schreibt Giulio Tononi.

Unser Gehirn, drei Pfund Wasser, Fett und Eiweiß, schafft eine Illusion, die uns zur Realität wird, unsere Identität kreiert. »Unsere Wahrnehmung der Welt ist eine Fantasie, die mit der Wirklichkeit zusammenfällt«, schreibt der britische Kognitionspsychologe Chris Frith. »Wachen ist nichts anderes als ein raumartiger Zustand, der sich in einem Rahmen bewegt, den die Sinne ihm setzen«, sagt der kolumbianische Hirnforscher Rodolfo Llinás.

Im Schlaf, so glauben inzwischen die meisten Neurowissenschaftler, verarbeitet das Gehirn die ungeheure Informationsmenge, die tagtäglich auf es einprasselt. Es lernt, es ordnet, es verknüpft Informationen. Wichtiges werde dabei von Unwichtigem unterschieden und Belangloses gelöscht, um mehr Platz für neue Eindrücke zu schaffen, schreibt Klein.

Angela Köckritz:
Freude – Über die Entdeckung
der Leichtigkeit,
256 Seiten, Hardcover,
Berlin Verlag, € 20,00

Dabei helfen dem Menschen seine Gefühle. Sie diktieren ihm, was Lust erzeugt und was Furcht auslöst. Ja, der belgische Neurowissenschaftler Pierre Maquet glaubt, dass Gefühle das eigentliche Thema des Traums seien. Gleich einem Regisseur schaffe das träumende Gehirn einen Film, der unseren Gefühlszustand offenbare. »Wir empfinden kein Grauen, weil eine Sphinx uns bedrückt. Sondern wir träumen eine Sphinx, um das Grauen zu erklären, das wir empfinden«, schrieb einst der englische, romantische Dichter Samuel Coleridge.

Traum und Tagtraum sind also viel mehr als Hirngespinste. Sie ermöglichen uns, unser Gehirn zu bereisen. Sie offenbaren eine andere, verborgene Seite, die für unser Leben von größter Bedeutung ist. Warum sollte man ihnen also nicht ausgiebig Zeit gewähren?

Einmal wollte ich in der birmanischen Stadt Yangon ein Taxi nehmen. Ich hatte einen dringenden Termin und war in großer Eile. An der Ecke stand ein parkendes Taxi, der Fahrer, ein älterer Herr in einem langen weißen Hemd, lag auf dem Rücksitz, hatte die nackten Füße auf die Vorderlehne gelegt, eine Zeitung über seinen Bauch ausgebreitet und träumte genüsslich vor sich hin. Als ich ihn fragte, ob er mich mitnehmen könne, schaute er mich erstaunt an, als könne er kaum fassen, dass ihm in einem derart inopportunen Moment eine solch anmaßende Frage gestellt werde. »Sehen Sie denn nicht, dass ich beschäftigt bin?«, fragte er entgeistert. Er hatte natürlich recht.

Traum und Tagtraum sind mehr als Hirngespinste. Sie ermöglichen uns, unser Gehirn zu bereisen.

Er hatte natürlich recht. Der calvinistische Geist einer zwanghaften Betriebsamkeit übersieht die Schaffenskraft der Tagträumerei. Franz Kafka schrieb einmal von seinen »Träumen, die schon ins Wachsein vor dem Einschlafen strahlen«. Der chinesische Song-Gelehrte Xiu Ouyang erklärte, er habe seine beste Schriftstellerei auf dem Kissen, dem Rücken eines Pferdes und auf der Toilette getan. Der Philosoph und Mathematiker René Descartes löste im Bett mathematische Probleme. Das erkannten auch irgendwann seine jesuitischen Lehrer, die ihn vorher mit Eimern kalten Wassers morgens zum Aufstehen bewegen wollten. Er erhielt das Privileg, ausschlafen zu dürfen.

Die aspirierende Träumerin und Faulenzerin vermag sich in die Tradition eines beeindruckenden Pantheons von Schriftstellern, Philosophen, Künstlern und Wissenschaftlern zu stellen, die der genüsslichen Herumliegerei ein Loblied gesungen haben. Ja, sie kann sich auf eine Philosophie des Träumens beziehen, die Lin Yutang in »Weisheit des lächelnden Lebens« präzisiert. Der chinesische Philosoph, schreibt Lin, träume mit einem offenen Auge, denn er wisse um seine Vergänglichkeit. Dieses Wissen ermögliche es ihm, den Versuchungen von Ruhm, Reichtum und Leistung zu widerstehen.

Franz Kafka schrieb einmal von seinen »Träumen, die schon ins Wachsein vor dem Einschlafen strahlen«.

Und aus dieser Loslösung erwachse seine Liebe zur Freiheit, zum Vagabundentum, zur Nonchalance. »Das Leben ist ein Traum, und wir menschliche Wesen sind wie Reisende, die den ewigen Fluss der Zeit herabtreiben. Wir steigen an einem bestimmten Punkt ein und an einem anderen wieder aus, um jenen Platz zu machen, die bereits flussabwärts darauf warten, das Boot zu betreten. Die Hälfte der Poesie des Lebens wäre verschwunden, wenn wir nicht spüren würden, dass das Leben ein Traum ist, eine Reise oder zumindest eine Bühne, auf der den Schauspielern selten bewusst wird, dass sie nur eine Rolle spielen.«


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