Was ein gutes Leben ausmacht

Dies ist kein Gespräch mit irgendjemandem, der irgendeinen Ratgeber geschrieben hat, sondern ein Interview mit Ronny Kokert. Dessen Leben damit begann, nicht aufgeben zu wollen, und der schließlich einen Weltmeistertitel errang. Der dann wieder ausbrannte und 2015 an die Grenze fuhr, um Geflüchteten zu helfen. Der heute 50-Jährige trainierte aber nicht nur Kampfsport. Er fand auch zu sich selbst.
Text Kristian Thees
Bild Kremayr & Scheria

Herr Kokert, als Teenager wurde Ihnen gesagt, Sie könnten keinen Sport mehr treiben. Sie haben sich dann der asiatischen Kampfkunst und deren Philosophie zugewandt, Sportwissenschaften studiert und gewannen internationale Turniere. Und dann kam 1998 die Weltmeisterschaft im Open Taekwondo, vielleicht steigen wir an dieser Stelle ein.
Das war ein Schlüsselturnier, ja. Ich kämpfte verkrampft. Ich hatte zwar zuvor Turniere auch international gewonnen, war bei der Weltmeisterschaft aber immer gescheitert. Einmal wurde ich Dritter, einmal Fünfter. Irgendwann zerbrach ich wirklich daran. Dann bin ich aber doch zur Weltmeisterschaft im Open Taekwondo gefahren, bei der verschiedene Stile gegeneinander antreten – und stand dort im Bruchtest im Finale gegen einen US-Amerikaner.

Was ist ein Bruchtest?
Dieser Bruchtest ist ein Wettbewerb, bei dem spezielle Platten aufgebaut werden und die Teilnehmer mit einer Tritttechnik diese Platten zerbrechen müssen. Das ist ein Test für die geistige Durchsetzungskraft. Und da ist alles von mir abgefallen. Ich stand vor diesem Stapel an Platten und hatte das Gefühl, dass die Zeit stillsteht. Und ich merkte, wie mein Fuß wie durch weiche Butter durch diese Platten geht. Das spielte sich wie in einem Traum ab. Ich habe dann gewonnen. Und gewusst: Jetzt ist es soweit. Jetzt ist es Zeit für ein neues Konzept. Ich muss niemand anderen besiegen, ich muss nur mich selbst besiegen, mit mir selbst in Einklang kommen.





Ronny Kokert wurde 1970 in Wien geboren, mit 13 musste er wegen einer Knochenmarkserkrankung monatelang das Bett hüten, fand sich aber nicht mit der Prognose der Ärzte ab, nie wieder Sport treiben zu können. Nach seinem Schulabschluss studierte er in Wien Sportwissenschaften, 1992 wurde er jüngster österreichischer Staatsmeister im olympischen Taekwondo, 1998 folgte der Weltmeistertitel, beim Bruchtest schlug er einen dreißig Kilogramm schwereren US-Amerikaner. 2016 gründete er das Projekt »Freedom Fighters«, seitdem trainiert er junge Kriegs-Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und Somalia.





Wie haben Sie das geschafft?
Ich begann, Shinergy zu unterrichten und den Namen Shinergy auch nach außen zu tragen.

Sie haben mit Shinergy eine neue Kampfkunst begründet.
Ja, bei dem Konzept geht es vor allem darum, nicht mehr kämpfen zu müssen. Kämpfen zu können bedeutet nicht mehr kämpfen zu müssen.

Ist das auch der Leitfaden der japanischen Philosophie?
Na ja, in den klassischen Kampfkünsten steht der Gruppendrill im Mittelpunkt. Die Bewegungen werden eingeschliffen, wie ein Roboter absolviert und in der Gruppe ausgeführt. Das machen wir im Shinergy nicht. Im Shinergy steht die eigene, individuelle Bewegung im Fokus. Das Problem kennt man auch von unserem Schulsystem: Hier wird gelehrt, Patentrezepte zu wiederholen, abzuspulen. Aber später im Leben kommt man drauf, dass es viel wichtiger ist, flexibel zu agieren – und seine Fähigkeiten flexibel im Moment anzuwenden. Das ist das, was zählt.

Danach ging es durchaus ereignisreich in Ihrem Leben weiter.
Ich habe im Jahr 1999 mit Shinergy begonnen und ein Trainingszentrum mit 1.200 Quadratmetern in Wien gegründet, Kredite dafür aufgenommen– und war wieder im Hamsterrad. Ich war wieder in die Falle getappt, in die des Burnouts. Ständig nach außen repräsentieren, Shinergy bewerben, auf Foldern posieren, allem hinterherlaufen. Ich rauschte wieder durch mein Leben und fühlte mich am Abend ausgebrannt und leer und sah keinen Sinn mehr. Dann aber, als sich 2015 die Flüchtlingsdramen vor unserer Grenze abspielten, startete ich eine Hilfsaktion. Und fuhr mit Spenden zum Flüchtlingslager Traiskirchen in Österreich und kam mit jungen Männern ins Gespräch.

»Bei dem Konzept Shinergy geht es vor allem darum, nicht mehr kämpfen zu müssen. Kämpfen zu können bedeutet nicht mehr, kämpfen zu müssen.«
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Ronny Kokert

Wann kam der Moment, in dem Sie beschlossen, ins Flüchtlingslager zu fahren?
Das war wie ein Reflex. Wir haben die Verantwortung, dort zu helfen. Und ich wusste, dass wir dort helfen können und müssen. Deshalb habe ich die Spenden dorthin geführt, sprach mit den jungen Männern und sah in ihre Augen. Die hatten alles verloren, Familie zurückgelassen und Schreckliches erlebt. Aber sie hatten dieses Leuchten, diese Sehnsucht nach einem besseren Leben in Sicherheit und Freiheit in ihren Augen. Und das hat mich sofort inspiriert.

Inwiefern?
Wir haben uns sofort verbunden gefühlt. Und als ich erzählte, was ich mache, dass ich Kampfsportlehrer bin, leuchteten die Augen gleich noch mehr. Das waren alles Jungs, die sich im Mann-Werden befanden, die gesehen werden wollten. Ich glaube, mit einem Töpferkurs oder Yoga hätte ich mich da viel schwerer getan.

»Die hatten alles verloren, Familie zurückgelassen und Schreckliches erlebt. Aber sie hatten dieses Leuchten, diese Sehnsucht nach einem besseren Leben in Sicherheit und Freiheit in ihren Augen. Und das hat mich sofort inspiriert.«

Ronny Kokert

Dann konnten Sie viele begeistern, einer von ihnen heißt Ismael.
Der Ismael ist mir von Anfang an sehr ans Herz gewachsen. Der kam ins Training, strahlte, unterhielt uns sofort mit seinen Witzchen, war der Kleinste und auch der Flinkste in der Gruppe. Er spielte und trickste, was das Zeug hält. Und was mir sofort ins Auge fiel: dass hinter dieser Fassade eine tragische Geschichte steht. Ismael war geflüchtet, hatte seine Familie verlassen, kenterte zwei Mal im Mittelmeer, schwamm um sein Leben und schaffte es letztendlich bis nach Österreich.

Sie haben von Begegnungen mit Flüchtlingen berichtet, die Ihr Leben komplett verändert haben und deren Leben Sie verändert haben. Rückblickend: Was haben Sie dadurch in sich selbst neu erkannt?
Ich bin bei mir selbst und im Leben angekommen. Ich lehrte die Burschen das Kämpfen, um nicht mehr kämpfen zu müssen. Sie zeigten mir, worauf es wirklich ankommt. Und von wem können wir besser lernen, mit Schicksalsschlägen und Unsicherheit umzugehen, als von Menschen, die alles verloren haben, sich aber trotzdem ihre Menschlichkeit bewahrt haben? Sie zeigten mir, dass es auf das Verbunden-Bleiben mit sich selbst ankommt, auf das Sich-zeigen-Dürfen, darauf, mit den Mitmenschen in Demut und Dankbarkeit verbunden zu bleiben. Das sind die Dinge, auf die es wirklich ankommt. Und das sind die Dinge, die ein gutes Leben ausmachen.

Das komplette Interview finden Sie in der neuen rampstyle #23


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