Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Wie Kleidung die Persönlichkeit prägt (und andersherum), sieht man an dieser Modestrecke. Und an der Geschichte unseres Autors, in der es um sozialistische Planwirtschaft geht, jugendlichen Protest und die Rolle des Spiegels für das Selbstbild.

Text & Konzept: Wladimir Kaminer, Michael Köckritz Fotos: Katja Hentschel
Produktion: Antonietta Procopio Location: Kink Bar & Restaurant


I. Staatsmode

In meiner Heimat war Mode kein Fremdwort, sie wurde jedes Jahr neu von den staatlich anerkannten und von der Partei geprüften Designern im Auftrag des »Ministeriums für Waren des täglichen Bedarfs« entworfen und in den unzähligen Frauenzeitschriften auf der letzten Seite veröffentlicht. Diese Zeitschriften hießen »Sowjetische Frau«, »Die Bäuerin« und »Die Arbeiterin«. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte auch die Zeitschrift »Gesundheit« vier Seiten über moderne Kleidung, vielleicht wusste die Führung des Landes schon damals, dass die Mode mit Gesundheit zu tun hat. Unsere Mode hatte den Anspruch, jeden und jede schöner zu machen, war allerdings in diesem Bestreben ziemlich eintönig. Die Quantität hatte immer Priorität. Die sozialistische Planwirtschaft setzte sich in erster Linie zum Ziel, alle Menschen mit zeitgemäßer robuster Kleidung und festem Schuhwerk zu versorgen, Farben und Schnitt haben nur am Rande eine Rolle gespielt. Die größte Schwierigkeit bei der Kleidungsproduktion bestand darin, dass alle Bürgerinnen und Bürger in der Sowjetunion unterschiedliche Größen hatten. Manche hatten einen dicken Hintern und lange Beine, andere umgekehrt. Es war eine Sache der Unmöglichkeit, alle diese Menschen gleichzeitig mit modischen Waren zu beglücken, denn die Planwirtschaft konnte nur bei Massenproduktion funktionieren. Natürlich wurden die Konfektionsgrößen von der Bevölkerung gesammelt und archiviert, diese Daten sollten später bei der Planung helfen, doch das half nicht. Die Menschen neigten dazu, ihre Größe kurzfristig zu ändern, die einen nahmen ab, andere wiederum zu. Kurzum, dieser sich ständig verändernde Bürger trieb den sozialistischen Staat in den Wahnsinn. Am liebsten hätte der Staat drei Konfektionsgrößen festgelegt: groß, mittel und klein. Zum Glück besaß jeder Haushalt eine eigene Nähmaschine und konnte die gekauften Sachen ändern, sie zurechtnähen.

»Natürlich wurden die Konfektionsgrößen von der Bevölkerung gesammelt und archiviert, diese Daten sollten später bei der Planung helfen, doch das half nicht. Die Menschen neigten dazu, ihre Größe kurzfristig zu ändern, die einen nahmen ab, andere wiederum zu.« - Wladimir Kaminer

Anzug & Fliege: Tom Ford
Hemd: Olymp

Und immer wieder stieß die planwirtschaftlich erzeugte Mode auf ein noch größeres Problem, selbst wenn sie es mit den Größen hingekriegt hätte. Die Bürgerinnen und Bürger wollten nicht vom Staat bekleidet werden und nahmen das ihnen aufgezwungene Angebot nicht an. Sie wollten andere Klamotten, andere Schuhe, andere Farben, einen anderen Schnitt, was sie genau wollten, konnten sie nicht erklären, Hauptsache anders – und nicht das, was vorhanden war. Der Staat und seine Designer konnten sich sonstwie anstrengen, die Lagerhallen waren mit überflüssigen Kleidern überfüllt, die Waren wurden nicht verkauft. Das hatte zur Folge, dass zum Zeitpunkt des Unterganges der Sowjetunion fast 800 Millionen Paar Schuhe in den Betriebsräumen der Schuhfabriken eingelagert waren, vier Mal mehr als es Füße in der Sowjetunion gab. Was lernen wir aus dieser Geschichte? Mode ist keine Massenware, Mode ist individuell. Dieser Schuhberg war ein trauriges Denkmal, das meine Heimat nach ihrem Untergang hinterlassen hat. Millionen von Schuhen, die nie einen Fuß gesehen haben.

II. Jugendmode

Wir Jugendlichen wollten nicht vom Staat angekleidet werden, wir entwickelten unsere eigene Mode, es war die Mode des Protestes, des Widerstandes gegen unsere Aufpasser. Manche hatten Glück, ihre Eltern hatten Geld, sie konnten sich auf dem Schwarzmarkt ausländische Klamotten besorgen, andere stellten ihre Mode selbst her. Es gab bei uns nämlich feine Stoffe zu finden, zum Beispiel Seide. Fallschirmseide. Ein Freund von mir hatte sich in den Verein der jungen Fallschirmspringer eingeschrieben, das galt als eine wichtige Etappe bei der Vorbereitung zum Militärdienst. Dort auf dem Flugplatz Wnukowo war es ihm gelungen, einen Fallschirm zu entwenden. Diesen Fallschirm zerlegte mein Freund zuhause in viele Teile und nähte daraus feinste Frauenwäsche, Strings, Tangas und Bikini-Slips. Die Frauenunterwäsche gab es nicht im freien Angebot, zumindest nicht eine solch großartige aus Seide. Mit einem einzigen Fallschirm konnte mein Freund mehrere hundert Frauen glücklich machen und wurde am Ende des Fallschirms so reich wie ein arabischer Scheich. Meine damalige Freundin hatte eine noch cleverere Idee. Jedes Jahr zu großen sozialistischen Feiertagen wurden an allen Hausfassaden große rote Fahnen mit goldenem Hammer und Sichel angebracht, an manchen Wohnhäusern wehten sogar zwei Fahnen an beiden Ecken, gar nicht weit oben. Es bedurfte nicht einmal einer Leiter, um eine solche Fahne zu stehlen. Man brauchte nur Mut und Courage, das hatte meine damalige Freundin im Übermaß. Nachts ging sie auf Fahnenjagd.

T-Shirt: Merz b. Schwanen // Jeans: LEVI'S

»Wir Jugendlichen wollten nicht vom Staat angekleidet werden, wir entwickelten unsere eigene Mode, es war die Mode des Protestes, des Widerstandes gegen unsere Aufpasser.«

Wladimir Kaminer

Aus zwei rot-goldenen Fahnen nähte sie sich ein schickes Kleid. Ich trug die ganze Zeit deutsche Klamotten. Die beste Freundin meiner Mutter hatte einen Deutschen geheiratet, war mit ihm nach Deutschland gegangen und hatte zwei Jungs bekommen, die sehr schnell wuchsen. Beide waren zwei Jahre älter als ich, einer etwas größer als der andere, ich wuchs ihnen ständig nach. Also bekamen wir regelmäßig humanitäre Hilfe aus Deutschland, zuerst waren es Kindersachen – ich war der Einzige in meinem sowjetischen Kindergarten, der eine Lederhose trug –, später kamen coole Jeans, lange, müllsackähnliche Pullover, kurze Shirts und eine hellbraue Samtjacke, damals schwer in Mode, hinzu.

In diesen Klamotten sah ich immer anders aus als meine Klassenkameraden und bildete mir ein, ich sei nicht von hier, mein Platz auf dieser Welt sollte irgendwo anders sein, möglicherweise in Deutschland.

III. Kleider machen Leute


[…]


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