Who ya gonna call? Im Golf 8 zum Geisterhotel

Seit 2016 feiern Fans der Kult-Komödie Ghostbusters den 8. Juni als internationalen Ghostbusters Day. Eine Hommage an den Tag des US-amerikanischen Kinostarts am 8. Juni 1984. Da feiern wir natürlich mit. Mit einem paranormalen Roadtrip zu einem Hotel, in dem es angeblich spukt. Also nichts wie ab in den Nordschwarzwald. Im Golf VIII.
Text Natalie Diedrichs
Bild Maximilián Balázs · ramp.pictures

Die Treppenstufen knarzen beim Hinaufsteigen, das Licht des Wandleuchters wirft lange Schatten. Puff, plötzlich erlischt eine der drei Glühbirnen. Kein gutes Zeichen. Wenn eine Lampe im Schlosshotel Waldlust durchbrennt, soll darauf meist ein Unglück folgen. Nicht umsonst trägt das ehemalige Grandhotel, das an einem Berghang über Freudenstadt thront, den Namen Spukhotel. Mein Puls beschleunigt sich, Adrenalin pumpt durch meine Adern. Ich muss an die Schauergeschichten denken, die ich zuvor über diesen Ort gelesen habe. Badewannen, die plötzlich volllaufen. Aufzüge, die sich aus dem Nichts in Bewegung setzen. Mysteriöse kalte Hände, die Hotelgäste an der Schulter berührten, woraufhin diese überstürzt abreisten. Dazu Stimmen und Schreie von Verwundeten, die hier während des Zweiten Weltkriegs Höllenqualen litten, als das Waldlust zum Lazarett umfunktioniert wurde. Und nicht zu vergessen die unerlöste Seele der früheren Grand Dame und Betreiberin Adele, die hier auf grausame Weise ermordet worden sein soll.

Okay, was zur Hölle mache ich hier?

Warum musste ich meinem Chef voreilig zustimmen, als er meinte, dass das sicher eine spannende Geschichte wird? Am besten bei Nacht, für die stimmungsvolle Atmosphäre. Nur Max, der fotografiert, und ich. Tolle Idee, wirklich. Mein Auftrag lautete, dem Phänomen der »Angstlust« auf den Grund zu gehen, natürlich wie immer ramp-mäßig ironisch-augenzwinkernd, am besten noch im »Ghostbusters«-Zwirn. Zuvor hatte ich ausführlich mit Professor Doktor Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin über dieses Thema gesprochen: »Bei der Angstlust geht es um die Konfrontation mit dem Unheimlichen, dessen Überwindung einem unter ganz bestimmten Umständen eine gewisse Lust bereitet«, hatte mir der Biopsychologe am Telefon erklärt. Lust? Gerade verspüre ich höchstens die Lust, schnell die Kurve zu kratzen. Dabei hatten wir uns alles so schön überlegt. Dann aber geschahen diese merkwürdigen Dinge.

Es begann schon auf der Hinfahrt. Als Reiseauto für diese Geschichte wählten wir einen Golf 8 – und zwar mit Bedacht. Denn der Golf im Allgemeinen bildet sozusagen den Gegenpol zum Irrationalen. Das Vernunft-Auto. Wenn jemand abwägt, welche praktischen Eigenschaften ein Auto besitzen sollte – zum Beispiel genügend Platz, Zuverlässigkeit, Alltagstauglichkeit, angenehmes Fahrverhalten, gute Qualität und Verarbeitung, angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis, adäquater Verbrauch und neueste Technik –, dann war das Endresultat dieser Betrachtung immer ein Golf. Nicht umsonst ist er das beliebteste Auto in Deutschland. Schon immer. Mit Abstand. Und so herrlich rational. Max und ich spaßten noch: Für den unwahrscheinlichen Fall, im Waldlust tatsächlich einen Geist anzutreffen, sei der Golf eine sichere Nummer. Das Gespenst würde nur abwinken, die Worte »Ach, ein Golf« seufzen und sich dann wieder seinen übrigen paranormalen Aktivitäten zuwenden. Ha ha.

Auf den kurvigen Landstraßen des Nordschwarzwalds piepste und blinkte es dann plötzlich im digitalen Cockpit des Golf. Erst in unregelmäßigen Abständen, aber je näher wir der Lauterbadstraße in Freudenstadt kamen, desto häufiger wurden verschiedene Warnmeldungen angezeigt: »Emergency Assist deaktiviert«, »Travel Assist deaktiviert«. Piep. Piep. Piep. Die Assistenzsysteme spielten komplett verrückt. Eine Vorahnung? Dabei hatte mich Professor Walschburger am Telefon noch ermutigt: »Sie werden ja nicht im Ernst einen Geist erwarten, wenn Sie dort hineingehen. Letzten Endes gibt es in solchen Situationen tief in Ihrem Herzen eine Art Urvertrauen, dass Sie dort auch wieder herauskommen.«

»98 Prozent aller Spukereignisse sind auf wissenschaftlicher Ebene erklärbar und somit nicht paranormal.«

Wilhelm Gabler, Vienna Ghosthunters

Aber das Gepiepse im Golf? Mein Smartphone, das auf einmal nur noch ein merkwürdiges Farbengemisch auf dem Display anzeigt und nicht mehr reagiert? Das Pochen über unseren Köpfen, als wir in der antiken Hotellobby stehen? Und der merkwürdige Fleck auf der Tapete in Zimmer 427, der so aussieht wie ein Frauengesicht? Zufälligerweise genau an dem Ort, wo Adele ihr vermeintlich blutiges Schicksal ereilt haben soll? Mein Urvertrauen hat sich gerade verabschiedet, ebenso wie die Glühbirne in der Wandleuchte.

Ich atme tief durch. Versuche, an die Expertengespräche zu denken, die ich zuvor geführt hatte: »98 Prozent aller Spukereignisse sind auf wissenschaftlicher Ebene erklärbar und somit nicht paranormal«, bestätigte mir zum Beispiel Wilhelm Gabler von den Vienna Ghosthunters, einem Verein für paranormale Untersuchungen. Mit seinem zwölfköpfigen Team rückt er inzwischen mehrmals die Woche aus, um vermeintlichen Geisteraktivitäten auf den Grund zu gehen. Kein Witz. Dabei arbeitet Gabler hoch professionell und mit allerlei technischen Gerätschaften wie Nachtsicht- und Wärmebildkameras, Diktiergeräten, Strahlen-, Ultraschall- und Infraschallmessern. »Infraschall reizt unseren großen Stirnlappen, dadurch können Halluzinationen geschehen. Das tritt sehr oft bei defekten Kabelleitungen auf«, erklärte mir der Geisterjäger.

Ich schaue mich im spärlich beleuchteten Korridor des Hotels um. Das Waldlust wurde 1899 als Pensions-Villa errichtet, 1902 eröffnet und 1905 durch großzügige Anbauten erweitert.
Lange galt es als eines der luxuriösesten Hotels in Europa. Grund dafür war unter anderem, dass 60 der insgesamt 140 Zimmer ein eigenes Badezimmer hatten, teilweise sogar mit beheizten Handtuchhaltern. Damals war das ein Alleinstellungsmerkmal. Hinzu kam der 1.000 Quadratmeter große Ballsaal mit prächtigen Wandmalereien, jeder Menge Stuck an den Säulen und an der fünf Meter hohen Decke sowie ein gigantischer Kronleuchter, von dem es heute nur noch Schwarz-Weiß-Fotos gibt.

»Bei der Angstlust geht es um die Konfrontation mit dem Unheimlichen, dessen Überwindung einem unter ganz bestimmten Umständen eine gewisse Lust bereitet.«

Peter Walschburger, Biopsychologe

Gäste wie König Gustav V. von Schweden, Charlie Chaplin, Mark Twain und auch der eine oder andere Maharadscha aus Indien übernachteten hier und genossen die rauschenden Partys zu Beginn des 20. Jahrhunderts, heißt es in diversen Zeitungsartikeln. Bis 2005 war das Hotel in Betrieb, seitdem wurde es mehr oder weniger sich selbst überlassen. Wasserschäden und eine abgestellte Heizung sorgten für einen zunehmenden Zerfall. Der Verein für Kulturdenkmale Freudenstadt versucht, diesem durch kleine Ausbesserungen aus Spendengeldern entgegenzuwirken, aber eine vollständige Renovierung würde 35 Millionen Euro kosten. In Anbetracht dessen sind defekte Kabelleitungen hier gar nicht mal so unwahrscheinlich. Ich beruhige mich langsam wieder, öffne die Tür zu einem der 100 Liegebalkone, atme tief die klare Schwarzwaldluft ein und blicke auf das Lichtermeer vor mir.

98 Prozent aller Spukereignisse lassen sich also logisch erklären. Aber was ist mit den übrigen zwei Prozent? Und inwiefern soll Angst nun anregen? »Angst ist eine eiskalte Hand, die dir die Kehle zudrückt, den Atem nimmt – und du kannst nichts dagegen tun«, erklärte mir die »Thriller-Queen« Sabine Thiesler. Ich hatte die Bestseller-Autorin zuvor ebenfalls zum Thema Angstlust befragt, stellte aber schnell fest, dass sie diesem Gefühl offenbar auch nichts Positives abgewinnen kann, obwohl sie in ihren Romanen regelmäßig damit spielt: »Angst ist Horror. Sie zerstört Körper und Seele. Ist das schlimmste aller negativen Gefühle, weil unsere Existenz bedroht ist. Wirkliche Angst ist Todesangst. Das möchte man nicht haben, das ist alles andere als faszinierend.« In Anbetracht des heutigen Tages stimme ich ihr da voll und ganz zu. Gerade will ich mich wieder umdrehen, um Richtung Treppenhaus zu laufen, da höre ich es wieder. Dieses Pochen. Und es wird immer lauter. Erneut überschlägt sich mein Puls, mir wird schlecht vor Aufregung. Da steht plötzlich ein alter, blasser Mann im Türrahmen, der sich auf einen Gehstock stützt. Sein lichtes Haar hängt zottelig herab, er atmet schwer und kommt langsam und mit schlurfendem Gang auf mich zu. Okay, das war’s jetzt. Ich mache mich aufs Äußerste gefasst, danke meiner Mutter im Geiste für das schöne Leben, das sie mir geschenkt hat. Kurz, aber schön. Er öffnet den Mund, ich schnappe nach Luft …

»Saggamol, wie lang wellet ihr no bleibe? I tät dann abschließe, woisch«, schwätzt der hinkende Geist in tiefstem Schwäbisch. In diesem Moment erscheint Max mit seiner Kamera am Treppenaufgang. »Ich wäre soweit durch. Du? Ach ja, und Dein Smartphone ist mir vorhin runtergefallen, als ich’s festhalten sollte. Sorry, hab’s vergessen, Dir zu sagen.«
»Ja, ich bin auch durch für heute.« Definitiv. Mit einem Mal fällt jegliche Anspannung von mir ab, ein wohliges Gefühl macht sich in meinem Körper breit. Auch wenn die Reparatur meines Handys nicht billig werden dürfte. Trotzdem fühle ich mich gut, jetzt, da ich die Angst überwunden habe.

Am nächsten Morgen führe ich mein letztes Experteninterview mit Doktor Gerhard Mayer vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. Wie sich herausstellt, ist dem Psychologen das Schlosshotel Waldlust vertraut. Gemeinsam mit seinen Kollegen führte er hier 2005 Befragungen mit den ehemaligen Hotelmitarbeitern durch, um die vermeintlichen Spukereignisse wissenschaftlich aufzuklären. Basierend auf seinen Untersuchungen folgert er: »Viele Phänomene, über die berichtet wurde, lassen sich natürlich erklären. Wir reden hier von einem alten Gebäude, das schon damals nicht mehr hundertprozentig in Schuss war. Dass da mal eine Lampe flackert oder ein kühler Luftzug geht, ist normal.«

Und die ermordete Hotelbetreiberin Adele? »Die hieß in Wirklichkeit Emilie Luz. Für die Untersuchungen haben wir den Ort und die Namen aller Beteiligten anonymisiert. Und übrigens wurde Emilie gar nicht ermordet. Historische Dokumente bestätigen, dass sie im hohen Alter eines natürlichen Todes starb.« Aber das gruselige Gesicht an der Wand? »Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, in amorphen Situationen Figuren und Gesichter zu erkennen. Das dient dem Überleben.« Dann macht Mayer eine kurze Pause und ergänzt langsam: »Nur die Geschichte, nach der ein weiblicher Hotelgast in der Badewanne saß und plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte, obwohl ihr Ehemann im Nebenraum war – die ließ sich bis heute nicht aufklären.« Ebenso wie das Gepiepse im Golf. Womit wir wieder bei den verbleibenden zwei Prozent wären …


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