Wie ein wilder Steve

Steve McQueen ist der unwidersprochene King of Cool. Auf der Leinwand. Und auf der Rennstrecke. Wie sieht es aber beim Blick hinter die Kulissen aus? Alles anders? Nicht alles. Aber einiges.
Text Christian Krug
Bild John Dominis

Als die französischen Zöllner die Fracht der amerikanischen Filmcrew prüfen, finden sie allerhand Merkwürdigkeiten: Filmblut, verwundete Gummikörper, Pyrotechnik. Das übliche Arsenal eines Actionfilms. Vielleicht fällt ihnen deshalb die Walther P38, die zwischen den Helmen und den Fahrerkombis liegt, nicht weiter auf. Es ist eine Wehrmachtswaffe aus deutscher Fabrikation. Die Waffe ist echt. Und sie ist mit 9-Millimeter-Patronen geladen. Sie wird in diesem Sommer 1970 in die Hand eines Drogensüchtigen gelangen, der von Wahnvorstellungen geplagt wird.

Die Waffe gehört seit dem 9. August 1969 Steve McQueen. An diesem Tag werden die Schauspielerin Sharon Tate und drei ihrer Freunde bei einem Abendessen in ihrem Haus in Kalifornien von der Manson-Bande ermordet. McQueen ist ebenfalls zum tödlichen Dinner eingeladen. Sein Glück ist es, dass er auf dem Weg zu Tates Haus noch ein Mädchen trifft, mit dem er sich etwas vergnügen will. Er sagt seinem Freund Jay Sebring, er käme später nach. McQueen tauchte nie auf der Party auf. „Das Flittchen hat Steve das Leben gerettet“, sagt Neile Adams, seine damalige Frau. Er ist zutiefst überzeugt, dass nicht Tate das eigentliche Ziel des Anschlags war, sondern er selbst. Seitdem trägt McQueen eine Waffe. Sogar in der Badehose am heimischen Pool.

Doch Bodyguards lehnt er ab. Er findet es unmännlich, sich beschützen zu lassen. „Wenn es dazu kommt, werde ich die Sachen mit meinen eigenen Händen regeln“, erklärt er. Immer wenn er nun mit Neile von einem Essen nach Hause fährt, hat er das Gefühl, verfolgt zu werden. Er blickt sich um, fährt Zickzack, braucht eine Stunde für einen Weg, den er früher in 15 Minuten zurückgelegt hat. „Er war völlig paranoid“, sagt seine Ex-Frau. Wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Drogen, die der Schauspieler seit ein paar Jahren regelmäßig nimmt, mutmaßt sie. Gras und Kokain sind seine ständigen Begleiter. Nun haben sie einen explosiven Gefährten: die Walther P38.

»Jeden Tag lungern Groupies am Filmcamp neben der Rennstrecke herum. Er erntet sie regelrecht ab.«

Credit: REX

Die Ehe von Neile und Steve McQueen hängt seit dem Sommer 1969 am seidenen Faden. Drei Häuser bewohnt der Star in Kalifornien. Zu dem Strandhaus am Pazifik darf sie nur mit vorheriger Anmeldung. Hier empfängt er seine Gespielinnen. Früher versteckt, mittlerweile ganz offen. Neile lebt mit den meist blonden Groupies wie mit Ungeziefer: Am Anfang schlägt man nach ihnen, später arrangiert man sich.

Neile ist Tänzerin. Sie füllte schon Theater am Broadway, als er noch auf Probebühnen stand. Sie hatte schon Angebote aus Hollywood, als er nicht mal die Miete seiner Bruchbude in Manhattan zahlen konnte. Sie macht ihn mit Regisseuren und Produzenten bekannt, besorgt ihm erste Rollen, füttert ihn durch. Als er berühmt wird, will er Kinder. Sie erfüllt ihm seinen Wunsch und hört auf zu tanzen. Sie liest für den Legastheniker die Drehbücher, rät ihm zu Filmen wie „Die glorreichen Sieben“ und „Bullitt“, die ihn zum bestbezahlten Schauspieler der Welt machen. Er ist der Superstar, sie die Mutter seiner Kinder. Das ist die Rolle, die er für sie reserviert hat in seinem Leben.

Ab und zu bricht sie aus, besucht ihre Freundin Grace Kelly in Monaco oder Claudia Cardinale in Rom. Als sie auf einem Rückflug von New York nach Los Angeles ist, trifft sie in der ersten Klasse einen echten Casanova. Einen Schauspieler aus Europa, der gerade einen Oscar gewonnen hatte. Er macht ihr Komplimente, lädt sie ins Beverly Hills Hotel ein, wo er residiert. Nur ein paar Blocks vom Beverly Wilshire entfernt. Dort hat McQueen das ganze Jahr über eine Suite gemietet. Falls er mal in der Stadt übernachten möchte. Sie trifft sich mit dem Oscar-Preisträger. Sie haben eine Affäre. Ihre erste in zwölf Jahren Ehe. Gleiches mit Gleichem, denkt sie zu ihrer Entschuldigung. Nach ein paar Wochen lässt sie die Romanze auslaufen. „Ich fühlte mich schuldig und leer“, sagt sie.

»Neile lebt mit den meist blonden Groupies wie mit Ungeziefer: Am Anfang schlägt man nach ihnen, später arrangiert man sich. «

Anfang 1970 beruhigen sich die ehelichen Verhältnisse etwas. Man hat andere Probleme. McQueens Filmfirma Solar steht kurz vor der Insolvenz, nur durch Vorschüsse auf zukünftige Rollen von McQueen kommt genügend frisches Geld in die Kasse. Das hält den bisher erfolglosen Filmproduzenten nicht davon ab, sein bisher gewagtestes Projekt voranzutreiben: Einen Spielfilm über das Rennen von Le Mans. Er ist ein begeisterter Amateur-Racer. Vor allem auf Cross-Motorrädern hat er viel Rennerfahrung. Er will sich für „Le Mans“ nicht nur als Schauspieler engagieren, er will die Rennszenen als Fahrer selbst drehen. Doch ein halbes Jahr vor Drehbeginn fehlt ihm immer noch die Zulassung. Er will mit keinem Geringeren als Jackie Stewart die 24 Stunden absolvieren, dem kommenden Star der Formel-1-Szene. Doch der ist skeptisch.

Er findet, in Le Mans fahren zu viele Amateure. McQueen ist ehrgeizig. Er will alle Zweifel an seinem fahrerischen Können im 12-Stunden-Rennen von Sebring wegwischen. Trotz eines gebrochenen Fußes wird er sensationell Zweiter. Umso enttäuschter ist er, dass ihm die Rennleitung in Le Mans trotzdem den Start verweigert. Aber McQueen lässt sich nicht abschütteln. Er meldet seinen Porsche 908 für das Rennen an und lässt drei Profis ans Steuer, die die nötige Lizenz haben. Mit drei Kameras ausgestattet, deren Filmrollen beim Boxenstopp umständlich gewechselt werden müssen, fährt der Porsche zwar hinter dem Feld her, aber er kommt ins Ziel. Und McQueen hat seine Rennbilder. Hätte er seinen Wagen nicht an den Start gebracht, wäre der Film niemals entstanden. Er hatte, wie so oft, alles auf eine Karte gesetzt – und scheinbar gewonnen.

»McQueen ist ehrgeizig. Er will alle Zweifel an seinem fahrerischen Können im 12-Stunden-Rennen von Sebring wegwischen. Trotz eines gebrochenen Fußes wird er sensationell Zweiter. «

Der „Bullitt“-Star fühlt sich in Frankreich wie der König der Welt. Jeden Tag lungern Groupies am Filmcamp neben der Rennstrecke herum. Er erntet sie regelrecht ab. Manchmal verschwindet er mit drei Mädchen gleichzeitig in seinem Trailer. Sein persönlicher Assistent Mario Iscovich macht sich Sorgen um ihn. In ein paar Tagen erwartet er Neile mit McQueens Kindern Chad und Terry. Er fragt ihn, warum er alles aufs Spiel setze. McQueen antwortet: „Schau mich an, ich bin der größte Star der Welt, das Nummer-eins-Sexsymbol. Alle diese Frauen wollen mich ficken!“ Danach dreht er sich um und verschwindet mit einer Blondine im Arm.

In der folgenden Nacht kriecht der Star völlig zugedröhnt aus seinem Wohnwagen und will noch etwas erleben. Er ruft einen Mitarbeiter zu sich, der Mario wecken soll. „Wir fahren noch mal los“, sagt er. „Du kommst mit.“ Mario hält das für keine gute Idee. Sein Chef ist offensichtlich betrunken und zugekokst. Doch der duldet keinen Widerspruch. Er setzt sich ans Steuer eines Produktions-Wagens und rast durch die regnerische Nacht. Mario fleht ihn an, langsamer zu fahren, aber McQueen lacht ihn aus. „Du kleiner, fetter Angsthase“, ruft er und gibt noch mehr Gas. In einer Kurve kann er den Wagen nicht mehr halten. Er rast über einen Zaun und kracht in einen Baum. Die Blondine atmet nicht mehr. McQueen kriegt Panik: „Fuck, fuck, fuck! Was habe ich getan? Nun ist alles vorbei, sie werden uns einsperren. Sie ist tot. Fuck!“ Er schreit herum, trägt die Bewusstlose auf seinen Armen über das Feld. Plötzlich hustet sie, öffnet die Augen und fängt wieder an zu atmen. Sofort erkennt McQueen die Chance der neuen Situation. Sie flüchten vom Unfallort. Wie eine Truppe Kriegsversehrter humpeln die vier die Straße entlang. Marios linker Arm ist gebrochen. Das Mädchen ist schon ganz blau vor Kälte. Für McQueen ist alles wie in einem seiner Action-Filme. Er sieht ein Farmhaus und davor ein Auto. Er will den Wagen kurzschließen. Aber der Bauer hört die Truppe und kommt mit einer Flinte aus dem Haus. Die verhinderten Autodiebe rennen um ihr Leben. Sie schlagen sich in die Büsche und warten ab.

Über Feldwege gelangen sie in das Krankenhaus von Loué. Drei Stunden nach dem Unfall werden sie medizinisch versorgt. Der Crash wird vertuscht.

Credit: Tony Adriaensens

Als Neile mit den Kindern eintrifft, verschweigt ihr Mario den wahren Grund seiner Verletzung und nimmt die Schuld auf sich. Die Kinder freuen sich auf ihren Sommerurlaub auf dem Filmset. Vor allem Chad teilt die Leidenschaft seines Vaters für schnelle Autos. Er kann es kaum erwarten, endlich zum Drehort zu kommen. Neile und Steve McQueen spielen das perfekte Liebespaar. Doch als niemand mehr in Hörweite ist, macht Steve die Regeln klar: „Es kommen noch ein paar Freundinnen“, sagt er zu seiner Frau. „Was heißt Freundinnen?“, will sie wissen. „Hör mal, wir sind doch eigentlich getrennt. Also reg dich nicht auf.“ Neile bricht in Tränen aus und versteckt sich vor den Blicken der Crewmitglieder in einem Auto.

Abends treffen sich Neile und Steve wieder in dem Schlafzimmer des Schlosses, das die Produktionsfirma für die Familie gemietet hat. Er sagt, die Sätze täten ihm leid. Er liebe sie und wolle sie nicht mehr verletzen. Bei ihr keimt Hoffnung auf, dass er sich tatsächlich ändern wolle. Er nimmt sie sanft in den Arm und fragt: „Bitte sei ehrlich zu mir, hast du mich jemals betrogen?“ Sie verneint. Sie möchte schlafen, alles vergessen, nicht über die Vergangenheit sprechen. Aber er lässt nicht locker. „Nimm ein bisschen Kokain zur Entspannung“, sagt er und schnieft eine Prise. Er will unbedingt, dass auch sie etwas nimmt, bereitet auf einer Nagelfeile eine Dosis vor. Sie greift zu. Er fragt sie wieder: „Hattest du eine Affäre?“ Neile fühlt sich stark. Das Kokain macht sie euphorisch. Sie antwortet: „Ja, in der Tat, das hatte ich. Und weißt du was, honey bunny, du hast nicht den einzigen goldenen Schwanz des Westens. Er hat übrigens einen Oscar. Und wenn du schön brav bist, dann gewinnst du vielleicht auch mal einen.“

»Für McQueen ist alles wie in einem seiner Action-Filme. Er sieht ein Farmhaus und davor ein Auto. Er will den Wagen kurzschließen.«

Steve steht wortlos auf und geht in das angrenzende Zimmer. Als er zurückkommt, hält er die P38 in der Hand. Er reißt seine Frau am Arm hoch, so dass sie im Bett aufrecht sitzt, und hält ihr die Pistole an die Schläfe: „Wer ist es?“ Sie sagt kein Wort. Dann hält er ihr die Pistole an die Brust. Er schreit: „Wer ist der Motherfucker? Du sagst es mir besser sofort. Sonst wirst du miterleben, wie er stirbt!“ Neile hat Angst um ihr Leben. Sie sagt den Namen des Mannes, der McQueen fast vor Eifersucht um den Verstand bringt: Maximilian Schell. Schon am nächsten Tag lässt McQueen Schell eine Rolle in „Le Mans“ anbieten. Neile ist sicher, dass McQueen ihn auf der Strecke in einen Unfall verwickeln will. Doch der Schweizer lehnt das Angebot ab. Vielleicht rettet ihm das sein Leben.

In dieser Nacht endet die Ehe von Neile und Steve McQueen.

Aus dem Buch: „Mein McQueen – Barbara McQueen über den Mann hinter dem Mythos“ von Christian Krug. Die McQueen-Biografie ist 2010 im Ankerherz-Verlag erschienen.


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