Wladimir, die Mode und die Wiedervereinigung

Heute vor 22 Jahren fiel die Mauer. Und damit letztendlich auch der Eiserne Vorhang. Zum Glück muss man sagen: Sonst wäre Wladimir Kaminer womöglich nie nach Berlin gekommen – und würde heute nicht für uns schreiben. Zum Beispiel über die Mode – und was die mit Deutschland und Russland zu tun hat.

Text & Konzept: Wladimir Kaminer, Michael Köckritz Fotos: Katja Hentschel
Produktion: Antonietta Procopio Location: Kink Bar & Restaurant


I. Staatsmode



In meiner Heimat war Mode kein Fremdwort, sie wurde jedes Jahr neu von den staatlich anerkannten und von der Partei geprüften Designern im Auftrag des »Ministeriums für Waren des täglichen Bedarfs« entworfen und in den unzähligen Frauenzeitschriften auf der letzten Seite veröffentlicht. Diese Zeitschriften hießen »Sowjetische Frau«, »Die Bäuerin« und »Die Arbeiterin«. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte auch die Zeitschrift »Gesundheit« vier Seiten über moderne Kleidung, vielleicht wusste die Führung des Landes schon damals, dass die Mode mit Gesundheit zu tun hat. Unsere Mode hatte den Anspruch, jeden und jede schöner zu machen, war allerdings in diesem Bestreben ziemlich eintönig. Die Quantität hatte immer Priorität. Die sozialistische Planwirtschaft setzte sich in erster Linie zum Ziel, alle Menschen mit zeitgemäßer robuster Kleidung und festem Schuhwerk zu versorgen, Farben und Schnitt haben nur am Rande eine Rolle gespielt. Die größte Schwierigkeit bei der Kleidungsproduktion bestand darin, dass alle Bürgerinnen und Bürger in der Sowjetunion unterschiedliche Größen hatten. Manche hatten einen dicken Hintern und lange Beine, andere umgekehrt. Es war eine Sache der Unmöglichkeit, alle diese Menschen gleichzeitig mit modischen Waren zu beglücken, denn die Planwirtschaft konnte nur bei Massenproduktion funktionieren. Natürlich wurden die Konfektionsgrößen von der Bevölkerung gesammelt und archiviert, diese Daten sollten später bei der Planung helfen, doch das half nicht. Die Menschen neigten dazu, ihre Größe kurzfristig zu ändern, die einen nahmen ab, andere wiederum zu. Kurzum, dieser sich ständig verändernde Bürger trieb den sozialistischen Staat in den Wahnsinn. Am liebsten hätte der Staat drei Konfektionsgrößen festgelegt: groß, mittel und klein. Zum Glück besaß jeder Haushalt eine eigene Nähmaschine und konnte die gekauften Sachen ändern, sie zurechtnähen.

»Natürlich wurden die Konfektionsgrößen von der Bevölkerung gesammelt und archiviert, diese Daten sollten später bei der Planung helfen, doch das half nicht. Die Menschen neigten dazu, ihre Größe kurzfristig zu ändern, die einen nahmen ab, andere wiederum zu.« - Wladimir Kaminer

Anzug & Fliege: Tom Ford
Hemd: Olymp

Und immer wieder stieß die planwirtschaftlich erzeugte Mode auf ein noch größeres Problem, selbst wenn sie es mit den Größen hingekriegt hätte. Die Bürgerinnen und Bürger wollten nicht vom Staat bekleidet werden und nahmen das ihnen aufgezwungene Angebot nicht an. Sie wollten andere Klamotten, andere Schuhe, andere Farben, einen anderen Schnitt, was sie genau wollten, konnten sie nicht erklären, Hauptsache anders – und nicht das, was vorhanden war. Der Staat und seine Designer konnten sich sonstwie anstrengen, die Lagerhallen waren mit überflüssigen Kleidern überfüllt, die Waren wurden nicht verkauft. Das hatte zur Folge, dass zum Zeitpunkt des Unterganges der Sowjetunion fast 800 Millionen Paar Schuhe in den Betriebsräumen der Schuhfabriken eingelagert waren, vier Mal mehr als es Füße in der Sowjetunion gab. Was lernen wir aus dieser Geschichte? Mode ist keine Massenware, Mode ist individuell. Dieser Schuhberg war ein trauriges Denkmal, das meine Heimat nach ihrem Untergang hinterlassen hat. Millionen von Schuhen, die nie einen Fuß gesehen haben.

II. Jugendmode



Wir Jugendlichen wollten nicht vom Staat angekleidet werden, wir entwickelten unsere eigene Mode, es war die Mode des Protestes, des Widerstandes gegen unsere Aufpasser. Manche hatten Glück, ihre Eltern hatten Geld, sie konnten sich auf dem Schwarzmarkt ausländische Klamotten besorgen, andere stellten ihre Mode selbst her. Es gab bei uns nämlich feine Stoffe zu finden, zum Beispiel Seide. Fallschirmseide. Ein Freund von mir hatte sich in den Verein der jungen Fallschirmspringer eingeschrieben, das galt als eine wichtige Etappe bei der Vorbereitung zum Militärdienst. Dort auf dem Flugplatz Wnukowo war es ihm gelungen, einen Fallschirm zu entwenden. Diesen Fallschirm zerlegte mein Freund zuhause in viele Teile und nähte daraus feinste Frauenwäsche, Strings, Tangas und Bikini-Slips. Die Frauenunterwäsche gab es nicht im freien Angebot, zumindest nicht eine solch großartige aus Seide. Mit einem einzigen Fallschirm konnte mein Freund mehrere hundert Frauen glücklich machen und wurde am Ende des Fallschirms so reich wie ein arabischer Scheich. Meine damalige Freundin hatte eine noch cleverere Idee. Jedes Jahr zu großen sozialistischen Feiertagen wurden an allen Hausfassaden große rote Fahnen mit goldenem Hammer und Sichel angebracht, an manchen Wohnhäusern wehten sogar zwei Fahnen an beiden Ecken, gar nicht weit oben. Es bedurfte nicht einmal einer Leiter, um eine solche Fahne zu stehlen. Man brauchte nur Mut und Courage, das hatte meine damalige Freundin im Übermaß. Nachts ging sie auf Fahnenjagd.

T-Shirt: Merz b. Schwanen // Jeans: LEVI'S

»Wir Jugendlichen wollten nicht vom Staat angekleidet werden, wir entwickelten unsere eigene Mode, es war die Mode des Protestes, des Widerstandes gegen unsere Aufpasser.«
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Wladimir Kaminer

T-Shirt: Merz B. Schwanen / Jeans: Levi's

Aus zwei rot-goldenen Fahnen nähte sie sich ein schickes Kleid. Ich trug die ganze Zeit deutsche Klamotten. Die beste Freundin meiner Mutter hatte einen Deutschen geheiratet, war mit ihm nach Deutschland gegangen und hatte zwei Jungs bekommen, die sehr schnell wuchsen. Beide waren zwei Jahre älter als ich, einer etwas größer als der andere, ich wuchs ihnen ständig nach. Also bekamen wir regelmäßig humanitäre Hilfe aus Deutschland, zuerst waren es Kindersachen – ich war der Einzige in meinem sowjetischen Kindergarten, der eine Lederhose trug –, später kamen coole Jeans, lange, müllsackähnliche Pullover, kurze Shirts und eine hellbraue Samtjacke, damals schwer in Mode, hinzu.

In diesen Klamotten sah ich immer anders aus als meine Klassenkameraden und bildete mir ein, ich sei nicht von hier, mein Platz auf dieser Welt sollte irgendwo anders sein, möglicherweise in Deutschland.

III. Kleider machen Leute



Im Leben jedes Menschen kommt der Moment, in dem er sich selbst als Persönlichkeit definiert. Er will sich von den anderen unterschieden und schaut, wie er seine Einmaligkeit den anderen am besten mitteilen kann. Einen anderen Lebensrhythmus zu haben ist schwierig, die meisten Menschen gehen nachts schlafen und sind tagsüber wach. Einige machen es umgekehrt, aber viel mehr Möglichkeiten, sich einen eigenen Rhythmus zu verschaffen, gibt es nicht. Sich anders zu geben ist gar nicht so leicht, wie man denkt, denn wir Menschen denken in Schubladen und Klischees, ein falsches Wort, ein falscher Schritt, und du landest in einer Schublade, möglicherweise für den Rest deines Lebens. Man kann seine Persönlichkeit ausdrücken, indem man Japanisch lernt, Geige spielt oder Wandern geht, doch wer weiß schon davon außer den engsten Freunden?

»Man kann auch einiges über sich durch die Kleidung ausdrücken.«

Wladimir Kaminer

Dabei werden die anderen nicht getäuscht, sie sehen dich bloß mit deinen Augen, denn so, wie du dich anziehst, möchtest du auch erkannt und anerkannt werden. Das Anziehen und Ausziehen von Kleidung ist wie das Wechseln der Haut, es funktioniert wie ein Zaubertrick, ein Blick in den Spiegel, und plötzlich steht ein anderer Mensch vor dir. Wir leben in einer Zeit, in der der Begriff »fluid« eine immer wichtigere Rolle spielt, alles fließt, alles verändert sich. Es wird inzwischen von »fluid intelligence« gesprochen, von »fluid language«, »fluid gender« … Warum soll der Mensch an sich, wie ein Fels in der Brandung, immer der gleiche bleiben? Er zieht sich jeden Abend etwas anderes an, und schon kann er sich, seinen Geschmack und seine Mode als »fluid« bezeichnen. Natürlich sagen die Skeptiker und Zyniker, dies sei keine wirkliche Veränderung, sie sei nur gespielt, der Mensch tarne sich bloß mit seiner Bekleidung. Man empfängt die Leute nach ihrem Kleide und entlässt sie nach ihrem Verstand, sagt ein Sprichwort. Aber Leute, ohne einen richtigen Empfang werden wir nie die Gelegenheit haben, unseren Verstand überhaupt ins Spiel bringen zu können, die Kleider sind unsere Visitenkarte, eine Art Begrüßung, die erste Antwort auf die ewige Frage: wie geht’s?

IV. Die Magie der Schönheit



Nicht umsonst werden die Tücken des Lebens oft mit einem Kleidungsstück verglichen, mal sollen wir »den Gürtel enger schnallen«, mal ist uns alles »Jacke wie Hose«. Wir wollen »eine saubere Weste« haben, aber kein »Pantoffelheld« sein, der Mensch handelt oft nach seinem Kleidungsstück.

Natürlich unter der Voraussetzung, dass wir selbst wissen, was wir mit unserem Erscheinungsbild ausdrücken wollen. Und dafür brauchen wir die Mode, nicht um ihr gedankenlos zu folgen, sondern um die eigene Lust am Experimentieren auszuleben, eigene Gedanken und Wertkonzepte zu entwerfen, sich mit den anderen zu vergleichen und vielleicht sich selbst, den eigenen Charakter ein Stück weit besser zu verstehen. Manche Menschen werden durch ihre Kleider unsichtbar, andere dominant, die Mode versucht die reale Welt des permanenten Versagens und das schöne Märchen der erfüllten Träume im Gleichgewicht zu halten, einen Spagat zu machen zwischen der Magie der Schönheit und der Wirklichkeit, die nicht immer schön ist.

Eine schwierige, fast unmögliche Aufgabe. Deswegen sind Modedesigner so gefragt und so gestresst, sie sehen oft wie Außerirdische aus und wirken überfordert.«

Outfit: Hermés

V. Was ist »Ich« für mich?



Vielleicht ist aber unsere Vorstellung von uns selbst nur Schein, der Mensch setzt sich jeden Morgen aus tausend Teilen zusammen und zerfällt wieder am späten Abend. Tausend Augen schauen jede Nacht in den Himmel und alle sehen da oben etwas anderes. Im Spiegel sieht sich der Mensch spiegelverkehrt und merkt es nicht. Wenn wir keine Spiegel hätten, würden wir dann überhaupt wissen, wie wir aussehen? Da wird jeder jedem doch etwas anderes erzählen.

1976 veröffentlichte Julius Jaynes von der Princeton University sein Buch »Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche«. Darin stellte er die schockierende These auf, dass die Menschen vor 3.000 Jahren noch keinerlei Bewusstsein hatten. Diese Menschen führten ein normales Leben, sie tauschten sich aus, vermehrten sich, lösten ihre alltäglichen Aufgaben, doch sie taten das ganz ohne Bewusstsein. Der »Ich«-Begriff ist laut dieser Theorie neu, eine Entwicklung, kein persönliches, sondern ein historisches Ereignis. Wenn man diese Theorie zusammenfasst, hatten unsere Vorfahren zwei voneinander unabhängige Bereiche im Gehirn, mit der einen Hälfte konnten sie mit Gott kommunizieren, der in Form von Ritualen und Traditionen zu ihnen sprach. Auf diese Weise bekamen sie direkte Anweisungen, was zu tun war, und folgten ihnen. Die andere Hälfte war leer. Irgendwann mal hatte Gott keine Lust mehr und wandte sich anderen Aufgaben zu. Führungslose Menschen suchten nach einer neuen Stimme, die ihnen Anweisungen geben und den Weg zeigen konnte, sie suchten überall. Aus Verzweiflung schauten sie sogar in die angeblich leere Hälfte ihres Gehirns und entdeckten dort ein »Ich«, eine Persönlichkeit, und zwar jeder eine andere.

»Wenn wir keine Spiegel hätten, würden wir dann überhaupt wissen, wie wir aussehen?«
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Wladimir Kaminer

Uhr: Rolex
Hemd: Olymp
Overshirt: Lanvin

Plötzlich waren sie mehr auf ihre Unterschiede bedacht, sie wollten nicht gleich sein und gleich handeln. Es begann wahrscheinlich mit einem Blick ins Wasser, wo der Mensch plötzlich etwas entdeckte, was in die Landschaft gar nicht gut hineinpasste, nämlich sich selbst. Ab da begann er sich anzuziehen, sich zu schmücken und sich die Haare zu machen, so entstand das Bewusstsein und der Drang, besonders auszusehen, um sich selbst in der Menge immer zu erkennen. Gleich danach wurde der erste Spiegel erschaffen, das Bewusstsein wuchs weiter und eroberte bald beide Hirnhälften. Auch die Produktion von Spiegeln nahm kontinuierlich zu. Das »Ich« eröffnete dem Menschen neue Horizonte, auf einmal konnte sich jeder von außen sehen, mit den Augen Gottes, er konnte imaginäre Situationen kreieren und sich selbst fragen, wie er in der einen oder anderen Situation reagieren würde. Seit dieser Zeit führen wir endlose Selbstgespräche und müssen ständig die Kleider wechseln, um uns von anderen abzugrenzen oder umgekehrt den anderen nachzuahmen. Inzwischen kann sich jeder Mensch jederzeit in seinem Smartphone sehen, Millionen Selfies werden jede Sekunde auf unserem Planeten geknipst und die Spiegelproduktion steigt. Doch die professionellen Selfie-Macher wissen: nicht der Spiegel zählt, sondern der Gesichtsausdruck.

Lesen Sie diesen Text von Wladimir Kaminer und weitere Geschichten in der rampstyle #22.


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