Wladimir Kaminer: Meine Fahrschule

Unser geschätzter Freund und Kolumnist Wladimir Kaminer feiert heute seinen 55. Geburtstag - weshalb wir uns an eine der ersten gemeinsamen Geschichten erinnern, nämlich die »Fahrschule Kaminer«. Unser damals 43-Jähriger Wladimir lernte durch und für ramp das Autofahren - oder eben auch nicht. In diesem Sinne: Alles Gute!
Text Wladimir Kaminer
Bild Martin Grega

Nach drei Jahren, die wir in der Schrebergartenkolonie „Bornholm II“ als Pächter der Parzelle 118 verbrachten, haben wir ernste Probleme mit dem Vorstand der Gartenkolonie bekommen. Die Prüfungskommission des Vorstandes warf uns vor, die sogenannte „spontane Vegetation“ zu betreiben, das schlimmste Verbrechen, das man in einer Schrebergartenkolonie begehen kann.Unsere Einwände und Erklärungen über die Vielfalt der Welt und darüber, dass nicht alle Gartenanlagen unbedingt gleich aussehen sollen, dass nicht jeder schöne Garten aus quadratischen Beeten mit Nutzgemüse bestehen muss, diese Erklärungen haben nichts gebracht, umgekehrt, sie haben Öl ins Feuer gegossen. Irgendwann sagte meine Frau, die sowieso die Hauptgärtnerin war, sie will nicht zusammen mit der Prüfungskommission ihren Garten bestellen, sondern besser allein.

Ein Monat später gaben wir die Gartenparzelle im Schrebergartenverein „Bornholm II“ an die nächsten fleißigen Gartenfreunde ab und suchten im Internet nach einer Alternative. Lange Zeit war nichts Passendes in Sicht, doch meine Frau ist hartnäckig wie ein Torpedo, einmal sich ein Ziel gesetzt, weicht sie nicht mehr vom Kurs ab. Nach einem Monat Suche fand sie in der Wüste Brandenburgs einen Grundstuck direkt am See mit einem dazu gehörigen Bootshaus, eine malerische Landschaft. Im Dorf gab es keinen einzigen Laden, der auf hatte, außer der freiwilligen Feuerwehr und der Kirche waren alle Türen dicht, die Gegend wirkte menschenleer.

Das Ganze war ein Schnellverkauf, nicht einmal teuer. Wir kauften sofort. Das Haus war geräumig, es hieß, früher habe hier eine ganze Familie gelebt, Frau, noch eine Frau mit ihrer Mutter und drei Kindern, außerdem Hühner, zwei Pferde, dazu noch zwei Katzen, Lady Richie und Moby Dick, die auf dem Grundstuck geblieben sind. Sie gehörten niemandem, liefen einfach herum. Meine Frau war außer sich vor Freude. Das Häuschen schien bequem, der Grundstuck riesig groß, der See wie aus dem Kalender „Schönste Aussichten Brandenburgs“ ausgeschnitten. Und keine Menschenseele weit und breit, kein Vorstand, keine Prüfungskommission, die einem über den Zaun schaut und kontrollieren möchte, wie man seine Gartenarbeit erledigt. Keine Erziehungsmaßnahmen, keine Besichtigungstermine. Auf diesem Grundstuck konnte meine Frau bis ans Ende der Tage spontan vegetieren, wie es ihr passte.

Es gab nur einen Haken dabei. Das Bootshaus befand sich 60 Kilometer von Berlin entfernt, es gab keine öffentlichen Verkehrsverbindungen dorthin. Das heißt, es gab schon einen Zug aus Berlin, der in dem benachbarten Ort alle drei bis vier Stunden Halt machte.

Doch zwischen unserem Bootshaus und dem benachbarten Ort lagen immer noch 5 Kilometer Waldweg, außerdem fuhr der Zug nur im Sommer. Im Winter wurde er durch einen Bus ersetzt, den man laut einer Tafel an der dörflichen Bushaltestelle mindestens einen Tag vorher telefonisch benachrichtigen musste, damit er auch wirklich anhält. Diese Bushaltestelle wirkte unheimlich. Kurzum, unser neues Glück war nur mit einem Auto zu erreichen.

Diese Tatsache hat uns vor einem Problem gestellt. Weder meine Frau noch ich besaßen nämlich einen Führerschein. Ich bin in einer Großstadt geboren und aufgewachsen, in Moskau, und hatte von daher keine Erfahrung mit dem Leben auf dem Lande gemacht, wo man sich nur mit dem Auto fortbewegen kann. In der sowjetischen Schule, in der zehnten Klasse, als die meisten Mitschüler im sogenannten „Berufsqualifizierungsworkshop“ ihren Führerschein fertig machten, war ich gerade nicht anwesend. Und später war mir überhaupt nicht danach gewesen. Wozu braucht der Mensch ein Auto? Meine Frau hatte dagegen früher einen Traum vom schnellen Fahren und war bereits in mehreren Berliner Fahrschulen bei den Prüfungen durchgefallen. Dazu muss gesagt werden, meine Frau ist ziemlich klein und von zierlicher Gestalt. Den Prüfern gefiel nicht, dass sie zu wenig in den Spiegel schaute, zu wenig Abstand zu den vorbeifahrenden Autos hatte, zu wenig Schulterblick leistete.

Ich glaube, meine Frau hatte damals einfach Pech mit Fahrlehrern. Selbst hatte ich eigentlich während meiner Dienstzeit in der sowjetischen Armee schon einige Fahrzeuge gelenkt und wusste, wie es geht. Ich hatte sogar den Schulterblick drauf. Obwohl vor unserer Kaserne insgesamt nur zwei Fahrzeuge standen, blieb die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages aufeinandertreffen, immer gleich 50:50, hat unser Vorgesetzter behauptet.

Entweder sie kollidieren oder nicht, sagte der Oberst immer wieder.

Ich war mir nicht sicher, dass meine Armee-Erfahrungen mir helfen würden, die Fahrschulprüfung zu bestehen. Bei einem Berliner Führerschein geht es doch nicht darum, richtige Pedale im Fahrzeug zu treffen, sondern vorausschauend zu fahren, um den anderen überforderten Berliner Autofahrern keine zusätzlichen Schwierigkeiten zu machen.

Meine Frau und ich, wir gingen, ohne lange zu überlegen, beide in die nächstbeste Fahrschule, die sich auf unserer Straße, drei Schritte von unserer Wohnung entfernt, befand. Sie hieß „Fahrschule Frank Thomas Milde“, trug also den Namen ihres Besitzers. Der Fahrlehrer Martin, eine Seele von Mensch, war früher ein ausgebildeter Bäcker und Konditor. Am liebsten backte er große Torten und hatte sich sogar einen Namen in der Welt der Süßigkeitenproduktion mit einer Erfindung gemacht. Martin hat einen besonders feinen Kuvertüre-Schreibstift erfunden – eine Tube, mit der man auf großen Torten Geburtstagsgruße, Namen oder einen ganzen Brief schreiben kann, so fest und deutlich, das der Gruß oder die Namen auch dann noch bleiben, wenn der Kuchen schon längst aufgegessen ist. Nach einigen Jahren im Beruf stellte Martin bei sich jedoch eine Mehlallergie fest, die ihm eine weitere Tätigkeit in der Konditorbranche unmöglich machte. Er ließ die Torten links liegen und wechselte in die Fahrschule.

Als erstes fragte ich ihn, ob ich nicht zu alt bin, um vorausschauendes Fahren zu lernen. Geht es überhaupt noch, einem Mann bzw. einer Frau, die nicht mehr zwanzig sind, Autofahren in einer Großstadt beizubringen? Oft wird behauptet, ab einem bestimmten Alter sind Menschen nicht mehr lernfähig. In Singapur, wo man für alle möglichen große und kleine Verbrechen Bambusschläge verordnet bekommt, werden die Verbrecher ab 50 Jahren nicht mehr geschlagen, weil die offizielle Meinung des Gerichts ist, das bringt bei den älteren sowieso nichts, sie können sich eh nicht ändern.

Er hätte schon mal eine Schülerin gehabt, die aussah wie 80, aber fuhr, als wäre sie 29 Jahre alt, beruhigte mich Martin und drückte mir die Autoschlüssel vom Fahrschul-Audi in die Hand.

Es war nicht besonders schwer, nach den Verkehrsregeln in der Stadt zu fahren, das einzige Problem dabei war, man kam kaum voran, wenn man alle Verkehrsregeln penibel beachtete. Fast überall waren verkehrsberuhigte Zonen, Dreißiger-Zonen oder -Strecken, Baustellen oder Fahrbahnschäden, Schulbusse und Kindergärten.

Ich fragte Martin politisch korrekt, ob er nicht wüsste, wann das Verkehrsschild für „Aussteigen und schieben“ kommt. Er lächelte und sagte wie immer logisch, meine primäre Aufgabe als Fahrschüler sei nicht, schnell voran zu kommen, sondern die Fahrprüfung zu bestehen. Und dazu müssten wir uns mit erhöhter Aufmerksamkeit durch die Straßen bewegen, schön in die Spiegel schauen und immer alle Verkehrszeichen mitnehmen. Wenn wir aber die Prüfung bestanden hätten, werde ich ganz allein meiner eigenen Verantwortung überlassen. Und tatsächlich sah ich, dass die meisten Verkehrsteilnehmer, die nicht in einem Auto mit dem Schild „Fahrschule“ oben drauf unterwegs waren, einen ganz anderen Fahrstiel pflegten. Sie fuhren viel schneller als die Verkehrsschilder mit Geschwindigkeitsbegrenzung erlaubten, sie gingen weniger galant miteinander um und vergaßen ständig zu blinken, wenn sie die Spur wechselten.

Sie hatten ja alle ihre Führerscheine, obwohl man sich bei vielen wunderte, aus welcher unverantwortlichen Hand sie dieses Dokument erhalten hatten. Mit dem Audi der Fahrschule machte ich auf perfekten Fahrer, ich lernte die Fußgänger als gleichberechtigten Teilnehmer des Straßenverkehrs zu akzeptieren, obwohl sie gar keine Räder haben, ich lernte die Fahrradfahrer nicht zu überholen, obwohl sie mir sehr provozierend mit ihrem Fahrradgestell vor der Nase wackelten, ich lernte den ausreichenden Abstand zu allem zu halten, was sich links und rechts von mir bewegt oder steht.

Sie hatten ja alle ihre Führerscheine, obwohl man sich bei vielen wunderte, aus welcher unverantwortlichen Hand sie dieses Dokument erhalten hatten.

Abends gab es Theorie-Unterricht. Zu jedem Kapitel aus dem Lehrbuch hatte unser Fahrschullehrer eine witzige Geschichte parat, die ihm oder seinen Freunden passiert war. Auf den Plakaten, die an den Wänden hingen, fuhren jede Menge Traktoren, Pferde, Rennwagen und LKWs; es war in vielen Situationen unklar, wer wem die Vorfahrt leisten muss.

Ich lernte, wiederholte zu Hause die Prüfungsfragen und freute mich über dieses Studium. Außer diesem vorausschauenden Fahren hatte ich schon lange nichts mehr auswendig lernen müssen.

Die Theorie und Praxis gingen aber stark auseinander, sobald ich mich hinters Lenkrad setzte. Ehrlich gesagt war ich, bevor ich zur Fahrschule ging, schon ein wenig ohne Führerschein herumgefahren, im Urlaub im Nordkaukasus, wo wir bei der Familie meiner Frau traditionell jedes Jahr um August ein paar Wochen verbringen. Die kaukasische Familie ist groß und hat zwei Fahrzeuge, einen alten geschlagenen und geschundenen Opel Vectra, mit dem der Ehemann der jüngsten Tochter des Bruders meiner Schwiegermutter fährt, und einen nagelneuen französischen Siebensitzer von Renault, der vom Bruder der Schwiegermutter persönlich gelenkt wird.

Ich dachte, bevor ich in eine deutsche Fahrschule gehe, werde ich im Urlaub das Nützliche mit dem Spaßigen verbinden und ein wenig mit dem einen oder anderen Wagen herumfahren. Die Verwandte gaben mir wortlos die Autoschlüssel. Ich fuhr mit dem Opel und mit dem Renault. Doch schnell musste ich einsehen, dass dieses Herumfahren mir keine neuen Erkenntnisse übers Autofahren brachte.

Das Problem war: Man kann im Nordkaukasischen kein vorausschauendes Fahren lernen. Es hat dort keinen Sinn zu blinken, ob als Links- oder Rechtsabbieger, es gibt dort sehr wenig Verkehrszeichen, höchstens eins pro Dorf, und die Vorfahrtsangelegenheiten werden nach der Große des Autos geregelt, das heißt, das größere Auto hat immer Vorfahrt. Manchmal hat auch das schnellere Auto Vorfahrt, wenn es schnell genug ist, zuerst über die Kreuzung zu kommen.

Nein, nichts Taugliches für Berlin kann man im Kaukasus beim Autofahren lernen.

Aus dem Kaukasus zurückgekommen musste ich mir als Fahrschüler umgekehrt erst einmal Mühe geben, die kaukasischen Fahrgewohnheiten zu vergessen und auch den kleineren Verkehrsteilnehmern Beachtung zu schenken, den lebensmüden Omas, die einem unter die Räder laufen, Fahrradfahrern, die mit dem Rad hin und her schwenken und unentschlossenen kleinen Frauen am Lenkrad großer schwarzer Fahrzeuge, die sich vor keiner Ampel entscheiden können, ob sie links oder rechts fahren oder doch einfach stehenbleiben sollen. Anfangs drehte ich mich im Fahrersitz wie eine Natter auf der heißen Pfanne, ich wollte so viele Blicke nach alle Seiten leisten, wie es nur ging. Ein paar richtige werden schon dabei sein, dachte ich. Mein Fahrlehrer erzählte mir jedoch, dass es so nicht geht: Man muss ein Grundvertrauen den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber haben, auch wenn es einem schwer fällt.

Schnell hakten wir die notwendigen Stunden ab, lernten wenden und parken. Die Theorieprüfung schaffte ich auch. Bei tausenden von Theorie-Fragen muss man eigentlich nur bestimmte Wörter auswendig lernen, die immer für richtige bzw. falsche Antwort stehen. Wenn zum Beispiel irgendwo in einer Antwort Signalwörter wie „Schrittgeschwindigkeit“ oder „erhöhte Aufmerksamkeit“ vorkommen, kann man sicher sein, das das die richtige Antwort ist. Die Antwort „Hupen und weiter fahren“ deutet dagegen in jeder Situation auf ein falsches Verhalten hin. Dieser Satz kam so oft in dem Lehrbuch für angehende Autofahrer vor, dass er bei uns in der Familie zu einem Sprichwort geworden ist. Wenn etwas Unvorhergesehenes passierte, das einem leidtat, sagten wir zynisch „Scheiß drauf, hupen und weiter fahren“.

Trotz der scheinbaren Leichtigkeit sah ich bei der Theorieprüfung viele, die nicht bestanden hatten. Eine Russin weinte sogar im Korridor der Prüfstelle bittere Tränen und wurde dazu noch von ihrem Mann beschimpft.
„Das ist schon deine siebte Prüfung!“ schrie er, „Eine solche Geldverschwendung können wir uns nicht leisten!“
„Ich verstehe die Fragen nicht“, gab die Blondine zu.
„Bist du blond oder was?!“ rief der Mann entsetzt zurück, es hörte sich nicht nach einer echten Liebe an.

Mit der bestandenen Theorieprüfung stand nun nichts mehr der praktischen Fahrprüfung im Wege. Ich absolvierte eine Fahrt auf der Landstraße, musste einen Traktor überholen und einem Pferd ausweichen, fuhr drei Stunden lang auf der Autobahn, lernte Ein- und Ausfahrten richtig zu benutzen.

Die Zeit läuft anderes, wenn man schnell fährt.

Als meine Frau und ich mit der Fahrschule anfingen, flogen noch die Marienkäfer durch die Luft, halbnackte Berlinerinnen und Berliner lagen im Gras und sonnten sich. Der Sommer ging, ihm nach ging der Herbst, die Stadt bereitete sich auf Weihnachten vor, wir waren noch immer nicht mit der Fahrschule fertig. Der Schnee fiel wie immer völlig unerwartet wie aus heiterem Himmel mitten in Dezember, verschüttete und überraschte die Stadt und das ganze Land. Die Züge blieben stehen, die Weichen an den Gleisen froren ein, die Enteisungsflüssigkeit an den deutschen Flughäfen ging aus, die Autobahnen machten dicht. Die Bahn riet von Bahnfahrten ab, die Fluggesellschaften warben fürs Nichtfliegen, die Autofahrer wurden mit Warnungen terrorisiert. Der Fahrlehrer sagte, er hätte sowieso in diesem Jahr keine Termine mehr für die Prüfung, wir müssten aufs neue Jahr verschieben.

Meine Nachtfahrt absolvierte ich noch kurz vor Weihnachten im bis zum Deckel verschneiten Berlin, auch ein paar zusätzliche Stunden im Schnee ließ ich mir nicht entgehen.

Fahrlehrer Martin, ein Perfektionist in seinem Fach, meinte, ich sei noch nicht so weit. Bei der letzten Fahrt hätte ich in einem mit Schnee beklebten Volkswagen den Schulbus nicht erkannt und sei nicht mit vorgeschriebener Schrittgeschwindigkeit vorbeigefahren. Das wäre das Ende meiner Prüfung gewesen, erklärte Martin. Also beschlossen wir, weiter zu trainieren.

Die Stadt schmückte sich mit Girlanden, frohe Bürger schleppten große Tannen nach Hause, ich fuhr vorausschauend und freundlich von Prenzlauer Berg bis nach Marzahn und zurück, Innenspiegel, Außenspiegel, Schulterblick. Sogar im Schlaf träumte ich davon, wie mir als Linksabbieger auf einem Straßenbahngleis der Motor absäuft.

Für alle Fälle fuhren wir eine Runde an der Prüfstelle vorbei. Wenn der Prüfer ins Auto steigt, wird er dich zuerst begrüßen, sich dann vorstellen und erkundigen, ob du Fragen hast. Da musst du ihm bloß eine Frage stellen: ob du nach rechts oder nach links fahren sollst, erklärte Martin. Von der Prüfungsstelle führt eine Einbahnstraße weg, deswegen muss man sich als Linksabbieger gleich links, als Rechtsabbieger rechts positionieren. Während Martin mich unterrichtete, fuhr eine Linksabbiegerin mit einem Prüfer im Auto direkt auf uns zu. Sie hatte die Spur verwechselt, war nach dem Abbiegen auf die falsche Seite gekommen und in den Gegenverkehr geraten. Nach drei Minuten war ihre Prüfung also gelaufen. Ich schaute, wie die Frau beinahe weinte, und beschloss, erst einmal Weihnachten und Sylvester zu feiern und dann mit neuer Kraft die Fahrlehre fortzusetzen.

Die langweiligsten deutschen Feiertage begannen wie immer damit, dass alle Geschäfte zumachten und die Straßen sich entleerten. Das ganze gesellschaftliche Leben fror ein. Obwohl ein Familienmensch, mag ich die deutsche Art, Weihnachten zu feiern, nicht. Natürlich ist es ab und zu mal nett, mit der Familie zusammen an einem Tisch im Kerzenlicht zu sitzen, doch das soll nicht nach dem Kalender, sondern nach eigener Lust und Laune passieren. Die Deutschen feiern mir Weihnachten zu pedantisch und diszipliniert, auf Befehl quasi. Wie Soldaten hinter den Brustwehren verstecken sie sich Zuhause hinter ihren Gänsebraten. So hatte das Jesus mit seiner Geburt ganz sicher nicht gemeint. Als großer Propagandist von Nächstenliebe, die ebenfalls nicht nach dem Kalender, sondern das ganze Jahr über ausgeübt werden muss, hätte sich Jesus bestimmt gewünscht, dass die Menschen, wenn sie schon seinen Geburtstag feiern, dies laut, lustig und vor allem alle zusammen tun und nicht jeder mit seiner eigenen Gans.

Sie hatte die Spur verwechselt, war nach dem Abbiegen auf die falsche Seite gekommen und in den Gegenverkehr geraten. Nach drei Minuten war ihre Prüfung also gelaufen. Ich schaute, wie die Frau beinahe weinte, und beschloss, erst einmal Weihnachten und Sylvester zu feiern und dann mit neuer Kraft die Fahrlehre fortzusetzen.

So dachte ich und kündigte kurzerhand zusammen mit einem Freund eine Vorlesung und eine Russendisko am Heiligen Abend in der Berliner Volksbühne an, für Menschen, die weder Familie noch Freunde, vielleicht überhaupt niemand haben, mit dem zusammen sie Weihnachen verbringen können, so schrieben wir es in den Zeitungsannoncen, um Werbung für den Abend zu machen.

Für diese Initiative der Nächstenliebe wurde ich von meiner Frau verflucht. Sie schimpfte, sabotierte die Veranstaltung und meinte, dass ich die eigene Familie gegen wildfremde Menschen eintausche. Außerdem meinte sie, ganz egal, wie viel Werbung wir dafür machten, es werde sowieso niemand zu uns in die Volksbühne kommen, weil Weihnachten in Deutschland seit jeher ein Zu-Hause-sitz-Fest ist und die Deutschen ihre Gewohnheiten nie freiwillig ändern. Wenn sie einmal etwas beschließen, zum Beispiel am Heiligen Abend zu Hause zu bleiben, dann bleiben sie eben zu Hause, ganz egal, was passiert. Selbst wenn ihr Haus im Flammen aufgeht oder ihnen die Decke auf den Kopf fällt, bewegen sie sich nicht von der Stelle, schon gar nicht gehen sie am Heiligen Abend ins Theater, meinte sie.

Meine Frau mag des Öfteren Recht haben, doch in diesem Fall hatte sie sich geirrt. Auch die Deutschen sind inzwischen nicht mehr das, was sie einmal waren – ihre Treue zur Ordnung hat stark nachgelassen. Zu der Veranstaltung in der Volksbühne kamen so viele, dass das Theater aus allen Nähten platzte. Die einsamen Herzen kamen zu uns, andere brachten ihre ganzen Familien mit. Ich war so berauscht von diesem Erfolg, dass ich meinte, jeder Berg würde mir bloß bis zum Knie reichen. Warum nicht doch noch in diesem Jahr den Führerschein machen – zwischen den Feiertagen?

Nach Weihnachten schüttete es noch mehr Schnee auf die Straße, obwohl viel mehr gar nicht reinpasste. Die meisten Autos sahen aus wie Schneeberge, man konnte sich nicht vorstellen, dass sie Räder hatten. Selbst erfahrene Fahrer trauten sich kaum noch ans Lenkrad. Ob es vielleicht angebracht war, das Schneechaos für eine problemlose Prüfung zu benutzen? Fahrschullehrer Martin meinte, ich wäre zwar noch nicht wirklich so weit, dass er behaupten könne, ich würde die Prüfung auf jeden Fall bestehen, aber die Hoffnung sei da. Er hatte mir sogar einen Termin am 30.12. gefunden, um 8 Uhr früh. Ursprünglich hatte der Termin seiner Schwester gehört, die ebenfalls gerade den Führerschein machte, doch sie wollte ihn plötzlich nicht mehr.

Der Bruder meiner Schwiegermutter, der gerade zusammen mit ihr und seiner Frau aus dem Kaukasus zu uns gekommen war, um mit uns die Winterfeste zu feiern, sagte mir, er würde einen sicheren Weg kennen, die Prüfung zu bestehen. Dafür müsste man bloß einen Tag vor der Prüfung nichts Alkoholisches trinken und drei Mal klar und deutlich das Vaterunser aufsagen.

Ich ließ mir die russische Variante vom Vaterunser von der Schwiegermutter aufschreiben und telefonierte mit Freunden, die erst vor kurzem ihren Führerschein im Schneechaos gemacht hatten. Ist es von Vorteil, bei solchem Wetter die Fahrprüfung zu machen, oder nicht, wollte ich von ihnen wissen. Doch je mehr ich herumtelefonierte, desto widersprüchlichere Antworten bekam ich zu hören. Die schrecklichen Geschichten von hinterhältigen Prüfern, die einen bei jedem Wetter durchfallen lassen, häuften sich. Mein Freund Florian, der ebenfalls seinen Führerschein im Dezember gemacht hatte, erzählte mir, dass ihm der Prüfer gesagt hatte, er möge als Erstes bitte sofort sehen, wo der richtige Schalter für die Kennzeichenlichter ist. Florian suchte und suchte, es war aber eine Falle, es gibt nämlich in keinem Auto extra Schalter für Kennzeichenlichter.

Der Bruder meiner Schwiegermutter sagte mir, er würde einen sicheren Weg kennen, die Prüfung zu bestehen. Dafür müsste man bloß einen Tag vor der Prüfung nichts Alkoholisches trinken und drei Mal klar und deutlich das Vaterunser aufsagen.

Meinem Freund Berndt schlug der Prüfer vor, auf einer autoleeren Straße eine Vollbremsung durchzuführen, das heißt, den Wagen auf 50 Stundenkilometer zu beschleunigen und dann volle Pulle auf die Bremse zu drücken. Die Vollbremsung gelang meinem Freund gut, doch bei der Weiterfahrt vergaß er zu blinken, um den anderen, nicht sichtbaren Autos seine Fahrbereitschaft zu signalisieren. Sofort war die Prüfung zu Ende. Ein anderer Freund hatte beim Rechtsabbiegen die Ampel verpasst, die gleich nach der Kurve hinter einem verschneiten Busch hing und rot leuchtete. Die Erfahrungsberichte klangen einstimmig: Es gibt kein gutes Wetter für eine Prüfung, alles kommt immer anders als erwartet.

Ich kniff und beschloss, dann doch bis zum nächsten Jahr zu warten. Die erste Woche des neuen Jahres verliert sich bei uns traditionell im ausgelassenen Feiern mit Tanz und Gesang sowie abschließenden Bemühungen, die abhandengekommene Gesundheit mit volkstümlichen Mitteln wiederherzustellen. Meine Frau sagt, wenn sie von der Silvester-Feier erzählt: „In der Nacht von 31.Dezember auf den 7. Januar haben wir uns erlaubt, ein bisschen zu feiern."

Erst in der zweiten Januarwoche bekam ich einen Prüfungstermin bei der DEKRA. Am verabredeten Tag fuhren mein Fahrlehrer und ich zuerst ein paar Runden durch die Stadt, um meine Fahrkenntnisse aufzufrischen, und bogen dann nach rechts und nach links ab, parkten, wendeten, und alles klappte wie im Buche.

Mein Fahrlehrer Martin klärte mich schließlich über den Ablauf der Prüfung auf: Als erstes werde der Prüfer sagen „Luftholen nicht vergessen und nicht an Herzdrücken sterben." Das sei der Lieblingsspruch aller Prüfer im Osten. Danach werde er sich erkundigen, ob ich Fragen habe. Dann müsse ich, wie schon erwähnt, antworten, ich hätte nur die Frage, ob es nach rechts oder links gehe, eben wegen der Einbahnstraße, und wenn der Prüfer „nach links“ sage, müsse ich mich gleich links einordnen. Martin wusste anscheinend jeden Spruch und jede Geste des Prüfers im Voraus.

Ich glaube, im Osten sind die Prüfer und die Fahrlehrer eng miteinander verbunden, zumindest kennen sie sich alle. Ihre Kollegen im Westen kennen sie dagegen kaum. Im Westen haben die Fahrlehrer sicher andere Routen und die Prüfer andere Sprüche, die sie zur Beruhigung der Prüflinge von sich geben. Es ist eine große Errungenschaft der Politik, dass die ausgestellten Führerscheine trotzdem für die ganze Stadt gelten.

Die Ironie des Schicksals! Obwohl ich Kolumnen für die beste Automobilzeitschrift der Welt schreibe, bleibe ich daher vorläufig ohne Führerschein. Mein Vorsatz fürs neue Jahr wird sein, längs einparken zu üben.

Hauptsache, nicht die Nerven verlieren, ganz entspannt bleiben, bereitete mich Martin weiter auf die Prüfung vor. Dabei fühlte ich mich gar nicht aufgeregt, denn, Hand aufs Herz, so kompliziert ist das Autofahren nun auch wieder nicht. Der Prüfer, ein gewichtiger Mann mit großem Koffer, setzte sich auf die hintere Bank. Wir grüßten uns und fuhren nach rechts. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, vorsichtig zu fahren und allen Verkehrshindernissen vorausschauend auszuweichen. Dabei kommentierte ich meine eigenen Handlungen, um dem Prüfer zu zeigen, wie bewusst ich die Entscheidungen beim Fahren treffe. Alles klappte hervorragend, wie Butter im Brei flossen wir durch den stressigen Berliner Stauverkehr, selbst mein Fahrlehrer war überrascht. Zwei Mal musste ich parken. Beim ersten Mal klappte es wie im Lehrbuch, beim zweiten Mal jedoch, als ich längs parkte, hatte ich einen Durchhänger. Ich konnte den Wagen nicht korrekt parallel zur Straße einparken. Ich versuchte es immer wieder, lenkte nach vorne und wieder rückwärts, traf aber jedes Mal mit dem Rad gegen den Bordstein.

Dem erfahrenen Autofahrer hätte eine kleine Handbewegung wahrscheinlich gereicht, das Auto in die richtige Position zu bringen. Ich aber kam immer mehr ins Schwitzen, überlegte heftig, ob der Wagen tatsächlich rückwärts rechts fährt, wenn ich nach rechts lenke, und kam mit dem Auto völlig durcheinander. Der Prüfer wartete geduldig eine Weile, ob ich es noch hinkriegen würde – und wünschte mir dann beim nächsten Mal mehr Glück mit dem Längsseits-Einparken. Mein Fahrlehrer Martin war enttäuscht, dass wir es nach so vielen sauberen Fahrten nicht beim ersten Mal geschafft hatten, und ich muss nun meine Fahrschulkolumne ohne Happy End an die RAMP-Redaktion schicken.

Was lehrt uns die Geschichte? Sie lehrt uns, dass wir den Unterschied zwischen dem realen und dem gewünschten Leben niemals unterschätzen sollten. In der Realität ist es nämlich nie so, wie man es sich gerne wünscht. Immer kommt irgendetwas dazwischen. Die Ironie des Schicksals! Obwohl ich Kolumnen für die beste Automobilzeitschrift der Welt schreibe, bleibe ich daher vorläufig ohne Führerschein. Mein Vorsatz fürs neue Jahr wird sein, längs einparken zu üben.


ramp shop


Letzte Beiträge

Fortsetzung folgt: die Jaguar Continuation Cars

Am Weltkatzentag schauen wir standesgemäß nach England - wo Jaguar mit dem C-Type das nächste seiner Continuation Cars vor kurzem enthüllt hat. Sie zu fahren ist ein Abenteuer der unvergesslichen Art. Was unter anderem daran liegt, wie unfassbar unbequem man in so einem Jaguar C-Type oder E-Type Lightweight sitzt. Aber eben nicht nur. Es ist außerdem ein Riesenspaß.

Sonnenklar: Coole Produkte für heiße Tage

Der Sommer läuft derzeit zur Hochform auf - und wir tun es ihm gleich. Mit den besten Gadgets und Must-haves für die schönste Zeit des Jahres. Unser Guide für alle, denen noch die richtige Badehose fehlt - oder die auf der Suche nach der perfekten Sonnenbrille und dem idealen Transportmittel sind.

Art. Déco. Racer. Der Bugatti Type 59/50 BIII

Es gibt seltene und legendäre Autos. Und dann gibt es den Bugatti Type 59/50 BIII, der unter Kennern auch als »Cork-Rennwagen« bekannt ist. Und nein, nicht nur seine elegante Karosserie macht ihn besonders. Vielmehr seine gesamte Geschichte ist unglaublich – und unglaublich spannend. Auch für die Molsheimer Marke selbst.

Brad Pitt: »Ich trage mein Alter wie ein Ehrenabzeichen.«

In seinem neuesten Film »Bulett Train« spielt Brad Pitt einen Auftragskiller, der in eine ausgesprochen wilde Zugfahrt mit glücklichem Ende verwickelt wird. Was uns zur Frage brachte: Ist Brad Pitt glücklich? Im Gespräch mit dem 58-Jährigen klar, welche Erkenntnisprozesse der Schauspieler durchmachte – und welchem Prinzip er folgte, um zu diesem Gefühl zu finden.