WRC Pilot Thierry Neuville übers Fliegen

Ein World Rally Pilot merkt gar nicht, wie hoch sein Auto fliegt, weil er sich viel zu sehr aufs Fahren konzentriert. Was er während des Rennens sonst noch so ausblendet und welche Charaktereigenschaften ein Profi haben muss, erklärte uns Hyundai WRC Fahrer Thierry Neuville.
Text Natalie Diedrichs
Bild Hyundai

Wir trafen den Hyundai World Rally Championship Fahrer am Nürburgring. Ein eher ungewöhnlicher Ort für Neuville, da seine Rennen normalerweise woanders stattfinden. Doch heute startete er zu PR-Zwecken als Gast bei einem Lauf der deutschen Tourenwagenmeisterschaft TCR Germany – und fuhr kurzerhand den Tagessieg ein. Mal eben so.

Ist es wirklich so einfach, „mal eben“ bei einer anderen Rennserie mitzufahren und da auch noch zu gewinnen?
Ja und nein – wir sind ja auch nicht komplett ohne Vorbereitung hierhin gekommen. Ich hatte einige Testtage, bei denen das Team von Hyundai Motorsport mit dabei war, unter anderem Luca Engstler und Gabriele Tarquini. Sie konnten mir viele Tipps geben, die mir sehr weitergeholfen haben. Vor allem, wenn man kaum Erfahrung im Rundstreckensport hat. Wenn man hier unvorbereitet hinkommt und einfach mal ins Auto springt, dann ist das gar nicht möglich. Außerdem waren die Wetterbedingungen trocken. Sollte es nass werden, sieht das auch schon wieder anders aus.

Hast du auf der Rundstrecke nicht deinen Beifahrer vermisst?
Ach, das war eigentlich ganz okay. Klar war ich im Auto auf mich allein gestellt, aber man ist ja per Funk mit dem Ingenieur verbunden und kann hier und da mal ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel, wie der Zeitabstand zu den Konkurrenten ist und wie viel Vorsprung man hat.

Wenn du jetzt mal WRC und TCR miteinander vergleichst, worin unterscheiden sich die rennsportlichen Herausforderungen?
Die Herausforderungen im WRC sind schon bedeutend höher, weil man immer ein bisschen im Ungewissen fährt. Man kennt die Strecke zwar, weil man sie zweimal vorher abgefahren ist, aber die Bedingungen wechseln ständig. Auf der Rundstrecke sind die Bedingungen in der Regel von Anfang bis Ende die gleichen, vielleicht abgesehen von der Wetterlage. Aber man kennt die Strecke in- und auswendig, kann sich jeden Curb, jeden Stein, jeden Buckel auf der Straße einprägen. Das hilft eindeutig. Der Anspruch in der Rundstrecke liegt darin, konstant zu fahren. Das heißt, immer sehr präzise zu bremsen, einzulenken und wieder heraus zu beschleunigen. Beim WRC fährt man mehr nach Gefühl.

Welche Charaktereigenschaften muss ein guter Rallyefahrer deiner Meinung nach haben?
Er muss sehr fleißig sein. Es ist viel Arbeit und umso bedeutender, Erfahrungen zu sammeln und diese auch umzusetzen. Und dafür muss man sich gut vorbereiten, viel arbeiten. Ansonsten braucht man ein gewisses Talent – wie jeder Sportler. Und dann muss man hier und da mal ein bisschen verrückt sein

»Der Anspruch in der Rundstrecke liegt darin, konstant zu fahren. Das heißt, immer sehr präzise zu bremsen, einzulenken und wieder heraus zu beschleunigen. Beim WRC fährt man mehr nach Gefühl.«

Fällt es dir leicht, die Kontrolle abzugeben? In manchen Situationen musst du deinem Navigator ja blind vertrauen…
Das ist immer ein Zusammenspiel und wenn alles läuft, ist es super. Aber natürlich gibt es auch Wochenenden, wo die Harmonie vielleicht nicht immer passt oder einer von beiden nicht die volle Leistung abliefert. Dann ist das Ganze natürlich schwieriger. Es hängt zum einen von uns beiden ab, zum anderen aber auch vom Fahrzeug und vom gesamten Team. Am Ende habe ich jedoch selbst das Lenkrad in den Händen und entscheide, wie schnell ich fahren kann welches Risiko ich eingehe.

Bist du deshalb Fahrer geworden und kein Navigator?
Das Navigieren hat mich nie interessiert. Es war immer ganz klar, dass ich Fahrer bleiben wollte.

Hast du es mal probiert?
Ja, aber nur zum Spaß. Und das war nicht so mein Ding.

Welche Situation im Cockpit wirst du nie vergessen?
Die Rallye-Beifahrer haben so eine Time Control Card, die sie immer bei sich haben müssen. Vor einigen Jahren hatten wir die mal verloren. Also mussten wir zurückfahren, um die Karte zu suchen. Das war ein Riesen-Stress, weil wir wieder pünktlich bei der nächsten WP (red. Anm.: Wertungsprüfung) sein mussten. Wir haben die Karte nicht gefunden, sind aber trotzdem wieder in die andere Richtung gefahren – ich war ziemlich schnell unterwegs. Und als ich scharf bremste, kam die Karte dann unter den Füßen raus. Also war die ganze Hektik umsonst. Zum Glück haben wir es trotzdem noch geschafft.

Wo fährst du am liebsten, im Wald, in der Wüste oder auf dem Eis?
Am liebsten auf Asphalt.

Hast du eine Lieblingsstrecke oder ein Lieblingsland?
Jede Rallye ist spezifisch, interessant und abwechslungsreich. Die Highlights sind für mich immer die Finnland-Rallye und auch die Deutschland-Rallye, weil sie nah an meinem Heimatort in Belgien liegt. Auch Mexiko ist eine außergewöhnliche Rallye und Sardinien ist schön. Wenn ich so darüber nachdenke, sind eigentlich alle Strecken cool.

»Am Ende habe ich selbst das Lenkrad in den Händen und entscheide, wie schnell ich fahren kann welches Risiko ich eingehe.«

Die Sprünge, zum Beispiel in Finnland, sehen echt spektakulär aus. Nimmst du das im Auto auch wahr?
Man nimmt es wahr, aber man ist so konzentriert, dass da wenig Zeit für emotionale Ausbrüche bleibt. Man hebt ab, wartet, bis man wieder gelandet ist und versucht, so schnell wie möglich weiterzufahren. Alles andere ist in diesem Augenblick egal.

Hast du schon mal nach einer richtig schlammigen Rallye dein Auto selbst gewaschen?
Nein, zum Glück nicht. Aber bei der Rallye England hängt nach jeder WP immer eine Menge Schlamm an den Autos und dann versuchen wir, den gröbsten Dreck von den Autos zu entfernen. Denn das ist ziemlich viel Gewicht, manchmal bis zu 80 Kilo und die müssen natürlich vorm Start der nächsten WP weg. Das müssen wir dann selbst machen. Aber dafür haben wir spezielle Werkzeuge, mit denen geht das ganz gut.

Was wäre der Plan B gewesen, wenn du kein Rallye-Fahrer geworden wärst?
Da habe ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Es war klar, dass ich Rallye-Fahrer werden wollte. Die Chance, dieses Ziel zu erreichen, war zwar sehr gering, aber irgendwie hat es dann doch funktioniert.

Und wenn du nicht gerade an einem TCR-Germany-Lauf teilnimmst, gibt es denn noch andere Rennserien, die dich reizen?
Ein Formel-1-Test wäre mal interessant. Ansonsten möchte ich irgendwann gerne mal die 24 Stunden am Nürburgring und in Spa fahren.

Bei den 24 Stunden am Nürburgring fährt Hyundai ja auch mit. Klingt also gar nicht so unrealistisch.
Absolut. Das wird bestimmt auch irgendwann mal stattfinden.

»Man hebt ab, wartet, bis man wieder gelandet ist und versucht, so schnell wie möglich weiterzufahren. Alles andere ist in diesem Augenblick egal.«


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