Wüstensturm 2.0: Marc Philipp Gemballa Marsien

Die Wüste als ideale Abenteuerarena für einen aktuellen Porsche 911 Turbo S? Mit dem »Marsien« definiert Marc Philipp Gemballa die Freiheitsräume für moderne High-End-Supersportwagen jetzt ebenso konsequent wie reizvoll neu. Eine höchst unterhaltsame Hommage an die legendäre Rallye-Historie von Porsche ist die Angelegenheit dann ganz nebenbei.
Text Matthias Mederer
Bild Oskar Bakke & Victor Jon Goico

Marc Philipp Gemballa, am Anfang war da die Idee, einen Supersportwagen für den Offroadeinsatz zu bauen. Wieso greifen Sie hierfür auf die Plattform des aktuellen Porsche 911 Turbo S zurück?
Gemballa: Ich bin schon seit jeher begeistert von der Porsche Rallye-Ära und Porsches legendären Fahrzeugen wie zum Beispiel den 911 Safari oder den 959 Paris-Dakar. Interessant ist auch zu wissen, dass einer der ersten 911-Erfolge nicht auf der Rennstrecke, sondern auf Rallyepisten gefeiert wurde, und zwar mit dem 911 S, mit dem Vic Elford 1967 das erste Mal mit einem 11er bei der Rallye Monte Carlo antrat.

All diese Fahrzeuge haben eines gemeinsam, nämlich dass sie auf 911er-Basis entwickelt wurden, da war es für mich ein natürlicher Schritt, mich im 911er-Segment umzuschauen. Natürlich gibt ein Porsche 911 als der am meisten und intensivsten erprobte und getestete Sportwagen zusätzliches Vertrauen und fungiert als zuverlässige Plattform für unser erstes Projekt. Neben sehr viel Leistung verfügt der Turbo S auch über einen Allradantrieb, was im Offroad-Bereich von essenzieller Bedeutung ist.

Sie können das Fahrwerk hydraulisch aus dem Cockpit heraus bis zu 25 Zentimeter höher legen, was einzigartig für einen Porsche 911 ist, egal ob Turbo oder nicht. Bringt das nicht zwangsläufig zahlreiche technische Probleme mit sich?
Natürlich. Und wir halten darüber hinaus auch alle Homologationsvorgaben für 2021 ein. Wir arbeiten hier sehr eng mit einigen ausgewählten Spezialisten aus der Industrie zusammen. Viele davon haben bereits mit meinem Vater sehr eng und lange zusammengearbeitet und gehören heute zu den führenden Zulieferern in der Automobilindustrie. Neben jahrzehntelanger Erfahrung kennen sie den Anspruch, den wir verfolgen, und wissen genau, worauf es ankommt. Wie zum Beispiel die Fahrwerksspezialisten von KW: Mit Klaus und Jürgen Wohlfahrt, den beiden Firmengründern, arbeitete mein Vater schon von sehr früh an zusammen.

Heute ist KW eines der führenden Fahrwerksunternehmen weltweit. Es ist sehr beeindruckend, was die beiden hier über die Jahre aufgebaut haben, und ich bin sehr froh, von ihrem gewaltigen Know-how, gerade auch im Offroad-Bereich, profitieren zu dürfen. Hier ist auch der Austausch ein ganz anderer. Wir sprechen offen miteinander. Das hilft enorm. Und nur so ist das auch möglich. Darüber bin ich sehr dankbar. Dasselbe gilt auch für RUF, die sich um die Entwicklung unserer Motoren kümmern, oder die Spezialisten von Akrapovič, die uns eine maßgeschneiderte Titanabgasanlage entwickelt haben. Dies sind alles etablierte Spezialisten, die die technische Umsetzung unseres Projekts auf höchstem Niveau gewährleisten.

»Um ein erfolgreiches und nachhaltiges Unternehmen aufzubauen, müssen wir den Kunden etwas ganz Besonderes bieten, um ein Alleinstellungsmerkmal am Markt zu erreichen. «
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Marc Philipp Gemballa

Credit: Victor Jon Goico

Der aktuelle 911 Turbo wurde entwickelt und gebaut für die Straße. Wie kommt man auf die Idee, diesen Sportwagen zu einem Offroader umzubauen?
Der Markt um die Sportwagen-, Tuning- und Individualisierungsszene hat sich in den letzten Jahren markant entwickelt. Für ein anspruchsvolles Premium-Klientel zählen heute ganz andere Wünsche und Erwartungen. Es geht längst nicht mehr darum, einfach den schnellsten Sportwagen mit noch mehr Leistung zu bauen und die nächste Rekordzeit auf dem Nürburgring herauszufahren. Auch weil die Rekorde heute nicht mehr wie früher für einige Jahre Bestand haben. Heute fallen die Rekorde im Wochentakt. Das PS-Wettrüsten ist vorbei. Dabei war dieser Wettbewerb lange Zeit der Wesenskern vom Tuning.

Ich erinnere mich noch gut daran, als mein Vater zusammen mit unserem Rennfahrer Wolfgang Kaufmann Anfang der 2000er für viele Jahre den Rundenrekord für das schnellste Straßenfahrzeug auf der Nordschleife gehalten hat. Erst vier Jahre später konnte Porsche selbst mit dem Carrera GT diesen Rekord knapp unterbieten. Heute wäre so etwas überhaupt nicht mehr denkbar. Weiterhin betreiben die Hersteller mittlerweile selbst ausführliche Individualisierungsprogramme, sodass das typische Tuning-Geschäft mehr und mehr an Bedeutung verliert. Mir wurde schnell klar: Um ein erfolgreiches und nachhaltiges Unternehmen aufzubauen, müssen wir den Kunden etwas ganz Besonderes bieten, um ein Alleinstellungsmerkmal am Markt zu erreichen.

Sehr abstrakt formuliert: Für Sie bedeutet das also, es geht heute nicht mehr um eine Optimierung eines bestehenden Produktes, wie es klassisches Tuning leistet, sondern um eine Erweiterung des Charakters eines Produkts bis hin zu einer Umdeutung?
Sehr abstrakt formuliert, ja. Der 911 Turbo wurde entwickelt und konstruiert, um damit auf der Straße oder der Rennstrecke zu fahren. Und gerade der Turbo ist und bleibt die Referenz, in ihm ist seit jeher nicht nur die beste Technologie verbaut, sondern eben auch erprobt und abgestimmt. Beeindruckend! Wir interpretieren die Auslegung des Fahrzeugs auf Basis seiner Qualitäten weiter und geben ihm ein neues Terrain zum Austoben. Und die wesentlichen Säulen sind dabei Design und Technik.

Einen modernen 911 Turbo S für den Offroad-Einsatz zu bauen ist das eine – was kommt danach?
Momentan konzentrieren wir uns auf unser erstes Projekt, das unsere volle Aufmerksamkeit und Energie verlangt. Die Erwartungen sind sehr hoch. Daher gilt im Moment unser Fokus und volles Herzblut diesem Projekt, nur so können wir auch garantieren, ein perfektes Produkt abzuliefern. Das ist unser Anspruch. Nur so viel kann ich sagen: Wir haben mittlerweile sehr viele Anfragen für neue Projekte und haben natürlich auch konkrete eigene Ideen, die wir in Verbindung mit den Wünschen unserer Kunden angehen werden.


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