Zum Formel-1-Saisonstart: Kurt Molzer schreibt einen Brief an Lewis Hamilton

Dieses Wochenende startet die Formel-1-Saison 2022. Mit komplett neuem Reglement, Bodeneffekt-Autos und vor allem einem: Sir Lewis Hamilton. Was nach dem kontroversen Saisonfinale 2021 nicht selbstverständlich, aber sehr erfreulich ist, findet unser Autor Kurt Molzer. Und genau deshalb schreibt er seinem Lieblingsfahrer hier einen Brief.
Text Kurt Molzer
Bild Mercedes Benz

Lieber Lewis!


Ich bin mir ganz sicher: Es war der schlimmste Winter Deines Lebens. Und glaub mir, ich habe sehr oft an Dich gedacht. Was treibst Du wohl gerade, fragte ich mich. Lässt Du Dir von Deiner englischen Bulldogge „Roscoe“ zum Trost die Wangen ablecken? Machst Du Boxtraining und stellst Dir vor, der Sandsack wäre das Gesicht von Rennleiter Michael Masi? Oder doch lieber das von Nicolas Latifi? Jenem Fahrer, dessen Crash beim Saisonfinale in Abu Dhabi die Gelbphase auslöste und zu diesem beispiellosen, eben von Masi verursachten Chaos in der letzten Runde führte, das Dich um den so sicher scheinenden achten F1-WM-Titel brachte.

Sir Lewis (der Du ja inzwischen mit gutem Recht zum Ritter geschlagen wurdest) – alle wissen: Unter normalen Umständen hätte Dir in Abu Dhabi keiner den Sieg nehmen können. Du hast Deine Gegner mit Deinem irren Grundspeed und Deiner phänomenalen Renn-Intelligenz wieder einmal gedemütigt. Da war kein Rankommen an Dich – selbst wenn sich alle hinter Dir zusammengerottet hätten wie ein Rudel Hyänen, um Dich gemeinschaftlich zu zerfleischen: keine Chance! Bei mir stand schon der Champagner kalt. Aber dann macht Dir der fliegende Holländer im allerletzten Turn mit seinen frischen Reifen den Garaus! Hat man Worte? Natürlich ist dieses junge Vollgastier aus dem Land der Wohnwagenfahrer ein würdiger Weltmeister, daran besteht kein Zweifel, Du hast es ja selbst gesagt, aber die Umstände, die dazu führten, na ja.

Hat man Worte?
Natürlich ist dieses junge Vollgastier aus dem Land der Wohnwagenfahrer ein würdiger Weltmeister, daran besteht kein Zweifel, Du hast es ja selbst gesagt, aber die Umstände, die dazu führten, na ja.

Nach dem Fallen der Zielflagge bist Du lange im Wagen sitzen geblieben und hast den Helm aufgelassen – weil Du es nicht wahrhaben wolltest. Auch ich konnte es nicht glauben. Wenige Minuten vorher sah ich Dich mit acht Championaten schon glückselig ganz oben in der ewigen Bestenliste. Wo Du ohnehin längst angekommen bist, schließlich hast Du mehr Siege, mehr Poles, mehr Podiumsplätze, mehr Führungskilometer und was weiß ich noch als Michael Schumacher. Aber eben nicht mehr WM-Titel als der Deutsche, und darum geht’s doch, oder? Ich war nach dem Rennen so außer mir, dass ich mit der Champagnerflasche den Fernseher zertrümmern wollte. Hab’s dann sein lassen, weil es ein 2010er Dom Perignon für 538 Euro war. So dick wie Du, lieber Lewis, hab ich’s nämlich nicht, und den Fernseher gab’s ja auch nicht gratis.

Weißt Du eigentlich, warum ich so einen Narren an Dir gefressen habe? Weil Du der Rennfahrer bist, auf den ich Jahrzehnte gewartet habe. Mitte der 1980er Jahre sagte Bernie Ecclestone: „Der Formel 1 fehlt ein Schwarzer und eine Frau.“ Als Teamchef von Brabham ließ er 1986 seinen Worten Taten folgen. Er lud den Afro-Amerikaner William Theodore Ribbs zu Testfahrten nach Estoril ein. 1987 wollte er ihn engagieren. Aber die italienischen Sponsoren bestanden auf italienischen Fahrern und Ribbs hat letztlich durch die Finger geschaut. Immerhin war er 1991 der erste Schwarze im Indy 500-Starterfeld. Mit einer Frau hätte Ecclestone es ja auch gerne versucht, aber er meinte immer, rein physisch wäre das gar nicht möglich, eine Frau könne die Kräfte, die zur Beherrschung eines F1-Boliden nötig seien, gar nicht aufbringen. Ach, was rede ich hier groß, das weißt Du ja ohnehin alles.

Ja, ich konnte es nicht erwarten, einen Schwarzen in der F1 zu sehen! So wie ich es nicht erwarten konnte, einen Schwarzen im Weißen Haus zu sehen. Und schon als Kind hielt ich bei Tarzan immer zu den Schwarzen. Wenn sie die Weißen an ihre Pfähle banden und quälten, war mir das nur recht, denn die Weißen schossen mit Gewehren auf die armen Antilopen und Löwen und Elefanten und Warzenschweine. Und irgendwann, lieber Lewis, kamst Du endlich – und wie Du kamst! Hast den Bleichgesichtern klargemacht, dass in der höchsten Liga des Rennsports ab sofort ein anderer die erste Geige spielt! Sensationell! Ich habe Dich von Anfang an geliebt. Und ich liebe Dich immer noch heiß. Wenn ich allein an Copse Corner denke, Silverstone, letztes Jahr. Wie Du in diesem 290 km/h-Rechtsbogen innen gegen Verstappen hineingestochen bist – CARAMBA! Der Max ist böse abgeflogen, Du hast eine Zehn-Sekunden-Strafe kassiert und auch sonst ordentlich Schelte abgekriegt, besonders von Helmut Marko, dem Motorsportchef von Red Bull. Der Marko, das muss ich jetzt einmal loswerden, nörgelt aber auch ständig an Dir herum, der geht mir auf die Eier, der muss immer das Haar in der Suppe finden – wo der überall unfaire Tricks von Dir sieht! Dabei kann er doch gar nicht so viel sehen, weil er hat ja nur noch ein Auge. Das Linke hat ihm 1972 beim Grand Prix von Frankreich in Clermont-Ferrand ein Stein zerfetzt, der von Emerson Fittipaldis Lotus hochgeschleudert wurde. Copse Corner also: Gegen Ende des Rennens machst Du dort noch einmal exakt das gleiche Manöver gegen Leclerc und holst Dir den Sieg – VERDAMMT JUCHHE! Schon klar: Einer sollte halt nachgeben in Copse Corner.

Leclerc hat sich mit keiner Silbe beschwert. Er hat sogar behauptet, Du seist im Gegensatz zu Max ein fairer Zweikampfgegner. Ich sehe das übrigens genauso. Und ich will Dir was sagen:

Der Max wäre, hätte er Deine Position gehabt, doch genauso beinhart reingestochen.

Machen wir uns doch bitte nix vor!

Lieber Lewis, ich komme jetzt erst, gegen Ende also, zum eigentlichen Anlass meines Briefes. Es ist mir nämlich unangenehm, und ich habe lange um die richtigen Worte gerungen. Hör zu, ich kann mir denken, dass Du Dir ein Leben ohne Racing – obwohl Du in drei Jahren 40 sein wirst – womöglich noch nicht vorstellen kannst. Nach dem Schock von Abu Dhabi hast du bestimmt eine Zeit lang anders gedacht, aber letztlich Du hast Dich fürs Weitermachen entschieden. Bitte halte mich jetzt nicht für anmaßend: Aber ich weiß nicht, ob es der richtige Entschluss war. Ich sag Dir auch den Grund, und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn Du ihn nicht ahnst: ja, genau, George Russell, Dein neuer Teamkollege!

Ich halte Deinen jungen Landsmann für ein Jahrhunderttalent. Allein was der in der Williams Gurke geleistet hat!

Und denk an Bahrain 2020: Du hattest Corona. Russell übernahm als Ersatzfahrer Dein Auto und gewann den GP nur deshalb nicht, weil sie ihm an der Box die falschen Reifen drauftaten. Böse Zungen behaupten, Du hättest jedem aus der Boxencrew viel Geld bezahlt, damit der Stopp schiefgeht. Der Riese Russell hatte ja nicht mal genug Platz in dem Mercedes. Es war keine Zeit geblieben, das Cockpit seinen Maßen entsprechend umzugestalten. Weshalb seine Leistung nur noch höher einzuschätzen ist. Den Teamkollegen Valtteri Bottas ließ er ja wie einen kompletten Trottel aussehen.

Lewis, um es auf den Punkt zu bringen: Ich glaube nicht, dass Du mit 37 Jahren gegen diesen begnadeten jugendlichen Heißsporn bestehen wirst. Und ich glaube auch, dass Du bereits schlecht träumst: Russell mit einem Vorschlaghammer in Händen. Er steht vor Deinem Bronze-Denkmal in Deinem englischen Geburtsort Stevenage und verkündet mit dunkel dröhnender Stimme: „Ich bin hier, um dieses Denkmal zu zerstören!“ Bitte sei versichert, mein Held: Ich habe mir noch nie so sehr gewünscht, ich möge mich irren.

Es grüßt Dich
herzlichst Dein
größter Fan,


Kurt


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