Jenseits von Hollywood: ein Gespräch mit Dave Grohl von den Foo Fighters

Seine musikalische Laufbahn startete Dave Grohl als Schlagzeuger diverser Schüler-Punk-Rock-Bands. Mit 17 veröffentlichte er mit der Band Scream zwei Alben. Nach der Auflösung ersetzte er 1990 Chad Channing bei der Grunge-Band Nirvana. Wenig später gründete Grohl dann seine eigene Band: die Foo Fighters. Die haben bei den gestrigen Grammy Awards nun drei Awards gewonnen. So wirklich freuen konnten sie sich darüber nicht.
Text Marcel Anders
Bild Presse

Anmerkung der Redaktion:
Mit drei Auszeichnungen gehören die Foo Fighters zu den großen Gewinnern der gestrigen Grammy Awards. Verliehen bekam die US-amerikanische Rockband die Preise in den Kategorien beste Rock-Darbietung (»Making A Fire«), bester Rock-Song (»Waiting On A War«) und bestes Rock-Album (»Medicine At Midnight«). So wirklich freuen konnten sich die Foo Fighters darüber vermutlich nicht. Nur wenige Tage zuvor kam Taylor Hawkins auf tragische Weise ums Lebens. Bei den Grammy Awards erschien daher kein Mitglied der Foo Fighters. Taylor Hawkins war 25 Jahre lang der Schlagzeuger der Rockband, zudem galt er als bester Freund von Frontsänger Dave Grohl. Das folgende Interview wurde vor dem Tod von Taylor Hawkins geführt.

Seit wann tragen Sie eine Brille?
Seit ich 40 bin. Dazu muss ich sagen, dass ich mich erst wahnsinnig darüber gefreut habe. Ich wollte schon immer eine Brille, weil meine Schwester auch eine hatte und ich als Kind neidisch war. Leider musste ich dann feststellen, dass mich die Dinger in den Wahnsinn treiben. Ich vergesse oder verlege sie ständig, was bedeutet, dass ich meist blind durch die Gegend laufe, nicht mal eine Speisekarte lesen kann und mir ständig von jemandem helfen lassen muss. Das ist einfach peinlich – ich hasse es.

Ist Ihr Bein, das Sie sich im Sommer 2015 gebrochen haben, wieder in Ordnung?
Ja, Gott sei Dank! Ich war ein Jahr in Physiotherapie. Ich hätte nie gedacht, dass das eine so langwierige Sache ist.

Das Konzert haben Sie nach kurzer Unterbrechung im Sitzen fortgesetzt. Warum haben Sie nicht abgebrochen?
Weil ich das nicht kann.

Wie bitte?
Das liegt an der guten alten Punkrock-Schule, aus der ich komme. Da ist es öfter passiert, dass sich Mitglieder von Bands auf der Bühne verletzt haben. Also dass sie einen elektrischen Schlag bekommen, sich beim Stagediven auf den Bart gelegt haben oder was auch immer. Das war normal und niemand wäre auf die Idee gekommen, deswegen einen Gig abzubrechen. Und selbst wenn ich heute keinen Punk-Rock mehr spiele – dieses Denken habe ich immer noch in mir: Du sagst keinen Gig ab, nur weil du dir irgendeine Blessur zugezogen hast – du beißt die Zähne zusammen, ziehst das durch und gibst dir keine Blöße.

Ein paar Auftritte haben Sie anschließend trotzdem abgesagt.
Weil ich zunächst nicht wusste, wie ich mit der Situation umgehen soll. Es war klar, dass ich weder stehen noch zwei oder drei Stunden im Rollstuhl sitzen konnte. Ich brauchte also eine andere Lösung. Das Ergebnis war dieser Thron, der zugleich Gitarrenständer und Nebelmaschine war. Eine wahnsinnig coole Sache, auf die mein Techniker und ich nach einer langen Nacht des Grübelns kamen. Wir konnten nicht glauben, dass scheinbar noch niemand die Idee hatte. Es ist eigentlich ganz simpel und so irre und überzogen, dass es schon wieder cool ist. Ich habe es – das muss ich offen zugeben – mitunter sehr genossen, dazusitzen.

Später haben Sie den Thron an Axl Rose weitergegeben, dem dasselbe Schicksal widerfahren ist.
Stimmt. Und ich sah mir auch einen Guns N’ Roses-Gig an, den er auf diese Weise bestritten hat. Ich muss sagen: Das sah seltsam aus… nicht besonders Rock ’n’ Roll.

Wie meinen Sie das?
Na ja, ich kann mich ja nicht selbst betrachten, während ich auf der Bühne bin. Da dachte ich nur hin und wieder, dass der Thron irgendwie komisch ist. Und das war er auch – und wie! (lacht) Es ist ein merkwürdiger Anblick, wenn jemand im Sitzen in einem Stadion auftritt. Denn da fehlen die Bewegung und die Energie des Frontmanns, der den direkten Draht zum Publikum sucht. Aber hey: Dafür war der Sound großartig – viel besser als früher. Aber am Anfang, als ich ihnen zusah, dachte ich: »Das ist das Lächerlichste, was ich je erlebt habe. Wie kommt man auf so einen Quatsch?« (lacht).

Ist es nur die Musik, die Sie antreibt?
Ich weiß, dass es wie ein Klischee klingt, und einige Leute werden bestimmt mit der Stirn runzeln, wenn sie das lesen, aber es ist wirklich so: Ich liebe, was ich tue. Vor meiner Karriere habe ich in allen möglichen Scheißjobs gearbeitet – und das werde ich nie vergessen. Ich werde nie so verwöhnt sein, dass ich nicht mehr weiß, wo ich herkomme. Es ist die Musik, die mir eine Perspektive gegeben hat und mir ein besseres Leben ermöglicht. Das macht sie zu so etwas wie meiner großen Liebe, meinem allerbesten Freund und meinem zentralen Lebensinhalt. Wenn ich mich ein paar Tage nicht mit ihr ­befasse, habe ich sofort ein schlechtes Gewissen.

»Es ist die Musik, die mir eine Perspektive gegeben hat und mir ein besseres Leben ermöglicht.« – Dave Grohl

Haben Sie sich nie gefragt, ob Sie langsam zu alt dafür werden?
Oh, das frage ich mich im Grunde schon die letzten 15 Jahre (lacht). Im Ernst: Das Gefühl ist nichts Neues. Als ich die Foo Fighters gestartet habe, war ich 25 oder 26 und dachte: »In meinen 30ern mache ich das bestimmt nicht mehr – dann bin ich schlichtweg zu alt.« Aber wenn du auf der Bühne oder im Studio stehst, sind diese Gedanken nicht existent. Genauso wenig, wie du durchs Leben schreitest und kontinuierlich daran denkst, dass du bereits 48 bist. Du fühlst dich, wie du dich immer gefühlt hast – eben wie 25 und keinen Tag älter. Zumindest geht es mir so – bis ich mein Spiegelbild im Fenster, im Spiegel oder sonstwo sehe und mich frage: »Oh mein Gott, was ist denn mit mir passiert?«

Stimmt es, dass Ihre Mutter Sie regelmäßig auf Tour begleitet?
Oh ja, sie war schon überall mit der Band. Eben seit sie in Rente gegangen ist. Sie war Grundschullehrerin. Und die meisten Leute, die aus ihrem Job ausscheiden, unternehmen ja erst einmal eine Kreuzfahrt. Und weil das bedeutet hätte, dass meine Kinder und ich sie länger nicht mehr zu Gesicht bekommen, habe ich ihr halt angeboten: »Meine Band ist wie ein Kreuzfahrtschiff. Komm doch einfach bei den Foo Fighters an Bord.« Das hat sie getan. Mittlerweile kennt sie jeden von der Crew und schaut sich alle Auftritte vom Bühnenrand an – auf einem Klappstuhl mit einem Glas Wein.

Und Sie fühlen sich nicht eingeschüchtert, wenn Ihre Mutter ständig in Ihrer Nähe ist?
Kein bisschen! Sie hat mich in allem unterstützt – und war immer stolz auf mich. Insofern verunsichert es mich nicht, wenn ich sie da sitzen sehe. Natürlich weiß ich, dass einige meiner Kollegen Skrupel hätten, sich mit Groupies zu vergnügen, zu saufen oder Drogen zu nehmen. Doch das gibt es bei den Foo Fighters nicht. Wir sind reife, gestandene Familienväter. Die Zeiten sind vorbei.

Wie langweilig!
Ja, schrecklich langweilig. Bei uns gibt es nur Kaffee, Wasser und ab und zu ein Bier. Und nach einem Auftritt feiern wir keine Partys, wir hängen nur ab, ruhen uns aus und gehen ins Bett. Alles ganz bieder und brav. Aber: Glaub nicht, dass das bei Metallica, Slayer oder Slipknot anders wäre. Man kann nicht ewig Gas geben.

Sie sind schon so lange im Geschäft. Was würde Sie noch reizen?
(Lacht) Da gibt es wahnsinnig viel! Ich habe zum Beispiel noch nie im ewigen Eis gespielt, noch nie am Rand eines Vulkankraters oder an Bord eines Flugzeugs. Das sind Dinge, die mich durchaus reizen könnten.

Über Dave Grohl

Seine musikalische Laufbahn startete er als Schlagzeuger verschiedener Schüler-Punk-Rock-Bands, mit 17 veröffentlichte er mit der Band Scream zwei Alben. Nach der Auflösung ersetzte Grohl 1990 Chad Channing bei der Grunge-Band Nirvana und nahm gemeinsam mit Kurt Cobain und Krist Novoselic das Album »Nevermind« auf. Nach Cobains Tod im Jahr 1994 arbeitete Grohl zunächst an einem Solo-Projekt, beschloss dann jedoch, eine Band zu gründen. Im Juni 1995 erschien das erste Album der Foo Fighters. Das englische Wort »foo« ist die Bezeichnung für unbekannte Flugobjekte im Zweiten Weltkrieg. Grohl meinte einmal, es sei »wirklich der dümmste Bandname aller Zeiten«. Seit 2003 ist Grohl mit seiner zweiten Frau Jordyn Blum verheiratet, das Paar hat drei gemeinsame Töchter, Violet Maye wurde 2006 geboren, Harper Willow 2009 und Ophelia 2014.

Lesen Sie das gesamte Interview mit Dave Grohl in der rampstyle #15.


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