Zwischen Mythos, Kult, Respekt: Le Mans-Sieger unter sich

Der 917 war das erste Fahrzeug, mit dem Porsche den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans holte, der 919 Hybrid das vorerst letzte. Wir trafen die Helden – natürlich auch jene, die hinter dem Steuer saßen. Ein Gespräch mit den Rennfahrer-Legenden Hans Herrmann und Timo Bernhard. Über wunderbare wie widerspenstige Autos, Teamwork auf der Rennstrecke und was man – nicht nur – von der Großmutter lernen kann.
Text Marko Knab
Bild Marko Knab · ramp.pictures

Ein Fotostudio irgendwo im schwäbischen Heckengäu. Draußen sendet die Autobahn A8 ihren akustischen Gruß herüber, ein Steinwurf weiter liegt schon Weissach und das Entwicklungszentrum von Porsche. Hier, in jenem Teil der Denkfabrik des Sportwagenherstellers, der im Weissacher Ortsteil Flacht liegt, entstehen die faszinierenden wie erfolgreichen Rennsportwagen der Marke. Wie der 919 Hybrid, mit dem Porsche die bislang letzten drei Gesamtsiege bei den 24 Stunden von Le Mans eingefahren hat.

Das Siegerfahrzeug von 2017 steht heute in diesem Fotostudio. Zusammen mit dem 917 KH mit der Startnummer 23 – dem ersten Porsche Gesamtsieger des französischen Langstreckenklassikers. Das war 1970, vor genau 50 Jahren. Das Fahrzeug aus der Konstruktionsfeder von Ferdinand Piëch und Hans Mezger steht wie kein anderes für die Legendenbildung der Marke aus Zuffenhausen. Am Steuer vor 50 Jahren saß damals Hans Herrmann – im Team mit Richard Attwood. Der 92-jährige Herrmann sitzt heute bestens gelaunt neben seinem Siegerfahrzeug. Bei ihm: Timo Bernhard. 47 Jahre nach Herrmann gewann er auf dem 919 Hybrid und gemeinsam mit Earl Bamber und Brendon Hartley ebenfalls den Langstreckenklassiker – sein insgesamt zweiter Le Mans-Gesamtsieg, aber sein erster mit Porsche. Die beiden Rennfahrer kennen und schätzen sich. Dass mehr als fünf Lebensjahrzehnte zwischen ihnen liegen – das merkt man nicht.

Vor uns steht der 917 mit der Startnummer 23. Ihr erster Gedanke, wenn Sie das Fahrzeug hier wiedersehen?

Hans Herrmann: Das sind natürlich wirklich angenehme Erinnerungen. Wenn man damit den ersten Gesamtsieg für Porsche erringen konnte, denkt man gerne daran zurück.

Timo Bernhard: Der 917 ist ein wunderschönes Auto. Und mit dem ersten Gesamtsieg hat er für mich den Grundstein des Mythos Porsche in Le Mans gelegt.

Und beim 919 Hybrid von 2017?

Bernhard: Daran habe ich angenehme Erinnerungen. Der 919 Hybrid war das Highlight meiner Karriere. Ich war von Anfang bis Ende in das Programm involviert, und mit dem Le Mans-Gesamtsieg 2017 … das war dann die Krönung!

Herrmann: Dass ich den nicht fahren wollte. Der hat … ich weiß nicht … hundert Knöpfe und Zeugs. Damit würde ich nicht klarkommen. Wir hatten früher ein einfaches Automobil. Lenkrad, Kupplung, Bremse.

»Früher war es ganz simpel: Gas, Bremse, Kupplung, Lenkrad – fertig, aus. Heute wird mit der ganzen Elektronik von der Box aus viel mehr mitgesteuert.«

Hans Herrmann

Aber der 917 war auch nicht gerade als einfaches Fahrzeug bekannt. Wie war Ihre erste Begegnung, Herr Herrmann?

Herrmann: Alles andere als angenehm. Am Anfang war das Fahrzeug übermotorisiert und das Fahrwerk kam nicht nach. Wir sind herumgeschlittert wie die Irren. Ich erinnere mich, dass Gerhard Mitter das Auto „ein Geschwür“ genannt hat. Es war schwierig zu fahren. Die Engländer haben uns dann ein bisschen geholfen mit der Aerodynamik – wir hatten bis dahin nur an den Dämpfern und dem Fahrwerk gearbeitet und kamen nicht weiter. Als wir schließlich alle unangenehmen Dinge ausgemerzt hatten, war es ein Bombenauto. Klasse zu fahren, immer unter Kontrolle.

Herr Bernhard, hatten Sie auch einmal eine fahrerische Begegnung mit dem 917?

Bernhard: Natürlich nicht in einem Rennen, das war sehr weit vor meiner Zeit. Aber als Porsche Junior durfte ich das Museumsauto einmal fahren. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie der damalige Museumsleiter Klaus Bischof gesagt hat: »Du bist jetzt gut genug. Du darfst mal zwei, drei Runden Rollout fahren.« Das war Erlebnis pur! Hinter dem Lenkrad spürt man erst die ganze Historie – und warum das dreißig Jahre vorher die top Sport-Prototypen waren.

Sie haben beide Le Mans für Porsche gewonnen – beide gegen Ende Ihrer Karriere. Wie ordnen Sie diesen Erfolg in Ihre Rennfahrer-Vita ein?

Herrmann: Seit 1953 war ich fast jedes Jahr in Le Mans dabei, bin 14 Rennen gefahren, davon acht Mal ins Ziel gekommen und sechs Mal ausgefallen. Nach so vielen Anläufen bekommt der Sieg von 1970 natürlich einen noch größeren Stellenwert für einen persönlich, als er ohnehin schon für das ganze Team hat. Aber durch die vielen Teilnahmen verfügte ich natürlich über große Erfahrung und wusste, wie man das Rennen angehen muss.

Bernhard: Überhaupt in Le Mans am Start zu stehen, ist schon was Besonderes. Wenn man es dann auch noch gewinnt, kann man das gar nicht in Worte fassen. Das muss man selbst erlebt haben: oben auf dem Balkon, auf dem Podium zu stehen und unter einem jubeln Zehntausende Menschen. Man ist müde und körperlich total ausgelaugt, aber das vergrößert die Emotionen natürlich noch. Dass ich meinen ersten Gesamtsieg mit Audi und dann sieben Jahre später mit Porsche noch einmal wiederholen konnte, war etwas ganz, ganz Spezielles. Für mich hat sich hier ein Kreis geschlossen: Im Porsche Junior Team war genau das mein Ausbildungsziel. Das hat die Sache echt abgerundet.

Der Motorsport hat sich zwischenzeitlich ziemlich verändert. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen damals und heute? Und was ist gleich geblieben?

Herrmann: Ich glaube, außer den Regeln ist überhaupt nichts gleich geblieben. Früher war es ganz simpel: Gas, Bremse, Kupplung, Lenkrad – fertig, aus. Heute wird mit der ganzen Elektronik von der Box aus viel mehr mitgesteuert. Niki Lauda hat mal undiplomatisch gesagt, dass auch ein Affe die heutigen Autos fahren könnte. Nichts gegen Dich, Timo! (lacht) Fahren muss man heute noch genauso können, aber es ist durch die Elektronik eben komplett anders geworden. Gleich geblieben ist, dass jeder in seiner Zeit mit den technischen Gegebenheiten versucht, sein Bestes zu geben.

Bernhard: Die Begeisterung und die Leidenschaft der Fahrer sind unverändert groß. Wenn ich mit Hans spreche, verstehen wir uns sofort, auch wenn Jahrzehnte zwischen uns liegen. Die Technik hat sich dagegen komplett gewandelt. Wobei hier die Vorreiterrolle des Motorsports geblieben ist. Bei Porsche floss schon immer viel aus dem Motorsport in die Serie ein: der 917 war 1970 ein Hightech-Fahrzeug, der 919 mit seinem Hybridantrieb 2017 ebenso. Dessen Technik ist ja auch zum Beispiel in den Taycan übergegangen. Wahrscheinlich ist Porsche einer der letzten Hersteller, der das so konsequent macht.

»Der 919 Hybrid war das Highlight meiner Karriere. Ich war von Anfang bis Ende in das Programm involviert, und mit dem Le Mans-Gesamtsieg 2017 … das war dann die Krönung!«

Es heißt, der erste Gegner eines Rennfahrers sei immer der Teamkollege. Wie verhält es sich damit auf der Langstrecke? Was bedeutet hier Teamgeist?

Herrmann: Also man will sich doch nicht besiegen. Nicht auf der Langstrecke. Wenn man als Team fährt, dann hat man das gleiche Ziel: nämlich zu gewinnen! Damals waren wir zwei Fahrer. Ich bin mit unglaublich tollen Leuten in Le Mans gefahren. Um den Sieg zu erreichen, muss man sich abstimmen. Und das Fahrzeug so behandeln, dass es auch 24 Stunden hält und zum Sieg reichen kann.

Bernhard: Es ist genau, wie Hans gesagt hat. Er beschreibt das wunderbar in seinem Buch »Ein Leben für den Rennsport«. Das habe ich verschlungen, als ich gerade vom Porsche Junior zum Werksfahrer wurde. Der Richard Attwood war ja der Jüngere …

Herrmann: Wir waren ein tolles Team!

Bernhard: … und Du hast die Marschrichtung vorgegeben mit Deiner Erfahrung. Da konnte ich auch für mich sehr viel herausziehen. Zu meiner Zeit waren wir drei Fahrer in einem Team. Das ist vielleicht ein bisschen schwieriger. Da musst du darauf achten, dass du alle mitnimmst. Da hat das Ego des Einzelnen einfach keinen Platz. Es geht darum, das Auto nach vorne zu bringen. Wenn man sich selbst zurücknehmen muss, damit ein anderer Fahrer sich zum Beispiel mit dem Set-up wohler fühlt, dann ist das halt so.

Inzwischen sind Sie beide in »Rennfahrer-Rente«. Was vermissen Sie am Motorsport? Und was nicht? Wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Herrmann: Ich vermisse gar nichts. Ich bin 19 Jahre Rennen gefahren. Das war ja mein Beruf, und der ist zu Ende. Leider, muss ich jetzt nachfügen; seitdem muss ich arbeiten! (lacht) Aber irgendwann geht ja alles einmal zu Ende und es kommt ein neuer Abschnitt. Man kann ja dem nicht nachweinen. Ich habe ohnehin nur die besten Erinnerungen an diese Zeit und bekomme immer noch täglich Autogrammwünsche. Das freut mich natürlich und die beantworte ich auch alle. Nur habe ich halt diese leise Vermutung, dass die denken, der Kerl ist ja 92 Jahre alt, jetzt kann er noch antworten, er lebt ja noch. Zwei-, dreimal in der Woche kommen die mit halben Autos und Kotflügeln, auf denen ich dann unterschreibe. Das ist sehr unterhaltsam! (lacht)

Bernhard: Bei mir ist es ja noch sehr frisch. Wenn ich eines nicht vermisse, dann ist es das Reisen. Man wird nicht jünger, und ich will Zeit mit der Familie verbringen. Man hat ja auch als aktiver Rennfahrer auf vieles verzichtet. Trotzdem war es für mich der Traumjob. Diese Höchstleistung zu bringen, ein Auto am Limit zu balancieren mit den letzten ein, zwei Prozent seiner Fähigkeiten – das ist der Hauptantrieb, warum wir das machen. Das fehlt mir schon.

»Ich bin 19 Jahre Rennen gefahren. Das war ja mein Beruf, und der ist zu Ende. Leider, muss ich jetzt nachfügen; seitdem muss ich arbeiten!«

So ganz haben Sie ja ohnehin nicht losgelassen …

Bernhard: Stimmt. Motorsport ist auch nach wie vor mein Leben. Einmal als Porsche Markenbotschafter – deswegen sitzen wir hier zusammen! (lacht) Darauf bin ich sehr stolz. Und dann als Teamchef meines eigenen Rennteams.

Was haben Sie auf der Strecke fürs Leben gelernt?

Herrmann: Dass man sich rücksichtsvoll verhält und dem anderen respektvoll begegnet – egal ob auf der Rennstrecke, im normalen Beruf oder im Verkehr. Man ist nicht Gegner, sondern man sollte sich gegenseitig unterstützen und helfen. Ein Lastwagen will rausfahren? Dann lass ich den auch raus. Im Leben genauso wie jetzt hier und überall. Wenn ich rausgehe, will ich mich mit Menschen ordentlich unterhalten und respektvoll sein.

Bernhard: Der Motorsport hat mich sehr viel gelehrt. Da schließe ich mich voll und ganz dem Hans an. Was man auch lernt: Disziplin zu haben. Das hilft sehr im Leben.

Der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?

Bernhard: Der beste Ratschlag? Ui! (lacht)

Herrmann: Einer von Deiner Großmutter! Die wissen oft viel.

Bernhard: Von meiner Großmutter? Die hat immer gesagt: Sei offen und ehrlich zu den Menschen. Im Rennsport kam der beste Tipp von Roland Kussmaul, meinem damaligen Renningenieur im Junior Team. Der hat immer gesagt, ich soll auf dem schwarzen Teil der Strecke bleiben! (lacht) Das ist sicher nicht so verkehrt.


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