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„Einfach mal schweigend nebeneinander hergehen.“

Interview:

Michael Köckritz/Matthias Mederer

Fotos:

Max von Treu

Normalerweise interviewt man ja einen Star wie Andreas Bourani, wenn es einen aktuellen Anlass gibt. Ein neues Album, ein neuer Film, eine neue Frisur und so. Kann man machen, muss man aber nicht.

Mehr erfährt man über einen Menschen, wenn man sich auf ihn einlässt, weil man ihn unabhängig von diesen Ereignissen und Projekten spannend findet und sich deshalb überhaupt für ihn interessiert.

Also waren wir mit Andreas Bourani in den Bergen.

Es ist eisig kalt, zehn Zentimeter Schnee liegen auf über 2.300 Metern Höhe am Karwendel im bayerischen Mittenwald. Und trotzdem: Auch hier muss einer erst mal cool bleiben. Vor allem dann, wenn der Fotograf Wünsche äußert wie: Können wir das Motiv mal ohne Jacke machen? Andreas Bourani nimmt es gelassen. Über eine Erkältung macht sich der Sänger keine Sorgen. Er mag die Berge, die Stille und Abgeschiedenheit. Dass ihn mittlerweile selbst die paar Touristen erkennen, die es an diesem Oktobertag auf den Karwendel verschlagen hat, nimmt er gelassen und posiert immer mal wieder gern zwischen zwei Motiven für ein Fanfoto. Seit seinem Erfolg mit »Hey« und spätestens seit seinem Hit »Auf uns«, der die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der WM begleitete, ist Bourani ein deutschlandweit bekannter Star.

Herr Bourani, als wir mit dem Vorschlag zu einer spontanen Bergwanderung kamen, waren Sie sofort dabei. Woher kommt diese Begeisterung für die Berge?

Ich fand die Idee klasse, da ich tatsächlich sehr gerne in die Berge gehe. Es klingt komisch, aber es erdet mich. Man muss den Berg bezwingen. Oft kommt man dabei schon an gewisse Grenzen, wenn man zu schnell loslegt und dann hintenraus die Puste ausgeht. Man lernt sich selbst gut kennen. Und dann ist da oben natürlich immer auch die Belohnung, der Ausblick, die Brotzeit, die man sich eingepackt hat, und die Ruhe, die man genießen kann. Und der gewaltige Eindruck der Natur. Ich komme mir da immer sehr klein vor. Das lässt mich demütig werden.

Gehen Sie lieber alleine oder in Gesellschaft in die Berge?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Freunde, mit denen ich sehr gern in die Berge gehe, weil ich weiß, man kann auch einfach mal schweigend nebeneinander hergehen, ohne Angst vor der Stille. Für mich ist das sehr wichtig, denn natürlich ist bei so einer Bergwanderung immer ein Stück weit auch ein meditativer Aspekt dabei.

Sie sind in Augsburg aufgewachsen, leben jetzt in Berlin.
War dieses Bewusstsein und die Wertschätzung für die Berge schon immer da?

Um ehrlich zu sein, habe ich das erst durch meinen Beruf und den Umzug nach Berlin neu für mich entdeckt. Ich bin sehr viel unterwegs, habe einen sehr lauten Beruf, treffe ständig Menschen, und mit der Zeit bin ich immer wieder aus Berlin raus auf das Land gefahren und habe gemerkt, dass mir das einfach guttut. So habe ich dann auch die Berge wieder entdeckt, die natürlich auch in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt haben. Mit vier Jahren stand ich erstmals auf Skiern, und unsere Eltern haben uns regelmäßig samstagmorgens um halb sieben aus dem Bett geholt und in die Berge geschleppt. Damals haben wir natürlich noch gemotzt, weil wir da als Kind oder Teenager eigentlich überhaupt keinen Bock drauf hatten; in dem Alter braucht man immer Action, da kann man nichts damit anfangen, einfach nur da zu stehen und in die Ferne zu starren.

»Man kann auch einfach mal schweigend nebeneinander hergehen, ohne Angst vor der Stille.«

Inspirieren Sie die Berge?

Ganz konkret ist der Song »Sein« nach einem Ausflug in die Berge entstanden. Ich bin ein großer Fan von starken Kontrasten und bin gern in extremen Situationen. Als der Song entstanden ist, war ich gerade von den Bergen zurück nach Berlin gefahren und spürte einen unheimlichen Kontrast aus dieser Ruhe auf dem Berg und dieser lauten Stadt Berlin, dieser ganz andere Rhythmus, eine komplett andere Energie. Aus dieser Wahrnehmung heraus ist dann der Song entstanden.

Was bedeutet Musik für Sie?

Ich sage immer, ich habe nie aufgehört zu singen. Im Grunde singt doch jedes Kind unbeschwert und einfach drauflos, ohne es zu bewerten. Wir singen, weil wir Musik und Rhythmus in uns haben; schon der Herzschlag unserer Mutter vor der Geburt gibt einen Rhythmus vor, den wir mitkriegen. Und Töne umgeben uns überall. Zunächst schreit man dann als Kind, was auch eine Form von Musik ist, später fangen Babys an, Melodien nachzuahmen, die sie von Bezugspersonen aufnehmen. Auf diese Art lernen wir sprechen. Meine Eltern haben bei mir hier ein gewisses Talent erkannt und gemerkt …

… der schreit ja ganz schön …

… Ja genau. Er erzählt ständig Geschichten, der schreit eigentlich ganz angenehm, das sollten wir mal fördern. So ungefähr war das. Ich kam dann auf eine musische Schule, habe mich intensiv mit Klassik beschäftigt, bis ich feststellte, dass ich da nicht so viel kreativen Einfluss ausüben kann, da alles sehr streng ist; da fehlt es an einer gewissen Lockerheit. Zudem waren meine Vorbilder dann doch eher in der Popmusik. Ich fand Bono einfach cooler als Bach. Von da an habe ich dann versucht, das zu machen, was mir Spaß macht, und das mache ich bis heute.

Wenn wir über Vorbilder reden, über wen außer Bono sprechen wir dann?

Sehr geprägt haben mich tatsächlich die großen Diven der 1990er: Celine Dion, Mariah Carey, Whitney Houston. Ich war damals als Sängerknabe Sopran und konnte Whitney Houston eins zu eins nachsingen. Heute geht das nicht mehr. Erst später kamen dann R ’n’ B-Größen wie R. Kelly oder Usher dazu und später dann auch Seal, Sting, The Police und Stevie Wonder.

Und deutschsprachige Künstler?

Sowieso. Schon, weil sie direkt erlebbar waren. Die Amerikaner waren ja immer diese unerreichbaren Superstars. Aber Grönemeyer, Lindenberg und auch Nena waren hier. Und bis auf Grönemeyer habe ich auch viele live erlebt. Grönemeyer werde ich aber sicher noch nachholen. Er ist ein Künstler, den ich sehr bewundere.

Wie gehst Du mit Lampenfieber um?

Ich habe kein Lampenfieber. Ich freue mich einfach, auf die Bühne zu gehen und eine gute Zeit zu haben.

War das schon immer so?

Nein, am Anfang hatte ich sehr viel Angst; auch vor dem Hintergrund: Was mache ich hier? Wie schauen die Leute auf mich? Wie sehe ich aus? Da macht man sich dann Gedanken wie: Das Hemd war ein bisschen eng, das ziehe ich nicht mehr an, oder: In dem einen Moment waren die Hände etwas zu lange oben. So in der Art. Mittlerweile genieße ich es einfach nur, freue mich auf die Zeit da oben und kann es kaum erwarten, spüre die Energie schon im Vorfeld. Ich denke, es ist eine Mischung aus Erfahrung und Vorbereitung, die einem das Lampenfieber nimmt.

Hinzu kommt der Erfolg, der die Sache wahrscheinlich auch erleichtert. Die Menschen freuen sich auf Sie. Gab es Momente, in denen die Reaktionen nicht so positiv waren? Wurden Sie schon mal mit richtigen Buh-Rufen konfrontiert?

Nein, das glücklicherweise noch nicht. Es gab auf Festivals natürlich Momente, in denen der ein oder andere nicht so begeistert bei der Sache war oder die Leute schon mit den Tickets des Main-Gigs wedelten. Aber ganz ehrlich, wenn da draußen tausend Leute sind und 999 haben keinen Bock auf mich, dann spiele ich die verdammte Show nur für die Eine, die richtig Freude hat. Das ist doch eine tolle Sache. Und wenn keiner Bock auf mich hat, dann sing’ ich für die Band, und wenn die Band auch keinen Bock hat, dann genieße ich das nur für mich…

Ist dann ja auch ein spezieller Moment für sich.

Wobei ich noch nicht an dem Punkt war, dass selbst die Band keinen Bock hatte.

Ihr Album »Hey« ist ein Riesenerfolg. Spüren Sie jetzt so etwas wie Druck?

Ich sag mal so, mein Ziel war es immer, Popmusiker zu sein und mit meinen Songs viele Menschen zu erreichen. Daraus resultiert ein gewisser Anspruch, schon mir selbst gegenüber. Ich weiß aber auch, dass ich dem allen nur gerecht werden kann, wenn ich authentisch bleibe. Das ist immer so dahingesagt, aber es ist tatsächlich so. Es gibt im Mauerpark in Berlin jeden Sonntag einen Karaoke-Wagen, und man kann sich da ein Lied aussuchen und loslegen. Das Faszinierende ist, dass die Menschen richtig abgehen. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob sie singen können, das ist nebensächlich, es kommt darauf an, ob sie mit Herzblut und aus tiefstem Inneren bei der Sache sind, und dann singt da jemand »Simply The Best« von Tina Turner, total schräg, mit irgendwelchen blöden Dancemoves, und die Leute toben, weil es ein authentischer Moment ist. Auf der Bühne zu stehen ist kein Monolog, es ist nicht so, dass ich dastehe und ein paar Lieder singe und die Leute klatschen. Es ist ein Dialog, ein Wechselspiel, ich singe etwas und die Leute reagieren. Darauf reagiere ich. Und wieder von vorne.

Wie entstehen Ihre Songs?

Es ist tatsächlich oft so, dass ich das Gefühl habe, ich würde mich in eine Schablone legen, so als ob der Song schon da ist und ich muss nur richtig dazu singen. Es widerspricht etwas meiner Philosophie des Suchens. Der Song, die Melodie ist eigentlich schon irgendwo da, ich muss es nur richtig zusammenbringen. Wenn ich das schaffe, dann passt es einfach und fühlt sich richtig an. Das Schreiben selbst ist dann wie das Proben eines Songs. Ein bisschen wie Gehen lernen. Man macht ein paar Schritte, fällt hin, steht wieder auf, geht noch mal los, kommt ein Stück weiter, fällt wieder, steht wieder auf, und so weiter. Es sind Prozesse und man zieht Schlüsse: Das geht nicht, das klingt nicht gut, ah, da geht’s so nach unten, das sackt irgendwie ab, der Akkord ist noch irgendwie …, das beißt sich doch hier. Das sind so kleine Prozesse, und dann irgendwann denkt man: Das ist schön, das klingt gut, die Melodie macht mir Spaß, das finde ich gut, das kann ich mir merken, damit fühle ich mich wohl. Und dann geht das immer weiter, und irgendwann hast du das Lied und im Grunde hast du bis zu dem Zeitpunkt das nicht vorhandene Lied nur geübt, das ist wie eine Probe.

Songschreiben hat also viel mit Scheitern zu tun.

Richtig. Man scheitert sich zum fertigen Lied. Es geht immer wieder darum, das nicht Passende abzuwählen und dann wieder von vorne anzufangen. Genau wie im Leben auch. Man schlägt einen Weg ein, man scheitert, dann ändert man etwas und fängt von vorne an. So gesehen ist es total bescheuert, dass wir uns vor dem Scheitern so fürchten. Für mich funktioniert das nicht. Ich muss mich auf das Scheitern einlassen. Die richtige Dosierung aus Planung und Risiko, darauf kommt es an.

Ist das der berühmte Mittelweg?

Vielleicht. Es ist nur so dogmatisch und steht in jedem Kalender, deshalb finde ich das Wort nicht gut.

Ist es dann eher das integrative Ergebnis?

Viel besser! Mittelweg ist immer eine etwas ängstliche Lösung, das klingt zu sehr nach Kompromiss. Und das ist es nicht.

Wie viel Mut braucht es, um sich auf das Scheitern einzulassen?

Ich finde das sehr wichtig. Es geht bei Mut vor allem darum, sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Man muss nicht gleich mitten hineinlaufen in den dunklen Wald, aber zumindest mal ein paar Schritte hinein gehen. Und auch, um nach einer Niederlage oder einem Rückschlag wieder aufzustehen und etwas Neues auszuprobieren, braucht es Mut.

Ganz konkret, wo haben Sie Mut gebraucht?

Ich hatte nach meinem ersten Album nicht den gewünschten Erfolg. Ich wollte viel mehr. Ich habe mich gefragt, warum der Erfolg ausbleibt, und da kam irgendwann Frust auf. Es war nicht mehr weit bis zur Verbitterung. Ich habe auch gedacht, was mache ich jetzt? Wie stelle ich es an? Ich habe versucht, Dinge zu reproduzieren, aber das brachte auch nichts. Ich bin immer härter mit mir selbst ins Gericht gegangen, und eigentlich ist das ein Teufelskreis, aber an irgendeinem Punkt dachte ich mir dann: Hey, sei nicht so hart zu Dir selbst. Und so ist dann der Song »Hey« entstanden. Es geht darum, sich auf etwas einzulassen, das vielleicht nicht so ist, wie man sich das vorstellt. Aber nur so kann etwas entstehen. Hier zu verkrampfen bringt gar nichts. Kunst und Kreativität entstehen nur durch Reibung, weil ich Veränderung will.

Wo ist für Sie dann die Grenze zum Übermut?

Der Übermut ist im Grunde schon gedanklich, bevor man den Schritt zum Mut macht, man ignoriert die Realität. Übermut ist fast dem Wahnsinn nahe, also etwas zu versuchen, von dem abzusehen ist, dass es in die Hose geht. Hier zum Beispiel über die Kante zu springen und darauf zu vertrauen, dass noch eine Terrasse kommt, die mich auffängt…

»Auf der Bühne zu stehen ist kein Monolog, es ist ein Dialog, ein Wechselspiel, ich singe etwas und die Leute reagieren.«

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