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Triumph: Über dem aktuellen Zeitgeist

Text & Fotos
Matthias Mederer

Stuart Wood begann bei Triumph Motorcycles zu arbeiten, als die Firma gerade keine Motorräder baute, sondern Mitte der 1980er­-Jahre nach einer Pause im Begriff war, komplett neu anzufangen. Heute ist Wood Designchef und wäscht nach wie vor jede Woche seine ­Bikes. Ideale Bedingungen also für das erste ramp BikeWash.

Als Stuart Wood bei Triumph zu arbeiten beginnt, ist Deutschland noch geteilt, Ferrari präsentiert den F40 und in Argentinien erblickt ein kleiner Junge namens Lionel Messi das Licht der Welt. Die Firma Triumph Motorcycles baut 1987 nicht ein Motorrad, sondern befindet sich gerade mitten in einem Prozess, der als Neuanfang in die Geschichte eingeht und mit dem Bau einer neuen Fabrik »auf der grünen Wiese« im britischen Hinckley nahe des alten Werksgeländes bei Coventry verortet ist. Für Stuart Wood ist Triumph zeit seines Lebens der einzige Arbeitgeber – mal abgesehen von der Werkstatt seines Vaters, in der er schon als kleiner Junge an Autos und Motorrädern schraubte…

Da drängt sich eine Frage auf: warum Triumph?
Als ich 1987 die Uni als Ingenieur abschloss, wollte ich eigentlich erst mal Praxis sammeln, doch dann kam ein Anruf von Triumph – ein Freund arbeitete dort. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht mal, dass Triumph überhaupt noch existiert, also ging ich zu dem Vorstellungsgespräch und landete bei Triumph. Ich bin immer noch hier.

Es war also reiner Zufall?
So kann man sagen. Heute kann ich mir nicht vorstellen, für eine andere Marke zu arbeiten.

Welche Bedeutung hat ein Motorrad für Sie?
Für mich persönlich sind Motorräder viel mehr als Hobby und Beruf. Motorräder spielen in meinem Leben eine so große Rolle, dass ich es in Worten kaum erklären kann. Dabei waren Motorräder für mich nie ein Style-Ding, es ging mir immer um das Fahren, um die Performance. Das ist mein Zugang.

Ihr Vater hatte in erster Linie eine Autowerkstatt, woher kommt bei Ihnen diese Leidenschaft für Motorräder?
Motorräder haben mich eben schon immer etwas mehr angezogen. Anfangs habe ich an allem herumgeschraubt, auch an Autos. Und ich finde Autos toll, aber wirkliche Leidenschaft haben bei mir schon immer nur Motorräder ausgelöst. Hinzu kommt, dass ein Motorrad irgendwo erschwinglich bleibt. Wenn jemand einen Beruf ausübt, bei dem er ein normales Gehalt bezieht, dann kann er sich ein gutes Motorrad leisten. Ein Auto, das seinen Fahrer emotional in ähnlicher Form anspricht wie ein Motorrad, ist mit einem normalen Gehalt kaum zu bezahlen.

Stuart Wood schiebt die neue Bonneville Bobber hinaus vor das Werksgelände. Ein brandneues Bike, direkt aus der Fabrik. Wirklich Schmutz gibt es da keinen, ein bisschen Staub aus den Produktionshallen, ein Fingerabdruck hier und da auf dem Chrom. Für ein BikeWash soll uns das genügen. Stuart Wood holt ein paar Wasch-Utensilien, einen Eimer Wasser, einen Schwamm, ein paar Tücher. Dann beginnt er auch gleich zu putzen.

Muss ein Triumph-Motorrad unbedingt sauber glänzen?
Nein, ich denke, ein Motorrad muss nicht immer sauber sein. Ein Motorrad wird gefahren, es ist der Straße, seiner Natur, ausgesetzt – und das sorgt für Schmutz. Das gehört dazu. Aber ich finde, gerade eine Triumph ist ein Motorrad, das es aufgrund seines Designs und seiner Linie einfach verdient, anschließend wieder sauber gemacht zu werden. Das muss gar nicht sofort passieren. Wenn ich am Wochenende zum Spaß fahre, dann putze ich das Bike meistens sofort wieder, aber wenn ich unter der Woche damit zur Arbeit fahre, dann kann das Putzen auch mal bis Samstag warten.

Achten Sie beim Putzen auf das Design?
Nicht bewusst. Ich bin generell sehr fokussiert auf das, was ich tue, und wenn ich ein Bike putze, dann konzentriere ich mich genau darauf. An einem Motorrad sind sehr viele sehr detaillierte und kleine Teile, und das erfordert schon ein hohes Maß an Konzentration, um hier beim Putzen nichts zu übersehen. Ich versuche das gründlich zu machen und alle Stellen zu berücksichtigen, die geputzt werden müssen: Räder, Kette, Auspuff. Meine Bikes müssen nach dem Putzen aussehen wie neu. Zudem geht es mir nie nur um das Putzen an sich, sondern immer auch um eine Inspektion. Motorradfahren hat für mich etwas mit Freiheit zu tun. Das beginnt damit, dass ich mich auf mein Material verlassen kann. Und das kontrolliere ich gerne selbst. Ich komme noch aus einer Generation, die mit Motorrädern aufgewachsen ist, die nicht unbedingt immer so zuverlässig in ihrer Technik waren. Da spielt die Inspektion schon eine wichtige Rolle.

Sie sind seit 30 Jahren bei Triumph, wie sehen Sie die Marken­DNA und wie hat sich diese über die Jahre entwickelt?
Es geht bei Triumph um Motorräder, die dafür entwickelt werden, dass man sie fährt. Das ist der Wesenskern unserer DNA. Die Optik ist wichtig, keine Frage, unsere Bikes sehen gut aus, aber sie sind so gebaut, dass sie sich auch sehr gut fahren lassen. Wir haben vor gut 26 Jahren wieder damit begonnen, Motorräder zu bauen. Wir sind seither sicherlich selbstbewusster geworden, unsere Bikes sind zuverlässig und einfach zu fahren, doch das Selbstbewusstsein haben wir vor allem im Bereich Style und Charakter erlangt, wo wir uns über die Jahre stetig weiterentwickelt haben.

 BMW Motorrad hat mit seiner Vision 100 einen Blick in die sehr ferne Zukunft gewagt und veranschaulicht, wie sie sich das Motorrad der Zukunft vorstellen. Gibt es ähnliche weitgreifende Gedanken bei Triumph?Es gibt sicherlich ein, zwei Köpfe hier, die sich sehr häufig mit solcherlei Fragen auseinandersetzen, und wir haben auch die ein oder andere Idee, die mal sehr frei und unkonventionell mit dem Thema umgeht. Wir sind nur der Meinung, dass wir diese Ansätze nicht so offen wie BMW Motorrad mit der Welt teilen möchten (lacht). Ein Punkt allerdings ist für mich schon sehr klar: Man wird meiner Meinung nach niemals passiv Motorrad fahren – Stichwort: autonomes Fahren –, wie wir es beim Auto gerade sehr intensiv diskutieren. Motorradfahren wird für mich immer eine aktive Tätigkeit bleiben.

Ein zentrales Designthema bei einem Motorrad ist der Sound. Können Sie sich auf einem E-Bike vorstellen?
Es kommt darauf an. Wenn ich auf einer Rennstrecke unterwegs bin und es mir um die Rundenzeit geht, warum nicht? Die Performance ist fantastisch. Beim Cruisen auf einer schönen Landstraße würde ich mir schon ernsthaft die Frage stellen, ob ein E-Bike imstande ist, dieselbe emotionale Verbindung aufzubauen, wie das mit einem konventionellen Verbrenner der Fall ist.

Wie würde eine Triumph in einem Science-Fiction-­Zukunfts-Blockbuster aussehen?
Es wäre ein Bike für einen ehrlichen, vertrauensvollen Helden, der in einer Welt des Chaos cool den Überblick bewahrt. Das Bike würde sich in die Kurven legen, es hätte Räder, mit denen es auf dem Boden fährt, und natürlich einen Verbrenner-Motor.

Als die ursprüngliche Bonneville herauskam, war ihr Design dem Zeitgeist geschuldet. Heute trägt die Bonneville moderne Technik in sich, das Design aber spiegelt mehr als den aktuellen Zeitgeist wider.
Das stimmt, als die Bonneville herauskam, war ihr Design dem Zeitgeist entsprungen. Heute steht das Design der Bonneville für mich über dem aktuellen Zeitgeist, eben weil es diese lange Entwicklung hinter sich hat. Ein Design, das den aktuellen Zeitgeist spiegelt, spiegelt eben nur den aktuellen Zeitgeist wider. Das Design der Bonneville aber geht darüber hinaus, gerade weil es diese Entwicklungsstufen in sich trägt. Es hat fast etwas Ikonenhaftes und es spricht darüber hinaus auch einen anderen Typ Kunden an, als dies in den 1950er-Jahren bei der ersten Bonneville der Fall war. Damals war das vielleicht ein junger Biker, der schlicht so schnell fahren wollte wie er konnte. Heute ist das ein Fahrer, der sich über weit mehr Dinge im Leben im Klaren ist, als einfach nur schnell Motorrad fahren zu wollen.

Stuart Wood ist mittlerweile zum Trockenwischen übergegangen. Er arbeitet sehr präzise. Nichts erweckt den Eindruck, er würde das nur für den Fotografen machen. Hier putzt ein Mann sein ­Motorrad. Als er fertig ist, richtet er sich auf, wirft einen prüfenden Blick auf das Gesamtergebnis und ist nach einigem Zögern sichtlich zufrieden. Die Temperaturen an diesem frühen Novembertag sind mild. »Es ist Freitagnachmittag, eigentlich könnte ich jetzt gleich eine Runde drehen«, sagt er. Einen echten Einwand haben auch wir nicht dagegen. Nur eines noch:

Was bedeuten Autos eigentlich für Sie?
Ich fahre einen Hybrid als Firmenwagen und einen Mercedes E350. Es sind praktische Autos, die ihren Zweck erfüllen. Mehr aber auch nicht.

Haben Sie ein Traumauto?
In diesem Fall werde ich einfach mal extrem: einen Maserati 250F. Ich bin nie einen gefahren. Aber ich habe so eine Zahl im Kopf, einen Betrag, den ich bezahlen würde, um ein Mal mit einem Maserati 250F fahren zu dürfen. Und dieser Betrag ist durchaus stolz. Ich werde ihn hier aber nicht nennen. Für mich ist es ein Auto wie ein Motorrad. Da wurde nichts herumgestylt, dieses Auto muss exakt so aussehen. Es ist pur, es ist klar, es ist exakt auf Linie, sehr eng und reduziert auf den Punkt.

Und ein Traumauto, das etwas alltagstauglicher wäre?
Ein Ford GT40 aus den 1960er-Jahren vielleicht?

Ok, keine weiteren Fragen und stets gute Fahrt!

Busy working on the new ramp issue Verstanden

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