Burmester: Auge an Ohr

Interview
Matthias Mederer

Fotos
Stefan Bogner

Andreas Henke kennt sich mit Autos aus – und mit Musikanlagen. Seit Januar letzten Jahres führt der ehemalige Porsche Manager die Firma Burmester. Im Gespräch räumt er mit dem Mythos vom perfekten Klang auf und erklärt, warum E-Mobilität und autonomes Fahren ganz neue Räume für Klangdesign eröffnen.

Andreas Henke, was sind die Merkmale des perfekten Klangs?
Eines vorweg: ich möchte hier gerne mit der Mär vom perfekten Klang aufräumen. Das ist nicht nur beim Klang eine Illusion. Perfektion ist aus meiner Sicht etwas sehr Individuelles und zudem auch immer etwas momentspezifisches. Im Auto hat das auch mit den sehr unterschiedlichen Nutzungsbedingungen zu tun. Ich fahre eben nicht nur bei Nacht allein über die Autobahn, sondern stehe auch mal in der Stadt im Stau – und da sind ganz andere Dinge wichtig für die Wahrnehmung von Klang. Es gib Situationen, in denen ich ein völlig unverfälschtes, voll auf die Zwölf spielendes Livekonzert haben will – und es gibt Momente, in denen ich mich einfach von einem warmen, sauber gezupften Kontrabass in eine sanfte Decke aus Soundkaschmir einhüllen lassen möchte. Dazu sind die unterschiedlichen Settings im Auto durchaus hilfreich.

Wenn Klangwahrnehmung dann etwas sehr Subjektives ist, ist Klangdesign dann überhaupt messbar?
Klangdesign per se wird man nicht als messbar bezeichnen, wohl aber einzelne Komponenten daraus, die auch die klassischen Komponenten im High-End-Bereich sind. Hier geht es beispielsweise um den Klirrfaktor, um Signal-Rausch-­Abstand, Amplitudengänge oder Impulsantworten. Dazu kann man dann sagen: Technisch gesehen erfüllt das gewisse Gütekriterien. Ich kann daraus aber noch keine Schlüsse ziehen, ob der Klang ein Ohrenschmaus ist oder eine Pein, sondern nur, daß ich bestimmte technische Fehler vermieden habe. Weil Ohr und Gehirn noch ganz andere Dinge wahrnehmen und verarbeiten. Einfaches Beispiel: der Kammer­ton A, nach dem im Orchester alle ihr Instrument stimmen, hat eine Frequenz von 440 Hertz. Das lässt sich messen. Ob allerdings diese 440 Hertz von einer Bratsche stammen, einer Klarinette, einem Bechstein oder Fazioli oder Ihrer Stimme kann man damit noch nicht sagen, sondern erst wenn man sich das gesamte Spektrum anschaut und höchst komplex interpretiert. Genau diese Leistung der Identifizierung und Einschätzung zur Authentizität vollbringen das menschliche Ohr und Gehirn. Allein deswegen sollte alles technische Schaffen dem Menschen dienen und nicht Messprotokollen oder einer Feature- oder Headline-Versessenheit folgen. Unsere Aufgabe ist es auch nicht, Kunst umzudeuten, sondern sie authentisch zu vermitteln.

Heimanlage und Auto, das sind zwei verschiedene Räume. Wo liegen hier die größten Herausforderungen für das Klangdesign?
Bei der Heimanlage wissen wir: unsere Kunden geben sich der Musik oft bewußt hin. Das sind Menschen, die sitzen dann ohnehin in einem klassischen Stereodreieck und unsere Händler helfen ihnen, den Raum zu optimieren, damit nicht mit extremen Nachhallzeiten, allzu harten Oberflächen oder manchmal überdämpften Räumen das Klangerlebnis vermasselt wird. Der Vorteil im Auto ist: Wir kennen die Sitzpositionen, die Geometrie und die Materialien exakt, sodaß wir immer ein öffnendes Sound-­Ellipsoid um den Zuhörer herum gestalten können. Schwieriger ist im Auto zwar der kleinere Raum, der die Luftigkeit etwas begrenzt, dafür kann man aber die Lautsprecher gut positionieren und durch geschickte Abstimmung das Erlebnis so optimieren. Das gelingt sehr gut, wenn man neben der Physik auch die Psychoakustik berücksichtigt.

Was ist psychoakustisch?
Die Psychoakustik beschäftigt sich kurz gesagt mit Klangereignissen und deren Wahrnehmung durch das menschliche Gehirn. Wir haben erst kürzlich einen Hirnforscher aus Oxford ins Team geholt, der sich genau mit diesen Zusammenhängen beschäftigt und uns hilft, die Wahrnehmung, die nicht immer deckungsgleich mit den messbaren Ergebnissen ist, besser zu verstehen. Und das Klangerlebnis entsprechend zu gestalten.

Nehmen Männer und Frauen, Jung und Alt, Klang unterschiedlich wahr?
Die erschreckende Antwort: Jeder Mensch nimmt Klang anders wahr, sogar innerhalb eines Tages. Das hat viel mit unserer Stimmungslage zu tun, mit dem Anspannungslevel, damit, ob wir genervt sind oder sehr beschäftigt. Ähnlich wie uns ein Gericht unterschiedlich schmeckt, obwohl es unser Stammkoch mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit gleich zubereitet, sind wir durch diese Faktoren beeinträchtigt. Das Gehör ist am Ende (nur) eines unserer fünf Sinnes­organe und liefert ans Gehirn, das abhängig vom momentanen kognitiven und emotionalen Zustand mit diesen Eindrücken umgeht.

Hören wir denn mit mehr als nur einem Sinnesorgan?
Definitiv. Unser musikalisches Erleben ist ein synästhetisches, das zudem noch einen gewissen Hormoncocktail freisetzt. Denken wir an Grönemeyer: „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist … und wenn sie ihr in den Magen fährt.“ Aber auch das Auge oder der Tastsinn hören mit, wenn der Blick auf die fertigen Materialien der Anlage fällt oder die Hand über die aus dem vollen Aluminium gefräste Fernbedienung streicht. Das ist ebenso Teil des Genusserlebnisses und bezieht sich auf den mystischen Charakter der Ware weit jenseits des Gebrauchswerts. Schließlich geht es bei Musik um Kunst für’s Ohr und das Füttern der Seele.

Stichwort User Experience: Es kommt also auf weit mehr an, als den Klang zu gestalten?
Auf jeden Fall. Für zuhause haben wir aus meiner Sicht in den ersten 41 Jahren eine sehr konsistente, mit den feinsten Materialien sehr großzügig umgehende Designsprache von nahezu endloser Lebensdauer geschaffen. Wir setzen Chrom ein – ein sehr teurer Werkstoff, der für eine extreme Langlebigkeit steht – und spiegeln damit auch äußerlich wieder, was für die Geräte ohnehin gilt: daß es nämlich in vier Jahrzehnten keinen einzigen bekannten Fall gibt, wonach ein Besitzer sein Burmester-Gerät entsorgt oder gar weggeworfen hätte. Sie spielen und spielen und bereiten auch nach Jahrzehnten noch täglich Freude.

Wird das weiterentwickelt?
Sehr behutsam. Die beste Revolution ist eine stetige Evolution. Niemals hip zu sein, über Zeitlosigkeit einen Werterhalt, ein auch in der Retrospektive niemals peinlich werdendes Design zu schaffen. Das ist es, was wir kultivieren. Für die Wegwerfprodukte der Unterhaltungsindustrie mögen andere Gesetze gelten, aber große Marken schreien nicht alle sechs Monate nach neuer Aufmerksamkeit.

Und im Auto?
Auch da zählen Kontinuität und Konsistenz. Es wäre allerdings fast schon ein wenig affig, wenn in der schlüssig gestalteten, markenspezifischen User Experience eines Automobilherstellers auf einmal verchromte Fronten, Drehgeber oder Kipphebel im Burmester Design hervorträten. Wir integrieren dort unsere Klang- und Bedienphilosophie konsequent in die UX des Herstellers, um Konzeptharmonie zu garantieren und als Teil des Gesamterlebnisses authentisch zu sein.

Das heißt, Sie arbeiten mit den Interiordesignern der ­Hersteller zusammen?
Ja, wir sind eng verdrahtet. Klar müssen wir den Konflikt um den nötigen Bauraum oder die Positionierung und Ausrichtung der Lautsprecher lösen, denn ein Auto ist nun mal in erster Linie ein Fortbewegungsmittel und nicht nur Konzert­saal auf Rädern. Klammer auf, leider, Klammer zu. Das Verständnis der Designkollegen ist allerdings sehr groß, auch da sie wissen, welche Bedeutung Klang und Entertainment in naher Zukunft noch bekommen werden, wenn wir Fahrzeuge rein elektrisch, vor allem aber autonom bewegen werden. Dann kann richtig gezaubert werden.

Wie spannend ist E-Mobilität und autonomes Fahren?
Sehr. Im E-Betrieb entsteht eine neue, leisere, aber auch weniger monotone Geräuschkulisse, aus der Klimakompressoren und Servopumpen, Wind- und Abrollgeräusche mehr zu hören sein werden, als beim Verbrenner. Das wird fordernd. Vollautonomes Fahren wird für uns sehr begünstigend. Ich beschreibe dazu gerne drei Use Cases: Entweder konferiere ich und benötige eine präzise Stimmwiedergabe, um gute Gesprächsergebnisse zu erzielen und mich nicht mit schlechter Qualität kognitiv zu überlasten. Oder ich genieße das Onboard-Entertainment allein oder zu mehreren mit noch mehr Wertschätzung für Qualität, weil nicht mehr alle Konzentration der Straße gilt. Oder ich bin im Entspannungsmodus, habe vielleicht diese paar Minuten, diese kurze Spanne zwischen zwei Terminen, verdunkle die Scheiben, bedufte die Luft, lasse mich vom Sitz massieren und schwebe auf einer Klangwolke in meinem rollenden Mini-Spa. Und auch hier liefert guter, authentischer Klang die maximale Entspannungswirkung.

Was halten Sie vom Klangdesign bei Motorgeräuschen?
Für mich geht es immer erst darum, das Wesen einer Entwicklung zu verstehen und dieser Erkenntnis in der Gestaltung treu zu bleiben: ein schlecht klingender oder gepimpter Verbrenner ist eine vertane Chance, ein (nahezu) geräusch­loser E-Motor dagegen eine genutzte Chance. Warp-Sounds oder V8-Bollern beim E-Motor gehören nach Hollywood, nicht ins echte Leben. Sie sind für mich so wenig authentisch wie künstliche Aromen, falsche Körperteile oder die übliche Photoshoperitis. Muss man nicht so sehen, aber wir wollen ja nicht in Bälde als Fashion Victim out sein, sondern mit Kontinuität und Konsistenz nach Glaubwürdigkeit streben. Kurze Wow-Effekte sind nur ein Rauschen der Geschichte.

Welche Songs hören Sie laut und welche leise?
Jazz und Klassik maximal auf mittlerer Lautstärke, Rock oder Elektro geht schon auch mal in Berghain-Lautstärke. Wenn der Klang sauber ist, nervt die Lautstärke auch nicht. Nachts allein über die dreispurige Autobahn geht da sicher auch mehr als im Stadtverkehr. Und manchmal, wenn man nur bei sich und der Fahrmaschine ist, sich jede Spitzkehre am Pass zusammen erarbeitet, dann ist die Musik ganz aus. Dann entstehen Sound und Rhythmus nur zwischen Dir und Deinem vierrädrigen Partner.

Singen Sie mit?
Auf jeden Fall.

Interview aus der rampdesign 2018

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